jedermensch
 

Jedermensch

Zeitschrift für soziale Dreigliederung,
neue Lebensformen und Umweltfragen

Sommer 2006 - Nr. 639

Inhalt

Gegen die größte Privatisierung des Jahrzehnts
Auf dem Bodensee-Treffen von attac in Konstanz hielt Hendrik Auhagen ein Referat zum geplanten Börsengang der Bundesbahn. Da dies mich überzeugte, dass dieser Börsengang die größte Verschleuderung öffentlichen Eigentums ist (also unseres Eigentums) möchte ich hier versuchen die Argumente gegen die Privatisierung der Bahn zusammenzufassen. Von Dieter Koschek

Kriegerisches Rechtsverständnis
Es war ein beachtlicher Schritt, die zunehmende Verstrickung der Vereinigten Staaten von Amerika in üble Quälereinen von Gefangenen, manchmal bis hin zum Sterben, formell zu beenden. Von Jürgen Kaminski

UNO reformieren
Ignacio Ramonet In Le monde diplomatique Mai 2005

Biopiraten ausgebremst
Cupuaçu darf wieder beim Namen genannt werden – das Patent wurde abgelehnt. Von der BUKO-Agrarkoordination

»Protestsparen«
163.000 € zinslose Darlehen erbringen 12.000 € für Anti-Atom-Kampagne

Bedingungsloses Grundeinkommen für alle

Freiheit ist das oberste Gebot der denkenden Menschen. Wenn wir nicht frei sind in der Möglichkeit der Meinungsäußerung, der Bildung, der Lebensumstände, dann stimmt etwas nicht. Dann stimmt die Bestimmung der Menschen im Verhältnis zu anderen Menschen nicht. Der Nichtfreie ist abhängig von einem anderen. Von Dieter Koschek

Wer ist mein Bruder, meine Schwester?

Vielleicht können Christen auch etwas von den Moslems aufnehmen. Von Tom Becks

Für alle das Beste

Im Rahmen der Vernetzungsarbeit von „Unternehmensgrün" (grünnaher Unternehmerverband) in Oberschwaben haben wir die Firma Dritte-Welt-Partner (dwp) in Ravensburg besucht. Eine Betriebsvorstellung von Dieter Koshek

Faire Preise für Bio-Kaffee
Im Schritttempo kämpft sich unser Bus seinen stundenlangen Weg in die kleine Ortschaft Tenango, irgendwo zwischen San Cristobal und Comitan im Zentrum des mexikanischen Bundesstaates Chiapas zwischen Tabasco und der Grenze zu Guatemala gelegen. aus eve 5/2005

KINDERARBEIT IN DER FUSSBALLINDUSTRIE
Nach Einschätzungen der ILO (= International Labour Organization) arbeiten weltweit ca. 250 Millionen Kinder, 120 Millionen von ihnen den ganzen Tag.
Von ÖkoMobil-Spiel

Nachrichten aus dem Eulenspiegel
zusammengestellt von Dieter Koschek


Die Zukunft muss den ganzen Menschen miteinbeziehen

Wie sieht die Zukunft des Modell Wasserburg aus? Und was ist das Modell Wasserburg überhaupt? fragt sich Dieter Koschek

Ins Engadin im Juli 1961
Fahrt ab Hamburg, zum ersten Mal Schlafwagen – musste 45 Jahre alt werden, um dieses „Erlebnis" zu haben. Eine Reisebericht von Peter Schilinski

Zur kindlichen Weltwahrnehmung
Kinder sind oft zu erstaunlichen Bemerkungen in der Lage, und mancher Erwachsene könnte viel davon lernen, wenn er nur eine offene Aufmerksamkeit dem Kinde gegenüber entwickeln würde und nicht von vorneherein glauben würde, dass das Kind, weil es nun mal kleiner und jünger als ein "Erwachsener" ist, es also auch entwicklungsmäßig hinterherhinken müsste. Von Andreas Pahl

Im Gar nicht so fernen Osten,
Einzelne, Völker und das Menschheitsganze

die beiden Artikel von Anton Kimpfler und weiter Kurznachrichten und Beiträge finden sie nur in der gedruckten Ausgabe

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Gegen die größte Privatisierung des Jahrzehnts

Auf dem Bodensee-Treffen von attac in Konstanz hielt Hendrik Auhagen ein Referat zum geplanten Börsengang der Bundesbahn. Da dies mich überzeugte, dass dieser Börsengang die größte Verschleuderung öffentlichen Eigentums ist (also unseres Eigentums) möchte ich hier versuchen die Argumente gegen die Privatisierung der Bahn zusammenzufassen.

200.000 Beschäftigte und viele Millionen Bahnbenutzer von Flensburg bis Konstanz sollen unwiderruflich der Willkür der Kapitalmärkte ausgeliefert werden. Denn mit dem für 2007 geplanten Börsengang findet die eigentliche Privatisierung statt. Wenn auch nur ein kleiner Teil der bisher noch zu 100% dem Bund gehörenden Bahn-Aktien an die Börse geht, wird allein das Aktionärsinteresse die Bahn regieren. Dann kann der privatisierungswütige Bahnchef Mehdorn völlig frei schalten bei Streckenstilllegungen und unsozialen Fahrpreiserhöhungen, ohne dass er noch mit einer Intervention der Bundesregierung rechnen muss.

Die Privatisierung der britischen Bahn 1994 hat zu einem solchen Chaos bei Fahrpreisen und Fahrplänen sowie zur Verlotterung des Schienennetzes mit einem dramatischen Anstieg der schweren Unfälle geführt, dass heute 80% der Briten für die Wiederverstaatlichung der Bahn sind. Im Gegensatz dazu befindet sich das wohl beste Bahnsystem der Welt in öffentlichem Eigentum, nämlich das der Schweiz mit einem einzigen einfachen Preissystem, einem enorm dichten Taktverkehr und großer Beliebtheit bei den Schweizern. Nicht Profitabilität ist das Ziel der Schweizer Bahnen, sondern die optimale Versorgung der Gesellschaft, wobei der natürlich wichtige Aspekt der Kostengünstigkeit nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich gesehen wird. Denn durch Umsteigen möglichst vieler Menschen auf die Bahn wird z.B. an Folgekosten des Autoverkehrs gespart.

Ganz anders die Deutsche Bahn AG. Um die teuren Hochgeschwindigkeitszüge voll zu kriegen, wurde unter Mehdorn das erfolgreiche und kostendeckende Interregio-Netz vollkommen zerschlagen, Hunderte von Städten vom komfortablen Fernverkehr abgehängt und die Kunden in verspätungsanfällige Umsteigeverbindungen und in unkomfortable Regionalzüge gedrängt. Dass dabei viele Menschen aufs Auto und in den Flugverkehr gedrängt wurden, interessierte weder Rotgrün und schon gar nicht Mehdorn. Wenn eine Privatgesellschaft mit weniger Passagieren in wenigen, aber dafür vollgedrängten und teureren Zügen Profit machen kann, dann kann es der Börse nur Recht sein.

1994 wurden der neugegründeten Deutschen Bahn AG die umgerechnet 25 Milliarden € Schulden erlassen, die die Bundesbahn in 45 Jahren angesammelt hatte – zum Teil auch deswegen, weil sie viele Leistungen gratis für den Bund übernommen hatte. Ungefähr genausoviel Schulden hat die Deutsche Bahn AG in nur 10 Jahren neu aufgehäuft, trotz deutlich höherer Bundeszuschüsse, trotz der Entlassung der Hälfte des Personals und einer in Teilberechen deutlichen Qualitätsverschlechterung. Dieses katastrophale Ergebnis der Börsenorientierung, das nur durch große Geschenke an Anleger geschönt werden kann, wird nicht thematisiert.

Die Bahnprivatisierung wird damit begründet, dass eine Bahn im öffentlichen Eigentum „dem Steuerzahler zu teuer" kommt. Tatsächlich gehen alle Privatisierungsmodelle davon aus, dass der Staat nach der Privatisierung ähnliche Summen für das System Schiene ausgeben muss wie vor der Privatisierung. Dies deckt sich mit den Erfahrungen in Großbritannien oder Schweden, wo die staatlichen Leistungen nach den Privatisierungen sogar anstiegen. Hierzulande liegt der Betrag, der jährlich in das System Schiene fließt, zwischen 12 und 15 Milliarden Euro im Jahr (Regionalisierungsgelder, Investitionen in das Schienennetz und Ausgleichszahlungen über das BEV/Bundeseisenbahnvermögen). Im Fall einer Bahnprivatisierung ist der Einfluss auf die Verwendung dieser Gelder allerdings weit geringer als heute. Also: Gleiche Staatsknete – weniger Einfluß. Es lässt sich einwenden: Bund und Länder nehmen auch derzeit kaum Einfluss auf die Verwendung der Gelder für das System Schiene. Doch das ist kein überzeugendes Gegenargument. Derzeit könnten sie Einfluss nehmen. Nach einer Privatisierung können sie eigentumsrechtlich (z.B. bei den Mitteln für den Nahverkehr) kaum mehr Einfluss nehmen, auch dann nicht, wenn sie wollten.

Und wo sollen sich denn die Anleger die 10% Rendite herausschneiden - vom Bahnbenutzer durch Preiserhöhungen, durch den Wegfall von Zügen, um die restlichen Fahrgäste nach Mehdorn-Manier in Mallorca-Flieger-Enge zusammenzupressen, durch noch weniger Personal und damit noch mehr Wartungspannen und Verspätungen, durch Ein-Euro-Eisenbahner, durch Streckenstilllegungen?

Und wie verträgt sich die Übertragung des teuren rollenden Materials, mit Lebenszeiten von 20 und mehr Jahren und einer entsprechend langfristigen Kapitalanlage, mit dem Ziel der „Heuschrecken", innerhalb von wenigen Jahren das eingesetzte Kapital zu amortisieren – also z.B. nach spätestens 5 Jahren das eingesetzte Kapital wieder verdient zu haben? Das geht nur dann, wenn die Anleger das rollende Material weitgehend geschenkt bekommen! Der Wert des Bahnbetriebs – vor allem des rollenden Materials (Loks, Waggons, Triebfahrzeuge usw.) liegt bei einem Vielfachen dessen, was beim Verkauf der Bahnverkehrsgesellschaften (DB Regio, DB Reise & Touristik, DB Railion oder Schenker) erzielt werden soll. Dieser Wert wird auf 40 Milliarden Euro geschätzt. Der reine Erlös bei einem Bahnbörsengang ohne Netz wird mit 4 bis 7 Milliarden Euro angegeben. Real sollen also gut 30 Milliarden Euro verschenkt werden.

Auf den schnellen Profit gepolte Gesellschaften werden – wie in Großbritannien - das Material bis zum Verschleiß abfahren und dann den Verkehr entweder einstellen oder vom Staat Subventionen fordern. Die privaten Bahnen in den USA haben den Personenverkehr fast auf Null herunter"gefahren", privatisierte Bahngesellschaften wie diejenige in Argentinien oder Bolivien haben das Netz auf ein Viertel reduziert.

Auch die Privatisierer sagen klipp und klar, dass im Fall eines Börsengangs die Schiene weiter im Verkehrsmarkt an Boden verliert. Pointiert gesagt ist das auch das Ziel der Privatisierung, weswegen u.a. die Unternehmerverbände Deutsche Industrie- und Handelstag und Bundesverband der Deutschen Industrie, die in erheblichem Maß von der Autoindustrie bestimmt werden, für eine Privatisierung der Bahn ohne Netz eintreten.

Der Grund für diese Entwicklung liegt in den Bedingungen des Verkehrsmarkts, mit denen systematisch der Straßen- und Luftverkehr begünstigt wird. So gibt es einen ständig größeren Straßenbau und ein fortgesetzt reduziertes Schienennetz. Grundsätzlich gilt: Wenn in einem Markt mit derart ungleichen Bedingungen nur eine formale Gleichheit hergestellt wird, dann wird der strukturell Schwächere, die Schiene, noch schwächer gemacht; die strukturell Stärkeren, Straße und Luft, werden gewinnen. Privatisierung der Bahn aber heißt, dass die strukturell schwache Bahn ohne jeden Schutz – ohne öffentliches Eigentum und ohne größere Möglichkeit der verkehrspolitischen Einflussnahme – in direkte Konkurrenz zu den strukturell Starken tritt.

