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Jedermensch
Zeitschrift für soziale Dreigliederung, Winter 2005 - Nr. 637 |
| Inhalt Die große Koalition der außerparlamentarischen Opposition Dieter Koschek untersucht die Formen und Chancen einer außerparlamentarischen Opposition Globale
Einseitigkeiten Für ein
bedingungsloses Grundeinkommen Zur Zukunft der Arbeit Zwischen Shareholder Value und Weltsozialgedanken (oder: Wie kann der Kaufmann der Hölle entgehen?) von Andreas Pahl Die Macht des
Verbrauchers Die Heizkosten halbieren Solarenergie
fördert Fortschritt Wasser-Hilfe Du sollst nicht töten Nachrichten aus
dem Eulenspiegel Die Beiträge "Auf Kriegsfuss mit den Tiergeschwistern" und "Reden wir vom essen" von anton Kimpfler finden sie nur in der gedruckten Ausgabe. Dazu noch viele kurze Nachrichten. Die große Koalition der außerparlamentarischen Opposition Angela Merkel ist zur neuen Bundeskanzlerin gewählt. Es hat etwas länger gedauert bis der Koalitionsvertrag unter Dach und Fach war, so dass die Prognose der Anti-Atomkraftgegner, dass der Castortransport nach Gorleben die erste Amtshandlung der neuen Kanzlerin wäre, nicht ganz traf. Doch mit der Demonstration am 5. November in Lüneburg und der Blockadeaktionen am 19. November 2005 in Dannenberg wird der Beginn der ausserparlamentarischen Opposition markiert. Bevor der diesjährige Castortransport das Zwischenlager Gorleben erreichte, hatte es auf der Schienen- und Straßenstrecke unzählige phantasievolle Protestaktionen und Blockaden gegeben. Tausende Demonstranten/innen sandten dabei ein klares Zeichen an die neue Bundesregierung: Die letzten Tage haben gezeigt, dass der Widerstand gegen eine Politik, die auf Kosten der kommenden Generationen betrieben wird, nicht kleinzukriegen ist", zog Jochen Stay, Sprecher von X-tausendmal quer, Bilanz. Auch war der Atomausstieg (ob oder doch nicht) nicht geklärt , da ergriff eine neue Protestform die politische Bühne. www.campact.de ist eine Internetadresse und zugleich eine Aktionsform gegen die Handlungen der Regierung. Die "Pro-Atomkraft"-Offensive der Atomkonzerne ist da-durch vorerst gescheitert. Der Koalitionsvertrag sieht keine Verlängerung der Laufzeiten vor. Trotzdem heißt es wachsam bleiben: Die Konzerne haben bereits angekündigt, den sowieso schon windelweichen Atomkonsens durch die Übertragung von Reststrommengen von neuen auf alte Meiler aushebeln zu wollen. In Sachen Gorleben ist alles offen und die Koalitionäre kündigen mehr Förderung für Atomenergieforschung an. Compact Deutschland führt Internetaktionen für den schnellen Protest durch. Dort kann man bei verschiedenen Aktionen mit einem Mausklick seine Meinung sagen. So führte sie eine email-Protestaktion gegen das Schleifen des Atomausstiegs und aktuell gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer durch: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist der falsche Weg! Der Zustand der öffentlichen Haushalte ist prekär. Schuld daran haben neben der schwachen Konjunktur die rot-grünen Steuergeschenke an Unternehmen und Besserverdienende. Die fehlenden Steuermilliarden jetzt durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozent wieder rein zu holen, ist Gift für die Konjunktur und sozial ungerecht. Es gibt bessere Alternativen! Die Koalitionäre wollen die Mehrwertsteuer am 1.1.2007 erhöhen. Doch Koalitionsverträge wurden noch nie 1:1 umgesetzt. Jetzt kommt es auf unseren Protest an! Die eigenen Argumente sind die Besten: Merkelsteuer - das wird teuer hieß es im Wahlkampf der SPD. Auf der Wahlkampf-Webseite wurden überzeugende Argumente zusammengetragen. Nun will man davon nichts mehr wissen. Erinnern Sie die SPD an ihren Wahlkampf. Senden Sie den Finanzpolitiker/innen die eigenen Argumente gegen die Mehrwertsteuer!" An dieser Aktion nahmen bisher rund 4000 Menschen teil. Doch auch in der Unternehmerschaft, hier der Hamburger Reeder Peter Krämer, finden wir Widerspruch: Er hat einen offenen Brief an die SPD und die CDU geschrieben. Es sei zutiefst unsozial", die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Stattdessen sollten Vermögende 38 Milliarden Euro jährlich mehr aufbringen. Damit die neue Kanzlerin und der neue Vize-Kanzler das lesen, war der Brief als ganzseitige Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Bild-Hamburg erschienen. Ein weiterer Unternehmer fiel ebenfalls positiv auf: Der Eigentümer der dm-Märkte in Deutschland denkt laut über ein bedingungsloses Grundeinkommen nach. Götz Werner schaltete eine halbseitige Anzeige in der taz am 10. November. Er fordert eine Verbrauchssteuer von bis zu 50 Prozent. Damit sollen dann alle Sozialabgaben und weitere Steuern ersetzt werden. www.unternimm-die-zukunft.de Aber auch die Gewerkschaften reagieren mit einer neuen Protestform gegen die Kürzungen im Kündigungschutz und den Kürzungen bei den Beamten. So sollen bis Weihnachten 1 Million blaue Briefe bei der Regierung eingehen. Doch auch weitere Proteste stehen ins Haus. Die Aktions- und Strategie-Konferenz der außerparlamentarischen Opposition, sprich die Sozialforum-Bewegung traf sich am 19. und 20. November 2005 in Frankfurt um weitere Aktionen zu besprechen. Auf europäischer Seite droht immer noch die Bolke-stein-Richtlinie die den innereuropäischen Handel mit Dienstleistungen liberalisieren will. Darin befindet sich nach neoliberaler Manie das sogenannte Herkunftslandprinzip". Das bedeutet, das Firmen z.B. aus Litauern oder Rumänien nach ihren Tariflöhnen und Sozial- und Umweltstandards in den anderen Ländern ihre Dienste anbieten können. Ein weiteres Sinken der Löhne und der Standards wird die Folge sein und für deutsche Unternehmen eine unangenehme Konkurrenz. Gegen die Bolkestein-Richtlinie führen derzeit DIE GRÜNEN eine Internet-Unterschriftenaktion durch. Nach der Entscheidung des EU-Binnenmarktaus-schusses zur EU-Dienstleistungsrichtlinie hat das globalisierungskritische Netzwerk Attac massive Proteste angekündigt. "Wir werden mit aller Kraft zu einer europaweiten Großdemonstration in Straßburg mobilisieren, um die Richtlinie im Parlament noch zu stoppen", sagte Stephan Lindner, EU-Experte und Mitglied im bundesweiten Attac-Koordinierungskreis. Am 14. Januar 2006, dem Samstag vor der entscheidenden Abstimmung im Plenum des Europäischen Parlaments, wollen Gewerkschaften und soziale Bewegungen aus ganz Europa gegen die Richtlinie demonstrieren. "Protestsparen". Damit will die
"Bewegungsstiftung" Kampagnen sozialer Bewegungen unterstützen, die sich gegen
die angebliche Alternativlosigkeit der rot-schwarzen Politik richten. Themen könnten die
Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Einschränkungen beim Kündigungsschutz oder die
mögliche Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke sein. In den nächsten 100 Tagen
können Interessierte "Protestsparbriefe" erwerben. Die Darlehen werden für
vier Jahre in ethisch-ökologischen Sparbriefen sicher angelegt. Die Sparer verzichten
jedoch auf ihre Zinserträge - sie werden öffentlichkeitswirksam an Kampagnen vergeben.