Und damit verliert die Öffentlichkeit nicht nur viel Geld, sondern auch Einfluss auf die Grundausrichtung der Verkehrspolitik. Dem Straßenverkehr darf nicht die Zukunft gehören. Mit einem Börsengang der Bahn jedoch werden oben angedeutete Prozesse dazu führen, dass die Menschen wieder auf das Auto umsteigen: Flächenverbrauch, Abgase, Verlust von Lebensqualität werden die Folge sein. Das dürfen wir nicht unwidersprochen hinnehmen.

Ein Bündnis gegen die Privatisierung der Bahn bildet sich. An „Bahn-für-alle" sind derzeit beteiligt: Attac, Bahn von unten, Bürgerbahn statt Börsenbahn, NaturFreunde Deutschlands, Robin Wood, Umkehr e.V. . Das Aktionsbündnis "Bahn-für-alle" will Umweltbewegung, Fahrgastverbände, Gewerkschaften und die Friedensbewegung dafür gewinnen, mit lokalen und bundesweiten Aktionen gegen die Zerschlagung und Privatisierung der Deutschen Bahn AG aktiv zu werden.

Bahn-für-alle fordert dazu auf, sich für eine wirkliche Verkehrswende, für eine konsequente Politik für die Schiene und damit für eine Bahn für alle zu engagieren.

Inhaltliche Fragen, Presse: Hendrik Auhagen, Telefon: 0171-2855064. www.Bahn-fuer-alle.de

Dieter Koschek

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Kriegerisches Rechtsverständnis

Es war ein beachtlicher Schritt, die zunehmende Verstrickung der Vereinigten Staaten von Amerika in üble Quälereinen von Gefangenen, manchmal bis hin zum Sterben, formell zu beenden. Selbst der Geheimdienst ist nun gehalten, die vom Kongress beschlossenen Vorlagen zu respektieren. Zunächst schien es so, daß Präsident George W. Bush sein angedrohtes Veto gebrauchen würde. Doch dann verzichtete er, wohl aufgrund von Analysen, die ihn dann als "Folterbefürworter", weiteres Ansehen verlierend, zeigten.

Als treibende Kraft hinter den neuen Gesetzeslage stand der republikanische Senator John McCain, welcher als Soldat in nordvietnamesischer Gefangenschaft selber jahrelange Torturen durchlitten hat, in deren Folge er noch teilweise gelähmt ist. Im Jahre 2000 war John McCain ebenfalls um die Präsidentschaft bemüht, wurde aber, wie es heißt, von der Gruppe um George W. Bush mit unlauteren Mitteln verdrängt. Erst 2004 überwand er seinen Groll und sagte dem Präsidenten Bush seine Unterstützung zu.

Einen weiteren Einschnitt musste die Regierung hinnehmen, als der Kongress eine unbefristete Verlängerung der Anti-Terror-Gesetze verweigerte, des sogenannten „Patriot-Act". Das war infolge der Anschläge auf die beiden Hochhäuser in New York sowie auf das Gebäude des Verteidigungsministeriums erlassen worden. Die Regierung hatte das als Anlass genommen, einen unbeschränkten "Krieg gegen den Terror" auszurufen und sich dazu die nötigen Vollmachten vom Kongress geben lassen. Das Pendant zu der Einschränkung der Bürgerrechte im eigenen Land waren die Kriege in Afghanistan und im Irak. Besonders im letzteren folgt jetzt allerdings eine Ernüchterung nach. Dem angedrohten weltweiten Eingreifen sind bereits hier enge Grenzen gesetzt. Es ist fraglich, wie lange sich die Amerikaner noch dort halten werden.

Was durch solche Eroberungszüge allerdings losgetreten wurde, ist ein umfassender Aufruhr in der islamischen Welt. Infolge des rabiaten Vorgehens des Westens werden Gegenpositionen eingenommen, die sich vor allem um eine strenge Auslegung des Korans drehen. Da wo fundamentalistische "Hardliner" und Einpeitscher das Sagen haben, nimmt eine konfrontativere Haltung gegenüber dem Westen zu.

Das unbedachte Imperiums-Gehabe der Bush-Regierung hat die Welt unsicherer gemacht und es bedarf vieler Anstrengungen, einen gewissen Ausgleich wieder zu erlangen. Orient und Okzident benötigen Verständnis und Verständigung anstelle eines plumpen "Einander-Bekämpfens".

Jürgen Kaminski

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UNO reformieren

Eine Reform der UNO scheint daher unerlässlich. Kofi Annan hat die Vorarbeiten für eine grundlegende Umgestaltung der Organisation angekündigt; die noch immer zu_ stark vom Klima der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt ist. Wir brauchen ein „San Francisco II", eine neue konstituierende Konferenz. Zu den drei wichtigsten Veränderungsvorschlägen gehört eine Aufstockung der Zahl der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats. Deutschland und Japan müssen in dem Weltdirektorium ebenso ihren Platz finden wie die regionalen Mächte: Indien für Asien, Brasilien für Lateinamerika, Südafrika für den Schwarzen Kontinent, Ägypten für die arabische Welt. Denkbar wäre auch eine Einbindung der regionalen Großorganisationen: der Afrikanischen Union, der Organisation der amerikanischen Staaten sowie einer noch zu gründenden asiatischen Organisation. Bei einer Erweiterung des Sicherheitsrats muss man auch über die Zukunft des Vetorechts neu reden.

Zweitens wird die Schaffung eines Wirtschaftssicherheitsrats ins Auge gefasst, der sich mit Entwicklungsfragen und der Verschuldung der armen Länder befasst. Und drittens soll eine zweite, beratende Versammlung mit Vertretern der Zivilgesellschaft geschaffen werden, von Bürgervereinigungen, Gewerkschaften sowie Organisationen aus Wissenschaft, Kultur, Umweltschutz usw. Diese drei Maßnahmen wären ein entscheidender Schritt, um die UNO aus ihrer Erstarrung zu lösen. Sie würden ihr die Autorität und Effizienz verschaffen, die sie so dringend braucht.

Ignacio Ramonet
In Le monde diplomatique Mai 2005

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Biopiraten ausgebremst

Cupuaçu darf wieder beim Namen genannt werden – das Patent wurde abgelehnt.

Im Jahr 2003 machte ein brasilianischer Aktivist die BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie auf den Skandal aufmerksam: Die Tropenfrucht Cupuaçu, in Brasilien bekannt und wegen ihrer vielfältigen Nutzbarkeit geschätzt, war Gegenstand eines doppelten Biopiraten-Angriffs geworden: Der Name gehörte als eingetragene Marke

plötzlich einem japanischen Unternehmen, das zudem einen Patentantrag auf die Nutzung der Fruchtkerne gestellt hatte.
In Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von Kleinbauern, Früchtesammlern und Familienbetrieben aus der Amazonasregion startete die BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie die Protestaktion „Naschen gegen Biopiraterie". Beim Kirchentag in Berlin, über die Presse und direkte Kontakte wurden schnell mehrere Dutzend Weltläden als Partner gewonnen. Sie verkauften „illegalerweise" Cupuaçu-Pralinen unter dem richtigen Namen. Politische Information gab es gratis dazu. Die Mischung kam gut an. Über 5.000 Unterschriften bekräftigten schließlich die Einwendung gegen den Patentantrag: Die „Erfindung" der schokoladeähnlichen Cupulate ist ein klarer Fall von Biopiraterie, denn das Verfahren ist seit langem in Brasilien bekannt.

Zur Übergabe beim Europäischen Patentamt in München reiste ein brasilianischer Aktivist samt riesigem Transparent an, das auch schon in Brasilien den Protest unterstrichen hatte. Im Sommer 2005 konnten dann endlich alle Beteiligten ausgiebig feiern: Das Europäische Markenamt löschte die Marken-Eintragung des Namens „Cupuaçu". Zudem erklärte das Europäische Patentamt die Patentanmeldung auf die Verarbeitung der Fruchtkerne der Cupuaçu zu schokoladeähnlicher Cupulate für hinfällig.

Das Kapitel „Biopiraterie an Cupuaçu" ist abgeschlossen und macht Mut – der Streit gegen die Privatisierung genetischer Ressourcen und einheimischen Wissens geht weiter.

BUKO-Agrarkoordination, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg,
www.biopiraterie.de info@biopiraterie.de

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»Protestsparen«

163.000 € zinslose Darlehen erbringen 12.000 € für Anti-Atom-Kampagne

Die Idee des Protestsparens besteht darin, Kampagnen sozialer Bewegungen zu unterstützen, die sich der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Politik der Großen Koalition in den Weg stellen. Die Bewegungsstiftung hat während der ersten 100 Tage der neuen Bundesregierung für zinslose Darlehen geworben – so genannte Protestsparbriefe –, um mit deren Zinserträgen die Arbeit der sozialen Bewegungen finanziell zu fördern.

35 ProtestsparerInnen haben bis zum 3. März 2006 eine Darlehenssumme von insgesamt 163.000 Euro eingebracht. Dieses Geld ist nun für vier Jahre in ethisch-ökologische Sparbriefen bei der GLS Gemeinschaftsbank e.G. angelegt. Es wird Zinserträge in Höhe von 12.000 Euro erbringen. Unter den ProtestsparerInnen wurde eine Umfrage durchgeführt, um zu entscheiden, welche der fünf für die Förderung nominierten Kampagnen ihrer Meinung nach gefördert werden sollten. Als klarer Favorit ist die Kampagne „Mal richtig abschalten – VerbraucherInnendruck gegen AKW-Laufzeitverlängerungen" aus der Abstimmung hervorgegangen. Der Stiftungsrat hat daher beschlossen, diese Kampagne mit 12.000 Euro zu fördern. Die Kampagne will die Stromkonzerne durch Kündigung von Verträgen so unter Druck setzen, dass sie ihr Vorhaben aufgeben, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern, vor allem die der AKW Brunsbüttel, Biblis und Neckarwestheim, die spätestens bis 2009 stillgelegt werden sollen. Die Kampagne will erreichen, dass PrivatkundInnen, Firmen und Kommunen ihre Geschäftsbeziehungen zu Eon, RWE, Vattenfall und EnBW „abschalten".

X-tausendmal quer – überall, Sternschanze 1, 20357 Hamburg, Fon: 040 / 40 18 68 48, Fax: 040 / 40 18 68 47, email: info@X1000malquer.de, www.X1000malquer.de

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Bedingungsloses Grundeinkommen für alle

Freiheit ist das oberste Gebot der denkenden Menschen. Wenn wir nicht frei sind in der Möglichkeit der Meinungsäußerung, der Bildung, der Lebensumstände, dann stimmt etwas nicht. Dann stimmt die Bestimmung der Menschen im Verhältnis zu anderen Menschen nicht. Der Nichtfreie ist abhängig von einem anderen.

Das widerspricht dem Prinzip der Gleichheit des Menschen vor dem Recht. Dieses Prinzip kann doch keiner wirklich verneinen, oder?

Und um diese Freiheit zu erlangen ist es notwenig, dass jeder Mensch, der dies will, auch Zugang zu den Bildungsmöglichkeiten der Gesellschaft hat.

Die aktuelle Pisastudie zeigt deutlich, dass Menschen aus Schichten, die nicht über ein ausreichendes Einkommen verfügen, einen Zugang zu einer universitären Ausbildung weniger haben. Es geht nicht an, dass nur besonders Begabte ein Stipendium erhalten, weil ein Anderer diese Begabung erkennt und dann fördert. Der einzelne Mensch muss seine Begabung gemeinsam mit anderen in der Schule entwickeln und entdecken können. Und danach selber entscheiden, ob er die Anforderungen an eine weitere höhere Bildung erhalten kann oder will.

Auch darf der Zugang zu Bildung nicht davon abhängig gemacht werden, ob diese Bildung benötigt wird. Dies kann keiner feststellen, welche Bildung eine Gesellschaft benötigt oder ob diese bestimmte Bildung gar schädlich sein könnte. Auch hier werden andere Menschen, die vermutlich in dem Genuss einer Bildung sind, darüber entscheiden wollen, ob andere Menschen ebenfalls diese Bildung erhalten sollen.

Eigentum ist ein weiteres wichtiges Mittel um die Freiheit eines anderen Menschen auszuschließen. Nicht nur die angedeutete Verweigerung einer bestimmten höheren Bildung ist hier zu nennen, sondern auch noch weitgehender der Erhalt des Lebensrechtes. Dass bereits seit Jahrhunderten Boden zum Privateigentum erklärt wurde (was zumeist durch Macht und Gewalt genommen wurde), beschränkt für andere Menschen das Lebensrecht. Jeder Mensch muss soviel Boden bearbeiten können, dass er für sich und seine Familie (wie auch immer) genügend Essen, Wohnraum und Wärme zur Verfügung hat. Dies ist heute nicht mehr der Fall, eine Wohnung im 4. Stock reicht zum Anbau notwendiger Lebensmittel nicht aus. Auch den Umstand der Wohnung kann der Mensch nicht aus eigener Arbeit erwirken, sondern er muss diese mieten. Und die Miete muss er bezahlen mit Geld, das er bei anderen erwirbt, da er nicht mal in der Lage ist eine Werkstatt zu betreiben.

Diese Ungerechtigkeit hat sich bereits seit Jahrhunderten gefestigt und gilt in unserer Welt als Naturgesetz - was ich bestreite. Das menschliche Naturgesetz muss lauten, dass jeder Mensch das Recht hat, ohne von anderen abhängig zu sein, leben zu können, also Nahrung, Wohnung und Wärme zu haben.

Gleichheit

Jedem Menschen steht das gleiche Recht zu. Was ein Deutscher darf, muss ein Kenianer auch dürfen. Oder ein Peruaner hat das gleiche Recht wie ein US-Amerikaner. Wenn ein Deutscher Reisefreiheit und Niederlassungsmöglichkeiten hat, dann muss das für jeden anderen Menschen auf dieser Welt auch gelten. Natürlich sind die Bedingungen nicht die gleichen, was nicht die gleichen Ausprägungen haben kann, aber in der Formulierung des Rechtes kann es keine Unterschiede geben.

Die Arbeiterinnen in den Freihandels- oder Produktionszonen in Guatemala, in Indonesien, auf den Philippinen werden unter der Formel „Recht auf Arbeit" ausgebeutet und entrechtlicht. Wenn dies für alle gilt, dann muss es andersherum auch überall auf der Welt ein Recht auf ein auskömmliches Leben geben.

Verantwortung

Mit Verantwortung möchte ich bezeichnen, was die Trikolore perfekt machen wird. Das Wort brüderlich ist nicht geeignet die Beziehungen der Menschen untereinander im Tätigsein zu bezeichnen. Dagegen ist Verantwortung ein sehr geeigneter Begriff. Menschen arbeiten, sind unternehmerisch tätig oder treten in soziale Beziehung, in Verantwortung. Unschwer zu erkennen ist, das dieser Begriff aber auch unterschiedlich interpretiert wird. Wer definiert, was für andere verantwortliches Handeln ist. Der Unternehmer, der 10 000 Mitarbeiter entlässt beruft sich darauf Verantwortung für die anderen 40 000 übernommen zu haben. Ich verstehe jedoch Verantwortung als etwas, das für etwas Gesamtes übernommen wird, also nicht nur für Teile eines Ganzen. Verantwortung kann ich nicht nur für meine eigenen Interessen übernehmen, sondern Verantwortung für die Gesellschaft oder ein Ganzes ist zu übernehmen. Und damit eingeschlossen ist die Natur, die natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Verantwortung zu übernehmen, muss einem auch ermöglicht werden. Ich kann nur verantwortlich sein, wenn ich die Möglichkeit habe. Wenn ich weiß, was Verantwortung sein kann, und wenn ich erkennen kann, was für eine Gesellschaft oder ein Ganzes notwendig ist. Wenn ich mit dem Überleben in einer kapitalistischen Gesellschaft beschäftigt bin, in der Leistung, Konkurrenz und Warenförmigkeit des gesamten Lebens herrscht, ist über Verantwortung schlecht zu sprechen.

Nachhaltigkeit, Verantwortung für die Kindeskinder, die kommenden Generationen, sind Stichworte. Der verantwortliche Unternehmer, der eben die 10 000 entlassen muss, bürdet der Gemeinschaft ja die Folgekosten seiner Entscheidung zuminderst zum Teil und langfristig sicher auf. Verantwortliches Handeln heißt in diesem Fall auch, die eingeheimsten Gewinne aus seinem Unternehmen der Gesellschaft zu überlassen. Aber wer weiß, wo die Kohle inzwischen ist?

Eine verantwortliche Wirtschaft dient den Bedürfnissen der Menschen, also hier in erster Linie den Grundbedürfnissen wie Essen, Wohnen, Wärme. Darüber hinaus auch weiteren Bedürfnissen, die jedoch immer in Abwägung zu einer Nachhaltigkeit stehen müssen. Dies ist am einfachsten zu gewährleisten, wenn sich verantwortliches Wirtschaften in einem regionalen Rahmen abspielt, also Waren in einer Region hergestellt werden, die die Bedürfnisse von Menschen in einer Region befriedigen kann. Erst in zweiter Linie sollen dann regionale Besonderheiten zur Geltung kommen, also Waren produziert werden, die dann in andere „Regionen exportiert werden können".

Eine solche Wirtschaftsweise setzt natürlich auch einen bewussten Konsumenten voraus, der diese Wirtschaftsweise unterstützt und schätzt, der sich darüber bewusst ist, welche Bedürfnisse er hat und welche ihm aufgeschwätzt worden sind. Ein solches Denken setzt nicht den Spartanismus voraus, sondern denkt an ein mehr geistiges genussvolles Leben.

Also was tun?

Ich denke es gibt hier verschiedene Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen, und die einzelnen Schritte auf dem Weg dort hin müssen sich ja nicht gegenseitig ausschließen oder gegenteilig wirken. Vielmehr sind hier alle Schritte notwenig um diesem Ziel, was wir heute noch lange nicht erreicht haben, näher zu kommen.

Eine Möglichkeit ist Bildung zum Beispiel kostenlos zu gewähren. Da waren wir schon einmal wesentlich näher dran. Studiengebühren und ein unzureichendes Bafög schließen hier das Freiheitsrecht aus.

Dazu gehören natürlich auch andere Dinge, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden müssen, Krankendienste z.B. oder einfach auch kostenloser öffentlicher Verkehr. Dies kann sogar soweit gehen, dass ein weiteres Mittel, eine andere Form von Wohnrecht ist. Jeder hat ein Recht auf Wohnen und wenn es nicht anders geht, dann stellt man ihm eine kostenlose Wohnung zur Verfügung. Auch hier ist die Frage nach dem Privateigentum verwurzelt. Wie ist es möglich, dass bestimmte Menschen keine eigene Wohnung haben, andere hingegen über hunderte verfügen können. Wenn wir diese Kette zu Ende denken wollen, dann brauchen die Menschen nur noch eine kleine Restmenge an Tauschmittel, um besondere individuelle Bedürfnisse zu befriedigen.

Eine andere Möglichkeit ist es, diesen Menschen eine bestimmte Menge Geld zur Verfügung zu stellen und ihnen damit zu ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Das heißt hier ist ein Grundeinkommen zur Verfügung zu stellen, das nicht mit Bedingungen verknüpft sein darf, damit dieser Mensch Nahrung, Wohnung, Wärme und weitere Güter des gesellschaftlichen Lebens erlangen kann.

Zwischen diesen beiden Möglichkeiten gibt es sicher Kombinationsmöglichkeiten.
Sicher ist aber, dass dies bedingungslos und für alle gelten muss.
Bedingungslos meint:

1. Ein individueller Rechtsanspruch – keine Bedarfsgemeinschaft
2. Existenzsichernd und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichend
3. Keine Bedürftigkeitsprüfung
4. Kein Arbeitszwang

Alle meint alle Menschen weltweit

Bewegungen für ein Grundeinkommen gibt es in Südafrika, Brasilien, Namibia, Irland, Alaska, Frankreich, Österreich, und viele andere.

Dieter Koschek

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Wer ist mein Bruder, meine Schwester?

Kein einziger Krieg kann mehr gewonnen werden, denn dem heutigen Bewusstsein lassen sich die unheilvollen Folgen nicht mehr verbergen. Wir haben nicht umsonst Geschichtsstunden gehabt und gegen Atomwaffen demonstriert, Blumen in unseren Haaren getragen für den Frieden in einer Epoche, wo immer mehr Leute tägliche Portionen Blut und Gewalt in den Medien erfuhren, bis sie sich davor ekelten. Die ökonomischen Absichten von Regierungschefs werden verabscheut, die hinters Licht führende Sprache der Minister und Staatssekretäre wird durchschaut.

Vielleicht können Christen auch etwas von den Moslems aufnehmen. Das sind oft tiefgläubige Leute, sehr bewusst, gastlich und nicht misstrauisch. Viele haben nicht den Hochmut der westlichen Wissenschaftler. Es gibt auch weibliche Moslemtheologen, die dem westlichen Feminismus entgegenkommen. So läßt sich wohl kaum noch sprechen von einem Unterschied zwischen Moslems und Christen, außer auf orthodoxe, reaktionäre Weise. Ich glaube, dass die weltanschauliche Erstarrung verschwindet. Auch ein Jude kann einig sein mit einem guten Christen, wenn er Nächstenliebe ausübt.

Einige Monate war ich als Niederländischlehrer angestellt an der marokkanischen Moschee von Maastricht. Ich habe nur Herzlichkeit erfahren, sowohl bei der ersten als zweiten und dritten Generation. Ich ging oft nach Hause mit Taschen voller Oliven und türkischer Brote, die ein Gemüsemann mir umsonst mitgab. Wohl hörte ich viele Klagen über Diskriminationen, die auch andere Einwanderer in der Stadt betrifft. Es gibt viel Probleme in Bezug auf die Integration. Die Behörden haben wenig bis gar nichts getan, um die neue Sprache gut zu lehren. Das Interesse für andere Kulturen war sehr beschränkt. Man betrachtete die Ausländer als ungebildet und gefährlich.

In Venlo ist ein Mann von dem Sohn eines Einwanderers totgetreten worden. Der Einwanderer und seine Frau sprechen kein Niederländisch. Die Regierung ist mitschuldig daran, weil sie sehr wenig gegen die Sprachprobleme von Kindern ausländischer Herkunft getan hat. Eine ganze Generation kann kaum mit ihren Eltern sprechen. Die einen sprechen gut Arabisch, die anderen Niederländisch. Aber sie beherrschen die Sprache der anderen nicht.

Man sieht gerne herab auf Frauen, welche die Waschmaschine nicht kennen und ihr eigenes Alphabet nicht zu lesen vermögen. Ich selber habe die Analphabeten als die nettesten Leute erfahren, vielleicht weil ich viel Kontakt bekam mittels Rollenspiel, Gebärden und eigenes Illustrationsmaterial herstellte.

Natürlich schildere ich dies positiv, als ein warmes Willkommen für Ausländer. Auch ich habe Kriminalität erfahren mit Einwanderern. Doch ist es nicht nur ihre Schuld, wenn die Häuser so schlecht und billig sind, dass Türen leicht eingetreten werden können. Die Behörden haben nur einen Blick für Arbeitende. Es macht ihnen aber nichts aus, was für eine Arbeit, wenn es nur Geld einbringt. Sport statt gute Kunst und Literatur wird subventioniert. Wo zusätzlicher Vandalismus entsteht, so dass die Probleme den Fußballverbänden über den Kopf wachsen. Für die Einkommensschwachen ist ein Konzertbesuch nicht zu bezahlen – wenn sie überhaupt den Unterschied zu einer elektronischen Aufnahme kennen.