Förderverein Die Bewegungsstiftung e.V., Artilleriestraße 6, Damit will ich den Reigen der großen Koalition der außerparlamentarischen Opposition beenden. Natürlich gibt es noch weitere Protestgruppen in der BRD und ich will nicht verhehlen, dass eine Koordination des Protestes noch nicht besteht. Dieter Koschek Das Gespräch war in den "Salzburger Nachrichten" abgedruckt und führte noch einmal in Klarheit vor Augen, was heute in der wirtschaftlichen Globalisierung fehlläuft. Gefragt war der Autor Klaus Werner, der bereits mit einem "Schwarzbuch Markenfirmen" hervorgetreten ist. Der zur Zeit in Brasilien lebende Österreicher ging dabei auf jene Globalisierungsfragen ein, welche besonders die Gemüter erregen. Das betrifft die jetzt schon riesigen, und wohl noch gewaltig zunehmenden Warenströme aus China, woran vor allem auch multinationale Konzerne verdienen. In dortigen Sonderwirtschaftszonen ist das Lohnniveau selbst für chinesische Verhältnisse oft erbärmlich, und die Menschen sind erdrückenden Arbeitsverhältnissen ausgeliefert. Im übrigen verteilt sich Reichtum sehr ungleich auf eine kleine Elite, während zunehmend Menschen aus den alten Versorgungssicherheiten herausgerissen sind. Die Rechtslage ist durch die Parteidiktatur mit ihrem Funktionärswesen eher unsicher und vielfach willkürlich. Sie bietet gerade für den Arbeitenden kaum einen Schutz. Die Konzerne tun in der Regel nichts, um miserable Arbeitsbedingungen zu verändern. Im Gegenteil, wenn sich in einer Region, die Lage bessert, etwa die Arbeitszeiten, Arbeitssicherheit und das Lohnniveau betreffend, besteht die Gefahr, dass die Produktionsanlagen abgerissen und woanders wieder aufgebaut werden - wo noch ärmlichere Verhältnisse herrschen. An solchen besteht also ein Interesse. Klaus Werner kritisiert nun, dass die einzelnen europäischen Regierungen sowie auch die Europäische Union kaum oder gar keine Bedingungen an ihre Importe knüpfen. Er fordert soziale und ökologische Mindeststandards, welche die Produzenten einhalten müssten, wenn sie ihre Waren hier verkaufen wollen. Eine Folge davon wären gerechtere Preise und eine Vermeidung von Billigstware, die zu Lasten von Mensch und Umwelt hergestellt wurde. Bei hiesigen Firmen würde sich manche Produktion wieder lohnen, wenn die Bedingungen sich annähern. Dazu gehört allerdings auch, dass die ausufernde Kostensituation bei uns sich wieder auf ein Normalmaß an einfacheren Lebensverhältnissen reduzieren müsste, wie es sich im Hinblick auf die ganzen Erdenverhältnisse ergibt. Ein Angleichen der Lebensbedingungen wird es geben müssen auf einen Stand, der mit dem Begriff der Nachhaltigkeit bezeichnet ist. Ein weiterer Kritikpunkt ist für Klaus Werner die Steuerpraxis gegenüber den Großkonzernen: "Wesentlich wäre auch, dass das Hinunterfahren der Gewinnsteuern für Großbetriebe endlich ein Ende hat. In Österreich etwa zahlen Klein- und Mittelbetriebe laut Rechnungshof sechsmal mehr Steuern als die Großbetriebe. Jene Klein- und Mittelbetriebe, die den Großteil der Jobs schaffen und in der Regel gesellschaftliche Verantwortung übernehmen." Das Arbeitsplatzargument, mit dem die Großkonzerne besonders durch die Regierungen gehätschelt werden, greift daneben: "Die 500 größten Unternehmen der Welt bündeln ein Viertel des weltweiten Kapitals, sorgen aber nur für 0,05 Prozent der Arbeitsplätze." Dabei wächst der wirtschaftliche Umfang dieser Riesen zusehends. Auf einer Liste der 100 größten Wirtschaftsmächte waren früher vornehmlich Staaten zu finden. Nun sind darauf 54 Konzerne verzeichnet, die damit sogar die Mehrheit bilden. "Konzerne wie Wal-Mart oder ExxonMobil erwirtschaften schon mehr als ganz Österreich." Das bildet eine Herausforderung ohnegleichen, da das zumindest einseitig zu nennende Interesse dieser Konzerne eines Ausgleichs bedarf, was nicht nur eine Aufgabe der Politik sein kann. Der einzelne Konsument ist ebenso angefragt. "Wichtig ist, sich zu informieren, nicht belügen zu lassen, sich zu engagieren", betont Klaus Werner. Der Käufer steht nun einmal im Mittelpunkt des Wirtschaftsinteresses. Von da aus lässt sich mehr bewegen, als es zunächst scheint. Jürgen Kaminski Für ein bedingungsloses Grundeinkommen Ulrich Hölder vom Institut für soziale Erneuerung denkt in Sozialmpulse Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus" an ein Bündnis für ein bedingungslosen Grundeinkommen", nachdem ihn der Beitrag von dm-Unternehmer Götz Werner begeisterte und sieht in dem Interview vielleicht einen Anstoß zu einem gemeinsamen Projekt in der anthroposophischen Bewegung." Nach der Gründung des Netzwerk Grundeinkommen im vergangenen Jahr kommt die Forderung weiter. Nun unterstützt auch attac Deutschland die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Damit verlässt die Forderung den wissenschaftlichen Zirkel und wird von der sozialen Bewegung der Jetzt-Zeit aufgegriffen. Die Autoren des AttacBasisText Nr 17 stellen dazu fest: Attac Deutschland hat von Gründung an zu Fragen der sozialen Sicherung gearbeitet. Seit einigen Jahren wurden diese Aktivitäten im Schwerpunkt Es ist genug für alle da gebündelt. Der Titel ist Programm: Die Schwerpunkt AG und mit ihr die Ratschläge, die das beschlossen haben, ist der Meinung, dass jeder Mensch ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum (hat); das muss sich niemand verdienen, das ist Teil des Menschseins, ist Menschenrecht. Daraus ergibt sich der Konsens, dass niemand im Fall von Bedürftigkeit alleine gelassen werden darf. Von Arbeit muss man leben können und ohne Arbeit auch. Eine Absicherung, die ein Leben auf einem menschenwürdigen Niveau ermöglicht, muss allen zur Verfügung stehen. Unterschiedliche Vorstellungen gibt es darüber, wie das gewährleistet werden kann." ... Die AG selbst formuliert ihren Konsens wie folgt: Es geht uns um die Durchsetzung sozialer Rechte im globalen Maßstab. Das ist unsere Antwort auf die ebenfalls global sich ausbreitende Unsicherheit aller Lebensverhältnisse (Prekarität). Wir wollen eine Gesellschaft weltbürgerlicher Solidarität statt die Individuen zum Überleben auf den Markt zu verweisen und dort untergehen zu lassen. Um da hin zu kommen ist es als erster Schritt unerlässlich, dass alle Menschen über ein gesichertes Einkommen verfügen. Das muss unabhängig davon sein, ob sie Arbeit haben oder nicht und in jedem Fall die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sicherstellen. Die Forderung nach einem solchen bedingungslosen Grundeinkommen (Existenzgeld) dient uns ganz wesentlich dazu, die ideologische Auseinandersetzung mit der neoliberalen Marktlogik aufzunehmen. Selbstverständlich gehören dazu aber auch Überlegungen, wie man Schritte dahin auch praktisch erkämpfen kann."... In dem Basistext wird das Grundeinkommen aktuell, umfassend, pointiert und zustimmend diskutiert. Den Text möchte ich daher als Basistext" empfehlen. Der Band Einkommen zum Auskommen" ebenfalls im VSA-Verlag erschienen, ein Jahr früher, diskutiert das Einkommen durch ein Grundeinkommen durchaus noch vielfältiger. Neben Befürwortern des Existenzgeldes" kommen auch Befürworter einer Grundsicherung" zu Wort und die Diskussion um Mindestlohn und damit der Bedeutung der Erwerbsarbeit findet ihren Platz. Dieser Band, herausgegeben von der Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen zeugt davon, wie einerseits breit eine Grundabsicherung diskutiert werden kann und andererseits von eher erwerbsorientiertem gewerkschaftlichem Standpunkt aus. Einen entscheidenden Vorstoß in der Diskussion über ein Grundeinkommen war sicherlich die Entscheidung der BAG der Sozialhilfeinitiativen in Erfurt 1998 für ein Existenzgeld, womit erstmals klar und einfach ein Existenzgeld für alle" gefordert wurde. Diese Forderung wurde zusammen mit der Begründung von Herwig Büchele für ein Grundeinkommen und einem Vergleich verschiedener Grundsicherungsmodelle durch Hinrich Garms in der AG SPAK im Jahre 2000 veröffentlicht. Dieter Koschek Impulse Rundbrief soziale Dreigliederung, Nr. 1 und