Die Uneinigkeit, die jetzt in der Welt herrscht, kann dennoch ein hoffnungsvolles Zeichen sein. Es gibt Leute, die proamerikanisch waren, in New York lebten und nun aufwachen. Die Leute, die gegen den Krieg sind, sagen durchaus auch, dass sie gegen Diktatur und Folter überall sind. In dem Chaos und den Auseinandersetzungen um das Völkerrecht dämmert doch etwas Neues. Soll man sein Leben riskieren nur für ein paar Fässer Öl, um die Wirtschaft aufrechtzuerhalten, ohne spirituelle Ziele zu haben?

Ich höre noch immer den Gebetsaufruf aus der Moschee. Der Sänger hielt seine Finger auf die Schläfen, aus voller Kehle mit klarer Stimme jene typischen östlichen Tonleitern singend, die man auch mal bei Zigeunermusik oder hebräischen Liedern hört. Wenn der Christ nur auf seinen Geldbeutel achtet und auf seinen wohlgenährten Bauch, dann sollte er auch wachgerüttelt werden. Wer seine Augen richtig öffnet, nicht nur in Holland, sieht eine Mischung von Kulturen und Völkern. Fürchtet er, dass er seine sogenannte Identität verliert? Was ist jene? Ist das die Sprache der modernen Technologie? Ist das die populäre Musik? Ist das die politische Leitung?

Identität ist etwas anderes, als viel meinen. Die gegenwärtige Kultur strebt nach Interesse für den anderen und Verständnis. Sie hat wenig zu tun mit alten Kulturen. Diese alten Kulturen können ruhig bewundert und dargestellt werden. Computer und Mobiltelefone hingegen sind überall gleich. Darin kann die Besonderheit einer Kultur nicht liegen. Es soll etwas Neues anfangen, auch nachdem die Behörden sich zurückziehen aus Wirtschaft und Geistesleben. Daran können verschiedenste Menschenkreise mitwirken mit jeweils eigenen Gesicht:

Moslems, Juden und Christen sollen jetzt miteinander reden, leben, arbeiten. Das geschieht auch schon im kleinen Stil. In Amsterdam werden zum Beispiel Begegnungen organisiert zwischen Palästinensern und Israelis. Sie essen zusammen und versuchen auf eine ruhige Weise ihren Standpunkt darzulegen. Sie sind noch keine Freunde, aber sie hören sich zu.

Die Weltereignisse, die bis ins Wohnzimmer hereintreten, führen zu heftigen Emotionen und auflodernden Leidenschaften. Eine äußerliche Registrierung von Tatsachen kann jedoch nie die Erlebnisse ersetzen, welche das Herz und die Seele der Menschen berühren. Die Nachrichten sind kein wahres Welt-Erlebnis, nur ein Geschrei oder ein vages Blitzlicht.

Jetzt spielt auch Nordkorea mit seinem Kriegsgerät. Aber was ist Nord-Korea? Wer sind die Leute in jenem Land? Was für eine Geschichte hat dieses Gebiet? Bis zu dem Augenblick, in dem man einer Frau oder einem Mann aus Korea begegnet, bleibt das Land undeutlich. Vielleicht will jener Koreaner mir etwas erzählen von seiner Familie, dem Leben, dass er dort führte, wenn er nicht Fernsehen guckt, ein Fußballspiel besucht oder wegen eines neuen Autos nörgelt.

Es sind noch viele Hindernisse zu überwinden. Wenn jemand Glücksspiel mit mir machen will oder Fernsehen schauen, kann ich damit schlecht zurechtkommen. Auf diesen Gebieten habe ich keine guten Erfahrungen. Bei diesem Amusement hat man kaum Gelegenheit, um echt miteinander zu kommunizieren. Am liebsten höre ich die Erfahrungen anderer unmittelbar aus ihrem Mund.

Tom Becks

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Für alle das Beste

Im Rahmen der Vernetzungsarbeit von „Unternehmensgrün" (grünnaher Unternehmerverband) in Oberschwaben haben wir die Firma Dritte-Welt-Partner (dwp) in Ravensburg besucht. Dieser Dritte Welt Importeur besticht durch sein umfassendes Engagement für einen sozialen, fairen und umweltfreundlichen Betrieb. Der geschäftsführende Vorstand, Thomas Hoyer, führte uns in die Besonderheiten des Betriebes ein.

Fairer Handel

dwp wurde 1988 von mehreren Weltläden der Region Oberschwaben als dritte-welt partner GmbH gegründet. Seitdem steht in der Art, Fairen Handel zu betreiben, die Persönlichkeit und Einzigartigkeit der Menschen im Vordergrund. Inzwischen verbinden sich in partnerschaftlichen Handelsbeziehungen mehr als 60 Produzentengruppen und den darin zusammengeschlossenen zehntausenden von ProduzentInnen und KleinbäuerInnen.

Bei den Importen aus weltweit 30 Ländern liegt dwp besonders ein transparenter Handel, bei dem die Wege vom Produzent bis zu den Kunden jederzeit nachvollziehbar und kontrollierbar sind, am Herzen. Daher ist die Weitergabe von sachlich fundierten Informationen über die ProduzentInnen, deren Lebenssituation und ihre Herstellungsmethoden sehr wichtig. Durch offene Kommunikation und regelmässige Besuche erhält dwp aktuelle Informationen aus erster Hand. Diese vielfältige und intensive Arbeit im Fairen Handel meistert dwp seit Jahren mit einem eingespielten MitarbeiterInnen-Team. Dabei setzet dwp speziell auf eine funktionierende Struktur, die Mitspracherecht und Eigenverantwortlichkeit fördert, als Motivation für die täglichen Herausforderungen.

Fair und bio

Manche werden sich fragen: Was ist an einem afrikanischen Graskorb denn einzigartig, was an einem allgemein bekannten Darjeeling-Tee? Zum einen: beide Produkte werden in arbeitsintensiver Handarbeit geflochten bzw. gepflückt, zum anderen: hinter dieser handwerklichen Arbeit stehen Menschen. So wählt dwp bewusst Waren für ihr Sortiment aus, die zum Beispiel von kleinen, sehr qualitätsbewussten Genossenschaften geerntet oder hergestellt werden. Dies ist auch der Fall bei den hochwertigen Bio-Kaffeesorten aus Lateinamerika, die als hochwertige reine Arabica-Kaffees importiert werden.
Der Bio-Anbau spielt zunehmend eine wichtige Rolle für das Produktsortiment. Daher hat dwp sich vor Jahren bereits für einen Weg entschieden, der die Vorteile des Fairen Handels mit denen der ökologischen Landwirtschaft verbindet – das Ergebnis ist das fair+bio-Sortiment mit unterschiedlichsten Kaffee-, Tee-, Gewürz- und Honigsorten.

fair+bio schafft es zudem, dass den ProduzentInnen eine höchstmögliche Wertschöpfung beim Anbau ihrer Ernteprodukte zuteil wird. Ähnliches gilt auch für eine Vielzahl von konventionell angebauten Erzeugnissen, die dwp oft als Fertigprodukte importiert. Die gleichbleibend hohe Qualität der Produkte der KleinproduzentInnen wird durch regelmässige Analysen unabhängiger, deutscher Labors bestätigt.

Genossenschaft

Seit der rechtsgültigen Umwandlung der ehemaligen dritte-welt partner GmbH in die dwp eG am 21.03.2005 ist bereits einige Zeit vergangen. In den letzten Monaten stellte sich oft die Frage, warum dwp sich gerade für die komplexe Rechtsstruktur einer Genossenschaft entschieden hat. Die GmbH hätte im Vergleich zu einer eG doch viele Vorteile wie z.B. kürzere Entscheidungswege, geringere Gesetzesnotwendigkeiten und einfachere Prüfungsverfahren. Das ist sicher alles richtig, jedoch hat dwp bereits seit der Gründung im Jahr 1988 immer genossenschaftliche Ziele verfolgt.

Damals wurde dwp als dritte-welt partner GmbH überwiegend von Weltläden der Region Bodensee Oberschwaben gegründet, um als Importeur und Großhändler den Fairen Handel in der Region zu fördern. Inzwischen hat sich der rechtlich beschwerliche Weg gelohnt: dwp ist nun die einzige bundesweit agierende Fairhandelsgenossenschaft. Die Idee, alle Beteiligten der Fairhandelskette in einer gemeinsamen Firma näher zusammenzubringen, ist so in Europa einmalig. Einige der Produzentenpartner sind daher auch ohne Zögern bereits Mitglied in der Genossenschaft geworden, z.B. Shay Cullen von Preda/Philippinen.

Soziale Verantwortung hier

In der Partnerschaft mit der bruderhausDIAKONIE dehnt dwp den wichtigen Grundsatz der sozialen Verantwortung für alle Beteiligten in der fairen Handelskette aus. Seit 2001 schafft dwp Arbeitsplätze für psychisch kranke Menschen, die seit langem auf eine Chance zur Wiedereingliederung ins Arbeitsleben hoffen. Inzwischen erledigen über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der bruderhausDIAKONIE im dwp-Gebäude Dienstleistungen wie z.B. das Abfüllen von Bio-Tees und Mangolikören oder Etikettierarbeiten. Als Modellprojekt für integratives Arbeiten erhält dwp dabei viel Anerkennung von allen Beteiligten.

Nachhaltigkeit

Behutsamer Umgang mit Ressourcen und ein nachhaltiger Handel ist ein Anliegen. Dafür tut dwp etwas in der Region: Für ihre Betriebe bezieht dwp ausschließlich Strom aus regenerativen Energiequellen des Regionalstromprojektes des BUND Ravensburg. Die meisten der Fahrzeuge werden mit regional angebautem Rapsöl betrieben.

Der Apfel-Mango-, Apfel-Maracuja- und Birne-Calamansi-Saft trägt als Kooperationsprodukt mit dem BUND Ravensburg und den beteiligten Obstbauern zur Erhaltung regionaler Streuobstwiesen bei. Dieses Modell einer sinnvollen Kooperation zwischen Kleinbauernfamilien in Deutschland und auf den Philippinen erhielt den ersten Preis eines Agenda-Wettbewerbes des Bundesministeriums

für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Inzwischen gibt es bereits über 25 weitere regionale Projekte in Deutschland, die erfolgreich ihre globalen Saftmischungen mit unseren Zutaten anbieten.

In Übersee geben langfristige Beziehungen und regelmäßige Abnahmemengen den Partnern Sicherheit für Planungen in die Zukunft. Durch Zahlung fairer Preise, Vorfinanzierungen von in der Regel 50 % des Auftragswertes, Bildungs- und Gesundheitsprogrammen und Beratungen wird die Lebenssituation der Partner nachhaltig verbessert. Die Mehrpreiszahlungen für Gemeinschaftsprojekte, z.B. für den Aufbau lokaler Krankenstationen, Kindergärten, oder Kreditfonds sollen nicht nur den Kooperativen, sondern auch der ganzen Region nutzen.

Eben für alle das Beste.

Dieter Koschek

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Faire Preise für Bio-Kaffee

Im Schritttempo kämpft sich unser Bus seinen stundenlangen Weg in die kleine Ortschaft Tenango, irgendwo zwischen San Cristobal und Comitan im Zentrum des mexikanischen Bundesstaates Chiapas zwischen Tabasco und der Grenze zu Guatemala gelegen.

Die Dorfgemeinschaft hat sich herausgeputzt. Sonntagskleidung wurde angelegt, und als die Gruppe deutscher Gäste, allen voran der Kaffee-Röster Franz Niehoff und Ulrich Walter von »Lebensbaum«, in die große Dorfhalle treten, entsteht eine Stimmung, als solle ein Hochamt inszeniert werden. Obwohl die deutschen Kaffee-Experten schon seit vielen Jahren mit Bio-Kooperativen in Mexiko zusammenarbeiten und das Land regelmäßig bereisen, ist es für diese Mexikaner das erste Mal, dass sie die europäischen Aufkäufer ihres Kaffees zu Gesicht bekommen. Sie gehören zur Kooperative »La Selva«, in der heute 1500 Familien vereinigt sind, und sich dem Anbau von Bio-Kaffee verschrieben haben. »Wir wollen nicht, dass unser Land vergiftet wird«, lautet selbstbewusst die Begründung.