3/2005 Grundeinkommen: bedingungslos Einkommen zum Auskommen Von bedingungslosem Grundeinkommen, gesetzlichen
Mindestlöhnen und anderen Verteilungsfragen Existenzgeld für Alle 8 desillusionierende Thesen 1. Die Arbeitslosen sind nicht schuld. 2. Die Kapitalisten scheren sich einen Dreck drum 3. Die zukünftigen Job ernähren dich nicht mehr 4. Die Parteien denken nur an sich 5. Maßnahmen stigmatisieren die Teilnehmenden 6. Alternativen bringen keinen Gewinn 7. Wir brauchen das Recht auf Faulheit 8. Die Gesellschaft verrät ihre Zukunft Dieter Koschek Zwischen Shareholder Value und Weltsozialgedanken Es ist nicht von ungefähr, dass die großen Publikumszeitschriften derzeit das Mittelalter neu entdecken, ein Trend, der vermutlich noch zunehmen wird. Denn mit einer umfassenden Gegenwartsbesinnung, wie sie die Zeit erfordert, tritt auch die Frage nach den Wurzeln dieser Gegenwart auf, die für den europäischen Raum nun einmal im Mittelalter liegen. Dieses ist keineswegs so "finster", wie die technokratischen Fortschrittsapostel es stets so gern weismachen wollten (weil sie eben nur den technologischen Stand der Dinge ins Auge faßten), sondern lebte teils ein hohe Ethik aus, etwa in Adel und Ritterschaft, in Klosterschulen und Klostergärten und in genossenschaftlichen Regelungen. Neben der äußeren Naturgeschichte Darwins, die sich hauptsächlich auf äußere paläontologische und biologische Befunde stützt, gibt es auch eine innere Geschichte, eine Geistesgeschichte der Menschheit, und auch diese läuft in Entwicklungszyklen ab. Darstellungen dieser Entwicklungsgeschichte sind viel älter als der Darwinismus, welcher erst mit der neuzeitlichen Naturforschung in seiner Einseitigkeit hochkam. So enthalten nahezu alle alten Hochkulturen oft symbolisch verschlüsselte Anschauungen von der zyklischen Entwicklung der Schöpfung oder Evolution, welche mit kosmischen Rhythmen zusammenging. Daher hatte die Sternbeobachtung auch bis in prähistorische Zeiten hinein größte Bedeutung, die "Sterndeuter" waren Ratgeber ersten Ranges. Stonehenge oder die neuentdeckte "Himmelsscheibe von Nebra" zeugen davon, ebenso die hochentwickelte Astrologie der Inder, Perser, Sumerer, Ägypter, Babylonier und Kelten. Das soziale wie das tätige Leben wurde nach kosmischen Rhythmen ausgerichtet, bis ins 18. Jh. finden sich noch Handbücher davon. Ebenso finden sich zahlreiche Darstellungen zu geistig-seelischen Entwicklungszyklen der Menschheit und ihren Zeitaltern, etwa bei Joachim de Fiore. Weit älter sind die indischen "Stanzen des Dzyan" und die Sankhya-Philosophie, von der z.B. Theosophie und Anthroposophie moderne Reaktualisierungen und Fortführungen darstellen. Nach diesen Systemen tritt etwa alle 2160 Jahre ein neuer Kulturimpuls auf (bestätigt durch die Astrologie), wenn die Frühlingssonne vor einem neuen Sternbild aufgeht. So erklären sich "Stier-, Fische-. Wassermann-Zeitalter". Die irdischen Kulturen geraten dann gleichsam unter den Einfluss neuer Einstrahlungen, wobei sich der Mensch der Neuzeit zunehmend davon emanzipiert hat und daher auch dagegen opponieren und eigensinnig handeln kann. Dies schlägt sich evtl. nieder in Disharmonie zu Schöpfung und Umwelt, wie es die Neuzeit auch in umfassender Weise zustandegebracht hat. Der Beginn dieser Neuzeit liegt etwa um 1500 n.Chr. "Wie auf Absprache" treten zahlreiche Menschen auf, die dem "Geist der neuen Zeit" bahnbrechend zur Geburt verhelfen, wie Leonardo, Galilei, Gutenberg, Dürer, Luther, Columbus, Kepler u.v.m. Neue seelische und geistige Fähigkeiten und Einstellungen setzen sich an die Stelle der alten. Der Prozess bahnt sich im Vorfeld an und vollzieht sich stufenweise, und schon mit dem Emporkommen des Kaufmannswesen und der bürgerlichen Stadträte ereignet sich nach und nach der Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltordnung und ihrer Gott- und Königsorientierung. Der "moderne Mensch" der Renaissance wird geboren, und mit ihm der Drang nach Selbstbestimmung, alle möglichen Freiheitsideale und die Persönlichkeitskultur. In der Gegenwart ist nun interessant, wie man merkt, dass dies zwar zu vielfältigen Befreiungen geführt hat, aber auch wiederum in neue Einseitigkeiten hinein. Die Persönlichkeitskultur hat zu absolutem Egoismus geführt, die Freiheit des Handels zu globalem Wirtschaftsterror und das Aufgeben des religiösen Weltbildes zu einem geistlosen Materialismus. Daher ist es verständlich und auch richtig, wenn man nun nach versehentlich verlorengegangenen Werten im Mittelalter sucht. Die Werte- und Ethikdiskussion nimmt ganz neue Formen an und sucht sich begründende Quellen. Unternehmen, die sich vor wenigen Jahren noch einen Teufel darum scherten, beginnen, sich an ethischen Wertesystemen zu orientieren (siehe z.B. www.dnwe.de). Die Globalisierung, die im Grunde durch Eroberer wie Columbus und die großen Handelsreisenden eingeleitet wurde, wird nun zum Anlass einer neuen ethischen Grundbesinnung. Damit treten genossenschaftliche und gemeinschaftliche Normen, die durchaus das Hochmittelalter in seiner Blüte beherrschten, in neuer, verwandelter Form auf den Plan, und man hat somit Gelegenheit, einseitige Entwicklungen, wie sie etwa das auf sich selbst gegründete Kaufmannswesen der Renaissance ausgebildet hat, zu verlassen und ihnen gegenzusteuern. Dabei wird deutlich, dass diejenigen, die sich heute noch für besondere Schlauköpfe halten, die Ackermänner und dergleichen, mit ihrer einseitigen Orientierung am Shareholder Value, also etwa den Gewinnen von Aktionären, im Grunde doch besondere Dummköpfe sind, indem sie in einer inzwischen unzeitgemäßen Weise das kaufmännische Gewinnstreben verlängern wollen. Dadurch rufen sie aber gesellschaftliches Chaos hervor, ein Chaos, was sich nicht nur in der "Massenentsorgung" von Arbeitsplätzen zeitigt, sondern welches vermutlich auch auf eine Währungskrise zusteuert. Bereits Scotus Erigena oder Chrétien de Troyes (Troyes war schon im 12. Jh. Messestadt) hielten das kaufmännische Gewinnstreben für unmoralisch und eine Sache des Teufels. Der Kaufmann sei derjenige, der "dem Rachen der Hölle am nächsten" stehe. Thomas v. Aquin sah die Sache differenzierter und wollte den Kaufmann wenigstens dann der Hölle entkommen lassen, wenn er durch seine Arbeit an der Grundversorgung der Menschen mit wichtigen Lebensmitteln teilhabe. (Dies scheinen die Gründer der Supermärkte gelesen zu haben.) Wer den Punkt sucht, wo die Wirtschaft die Politik zu bestimmen beginnt, wird bereits am Ende des Mittelalters fündig: Die Handelshäuser der Fugger und Welser, der Medici sind so reich, dass sie Könige beleihen und auch ansonsten die Vorstufen der Kommerzbanken darstellen. Gleichzeitig bilden sie die ersten Großunternehmen mit Lohnabhängigen aus (sog. "Frühkapitalismus"), auch damit das m.o.w. geordnete mittelalterliche Ständesystem durchbrechend. Sie schaffen damit erst den massenhaften Typus des lohnabhängigen Arbeiters, der "kein rechtes Handwerk gelernt" hat, mit dem er autonom sich und seine Familie durchbringen könnte. Diese neue "Unterschicht" mündet nahtlos in jenes spätere Industrieproletariat, dessen elende Arbeitsbedingungen z.B. Karl Marx brandmarkte. Schilderungen von Arbeitselend und Ausbeutung gibt es jedoch schon aus Großwebereien des 12. Jahrhunderts (Chrétien de Troyes). Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen dem Kaufmannswesen und dem idealen Königtum, welches stets noch in persönlicher Weise Verantwortung auch für den letzten Untertanen empfand. In heutiger Zeit bildet es sich in dem Verhältnis von Staat zu Wirtschaft ab: Der Staat versorgt noch diejenigen mit "Sozialleistungen", die die Wirtschaft entlassen hat. Hier werden die "Grenzen des Wachstums" der sich selbst feiernden, selbstbewussten Renaissance-Persönlich-keit, des typischen "neoliberalen Erfolgsmenschen" deutlich: Der eigene Erfolg geht auf Kosten anderer, die dafür auf der Strecke bleiben. Der betriebsfixierte Unternehmerstolz, dass man es "so herrlich weit gebracht" hat, geht mit sozialer Blindheit einher. Massenentlassungen unter dem Argument des "Shareholder Value" sind der Anfang vom Ende, sind "die letzten Tage von Babylon" einer offenbar sozial umnachteten, wertblinden, egozentrischen Kaufmannselite. Die Ignoranz und das Desinteresse gegenüber einer zunehmenden Massenanzahl von Menschen führt nicht zu deren "Ausschluss aus der Arbeitsgesellschaft", wie manche Wirtschaftspropheten so hochnäsig wie gleichgültig postulieren, sondern zu deren autarker und neuer Selbstorganisation. Denn dass Wirtschaft letztlich vom Menschen und für den Menschen (jeden Einzelnen) gemacht ist, ist ein soziales Grundgesetz, das von keiner sich noch so erhaben dünkenden Elite ungestraft missachtet werden kann. Das neue Selbstorganisationsprinzip ist überall zunehmend sichtbar, in den regionalen und überregionalen Tausch- und Regiogeldgemeinschaften, welche gemeinschafts- und nicht gewinnorientiert sind (z.B. bestehen derzeit ca. 14 Regiogeldsysteme, weitere 27 sind in Vorbereitung!). Wo man dennoch den Gewinngedanken nicht vollkommen aufgeben möchte, entstehen "Win-Win"-Modelle, etwa in den Barter-Tauschge-meinschaften mittelständischer Betriebe, welche bereits weltweit Milliardenvolumen bewegen. Das klassische nachmittelalterliche Kaufmanns-Ge-winnstreben führt sich demgegenüber nach und nach ad absurdum. Es hat zwischenzeitlich die etlichen wertgeminderten bzw. fast wertlosen Produkte gezeitigt, deren Enttarnung schrittweise durch Bürger- und Ver-braucherschutz-Initiativen vollzogen wurde. "Sollbruchstellen" in etlichen Industrieprodukten, Denaturierung, schädliche "Arzneimittel", Qualitätsvernachlässigung aus Gewinnstreben heraus haben überdies einen nicht geringen Anteil an unnötiger Müll- und Sondermüllhinterlassenschaft der Industriegesellschaften hervorgebracht der Müll entstand gleichsam schon in der Fabrik. Allzu platt und fadenscheinig sind dabei auch die Bestrebungen gewisser Nahrungsmittelkonzerne, die Weltnahrungsproduktion und Landwirtschaft in die eigenen Egozentriker-Finger zu bekommen. Hier sind Staaten und überstaatliche Rechtsorganisationen, wenn sie überhaupt noch etwas zu melden haben wollen, als Wahrer sozialer Belange besonders gefordert. Allerdings muß ihr Engagement, das ansonsten einer todesähnlichen Agonie entgegengeht oder durch Schmiergeldzahlungen seitens mafiöser Wirtschaft unterwandert wird, vom Bürger auch deutlich eingefordert werden. Unabhängige Organisationen wie die Berliner "Transparency International" leisten hier wertvolle Aufklärungsarbeit gegen Korruption. Die Dreigliederungsarbeit muß hierbei beachten, daß nicht allein die Trennung und Entwicklung der drei Gesellschaftsbereiche Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben schon eine gesunde Entwicklung bringt, sondern daß innerhalb jedes Gliedes Polarisierung zwischen Machtegozentrik und sozial orientierter Freiheitsgestaltung stattfinden kann. So kämpfte die freie Schulbewegung schließlich erfolgreich gegen Bevormundung von Staat und Kirche im Geistesleben, tyrannische Einheitsstaaten missbrauch(t)en das Recht zu antiindividualistischen Zwecken, und Egozentrik und Sozialorientierung im Wirtschaftsleben stehen sich gegenwärtig vielerorts gegenüber. Die drei Glieder wurden im Mittelalter schon angelegt in Klöstern, Königtum und Handel. Klöster und Bistümer sowie Handelsniederlassungen und Kontore standen unter königlicher Schutzherrschaft. Das Geistesleben stellte die Berater, der Handel die Wirtschaftskraft dem König zur Verfügung. Mit der Zunahme der Bedeutung internationaler Handelsbeziehungen verlor das Königtum an Macht, und die aufstrebenden Handelshäuser läuteten die Wirtschaftsmacht der Neuzeit ein. Mit der dominanten Ausprägung von Priesterschaft und Orakeln in der Frühzeit, des Königtums in der Mittelzeit und Handel und Wirtschaft in der Spätzeit hat jedes Glied des Sozialen Organismus einmal die Führungsrolle innegehabt und zugleich seine besten Eigenschaften dabei demonstriert: die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Güte. Ein altes Bild des Sozialorganismus zeigt der indische Brahmanismus: Die Priester waren der Kopf, die Könige und Krieger die Arme, die Beamten, Bauern und Kaufleute der Leib und die Handwerker und Arbeiter die Füße Brahmans, des "großen Menschen". Erst ihr Zusammenwirken erbrachte den gesunden Sozialorganismus, der Kopf konnte ohne Füße, die Arme ohne den Leib nicht sein. Dünkelhafte und elitäre Fehleinschätzungen vergessen dieses natürliche und gesunde Bild und führen zu blasierten Illusionen, denn auch die gesellschaftliche "Crème de la crème" geht gern in Feinschmecker-Restaurants und verzehrt die Leckereien, die etwa ein Küchenjunge hergerichtet hat oder lässt sich irgendwo von einem Hotelangestellten genussvoll den Rücken massieren. Der Dünkel ist also illusionär und ohne tieferen Realitätswert. Das Grundrecht jedes Menschen auf Leben und Produktivität ist dagegen in international anerkannten Menschenrechten verankert und wird sich auf Wegen realisieren, welche die nahe Zukunft zeigen wird. Andreas Pahl Die Brent-Spar-Kampagne vor 10 Jahren war ein symbolischer Sieg für die Umweltpolitik. Damit sich nachhaltig etwas ändert, gilt es jetzt, die Stromkonzerne unter Druck zu setzen Theoretisch sind die Verbraucher mächtig: Sie entscheiden in Deutschland über die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts und somit darüber, was es zu kaufen gibt. Nur: Leider denken sie fast nie umweltbewusst. Lediglich ein Prozent nutzen Ökostrom, drei Prozent essen Biolebensmittel, und der faire Handel dümpelt im Promillebereich. Kein Grund also für Konzerne, sich ernsthaft über einen Umsatzschwund durch sauberere Konkurrenten zu sorgen. Ließe sich das ändern? Vor genau zehn Jahren ist es für kurze Zeit gelungen. Greenpeace hatte mit dem Hinweis auf die drohende Versenkung der Ölbohrplattform Brent Spar eine Verbraucher-Massenbewegung inszeniert. Seither gilt die Aktion als "Mutter aller Kampagnen". Innerhalb weniger Wochen brach der Absatz an Shell-Tankstellen radikal ein; manche Filialen verkauften nur halb so viel Sprit wie zuvor. Am 20. Juni 1995 um 17.49 Uhr, gut sieben Wochen nachdem die ersten Bilder von Greenpeaclern im Schlauchboot um die Welt gegangen waren, gab Shell auf und verkündete: Die Brent Spar wird an Land entsorgt. Mit großformatigen Anzeigen tat der Konzern Abbitte bei seinen Kunden. Dass der Boykott so durchschlagend werden konnte, hatte gute und schlechte Gründe, die näher zu betrachten für die Planung künftiger Aktionen lohnt. Zum einen konnte Greenpeace auf eine weit verbreitete Empörung setzen. Insbesondere im Land der eifrigsten Müllsammler und Mülltrenner fühlte sich die große Masse und nicht nur eine Hand voll engagierter Gutmenschen angesprochen von dem Motto: "Wenn das jeder wollte! Ich darf meine alte Waschmaschine ja auch nicht in den Wald schmeißen." Zweiter Pluspunkt: Greenpeace fixierte sich bei der Aktion auf einen einzigen "bad guy" - obwohl die Brent Spar nicht nur Shell, sondern auch Esso gehörte. Doch diese im Prinzip ungerechte Fokussierung auf einen Konzern erhöhte die Schlagkraft: Shells Absatz sackte deutlich ab. Drittens: Das Mitmachen war einfach und kostete keinen Pfennig: Wer ein Auto besaß, steuerte