Olinto Jiménez Hernández, der Präsident von »La Selva«, erläutert, was Bio-Anbau hier heißt: »Natürlich verzichten wir ganz auf künstlichen Dünger und Insektizide. Gedüngt wird mit dem Fruchtfleisch der Kaffeebohnen, das wir mechanisch von den Kernen quetschen. Die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge erhalten unsere Pflanzen durch die Integration in ein natürliches Biotop.«

Die empfindliche Kaffeepflanze stellt hohe Anforderungen an Boden und Klima. Der Boden muss tief und fruchtbar, gut durchlüftet und wasserdurchlässig sein. Die Ernte ist am besten geschützt unter dem schattigen Dach von hohen Bäumen, wie sie hier von Natur aus zahlreich vorkommen.

Eines der ersten ökologischen Landbauprojekte in den Tropen war die Finca Irlanda, ganz im Süden von Chiapas, die seit 1928 Kaffeeanbau betreibt. Dort wurden die Grundlagen geschaffen, die auch »La Selva« heute beherzigt: Erhalt und Neupflanzung von heimischen Bäumen als Schattenbäume, Kompostierung aller organischen Abfälle der Anpflanzungen, keine Verwendung von Kunstdünger, Pestiziden oder Herbiziden, die Pflanzung von Leguminosen als Bodendecker und natürliche Düngung. Die Machete ist das einzige Werkzeug, mit dem Wildwuchs reguliert wird.

»Hier im Hochland, 1300 bis 1800 Meter über dem Meeresspiegel, liegen exzellente Bedingungen für Kaffeeanbau vor. Je höher die Pflanzen stehen, desto besser ist die Qualität der Säureausbildung«, erklärt Ulrich Walter, während wir mit einer Gruppe Landarbeiter die weit auseinander liegenden Parzellen besuchen und den Kaffee begutachten, der später in deutschen Bio-Läden verkauft werden soll.

Das Land der Kooperative, insgesamt weit verstreute Parzellen von 60 000 Hektar, ist nur vom Staat gepachtet, es kann bearbeitet, nicht aber verkauft werden. Die Zugehörigkeit zur Kooperative »La Selva« ist freiwillig, aber viele der Bauern in diesem Landstrich wissen die Vorteile der gemeinschaftlichen Organisation zu schätzen. So wissen sie im Voraus, was sie für die Ernte des nächsten Jahres bekommen werden, und sind nicht der Unberechenbarkeit des Weltmarktes ausgesetzt. Viel wichtiger aber dürfte noch sein, was die Bio-Kooperative »La Selva« für seine Mitglieder tut. »Viele Landarbeiter haben sich bei uns zum Agronomen ausbilden lassen, und auch die Frauen erhalten Gelder aus der Kooperative, mit denen sie sich ein Geschäft aufbauen können, zum Beispiel eine kooperative Bäckerei, die auch in Nachbarorte verkauft«, erzählt Hernández. Wo viele Bauern der Kooperative angehören, werden auch die Wasserversorgung, das Gesundheitswesen oder die Schulen gemeinschaftlich organisiert. Vielen der oft noch analphabetischen Erwachsenen wurden die Grundlagen der Bio-Landwirtschaft mit Kaffee von Beratern der Kooperative erst beigebracht. Inspektoren von »La Selva« überwachen regelmäßig die Einhaltung der Bio-Richtlinien und unterstützen die Landarbeiter. Zum Beispiel beim richtigen Zuschnitt der Pflanze. »Es ist ein hartes Stück Arbeit«, weiß Hernández, »einem Landarbeiter beizubringen, dass er seinen Baum beschneiden muss, um nachher mehr und bessere Früchte zu ernten.«

Aus „eve – Ernährung, Vitalität, Erleben", 5/2005

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Kinderarbeit in der Fussballindustrie

Nach Einschätzungen der ILO (= International Labour Organization) arbeiten weltweit ca. 250 Millionen Kinder, 120 Millionen von ihnen den ganzen Tag.

Die materielle Armut der Familien ist oft nicht die einzige Ursache für Kinderarbeit. Viele Faktoren spielen eine Rolle. So steigt in den Entwicklungsländern häufig die Kinderarbeit an, wenn die Wirtschaft boomt. Viele Beispiele dafür findet man in der Sportartikelindustrie in Pakistan.

Sialkot in Pakistan

Sialkot ist eine alte Industriestadt im östlichen Pakistan, nicht weit von der Grenze zu Indien entfernt. Während der britischen Kolonialzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts stationierte dort die britische Armee einen ihrer größten Truppenverbände. Bald wurden hier von der einheimischen Bevölkerung Sportartikel aller Art für die Soldaten repariert und schließlich auch hergestellt. Mitte der 70er-Jahre begann die Fußballproduktion in Sialkot eine wesentliche Rolle zu spielen, da sich lokale Firmen den Vertrag für "Tango", den damaligen offiziellen WM-Fußball, sichern konnten. Seitdem entwickelte sich Sialkot zum Zentrum der Weltfußballproduktion.
Etwa 75 % der Weltproduktion an Fußbällen kommt aus Sialkot, zu WM-Zeiten schätzungsweise 40 Millionen Bälle.

Kinderarbeit in Sialkot

Von den ca. 7.000 5 bis 13-jährigen Kindern in Sialkot sind ca. Zweidrittel an der Herstellung von Fußbällen beteiligt. Offiziell ist Kinderarbeit in Pakistan verboten, doch die Behörden gehen sehr nachlässig mit der Einhaltung dieser Vorschrift um. Kontrolliert werden vor allem Fabriken, die mit der Endproduktion und –kontrolle der Fußbälle beschäftigt sind, und dort ist Kinderarbeit tatsächlich nur vereinzelt feststellbar.

Die Kinder arbeiten für die kleinen Zuliefererbetriebe, teilweise in Heimarbeit, was sehr schlecht zu kontrollieren ist. Sie stellen hier die qualitativ besten Fußbälle der Welt her. Die Minderjährigen arbeiten von morgens um sieben bis spät in den Abend. Zwei bis drei Bälle schaffen die Kinder pro Tag und bekommen nur ein paar Cents dafür. Es gibt keine Stundenlöhne, die Bezahlung erfolgt nach Stückzahl. Während der Einarbeitungszeit, die 6 bis 12 Monate dauern kann, gibt es meistens gar keinen Lohn.

Die bekannten Markenhersteller lassen in Sialkot produzieren: Reebok, Dunlop, Mitre, Adidas u. a.. Die Firmen-Logos werden aus Europa geliefert und in Pakistan in die fertigen Bälle eingearbeitet.

Ca. 25.000 Menschen arbeiten in Sialkot in der Sportartikelindustrie - v.a. in der Fußballproduktion. Ein erwachsener Näher kann bei einer Arbeitszeit von 9-10 Stunden täglich 3-5 Bälle herstellen. Der Lohn dafür reicht jedoch nicht aus, um eine Familie zu ernähren oder gar ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Deshalb müssen Frauen und Kinder mitarbeiten, um zu überleben. Die meisten Familien dieser Region leben in so genannter Schuldknechtschaft. Das heißt, dass Familien sich auf Lebenszeit an einen Arbeitgeber, der gleichzeitig häufig der Kreditgeber ist, binden müssen. Da dies wegen der Wucherzinsen auch nicht ausreicht, müssen viele Eltern ihre Kinder an diesen Arbeitgeber "verkaufen".

Die Kinder in Sialkot müssen täglich viele Stunden körperlich schwer arbeiten. Gesundheitliche Schäden, wie Rücken- und Kopfschmerzen, Augenprobleme und Fingergelenkserkrankungen sind oftmals die Folge. Zudem erlaubt die Arbeitszeit und das schlechte Familieneinkommen es nicht, eine Schule zu besuchen. Deshalb lernen sie weder Lesen und Schreiben, noch haben sie die Möglichkeit einen Beruf zu erlernen.

Dies bedeutet auch, dass sie im Erwachsenenalter für Niedriglöhne arbeiten müssen und sich ihre Lebenssituation nicht verbessern wird. Eine Spirale ohne Ende, denn auch ihre Kinder werden höchstwahrscheinlich wieder mitarbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Neben den mangelnden Ausbildungschancen haben die Kinderarbeiter auch keine Zeit zum Spielen. Sie wissen nicht, dass in den westlichen Ländern andere Kinder mit diesen Fußbällen spielen und kennen auch nicht die Namen der großen Fußballstars.

Es gibt inzwischen einige Organisationen, die sich um das Schicksal der Kinderarbeiter kümmern. Diese sind sowohl in den einzelnen betroffenen Ländern, als auch weltweit vertreten. In München startete im Februar 2002 die Kampagne "made by kinderhand - München gegen ausbeuterische Kinderarbeit". Schirmherr der Kampagne ist der brasilianische Fußball-Star Giovanne Elber, der selbst als Kind bei der Orangenernte

helfen musste. Ziel dieser Kampagne ist es auf das Schicksal von Millionen von Kindern hinzuweisen, die sich weltweit bei ausbeuterischen und gefährlichen Arbeiten kaputt arbeiten. Die Kampagne beinhaltet viele Aktionen, u. a. sollen die Konsumenten zum Umstieg auf Produkte aufgefordert werden, die nicht durch Kinderarbeit hergestellt wurden. Die Stadt München hat sich per Stadtratsbeschluss im Juni 2003 als erste Stadt in Deutschland verpflichtet, zukünftig nur noch Produkte zu kaufen, die nicht durch ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden.

Das Faire Handelshaus gepa (= Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH) mit Sitz in Wuppertal ist die größte Fair-Handelsorganisation in Europa. Neben diversen Produkten werden auch fair gehandelte Fußbälle verkauft. Die Besonderheit der gepa als Handelshaus liegt darin, dass sie als GmbH nach wirtschaftlichen Prinzipien arbeitet, dabei aber auch soziale Ziele verfolgt. Die gepa will die Lebensbedingungen von Handwerkern und Kleinbauern verbessern, die durch die Strukturen ihres Landes sowie der Weltwirtschaft benachteiligt sind. Sie arbeitet mit (halb-)industriellen, engagierten Privatbetrieben zusammen, die sich zu festgelegten sozialen und ökologischen Leistungen verpflichten. So bekommen z. B. die NäherInnen Löhne, die so hoch sind, dass sie ihre Familie davon ernähren können und die Kinder nicht mehr mitarbeiten müssen.

Aus: http://www.praxis-umweltbildung.de

Kontakt: Ökoprojekt - MobilSpiel e.V., Welserstr. 23, 81373 München, Tel 089-769 60 25, Fax 089-769 36 51, www.mobilspiel.de/oekoprojekt, oekoprojekt@mobilspiel.de

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Nachrichten aus dem Eulenspiegel

Archiv Peter Schilinski
Bis Mitte Juni werden alle ausgewählten 11 000 Brief-Seiten (aus 80 000) kopiert sein, im August soll die „Brief-Datenbank" fertig werden. Vielen Dank an Ingo Mäder.

Internationales Attac-Bodenseetreffen
Sechs Gruppen des Netzwerkes attac, alle am Bodensee liegend, kamen Mitte Mai zu einem Treffen nach Konstanz. Hendrik Auhagen gab Informationen zur Privatisierung der Bahn und es kam zu einem Austausch über die Aktivitäten und Veranstaltungen der jeweiligen Gruppen. Thematisiert wurde der bundesweite Zusammenhang von attac und die Vielzahl der Kampagnen, mit denen attac in die Tagespolitik eingreift.

Seminar Grundeinkommen
Gut 60 Menschen waren der Einladung von Rainer Rappmann nach Achberg gefolgt. Ronald Blaschke stellte in seinem Vortrag den Begriff Arbeit zur Diskussion. Er griff dabei auf Hannah Arend zurück. Dieter Koschek gab einen Überblick über die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die sich derzeit mit einem bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigen. Johannes Stüttgen entwickelte in seinem Beitrag die Trennung der Arbeit vom Einkommen anhand des Kunstbegriffs. Er entwarf einen Arbeitsbegriff, der erst mal ohne Geld auskam und dem er dann den Geldkreislauf dazustellte. Er erinnerte stark an die Ideen von Wilhelm Schmundt. Ebenfalls spannend war die Auseinandersetzung eines anthroposophischen und eines materialistisch-orientierten Philosophen.