einfach eine andere Tankstelle an. Dafür wurde er dann - Punkt vier - mit dem euphorischen Gefühl belohnt, Teil einer großen Bewegung zu sein, die allabendlich in der Tagesschau auftauchte. Scheinbar Seit an Seit kämpften die verwegenen Schlauchboot-Aktivisten und die Shell-Benzinverweigerer, das gemeinsame Ziel fest im Blick. Fünfter Pluspunkt: Kein Fernsehsender wollte auf die gut inszenierten David-gegen-Goliath-Bilder auf hoher See in Kombination mit den verwaisten Shell-Zapf-säulen verzichten. So gewann der Boykott durch die Medienpräsenz jeden Tag neue Schwungkraft. Und schließlich: Das Ziel der Aktion war klar definiert und trat nach kurzer Zeit auch ein; Shell verzichtete auf die Versenkung der Ölplattform. Was die Mobilisierung angeht, war die Brent-Spar-Kampagne ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte. Sie hat viele Konzerne geschockt. Dass Lidl vor ein paar Wochen sofort nach den ersten Protesten Haifisch-steaks aus den Kühlregalen nahm, ist eine Spätfolge von Brent Spar: Auf Ein-Punkt-Kampagnen reagieren große Unternehmen oft sofort. Weniger durchschlagend war die Brent-Spar-Kamp-agne aus umweltpolitischer Sicht. Zwar ist die An-Land-Entsorgung von Ölplattformen zu begrüßen. Doch die zentralen ökologischen Fragen im Zusammenhang mit Ölplattformen hatte die Kampagne ausgespart: Sie thematisierte nicht die Folgen des täglichen Betriebs, die aus Umweltsicht wesentlich relevanter sind als die Verschrottung. Und ebenso wenig rückte die Brent-Spar-Kampagne die eigentliche Ursache für die Existenz von Ölförderanlagen in den Blick: unsere täglichen Autofahrten. Das zentrale umweltpolitische Manko der Brent-Spar-Kampagne liegt deshalb darin, dass die Konsumenten nach sieben Wochen wieder entschlummerten, weil sie keine echte Alternative hatten. Schließlich ist es aus ökologischer Sicht völlig egal, ob jemand Esso-, BP- oder Shell-Sprit tankt. Entscheidend für einen nachhaltigen Konsum ist die echte Alternative. Wenn es gelingen könnte, in einer Kampagne die Nachfrage nach sozial ökologisch besseren Produkten zu steigern und damit den Absatz der Großkonzerne zu reduzieren, wäre viel gewonnen. Nicht nur der Marktanteil sauberer Produkte würde wachsen. Auch die traditionellen Konzerne würden versuchen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen - und dafür müssten sie selbst sich bewegen. Verbraucherschützer aber wissen: Kampagnen für positive Handlungsalternativen sind viel schwerer als Kampagnen, bei denen es um eine Anklage geht. Obwohl sich bei Umfragen nach wie vor weit über 60 Prozent der Bundesbürger gegen AKW aussprechen, hat gerade einmal ein Prozent zu einem nachhaltigen Stromanbieter gewechselt. Dabei ist Ökostrom für die Konsumenten nicht einmal teurer. Doch der Verbraucher schläft und lässt die Konzerne seine Macht nicht spüren. Vielleicht weckt ihn ausgerechnet die drohende schwarz-gelbe Regierung? Merkel & Co planen eine Steilvorlage, um die im Prinzip idealen Voraussetzungen für einen nachhaltigen Konsumentenprotest scharf zu machen: Sie haben angekündigt, die Laufzeiten der Atommeiler zu verlängern. Eon, RWE und Vattenfall haben bereits Beifall geklatscht. Warum nicht einen von ihnen zum "bad guy" für eine Kampagne küren? Und dann gilt: Von Brent Spar lernen heißt siegen lernen. Dazu gehört die Inszenierung spektakulärer Bilder von verwegenen Helden an Strommasten und auf Kraftwerksdächern, mit denen sich der wechselwillige Stromkunde identifizieren möchte. Zugleich sollten überall Anträge der ökologischen Stromanbieter greifbar sein. Wer unterschreibt muss erleben können, dass da neben ihm noch viele andere Davids stehen. Und schließlich: Ein erstes Etappenziel der Kampagne muss innerhalb einer kurzen Frist erreichbar sein. Die ganze Republik sollte erleben: Die Eon-Manager haben verstanden. Eine solche Kampagne ist für eine einzelne Nichtregierungsorganisation zu groß. Alternative Stromanbieter und Umweltverbände müssten ihre Kräfte bündeln. Greenpeace und Robin Wood wären für die telegenen Bilder zuständig, der BUND müsste seine breite regionale Verankerung ins Spiel bringen und der Ökostromanbieter Lichtblick die Stromwechsler sichtbar machen. Ob die jeweiligen Vorstände aber bereit wären, für einen gemeinsamen Erfolg ihre jeweilige "Marke" hintanzustellen? Annette Jensen, in die tageszeitung" vom 17.6.2005 Sonne und Holz, die ältesten Energien der Welt, sind heute die modernsten, sichersten und preiswertesten überhaupt. Holz in Form von Pellets ist eine äußerst attraktive Energieform, die nichts anderes als gespeicherte Sonnenenergie ist. Im Prozess der Photosynthese werden durch Sonnenlicht Kohlendioxyd und Wasser unter anderem in Lignin und Zellulose umgewandelt. Über die verschiedensten Pelletstechniken können sich Besucher im Solar-Info-Center in Freiburg informieren. In Buchenbach im Schwarzwald beginnt dieser Tage die erste Pelletsproduktion in der Region. "Mehr Effizienz in der Energienutzung gibt es überhaupt nicht", sagt Katja Ruh von Regenerative EnergieSysteme im Solar-Info-Center. Das Sägewerk Dold in Buchenbach verdeutlicht das besonders anschaulich: Die bei der Produktion anfallenden Resthölzer werden im eigenen Biomassekraftwerk zur Strom- und Wärmegewinnung genutzt. Über ein Fließband werden Sägespäne, die zuvor in der Abwärme des Kraftwerks getrocknet wurden, zur Pelletspresse transportiert. Auch für die regionale Wirtschaft und die Arbeitsplätze vor Ort ist die Pelletsproduktion von besonderer Bedeutung: Während bei Gas und Öl nur circa 10 Prozent der Wertschöpfung in der Region bleiben, sind es bei Holzpellets über 90 Prozent. Außerdem bietet Holzenergie die Chance, den ständig steigenden Öl- und Gaspreisen zu entgehen. Da die Preise an den Energieholzindex gekoppelt sind, bleiben die Pelletspreise stabil. Kombiniert man eine Pelletsheizung mit Solartechnik, dann ist eine Halbierung der Heizkosten schon heute keine Utopie mehr: Pelletskessel sind hochmoderne Heizkessel, die für alle Wärmeverteilsysteme geeignet sind. Dabei gewährleisten Mikroprozessoren eine hohe Effizienz der Feuerung. Durch die Brennermodulation gelangt immer nur so viel Energie zum Brenner, wie gerade witterungsbedingt benötigt wird. Die Zündung des Kessels erfolgt automatisch durch Heißluft. Mit einem nur geringen Strombedarf und in wenigen Minuten entzünden sich die Holzpellets bei circa 600 Grad Celsius. Über weite Strecken des Jahres sorgen hocheffiziente Vakuum-Röhrenkollektoren für das warme Wasser und bei heizungsunterstützenden Solaranlagen auch für die Raumheizung. Die Solaranlage entlastet so den Pelletskessel, der ungefähr von Mai bis Ende September die Heizarbeit der Solaranlage überlässt. Wer nun noch eine heizungsunterstützende Solaranlage wählt, kann schon mal gut 30 Prozent der gesamten Wärmeenergie einsparen", erklärt Katja Ruh. "Die Sonne schreibt halt keine Rechnung." Moderne Solaranlagen werden heute nicht mehr mit dem Frostschutzmittel Glycol betrieben. "Wasser ist ein wesentlich besserer Wärmeleiter als Glycol und kann einfach mit dem Wasserschlauch eingefüllt werden", erläutert Katja Ruh. Eine intelligente Frostschutzregelung sorgt für einen problemlosen Winterbetrieb. Gerd Schallenmüller in "Die Solar-Region", 2/2005 Solarenergie fördert Fortschritt Das indische vorgelagerte Hügelgebiet des Himalaja hat viele hundert Täler, in denen es Dörfer gibt, die immer noch ganz abgeschnitten sind von der Zivilisation, wie wir sie heute aufgrund der Elektrizität kennen. Die Dörfer sind oft nur per Fußmarsch zu erreichen. Das abgelegenste Dorf mit der ärmsten Bevölkerung ist Digoli und liegt allein von der nächsten Straße drei Stunden Fußmarsch entfernt. Es schien eigentlich hoffnungslos, dass hier eine Entwicklung Fuß fassen