Kasperkoffer
Christoph Stüttgen gastierte mit seinem Kasperkoffer im Eulenspiegel. Er präsentierte das Märchen „Der Fischer und seine Frau", die Großmutter schaute zu und der Kasper spielte den Fisch.

Rücktritt im Vorstand
Günter Edeler ist von seinem Amt als Kassierer im Vorstand von Modell Wasserburg zurückgetreten. Für ihn war es schwierig als Mieter und Vermieter gleichzeitig zu agieren.

Brief von der GLS
Viele Freunde von Modell Wasserburg e.V. , die für einen Kredit bürgten erhielten von der GLS-Bank einen Brief mit der Bitte, ihn um ein halbes Jahr zu verlängern. Das verunsicherte einige, da der Bank-Brief als ein Ergebnis der Gespräche im Februar erst im Mai bei den Empfängern ankam.

Hartz IV
In Kooperation mit der AG SPAK, attac, der Arbeitslosenselbsthilfe und dem Club Vaudeville fanden Anfang April zwei Veranstaltungen in Lindau statt. Der Film „Neue Wut" informierte über die Protest gegen die Einführung des ALG 2, oder Hartz IV, wie das Gesetz landläufig heißt. Im darauf anschließenden Seminar informierten sich Engagierte aus Lindau über die Gesetzgebung und verabredeten sich, als Sozialinitiative das Geschehen auch in Zukunft weiterzuverfolgen und auch Stellung zu beziehen.

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Die Zukunft muss den ganzen Menschen miteinbeziehen

(Peter Schilinski, in einem Traum 2005)

Wie sieht die Zukunft des Modell Wasserburg aus? Und was ist das Modell Wasserburg überhaupt?
Durch verschiedene Anlässe hindurch diskutieren wir diese Fragen immer wieder. Eine Möglichkeit soll die Visionenwerkstatt sein (siehe dazu die Einladung). Ich möchte zu dieser Diskussion aus meiner Sicht dazu beitragen, indem ich folgende Gedanken dazu vorstelle:
Es gibt also das Modell Wasserburg, das historisch ist und nicht mehr besteht. Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft existiert nicht mehr. In Wasserburg gibt es zwei Familien, zwei Zimmer im Holzhaus, die bewohnt werden, das Restaurant, die Vereinsetage mit Gästezimmer, Büro und Saal. Das kann nun nicht mehr als Modell Wasserburg bezeichnet werden. Modell Wasserburg ist nur noch der Vereinsname und die Ziele der Vereins finden sich in der Satzung:

Auszug aus dem § 2 der Satzung
(1) Der Verein setzt sich die Aufgabe, zur Förderung der Volksbildung Kulturzentren und Begegnungsstätten für Anthroposophie und Dreigliederung im Sinne des volkspädagogischen Impulses Rudolf Steiners zu schaffen.
(2) Zur Erfüllung dieser Aufgabe wird der Verein

Gesprächsgruppen und freie Arbeitskreise zur Förderung kommunikativer Gruppengespräche auf der Grundlage der Schriften Rudolf Steiners einrichten, sowie dafür geeignete Arbeitsräume und Begegnungsstätten zur Verfügung stellen;
Mitarbeiter ausbilden, die die Einrichtung von Kommunikationszentren und Begegnungsstätten an anderen Orten fördern wollen;
in volkspädagogischer Weise die Ideen Rudolf Steiners von der Dreigliederung des sozialen Organismus im kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bereich zu verbreiten;
gewaltlose Aktivitäten zum Schutze der leiblichen, seelischen und geistigen Gesundheit des Menschen und seiner Umwelt unterstützen.

Dazu stellt der Verein den Ort Eulenspiegel in Wasserburg zur Verfügung mit Veranstaltungsraum, Büro, Gästezimmer, Holzhaus. Der Ort wird belebt durch die Kultur- und Begegnungsstätte Eulenspiegel (eigene Veranstaltungen, regelmäßiges Programm, Vermietung der Räumlichkeiten.)

In der Bildungsarbeit werden zwei Seminare mit Anton Kimpfler und Ansgar Liebhart durchgeführt. Des weiteren werden Bildungsprogramme verschiedener Initiativen unterstützt, z.B. mit der ag spak Seminare zur Unterstützung von Initiativen organisiert, oder mit attac Lindau Projekte gegen Privatisierung und Liberalisierung durchgeführt.

Publikationsorgan ist der „jedermensch", der inhaltlich Fragen der sozialen Dreigliederung, neuen Lebensformen sowie Umwelt- und Kulturfragen thematisiert.

Mit der Projektwerkstatt und dem Projektarbeiter Dieter Koschek werden konkrete Initiativen für eine basisdemokratische und herrschaftsfreie Gesellschaft gefördert, begleitet und unterstützt: attac Lindau/Bodensee, IG für Lebensgestaltung/Welle, Verein zur Förderung des erweiterten Kunstbegriffs und der sozialen Plastik, die Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise, Arbeitslosenselbsthilfe Lindau, bionetz Lindau und so weiter.
Thematisch arbeitet die Projektwerkstatt an Fragen der soziale Dreigliederung, der Zukunft der Arbeit, des Grundeinkommens und der solidarischen Wirtschaft.

Damit präsentiert sich Modell Wasserburg in meinen Augen als Förderverein für soziale Initiativen im Sinne eines offenen undogmatischen Verständnisses der sozialen Dreigliederung. Leitziele sind Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Gemeinsamkeit im Wirtschaftsleben im Sinne des Gründers von Modell Wasserburg Peter Schilinski. Ein Eigenleben hat der Verein sozusagen nicht mehr. Da er Rechtsträger, zumindest teilweise der oben genannten Projekte ist, ist er natürlich überall drinnen und manchmal führt das zum Verwischen der Grenzen. Ein Weiteres ist die Aktivenstruktur der verschiedenen Projekte. Der Vorstand besteht derzeit nur aus zwei Menschen: Klaus Korpiun und Dieter Koschek. Die Projektwerkstatt wird ziemlich allein von Dieter Koschek geführt und umgesetzt. Der jedermensch-Verlag hat weitere Mitstreiter: Aktiv sind hier momentan Anton Kimpfler, Barbara Wagner, Renate Brutschin sowie Dieter Koschek zu nennen. Beiträge werden geleistet und die Verteilung unterstützt, Spender gibt es... Ingo Mäder arbeitet in der Ferne archivarisch mit. Die Kultur- und Begegnungsstätte hat zwei Schwerpunkte: Das Programm mit Rundgesprächen und Seminaren und das Holzhaus. Das Holzhaus hält Günter Edeler und Ursel Feustle weitgehend in Schuss. Die Belegung wird überwiegend von Günter Edeler und Dieter Koschek organisiert. Das Programm wird überwiegend von Dieter Koschek organisiert. Bei der örtlichen Durchführung hilft Günter Edeler, Ursel Feustle und Monika Halbhuber, bei der inhaltlichen Anton Kimpfler und Karl-Heinz Dewitz mit Rundgesprächen, sowie Anton Kimpfler, Ansgar Liebhardt und Inga Gessinger mit den Tagungen.

Veränderungen: Seit der Eröffnung des neuen Restaurants ist der kollektive Zusammenhalt des „Projekts" endgültig anders geworden. Das Neue muss sich erst finden. Was durch die Veränderungen wegfällt ist die Arbeitsverteilung und etliche Synergieeffekte bei Anmeldung zum Holzhaus, anderen telefonischen Anfragen, Tagungsanmeldungen, Arbeiten ums Haus und im Haus. Früher wurde das zum großen Teil von der „Belegschaft" mitgetragen, heute gibt es diese Gruppe nicht mehr. Hier fehlen aktive Menschen vor Ort, die sich in das Bestehende einbringen oder mit eigenen neuen Ideen den Ort bereichern. Wie können diese gefunden werden?

Vielleicht ist es nötig mit etlichen Aktivitäten kürzer zu treten und dafür mehr zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu beleben oder solche mehr mit dem Eulenspiegel zu verbinden. Doch das ist leichter gesagt als getan. Auch müssen wir uns Zeit lassen. Aus anderen Initiativen weiß ich, dass diese oft eine Zeit mit nur drei Mitwirkenden überstehen mussten, bis sie wieder von einer Gruppen von zehn Menschen getragen wurden.

Hier müssen wir weiterüberlegen. Wie soll das passieren? Da sind die Aktiven mit ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Eigenschaften. Die sozialen Beziehungen müssen verdichtet werden und neue Menschen einbezogen werden. Ein Gefüge muss entstehen, das für andere interessant wird und dabei den ganzen Menschen, eben mit Essen, Wohnen, Arbeit, Verantwortung, Gefühle, Bedürfnisse, Kunst, Kultur miteinbezieht.

Das ist doch eine große Aufgabe.
Dieter Koschek

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 Ins Engadin im Juli 1961

Fahrt ab Hamburg, zum ersten Mal Schlafwagen – musste 45 Jahre alt werden, um dieses „Erlebnis" zu haben. Bin einverstanden. Ulle’s Rat, dem Schaffner gleich fünf Mark zu geben, damit er sich, wegen meiner Schwäche, um mich kümmere, erweist sich in diesem Falle als falsch. Der Schaffner schien – welch eine Wohltat – mehr Wert auf menschenwürdige Behandlung zu legen, die ich ihm gern auch, zuzüglich der fünf Mark, angedeihen lassen wollte. Mit welcher Freude und Überzeugung! So hatte ich – ausgerechnet ich – durch meine voreiligen, quasi prophylaktischen fünf Mark mich dem Manne verdächtig gemacht. Er behandelte mich ziemlich mürrisch, und die Zeit reichte nicht, zu erkunden, ob er dies, weil es überhaupt seinem Wesen entsprach, immer tat, ich also keine Ausnahme für ihn bildete, oder ob er mein voreiliges Trinkgeld – mit Recht – als menschenunwürdig empfand, oder ob er mir anmerkte, dass ich – und noch dazu nach Rezept - „weltmännisch" auftrat, und mir zeigen wollte, dass er mir den „Feinen Mann" – wie richtig – doch nicht abnahm.

Ich bildete mir nicht ein, dass all dies bei dem Mann bewusste Gedanken waren, aber es ist ja das, was sich im Unterbewusstsein abspielt und nach außen als Handlung auftritt, das viel Bemerkbarere.
Weniger voll Erwartung als voll Bangen sehe ich den Bergen entgegen. Noch fährt der Zug durch weitgestreckte Ebenen, nur im Hintergrund künden sich erste große Hügel an.
Dann kommen sie plötzlich näher – gewaltige Berge mit schneebedeckten Gipfelflächen, majestätisch in großartigen Dimensionen zur Ebne abfallend.  Die Größe und Erhabenheit bewegt und erschüttert mich tief – ein erstes befreiendes Ahnen steigt auf, dass solche Grandiosität die Seele aufnimmt und weitet, nicht bedrücken kann. Der Zug schlängelt sich in gewundenen Pfaden an Felsen entlang, in hohler, rollender Schwärze durch gewaltige Berge hindurch. Eisesluft weht durch die dunklen Schächte, Körper und Seele erschauern vor Kälte in der Ahnung unheimlicher Mächte.  Dem Dunkel des Tunnels entronnen, sind wir jedes Mal noch höher. Unglaublich scheint es mir, dass so hoch technisches Menschenwerk lange schwere Züge treiben kann. In den Felsen ist gerade soviel Weg gelassen, dass der Zug passieren kann. Aus dem Fenster sieht man in steile Gründe hinab, in denen reißende graue Ströme jagen. Weder Bedrückung noch Schwindel packen mich. Die Seele ist erfüllt von der Allgewalt der Berge, ihre Erhabenheit macht mich unempfänglich für Geringes.

„Berg" ist ein zu geringes Wort für diese Natur, versteht man darunter doch auch jene Hügel, die der Zufall oder das Spiel der Kinder errichten. Es sind zerklüftete, riesige Ebenen, ungeheuer große Flächen, von Götterhand mit majestätischer Willkür aufgerissen, zu gewaltiger Höhe aufgetürmt und in allem Chaos – wie es nur Götter vermögen – wunderbar rhythmisch geordnet. Grausam wäre es, diese Natur malen zu wollen. Wollte man es doch, so müssten die Farben dafür erst neu geschaffen werden. Wo gibt es eine dunkle Schwere, die belastend und zugleich erlösend ist? Wir haben keine Farben, um das auszudrücken, was jene Gewalten sagen wollen, die sich hier offenbaren. Auch das Wort bleibt stammelnd. Es vermag an jene Natur nur herzudringen, wie an die Götter.