könnte, denn Politiker interessierten sich für dieses Gebiet überhaupt nicht. Vor sechs Jahren jedoch begann trotzdem eine neue Entwicklung - und in bevorzugter Art und Weise! Rashmi und Rajnish Jain kamen damals in diese Region. Sie sind die Gründer von Avani, einer Nichtregierungsorganisation, und starteten einen Pilotversuch mit der Installation von Solar-Paneelen, welcher von der Europäischen Union finanziert wurde. Überall gibt es jetzt diese kleinen Solar-Paneelen, auf fast jedem Hof, auf Misthäufen und Strohbergen. Die Bewohner von Digoli waren aber auch für subventionierte Paneele zu arm. So begann Rashmi mit den Frauen Stoffe zu weben für Schals, Jacken und Bettüberwürfe. Früher wurden von ihnen Hanfseile geflochten, und jetzt konnten sie sich mit der neuen Betätigung Geld auf den Märkten der indischen Großstädte erwerben. Gewoben wird in den Abendstunden, beim Schein einer Lampe. Früher gab es so etwas nicht. Das ganze Gebiet nahm dann diese Anregung auf und Digoli wurde zum Zentrum der Bewegung. Dort werden jetzt die Weberinnen ausgebildet, das Garn wird ausgeteilt sowie die Stoffe gesammelt. Außerdem gibt es Anleitung für Jungen und Mädchen, damit die Solar-Paneelen gewartet werden können. Aller Unterricht ist im Freien, nur winzig klein ist das "Service-Zentrum", so klein, dass auch die Webstühle im Freien stehen, auf einem Feld des Nachbarn und nur mit Plastikplanen und Wellblech gegen Regen und Sonne geschützt. Die kleine Nichtregierungs-Organisation Avani ist heute wichtiger für dieses Gebiet vor dem Himalaja als alle Politiker. Barbara Wagner Trinkwasser ist eines der großen Zukunftsprobleme. Auch ist die Qualität des Leitungswassers in vielen Entwicklungsländern mangelhaft. Um so profitträchtiger wird das Geschäft mit in Flaschen abgefülltem Wasser. Kein anderer Markt expandiert so rasch, nämlich jedes Jahr um 7 Prozent und mehr. Das Flaschenwasser ist aber mehr als tausendmal teurer als Leitungswasser. Dabei ist Flaschenwasser ökologischer Wahnsinn. Es ist völlig absurd, dieses sehr schwere und zugleich preiswerte Produkt über weite Strecken zu vermarkten. Ein Problem wird auch der Plastikabfall. Wie kann man zur Entschärfung künftiger Wasserkriege beitragen? Eine Alternative sind die Regenwassertanks der Kleinbäuerinnen in Kenia. Diese garantieren sauberes und nahes Wasser für Mensch und Tier das ganze Jahr über. So ein Tank fasst zwischen 12 000 Liter (aufstehender Tank) und 21 000 Liter (Erdtank bei vorhandenem Gefälle). Ein sicherer Vorrat sauberen Wassers ist auf eigenem Land jederzeit verfügbar. Das mühselige Wasserschleppen entfällt. Körperpflege und Wäsche werden regelmäßig möglich. Sämlinge und Baumsetzlinge können gegossen werden. Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt haben keine ausreichende Versorgung mit sauberem Wasser, berichtet die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen. Vor allem in Asien und Afrika ist die ländliche Bevölkerung betroffen. In vielen Regionen müssen die Frauen täglich mehrere Kilometer weit gehen, um einige Eimer Wasser zum Kochen und Trinken für die Familie herbeizuschleppen. Besorgniserregend ist auch die Entwicklung in den Städten: Immer häufiger laufen die Leitungsnetze leer. Die Vereinten Nationen warnen vor Wasserknappheit in den meisten Großstädten Asiens und Afrikas. 48 Gruppen mit circa 1440 kleinbäuerlichen Haushalten umfasst das Projekt zur Selbsthilfe von Kleinbäuerinnen in Kenia (Wassertanks, Milchziegen, Gemüsegärten). Die deutsche Bundesregierung unterstützt das vierjährige Projekt und gibt zu jeder Spende noch das zweieinhalbfache dazu. Somit sind jährlich pro Kleinbauernfamilie Spenden von 37 Euro erforderlich. Walter Burkart (Gemeinschaftsbank Spendenkonto Nr. 12 330 010, Bankleitzahl 430 609 67, Kleinbäuerinnen in Kenia) Solange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, dass es vielen Kindern ebenso ergeht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und sorglos scheinen. Insbesondere litt ich darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben. Der Anblick eines alten hinkenden Pferdes, das ein Mann hinter mir herzerrte, während ein anderer mit einem Stecken auf es einschlug - es wurde nach Kolmar ins Schlachthaus getrieben -, hat mich wochenlang verfolgt. Ganz unfassbar erschien mir - dies war schon, ehe ich in die Schule ging -, dass ich in meinem Abendgebete nur für Menschen beten sollte. Darum, wenn meine Mutter mit mir gebetet und mir den Gutenachtkuss gegeben hatte, betete ich heimlich noch ein von mir selbst verfasstes Zusatzgebet für alle lebenden Wesen. Es lautete: "Lieber Gott. Schütze und segne alles, was Odem hat, bewahre es vor allem Übel und lass es ruhig schlafen!" Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebten oder achten Jahre. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht, mit denen man kleine Steine schleuderte. Es war im Frühjahr, in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er zu mir: "Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schießen Vögel." Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst, er könnte mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaus sangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter einen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, danebenzuschießen. In demselben Augenblick fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzuläuten. Es war das "Zeichen-Läuten", das dem Hauptläuten eine halbe Stunde voranging. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren, und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot "Du sollst nicht töten" ins Herz geläutet haben. Von jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien, Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher. Die Scheu vor dem Ausgelachtwerden durch die Kameraden suchte ich zu verlernen. Die Art, wie das Gebot, dass wir nicht töten und quälen sollen, an mir arbeitete, ist das große Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen alle anderen. Als ich noch nicht in die Schule ging, hatten wir einen gelben Hund namens Phylax. Wie manche Hunde konnte er keine Uniformen leiden und ging immer auf den Briefträger los. Also wurde ich angestellt, zur Stunde des Briefträgers Phylax, der bissig war und sich schon an einem Gendarmen vergangen hatte, im Zaum zu halten. Mit einer Gerte trieb ich ihn in einen Winkel des Hofs und ließ ihn nicht heraus, bis der Briefträger wieder fort war. Welch stolzes Gefühl, als Tierbändiger vor dem bellenden und zähnefletschenden Hund zu stehen und ihn mit Schlägen zu meistern, wenn er aus dem Winkel ausbrechen wollte! Aber das stolze Gefühl hielt nicht an. Wenn wir nachher wieder als Freunde beieinander saßen, klagte ich mich an, dass ich ihn geschlagen hatte. Ich wusste, dass ich ihn vom Briefträger auch abhalten könnte, wenn ich ihn beim Halsband fasste und streichelte. Wenn die fatale Stunde aber wiederkam, erlag ich wiederum dem Rausch, Tierbändiger zu sein... In den Ferien durfte ich beim Nachbar Fuhrmann sein. Sein Brauner war schon etwas alt und engbrüstig. Er sollte nicht viel traben. In der Fuhrmannsleidenschaft ließ ich mich aber immer wieder hinreißen, ihn mit der Peitsche zum Traben anzutreiben, auch wenn ich wusste und fühlte, dass er müde war. Der Stolz, ein trabendes Pferd zu leiten, betörte mich. Der Mann ließ es zu, "um mir die Freude nicht zu verderben". Aber was wurde aus der Freude, wenn wir nach Hause kamen und ich beim Ausschirren bemerkte, was ich auf dem Wagen nicht so gesehen hatte, wie die Flanken des Tieres arbeiteten! Was nützte es, dass ich ihm in die müden Augen schaute und es stumm um Verzeihung bat?... Einmal, ich war damals schon auf dem Gymnasium und in den Weihnachtsferien zuhause, kutschierte ich im Schlitten. Aus dem Hause des Nachbars Löscher heraus sprang kläffend sein als böse bekannter Hund dem Pferde entgegen. Ich glaubte im Recht zu sein, ihm einen gutgezielten Peitschenschlag zu versetzen, obwohl er sichtlich nur aus Mutwillen auf den Schlitten zukam. Zu gut hatte ich gezielt. Ins Auge getroffen, wälzte er sich heulend im Schnee. Seine klagende Stimme klang mir noch lange nach. Durch Wochen hindurch konnte ich sie nicht loswerden. Zweimal habe ich mit anderen Knaben mit der Angel gefischt. Dann verbot mir das Grauen vor der Miss-handlung der aufgespießten Würmer und vor dem Zerreißen der Mäuler der gefangenen Fische weiter mitzumachen. Ja, ich fand sogar den Mut, andere vom Fischen abzuhalten. Aus solchen mir das Herz bewegenden und mich oft beschämenden Erlebnissen entstand in mir langsam die unerschütterliche Überzeugung, dass wir Tod und Leid über ein anderes Wesen nur bringen dürfen, wenn eine unentrinnbare Notwendigkeit dafür vorliegt, und dass wir alle das Grausige empfinden müssen, das darin liegt, dass wir aus Gedankenlosigkeit leiden machen und töten. Immer stärker hat mich diese Überzeugung beherrscht. Immer mehr wurde mir gewiss, dass wir im Grunde alle so denken und es nur nicht zu bekennen und zu bestätigen wagen, weil wir fürchten, von den anderen als "sentimental'' belächelt zu werden, und auch weil wir uns abstumpfen lassen. Ich aber gelobte mir, mich niemals abstumpfen zu lassen und den Vorwurf der Sentimentalität niemals zu fürchten. Albert Schweitzer Also, ich will jetzt mal erzählen, wie das mit meinen Alten ist. Vor acht Jahren hieß es plötzlich, sie hätten eine Kuh gekauft - Josefina! Aha - eine Kuh! Da ich meinen Vater zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Jahre kannte, war ich nicht total verdutzt. Er spinnt nämlich ein kleines bisschen, also, warum nicht eine Kuh kaufen? Wir sind eigentlich eine völlig normale Großstadt-Kleinfamilie mit zwei Kindern, Personenkraftwagen vor der Tür und Fernseher und Stereo-Anlage im Wohnzimmer. Keiner von uns hätte gedacht, was der guten Josefina (Gott hab' sie selig!) noch alles folgen sollte. Zunächst konnte man dem Vater zum Geburtstag jetzt einfach alle möglichen Milchvieh-Devo-tionalien schenken: Ölgemälde mit Kühen, Kuhspardosen oder fliegende Elektro-Kühe zum An-die-Decke-hängen. Dann aber erzählten sie, auf dem Schepershof würde eine Ferienwohnung gebaut, und das Beste: Es sollte die Möglichkeit geben, diese Wohnung am Wochenende gegen Stalldienst kostenlos zu beziehen, und es hat wohl nicht nur mit unterschiedlichem Lebensalter zu tun, wenn ich mich gefragt habe, warum meine Eltern so scharf darauf sind, am Sonntag morgen um 5 Uhr aufzustehen und sich in einem kalten zugigen Stall Stroh und Kuhfladen um die Ohren zu hauen. Die Wahrheit ist: Diese Stalldienste waren die Einstiegsdroge in eine Suchtkarriere, die, wie ich fürchte, ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Für ein, wenn auch erwachsenes, Kind ist es nicht leicht, den Eltern nicht in die Abhängigkeit zu folgen. Rücksichtslos ließen sie mich von ihrem Suchtmittel kosten, nahmen mich mit auf den Hof - nur mal so zum Gucken! Dann folgte die Teilnahme an einem Tag der offenen Tür und schließlich eine ganze Woche mit einer Freundin in der besagten Ferienwohnung. - Der Duft von frisch gemähten Gras, selbst ausgegrabenen Kartoffeln, strahlende Mondaufgänge, summende Hummeln und schmusende Schweine, die auf den Namen Paula hören... Wissen Sie, welche Kraft es kostet, da clean zu bleiben? Wenn ich nicht in Stuttgart leben würde und immer wieder einen gehörigen Abstand hätte, sie hätten mich da voll mit reingezogen. Aber ich saß in der Schwabenmetropole und musste mit ansehen, wie meine Eltern immer tiefer in die Abhängigkeit hinein rutschten. Erst half meine Mutter ab und zu Andrea Caspers beim Wurstmachen aus, aber gefährdet, wie sie nun einmal war, hat sie natürlich Blut geleckt und wusste fortan dienstags nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen, als Innereien, Speck und Zwiebeln klein zu schnippeln und Wurstmasse in Därme zu drücken. Sie muss völlig auf Entzug gewesen sein, als die Familie Caspers nach Ostfriesland zog. Darum hat's wohl auch nicht lange gedauert, bis sie auf eine neue Droge umgestiegen ist: Käse und Joghurt sind es jetzt, die meine arme Mutter einmal pro Woche aufs Land ziehen. Brot gebacken haben sie auch schon. Seit einigen Monaten sind sie Mitglied der Landschaftsgruppe. Und das, was sie da beim Hecken pflanzen, Bäume pflanzen und fällen und Wege bauen an Bewusstseinszuständen erleben, liegt außerhalb der Vorstellungskraft einer gesunden Großstädterin. Nein, ich fürchte, ich kann meinen Eltern nicht mehr helfen, sie sind süchtig: nach dem Mistgeruch und dem Blick über die Wiesen, nach morgendlichem Hahnenschrei, dampfenden Kuhleibern und bockigen Widdern, nach dem Geräusch von knackendem Holz und frischer Milch, die in die Kanne platscht. Vor allem aber, wie sie sagen, nach der Gemeinschaft mit jungen Menschen, mit denen sie beim Mittagessen plaudern und scherzen, die sie an ihren erfrischenden Ideen und Plänen beteiligen, so dass sie jung bleiben im Kopf. Aus einem Beitrag von Petra Hornberge im Hofbrief 44/2004 von der Betriebsgemeinschaft Schepershof (Windrather Straße 134, Velbert-Neviges) Nachrichten aus dem Eulenspiegel Die Gaststätte entwickelte sich erfreulich. Unerwarteter Zuspruch führte zu einem Umsatzzuwachs, der erst in drei Jahren erreicht werden sollte. Allerdings waren die Eröffnungskosten höher wie erwartet, hier schlugen insbesondere die Personalkosten zubuche. Inzwischen wurde hier korrigiert und ein Plan für die Zukunft erstellt, der machbar erscheint, aber doch immer noch die schwierige Situation des Gastgewerbes widerspiegelt. Helfen soll eine finanzielle Unterstützung durch eine Leih- und Schenkgemeinschaft, die den Verein von den finanziellen Belastungen entlasten soll. Leih- und Schenkgemeinschaft Eulenspiegel Um eine Finanzierungslücke zu schließen suchen wir noch Freunde des Eulenspiegels, die bereit sind, eine Summe zwischen 500 und 3000 Euro in den nächsten fünf Jahren zu spenden. Damit soll die inhaltliche Arbeit vom Modell Wasserburg (Kultur- und Begegnungsstätte Eulenspiegel, Projektwerkstatt, Jedermensch) abgesichert werden. Bislang wurden 7000 Euro zugesagt. Dazu noch zwei zinslose Kredite. Falls auch Sie Interesse haben, bitte melden! Kultur- und Begegnungsstätte Im September fand unser Programm nicht die große Resonanz, obwohl es inhaltlich gelobt wurde. Die Ökoerlebnistage waren schlecht besucht, außer dem Menue im Eulenspiegel. Der Märchenabend war sehr schön und gut, aber leider fanden nur wenige in den Eulenspiegel. Auch der Solidaritätsabend für Lateinamerika war schlecht besucht, so dass wir beschlossen haben etwas kürzer mit der Kleinkunst zu treten. Freie Schule Lindau eröffnet In einer feierlichen Stunde wurde die Freie Schule Lindau eröffnet. 