Maler, die es wagten, jenes Undarstellbare in Stoff auf ihren Stoff bannen zu wollen, sie taten es nur – unwissend oder nicht – um zu zeigen, was der Mensch nicht vermag. Schade nur für die anderen, die durch Bilder oder gar durch Photografien zu dem Eindruck gelangten, jene gewaltige Natur gebe ihnen nichts oder nur Unerträgliches. Wie sollte man es malen, was man noch eben zagend aussprechen kann – dass äußerste, umfassendste, alles überragende, unvorstellbar lastende Gewalt nicht zerschmettert, sondern befreit? Ist’s, weil die Gipfel so in die Höhe ragen? Das könnte man malen – und eben das ist es nicht.

Es ist etwas, was ganz im sinnlich nicht Fassbaren liegt, es ist ein Geheimnis, das sich nur im Anschauen offenbart. Es liegt in der Atmosphäre des Ganzen, nicht im Stoff. Du mein geliebtes Meer – du kannst stille sein und erhaben zugleich, du kannst so sein, dass man meint, du könntest nie anders als mit ruhig rhythmischem Atmen den Menschen tragen, wohin er will. Gäbe es keine Stürme, wir kennten dich nicht anders als im umfassendsten, göttlichen Sinne tragend. Der Sturm, der dich bewegt – oder bewegst du den Sturm? – lehrt uns, dass Kämpfen, Untergehen oder Bestehen so stark dein Element sein kann wie die Götter, die jene Stein-, Fels- und Himmelsgewalten schufen, immerwährend sprechen.Die Seele kann nie anders als kämpfend und ringend zu den Berggewalten stehen. Auch in der Erhabenheit, die sie übermächtig ergreift, ist nicht Ruhe. Man fühlt sie wie Blitze, die durch das ständig Aufwühlende, Himmelragende gehen. Da ist die Ruhe wie ein plötzlicher Einfall in eine ständige, gewaltige ringend-kämpferische Bewegung.

Doch weiter, während der Zug mit der Selbstverständlichkeit exakten technischen Ablaufes – und darin selbst ein Wunder – durch die offenbaren Wunder der Naturgewalten fährt, sitzen drinnen Schweizer. Aber was heißt eigentlich Schweizer? Welches ist das Besondere und Verbindende dieser Menschen? Diese Frage bewegt mich, als ein Trupp junger Mädchen aus einer Haushaltsschule einsteigt. Mädchen, so atembeklemmend deutsch wie man sie in Deutschland nach 1945 kaum mehr findet. Plötzlich mitten hinein in dieses Bild der italienische Ober, dunkel, freundlich, lachend, fragt ob es schmeckt, zwinkert zugleich einem der Mädchen zu, setzt sich hinten in eine Ecke, und in einigem Zeitabstand lächeln wir uns immer wieder freundlich zu. Ich frage ihn schließlich: „Schweizer?" Er lacht breit und bejaht.
Mir gegenüber ein älteres Paar. Sie stochert mit einer Holzpinzette in den Zähnen und spricht dabei mit ihm. Er – Typ Obersekretär der allerbeamtetsten Sorte – auch ein Schweizer. Ich gehe im Zug zurück, vorbei an einer älteren Dame, sehr elegant, sehr gepflegt. Sie spricht französisch, liest das „Journal de Genève" – auch Schweizerin. Ich fange an, begeistert zu werden: Wenn sich der allerspießigste Deutsche, so wie es ihn bei uns kaum noch gibt, als Schweizer mit beweglichen, temperamentvollen Italienern, kultivierten Franzosen, zu einem Volksganzen verbinden kann – ja dann doch endlich weg mit dem Grenzpfählen!

Ankunft in Sils Maria. Bin erschrocken, wie „eingeschluchtet" der Ort liegt. Bahne mir gleich einen Gang ins Freie. Eine Autostraße, die quer durch das Tal läuft, gibt einen weiten Blick über den See und nach Sankt Moritz frei. Aber das Tal ist nur 500 Meter breit, und links und rechts steigen felsige Wände in steile Höhen. Vom Zimmer aus ein Blick auf eine Art von kleinem Marktplatz, Autos, Pferdedroschken, viele und noch dazu behauene Pflaster- und Häusersteine. Hier im Regen sitzen? ich weiß sofort, dass ich hier nicht bleiben kann. Erster Weg: Zimmersuche. Hoffnungslos für längere Zeit, obwohl jetzt noch alles sehr nach Vorsaison aussieht. Bin unruhig, nehme eine Taxe – muss an die Menschen denken, die im Sommer zu uns kommen und keine Zimmer haben: Gefühl von Fremdheit, Unruhe, Obdachlosigkeit. Vieles war vergeblich. Wir sind mittlerweile um den See herum in Maloja. Die Atmosphäre mag ich sofort – ursprünglich, verfallener, weniger Kurort. Es klappt! Der Chauffeur hat es geschafft! Ein Zimmer, eine Bude, ganz aus Holz, freier Blick über die Wiese und See zum großen Berg! Schmerzlicher Mangel – direkt vor meinem Fenster zieht sich, gottlob nicht frontal, sondern in der Länge fortführend, die Autostraße entlang. Die Landschaft stört sie nicht im geringsten – aber die Autos, die Menschen.

Bleibe noch zwei Tage in der Pension „Privata" in Sils Maria. Welch ein Glück, dass ich hier nicht länger bleiben muss! 30 Personen im Esssaal, alle haben Freundlichkeit gelernt – nun sind sie es auch. Hilflos, freundlich und kontaktsuchend, sie merken es bewusst nicht – was da ausströmt, diese Öde, dieser fehlende Lebensinhalt, die schon aufgegebene Hoffnung, einen Menschen zu finden. Sie wissen nicht, dass sie selbst alle Voraussetzungen dazu getötet haben. Alle sind traurig, auch die begüterte ältere Rheinländerin macht rheinische Witze auf ziemlich steinigem Seelengrund. Der Typ Lehrerin – es müssen 15 von den 30 sein – sitzt mit leicht bitterer Miene auf dem Gedanken: „Es steht uns zu, dass wir hier sind, wir haben es wohl verdient, wir hätten eigentlich viel mehr verdient." Nirgends ein Gespräch, eine Begeisterung über das Gewaltige dieser Natur. Sie sitzen so, wie sie zuhause auch sitzen werden – im Inneren verbittert, an der Oberfläche ausnahmsweise ein saures Lächeln, weil ja der wohlverdiente Urlaub verbracht wird.

Ein im Gesicht vermeißelter Herr, Bewegung nur in den leicht nach beiden Seiten verrückten Blicken: Das Essen schmeckt ihm nicht, dabei gibt es zu jeder Mahlzeit vier Gänge – und wenn es ihm schmecken würde, er würde es nicht sagen, könnte es auch gar nicht, weil er ja augenscheinlich mit seinem ganzen Leben unzufrieden ist. Ältere Damen – viele -, die wie auf erstorbenen Bergen sitzen, kaum sprechen, innerlich dauernd stöhnen. Ein lieber älterer Engländer mit mildem Gesichtszügen und echter Freundlichkeit auf dem Grund resignierenden Traurigseins. Ein jüngerer Schweizer, drall, weicher, ein besserer Angestellter mit seiner Verlobten. Sie sieht mit deutlicher Angst und Missbilligung, dass er bei jeder Mahlzeit eine ganze Flasche Wein trinkt. Wie soll das noch werden? So hört man sie fühlen. Aber sie weiß auch kein Mittel, ist so steif und hilflos, dass sie jedes mal fast stolpert, wenn sie aus dem Esssaal geht. Und doch muss ich sie alle mögen. Sie sind schon älter, sind wie begraben und traurig – ich möchte sie alle streicheln, fühle es schmerzhaft, dass keiner je zu ihnen zärtlich war. Was würden sie dann wohl sagen?

Bin heilfroh, dass ich nicht bleiben muss, könnte nichts ändern. Sie haben sich unwiderruflich eingemauert. Aber das jeden Tag dreimal zu sehen – dreimal wird sehr lange und ausgiebig gegessen -, wäre sehr schwer. Junge Mädchen bedienen, frisch, freundlich, zum Lachen bereit – sie sind noch nicht älter geworden. Nietzsches Haus in Sils Maria. Sein Zimmer, Bett, kleiner Tisch, Stuhl, Sofa – aus. Das Haus, in dem ein Großer gelebt hat, als Museum einzurichten – man war schlecht beraten. Es wirkt doppelt tot! Leben sollte da sein, Kinder sollten in den Zimmern spielen und Katzen an den Gardienen hängen. Es wäre glaubhafter, lebendiger, dass hier Nietzsche gelebt hat. Sitze zum Abschied noch einmal an der Autostraße in Sils Maria, wo der Blick über weite Blumenwiesen und langgestreckte Flächen des Sees geht, in den mit gewaltigen Schwüngen die Felsen sich senken. Groß, gewaltig, erhaben. Mit dem Gegensatz zu den wippenden, auf ihren Stängeln im Wind tanzenden Blumen ist die Urgewalt der großen Felsen noch bezaubernder.

Aber Maloja ist schöner. Frau Giovannini, herzlich, freundlich, einfach – fünf Kinder. Alles natürlich, riecht nach Mühe und Arbeit und gutem einfachen Leben hier. Das Haus alt, verfallen, brüchig – erinnert so sehr an unseres in Keitum. Modernisierung gräbt sich in grotesken Formen und Wirkungen in das alte Haus. Eine nagelneue Tür – Herr Giovannini hat eine Tischlerwerkstatt – in zerfressendem, wackeligen Gemäuer. Wasserleitungen sind durch uralte Wände gebohrt. Die Werkstatt, ans Haus angegliedert, ist ganz neu, ganz modern. Mein Zimmer hat eine völlig neue, sauber gehobelte Kiefernverschalung. Gottlob nicht gestrichen, mit vielen dunklen Aststellen. Nur Fenster und Tür haben es noch nicht geschafft, sie sind ganz unansehnlich, hässlich grau wie aus einen verkommenen Haus extra eingesetzt – die Reste des Originals. Überall ein groteskes Gemisch von verkommen und nagelneu, eben aus der Werkstatt geholt. Herr Giovannini macht noch schnell einen Tisch für mich – ganz modern mit Resopalplatte – wie gut, dass ich ein Tuch drauflegen kann! Ich fühle mich wohl bei diesen Menschen. Sie sind so, wie sie sind – und das befreit. Wie furchtbar ist das Zwischenstadium zwischen Einfachheit und einer verklemmten Bildung, die angelernt, noch nicht wieder zu großen menschlichen Zügen durchgestoßen ist!

Der erste Tag in Maloja. Habe ich heute schon meine Lieblingsstelle entdeckt? Es ist die, die mir neulich schon bei meinem Orientierungsbesuch so starken Eindruck machte. Ich liege an einem sanften Hang, vor mir steigt eine etwa 300 Meter weite Wiesenfläche, grün, gelb, blauschimmernd an. Oben bildet sich ein Grat – eine fast gerade nur mit dem Hauch eines Rhythmus versehene Linie. Die Gräser, die sich auf der Gratlinie rhythmisch wippend bewegen, zeichnen sich wie Filigran-Formen, aber eben bewegliche, gegen den bläulichen Dunst des Hintergrundes ab. Der Grat wirkt durch seine Gräser fast zärtlich und trotzdem deutlich begrenzend. Aus dem bläulichen Hintergrund treten zu beiden Seiten Felsmassive hervor und schwingen sich in großen Rhythmen zu Tal. Bis zur mittleren Höhe sind sie mit Tannen bedeckt. Diese wirken – aus dem Hintergrund schimmernd und sonnenbeschienen – wie an den Felsen sanft angehauchte Wesen. Auf der Höhe der Felsmassive bilden weiße Schneeinseln, die sich in den Spalten und Höhlungen halten, auf dunklem Felsenuntergrund wunderbare Formen – so wie sie nur der große Künstler, die Natur, zu bilden vermag.