60 Kinder, unter ihnen Marcel Halbhuber, der Sohn von Monika genießen die neue Schule. Sie erhielt öffentliche Unterstützung von der Lindauer Oberbürgermeisterin und dem zuständigen Schulrat, der sagte, dass er sich so Schule vorstellt. Die Freie Schule Lindau orientiert sich an der Laborschule Bielefeld und ist offen für alle reformpädagogischen Ansätzen. Otto Herz suchte in einem Referat zur Zukunft der Schule, den Blick zurück ins das letzte Jahrhundert. In diesem Jahrhundert habe sich soviel geändert, gerade im Schulsystem, dass ein Blick voran nur bedeuten könne, dass wir Kinder brauchen, die selbstbewusst und selbstständig in Verantwortung für das Gemeinwesen handeln und dabei das praktische Leben meistern. Alternative Ökonomie Mitte Oktober fand ein Treffen in Kassel statt, das den Theoriearbeitskreis alternativer Ökonomie wieder beleben soll. Zehn Personen kamen zusammen und diskutierten den momentanen Stand der Dinge. Die Wahrnehmung ist sehr unterschiedlich, so gibt es in Berlin weiterhin eine lebendige Szene und in den neuen Bundesländern sind Selbsthilfegenossenschaften und ähnliche Formen immer noch aktuell. Ein großer Kongress 2006 soll das Thema Solidarische Ökonomie" beleuchten. Initiatoren sind die Bewegungsstiftung und Ökogeno", die Nachfolgegenossenschaft der ehemaligen Ökobank". Grundeinkommen Nicht nur die internationale Diskussion belebte sich durch das Interview von Götz Werner, dem Leiter der dm-Märkte in der Stuttgarter Zeitung. Es führte zum Aufruf zur Gründung einer Bündnisse für ein Grundeinkommen" durch Ulrich Hölder in Sozialimpulse Rundbrief für soziale Dreigliederung" Ein deutsch-österreichischer Kongress in Wien machte die Forderung noch weiter bekannt. Attac Deutschland unterstützt inzwischen die Forderung (siehe dazu die Buchbesprechung). Dieter Koschek referierte zum Thema dreimal: In Bad Boll, Horb und Ludwigsburg. Zur Zukunft der Arbeit Die zunehmende Arbeitslosigkeit führte zur Anfrage an Dieter Koschek, über das Thema zu referieren. Insgesamt drei Abende in Lustenau, Dornbirn und Wasserburg wurden durchgeführt. (siehe dazu die Thesen zur Zukunft der Arbeit). Zur Lage des jedermensch Danke! Auf unseren dringenden Aufruf im letzten Jedermensch, verbunden mit einer Mahnaktion wurden 2000 Euro bezahlt. Damit ist der Fortbestand des jedermensch gesichert. Des weiteren werden wir versuchen, durch Einsparungen beim Druck (Digitaldruck-Verfahren) die Kosten zu senken. Damit wir unser 50jähriges feiern können. Freundeskreistreffen Projekt Eulenspiegel Im Jahre 2006 wollen wir unser Treffen auch dazu nutzen, uns inhaltlich weiterzubilden. Heinz Buddemeier aus Bremen wird am Samstag zusammen mit uns arbeiten. Eingebettet ist Seminar und Vortrag in die Mitgliederversammlung am Freitag und dem Freundeskreistreffen am Sonntag. Mitgliederversammlung, Freitag, den 24. Februar 2006, 10 Uhr Mitgliederversammlung von Modell Wasserburg e.V. Seminar Samstag, 25. Februar 2006 10 Uhr 13 Uhr Computer, Personalcomputer, Internet Vortrag Samstag, 25. Februar 2006, 20 Uhr Medien und Gewalt Freundeskreistreffen Sonntag, 26. Februar 2006, 10 Uhr Zusammengestellt von Dieter Koschek Die Regenwürmer hatten einen Kongress einberufen. Es war ein moderner Kongress. Darum hieß er nicht der Kongress der Regenwürmer, sondern der K.d.R. Der K.d.R. tagte im Garten an einer recht staubigen Stelle. Es wurden nur Fragen der Bodenkultur erörtert. Weiter geht der Horizont der Regenwürmer nicht. Sie kriechen auf der Erde und essen Erde. Es sind arme, bescheidene Leute, aber sie sind nützlich und notwendig. Die Erde würde ohne sie nicht gedeihen. Ihre Arbeit muss verrichtet werden. Es war Abend. Die Dämmerung lag auf den Wegen, auf denen der K.d.R. zusammengekrochen war. Ein langer alter Regenwurm hatte den Vorsitz übernommen. Er besprach Fragen lokaler Natur, die Bodenverhältnisse des Gartens, in dem man arbeitete. Es waren erfreuliche Resultate. Wir sind schon recht tief in die Erde eingedrungen", sagte der Präsident des K.d.R. Wir haben viele Erdschichten an die Oberfläche befördert, von denen niemand vorher etwas wusste. Wir haben sie zerlegt und zerkleinert, aber die Erde scheint noch tiefer zu sein, als wir dachten. Sie scheint noch mehr zu bergen, als wir herauf geschafft haben. Wir müssen fleißig weiter überall herumkriechen und Erde essen. Es ist eine große Aufgabe. Damit schließe ich den K.d.R." Er ringelte sich verbindlich. Der offizielle Teil des K.d.R. war erledigt. Man bildete zwanglos Gruppen mit Nachbarn und Freunden und sprach über die Praxis der Gliederbildung. Man wollte allseits lang werden. Darin sah man einen Fortschritt. Neue Methoden hierfür waren stets von Interesse. Die allerneueste Methode lang zu werden", sagte ein junger Regenwurm, heißt: Ringele dich mit dem Strohhalm! Das stärkt die Muskeln und zieht die Glieder auseinander. Sehen Sie - so!" _ Er tastete nach einem Strohhalm und demonstrierte die neue Methode energisch und mit Überzeugung. Dabei stieß er an etwas an. Er fühlte, dass es rauh und haarig war. Nanu, was ist denn das? Das hat ja Haare und bewegt sich!" Er ringelte sich ängstlich vom Strohhalm los. Verzeihen Sie, ich war so müde. Da hab' ich mich auf den Strohhalm gesetzt", sagte das Etwas mit den Haaren. Wer sind Sie denn?", fragte der Regenwurm und kroch vorsichtig wieder näher. Ich bin Raupe von Beruf. Ich hätte mich gewiss nicht auf den Strohhalm gesetzt, aber ich bin so sehr müde. Ich habe einen so langen Weg hinter mir. Ich bin immer im Staub gekrochen. Nur selten fand ich etwas Grünes. Ich bin ein bisschen schwächlich, schon von Kind an. Es ist auch so angreifend, bei jedem Schritt den Rücken zu krümmen. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin zu müde, sterbensmüde." Die Raupe war ganz verstaubt und erschöpft. Ihre Beinstummel zitterten. Der gesamte K.d.R. kroch teilnahmsvoll heran. Sie müssen sich stärken", sagte ein Regenwurm freundlich. Sie müssen etwas Erde zu sich nehmen." Nein danke", sagte die Raupe, ich bin zum Essen zu müde. Mir ist überhaupt so sonderbar. Ich will nicht mehr auf der Erde kriechen." Aber ich bitte Sie", sagte der Präsident des K.d.R. Das ist das Leben, dass man auf der Erde kriecht und isst. Wenn man das nicht mehr kann, stirbt man. Man soll aber leben und recht lang werden. Ich kann ihnen verschiedene Methoden empfehlen. Es ist Makrobiotik." Ich glaube, dass man nicht stirbt", sagte die Raupe. Wenn man zu müde ist und nicht mehr auf der Erde kriechen kann, verpuppt man sich, und nachher wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten. Ich weiß nur nicht, wie man es macht. Ich bin auch viel zu müde, um darüber nachzudenken." Die Regenwürmer ringelten sich ratlos und aufgeregt durcheinander. Fliegen? - Sonnenlicht? - Was heißt das? - So was gibt's doch gar nicht! - Sie sind wohl krank?" Sie gebrauchen solch kuriose Fremdworte", sagte der Präsident des K.d.R. Ihnen ist einfach nicht wohl!" Die Raupe antwortete nicht mehr. Sie war zu müde, sterbensmüde. Sie klammerte sich an den Strohhalm. Dann wurde es dunkel um sie. Aus ihr heraus aber spannen sich feine Fäden und spannen den verstaubten sterbensmüden Körper ein. Das ist ja eine schreckliche Krankheit!", sagten die Regenwürmer. Es ist ein Phänomen", sagte der Präsident des K.d.R. Wir wollen es beobachten." Einige Kapazitäten nickten zustimmend mit den Kopfringeln. Es vergingen Wochen. Der Präsident des K.d.R. und die Kapazitäten krochen täglich an das Phänomen heran und betasteten es. Das Phänomen sah weiß aus. Es war ganz versponnen und lag regungslos am Boden. Endlich, in der Früh eines Morgens, regte sich das versponnene Ding. Ein kleiner bunter Falter kam heraus und sah mit erstaunten Augen um sich. Er hielt die Flügel gefaltet und verstand nicht, was er damit sollte. Denn er hatte vergessen, was er als Raupe gehofft hatte - und wie müde er gewesen war, sterbensmüde... Die Flügel aber wuchsen im Sonnenlicht. Sie wurden stark und farbenfroh. Da breitete der Falter die Schwingen aus und flog weit über die Erde ins Sonnenlicht hinein. Die Glockenblumen läuteten. Unten im Staube tagte der K.d.R. Man hatte die leere Hülle gefunden, und alle Kapazitäten waren zusammengekrochen. "Es ist nur ein Mantel", sagte die erste Kapazität enttäuscht. "Die Krankheit ist zurückgeblieben", sagte die zweite Kapazität. "Der Mantel war eben die Krankheit", sagte die dritte Kapazität. Hoch über ihren blinden Köpfen gaukelte ein Falter in der blauen, sonnigen Luft. "Nun ist er ganz tot", sagten die Regenwürmer. "Resurrexit!" sangen tausend Stimmen im Himmel. Manfred Kyber |