Weiter im Hintergrund sind die Felsmassive fast ganz mit Schnee bedeckt. Hier sind die dunklen, vom Schnee freien Flächen zu massigen Formen gebildet. Wie Weiß auf Dunkel – jedenfalls in der Natur – doch immer leicht, beschwingt, beinahe graziös wirkt! Die Felsmassive, drei auf beiden Seiten, durch tiefe Einschnitte voneinander getrennt, zerklüftet, laufen im Hintergrund, das Tal ein wenig verengend, aufeinander zu – wie wenn ihre besondere Mission darin bestünde, mit elementarer Deutlichkeit hinzuweisen auf etwas, das noch größer ist als sie: Ein gewaltiger Berg, bedeckt mit Schneemassen, nur die äußersten Spitzen felsendunkel, bildet die Krönung.

Höher als die anderen Berge – oder wirkt er nur so, weil mit großer Gewalt in die Mitte gestellt, die Seele mit Kraft und Staunen erfüllend? -, ist er wie ein Heiligtum, ein ehrfurchtgebietendes Wesen, deren Künder die Großen des Tales zu beiden Seiten sind: Die Großen treten zurück, dem Größeren zu huldigen. Welch ein Künstler ist die Natur! Jetzt eben setzt sie einen riesigen dunklen Schatten in die sanfte Höhlung der unendlich weißen Fläche des großen Berges. Wie macht sie es, dass dieser große dunkle  Schatten so unendlich zart wirken kann? Unten in Sils und über dem See ist alles in Dunst und Nebel – hier oben besiegt die Sonne den Nebel, aber sie wird dabei heiß und stechend. Es ist heiß, aber ich mag nicht weg, ich muss auf den Berg sehen. Dieser Blick. Jeder Blick aufs weiße Blatt scheint mir verloren, aber ich will’s doch festhalten, nicht als Bericht des Geschehens – das ist zu groß -, aber als Stütze der Erinnerung vielleicht, dass ich es wiederfinden kann.

Maloja. Eine sich besser verstehende Menschheit würde die Autofahrer auf Straßen verlegen, die jedenfalls nie in Berührung mit Orten kämen, an denen andere in der Natur neue Kräfte suchen. Es ist nicht auszudrücken, wie Motorengeräusche die stille Atmosphäre der Natur zerfetzen. Auch wenn sie sich entfernen, man wird doch nicht ruhig. Man fühlt schon das nächste Auto nahen, bevor man es hört. Ein schattiger Platz am See eine Stunde von Maloja auf dem Weg nach Sils. Vor mir plätschert leise das ganz durchsichtige grüne Wasser. Im Hintergrund die Felsenschlucht von Sils, vom Wasser des Sees gefüllt, das Ganze abgeschlossen durch ein gewaltiges Felsmassiv, das quer zur Schlucht verläuft. Breite und schmale Äderungen von Schnee schmücken, ein zauberhaftestes Ornament von weiß auf dunklem Grund bildend, den Berg, der nicht in die Höhe ragt, sondern wie ein mächtiger Rücken langgestreckt und massig verläuft.

Ich sitze mitten in Alpenrosen, deren sehr intensives und doch stark durchlichtetes Rot in dem kräftigen Grün der Blätter steht. Vor mir, am anderen Ufer des Sees, der hier wohl 500 Meter breit ist, auf dem Untergrund querlaufender Felsschichten, die in verschiedenartigen Vorsprüngen höhlenartige Schatten bilden, erhebt sich ein Fels mit messerscharfer Spitze. Ich gehe nur zehn Meter weiter und schon ergibt sich ein ganz anderer Ausblick: Von rissigen Kuppen, deren Spitzen wie mahnend auf dem blauen Himmelsuntergrund stehen, gehen breitauslaufende Geröllhalden wie graue breite Streifen herab. Kaum zwanzig Meter weiter wieder ein ganz neuer Blick. Vor mir jetzt die kleinen Inseln im Silser See. Sie liegen auf der stillen Fläche des Sees wie warme, samtene Hügel, dicht an dicht mit Lärchen bewachsen. Das satte Grün der Wälder am Fuße der Felsen, die weißen Spitzen der Berge, auslaufend in das Braun-Dunkel der Felsen, große wunderbare Schwünge, weite Rhythmen – wie gewaltige Musik.

Der Schnee ist zum Greifen nahe. Leidlich gut zu Fuß könnte man eine halbe Stunde aufwärts steigend, die Hände im Schnee waschen. Temperaturen erinnern hier an Sylt – in der Sonne zu heiß, im Schatten zu kühl, die Luft erregend durch ihre Leichtigkeit, ihre unglaublich spielerische Beschwingtheit. Man sieht, wie die Schwalben sich hier wohlfühlen. Sie spielen und tanzen in der Luft – auf der Insel habe ich sie nie so befreit und beschwingt gesehen. Schwalben müssen hier in ihrem Element sein.

In die Geröllwand, auf die ich blicken kann und die ihrer Farbe nach an eine Elefantenhaut erinnert, sind schmale, tiefe, in den wunderbarsten Windungen und Formen nach unten laufende weiße Bänder eingelassen: Quellen oder auch Schmelzwasserfurten. Es ist, als ob der große Maler in die Nuancen von braun und grau, in jene Felsmassive, die nicht vom grün der Lärchen geschmückt sind, wenigstens noch ein aufhellendes Weiß hineingeben wollte.

Ich kann nicht so weit gehen, bis zu den Orten, wo keine Menschen mehr zu treffen sind, bin an Wege gebunden und damit an das vorübergehen Anderer. Ich versuche, mich freundlich zu ihnen zu stellen und kann doch nicht hindern, dass sie mich stören. Sie trotten so schwätzend durch die Natur. Es kann trösten, zu wissen, dass ihre Seele die Kräfte, die hier leben, aufnimmt und sucht, aber das hindert nicht den Ärger darüber, dass ihr Geist, ihre Worte, so ganz im Trivialen sich bewegen. Ich bin überzeugt, Menschen, denen man ihr Bewegt-Sein von all dem Gewaltigen anmerkte, würden mich nicht – oder doch nur wenig – stören. Ob man wohl merkte, wenn einer von den Begegnenden wirklich in der Tiefe, als Mensch, vom Leben überhaupt und von diesem Besonderen hier bewegt wäre? Ich glaube es bestimmt! Oh Gott, wie klein ist unsere Gruppe! Zu all denen, die hier sind, zieht mich nichts Besonderes, nur das ganz allgemein Verbindende, dass sie mit mir zusammen Menschen sind. Das allerdings fühle ich sehr, stimmt irgendwie milde, warm und verbunden. Aber es bewirkt nicht, dass ich mich als Individuum ihnen nähern möchte. Lichtflächen huschen über das Grün des Sees, machen für Sekunden hier eine Fläche heller, dort eine dunkler – es sind freundlich grau-weiß geballte Raphael-Wolken aufgezogen. Die Lärche ist unter den Tannenarten, was unter den Laubbäumen die Birke ist. Ihre Zartheit und ihr schwebend leichtes Licht-Grün ist birkenhaft bezaubernd, und es scheint gar nicht recht zu ihr zu gehören, dass sie einen Stamm hat wie eine Kiefer, und das sie bemoost ist und kracklige Äste hat, wie ein ganz alter Baum.

Peter Schilinski

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Zur kindlichen Weltwahrnehmung

Kinder sind oft zu erstaunlichen Bemerkungen in der Lage, und mancher Erwachsene könnte viel davon lernen, wenn er nur eine offene Aufmerksamkeit dem Kinde gegenüber entwickeln würde und nicht von vorneherein glauben würde, dass das Kind, weil es nun mal kleiner und jünger als ein "Erwachsener" ist, es also auch entwicklungsmäßig hinterherhinken müsste. Wer derart denkt, stellt sich die Evolution als einen gradlinigen, linearen Weg vor, auf welchem sozusagen aus dem Nichts heraus fortwährende Verbesserung stattfindet. Einer eingehenderen Betrachtung hält solche Theorie nicht stand, sondern es zeigt sich vielmehr, dass alte, durchaus wertvolle Elemente eingebüßt und geopfert werden, um neue hervorzubringen.

Die Entwicklung verläuft vielmehr innerhalb eines Kreises, in welchem innere Proportionen verschoben werden unter Beibehaltung der Gesamtmenge. So wurde das moderne, vordergründig-intellektuelle Gegenstandsbewusstsein entwickelt auf Kosten einer alten, hellsichtigen Naturverbundenheit. Der Mensch hat dabei Angst und Irrationalismus weitgehend abgelegt, dafür aber Wesensbezüge eingebüßt.

In August Kopisch’s "Heinzelmännchen zu Köln" ist dieser Prozess sinnbildlich dargestellt. Kinder leben naturgemäß (natürlich auch Umfeld-abhängig) in einer phantasievollen "Gockel, Hinkel und Gackeleia"-Welt Brentanos und erleben Stühle, Löffel. Teller, Gabeln usw. als beseelte Wesen, die abends miteinander zu sprechen beginnen. Ein fünfjähriges Mädchen beschimpfte etwa ausgiebig einen Ball, weil dieser anders sprang, als es wollte, und es allen Ernstes eine "Ungezogenheit" darin sah. Ebenso werden zuweilen Tischkanten oder andere Dinge, an denen man sich stößt, zurückgestoßen, weil eine persönliche Absicht dahinter erlebt wird. Die "liebe Sonne" wird mit Selbstverständlichkeit als ein Wesen wahrgenommen, welche mit ihren Strahlen, die man mit zu Schalen zusammengelegten Händen sammeln und austrinken kann, über Blätter und Gesicht leckt. Die Welt kindlicher Phantasie erscheint unerschöpflich, aus einem Stück Holz "guckt eine Gans raus", weil dort an einem Astloch Auge und Schnabel vorgebildet erscheinen; in Wolken ziehen Elefanten und Pferde vorüber. Jedoch ist auch das kleine Kind zu verblüffend exakten Wahrnehmungen imstande, da sein Sinn noch nicht durch Vor-Stellungen getrübt ist: Es entdeckt Formen und Figuren – etwa einen Löwen auf einer Teepackung – über die der alltagsgewohnte Erwachsene längst hinwegsieht – die aber dennoch nicht weniger präsent sind und wirken!

Ein kleines Kind – selbst noch im Wickelalter – entdeckte auf seiner eigenen Windel eine Darstellung von Wickelbabies, die sich Bälle zuwarfen und stellte mit sicherem Urteil fest: "Die sind noch zu klein, die können noch gar nicht Ball spielen" – was vollkommen richtig war. Das kleine Kind, gerade der Sprache und noch lange nicht des Schreibens mächtig, entlarvte hier die unsinnige Darstellung eines erwachsenen Designers, der sich keine wirklichkeitsgemäßen Gedanken gemacht hatte. Auf diese Weise können Kinder mit reiner Wahrnehmung manchen Erwachsenen in Verlegenheit bringen, und er muß sich zugestehen, daß er genauso von ihnen lernen kann, wie er sie belehren zu können meint.

Im Einkaufsmarkt sah ich eine Frau mit einem Stand für Staubsauger-Reparatur. Neben ihr weilte ihre vielleicht elfjährige Tochter, welche aufmerksam die vorübergehenden Passanten und die herankommenden Kunden musterte. Sie war noch zu weit weg von den Verhältnissen der Werkwelt und musterte sie "sub specie aeternitatis": Wie die Menschen die Gegenstände befühlten, welche Physiognomie ihre Gesichter dabei zeigten, welche Menschentypen zum Ausdruck kamen, welche Bedeutung die Bauteile der Staubsauger für sie haben mochten, war Inhalt ihrer traumartigen, verborgenen Beobachtung. Während die Mutter geschäftig war und die Kunden sachgemäß bediente und beriet, vollzog sich im noch von der Mechanik der Dingwelt verschonten Kinde, welches wie ein "Gast von einem anderen Stern" dem Geschehen beiwohnte, eine träumende, weit umfassendere Wahrnehmung der Welt und ihrer Verhältnisse.–

Andreas Pahl

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