jedermensch Soziale Dreigliederung Eine Einführung Aufsätze von Peter Schilinski (Zeitschriftenartikel und frühe
"Kommentare"), zusammengestellt und überarbeitet von Alle Rechte beim jedermensch-Verlag, Wasserburg/Bodensee 1997 ISBN 3-931615-03-0 |
Inhalt Einleitung Widersprüche in mir und in der Gesellschaft Wege und Ziele Auf der Suche nach einem Weg Ich denk doch, was ich will! Ich leb doch in einer Demokratie! Die Wirtschaft Das Raubtier Bewußtseins-Stufen Man kann ja doch nichts machen! Für ein neues
Miteinander Das Wirken Rudolf Steiners |
| "Die Menschen richten
sich heute mit den Gedanken nach den Tatsachen, anstatt die Tatsachen nach ihren Gedanken
zu gestalten." Einleitung Widersprüche in mir und in der Gesellschaft Ich stelle fest, daß mein Leben aus lauter Widersprüchen besteht. Ich möchte frei sein, so leben können, wie ich will. Aber ich sehne mich auch nach Gemeinsamkeit und muß Zugeständnisse, Kompromisse machen, wenn ich gemeinsam mit anderen leben möchte. Die Zugeständnisse, die Kompromisse, die ich machen muß, schmerzen mich. Aber die Einsamkeit, wenn ich mich ganz zurückziehe, schmerzt mich auch, sehr sogar. Es gibt so "Hochgefühle", in denen ich mich - allein - wahnsinnig wohlfühle, aber dann kommt die Depression auch. Traurigkeit darüber, daß ich mich allein fühle, daß ich keinen richtigen Kontakt zu den anderen habe Warum bin ich gern allein und muß mich doch nach Gemeinsamkeit sehnen Ich finde das sinnliche Leben
schön. Alles, was man sehen, riechen tasten, hören, fühlen kann, kann mich wahnsinnig
begeistern. Ich esse und trinke gern, es schmeckt mir, ich schmecke sehr gern, nicht nur
Speisen. Wenn ich das sorgfältig bearbeitete Holz meiner Tabakspfeife in der Hand fühle,
ist das ein Genuß, mehr noch, aber gar nicht sooo viel mehr, wenn ich den Tabakrauch
rieche, wenn ich so ganz ruhig beobachte, wie der Rauch sich kringelt; irgend etwas
"vergeistigt sich da, aus Tabak wird Rauch, der Rauch verschwindet in der Luft.
Manchmal nehme ich mir die Zeit, das genau zu beobachten, komme ins Träumen dabei,
träume wach von großen Segelschiffen und noch größeren Segeln, fühle die Neigung des
Schiffes im Wind - ist ein toller Genuß. Ein ander' Mal zünd ich mir die Pfeife,
schmeckt abscheulich, bitter, ich leg sie weg - warum muß ich Idiot bloß Pfeife rauchen? Meistens geh ich ans Wasser, wo möglichst viel Wasser ist, wo kleine Wellen sind, wo es gluckst, ganz zart und lieblich wispert, wenn eine kleine Welle einen Stein streichelt, sich vollendet um ihn und an ihn schmiegt, so zärtlich, wie es nur die können, die sich wirklich lieben, eigentlich noch vollendeter, umfassender, "runder", einfühlsamer, Steine sind oft ganz glatt, und Wasser kann den Stein so unglaublich ruhig und voll umfassen. Ich kann das wahnsinnig genießen, bin ganz "weg" von dem Anblick, noch mehr von dem Gefühl, wenn ganz kleine Wellen ans Holz des Bootskörpers gelangen - das Geräusch kann ich gar nicht beschreiben, ist zum Ausflippen, das Gefühl, das ich dabei habe. Und dann wieder steh ich am Wasser und finde alles grau und öde. Nichts rührt sich in mir. Warum muß ich immer bloß ans Wasser gehen? Da ist doch gar nichts! Ich spreche gern mit Menschen, finde es wahnsinnig interessant, was sie sagen, wie sie sprechen, was man dabei alles bemerken kann. Das Schönste ist, wenn einer ganz aus seinem Inneren heraus spricht über das, was er ersehnt, was er anstrebt, wohin er will. Irgendwie kann das Zimmer hell werden dabei, auch, wenn einer von seinen Sorgen und Nöten, von seinen Problemen und Zweifeln spricht, wie er sich immer wieder bemüht, wie es immer wieder schief ging, und wie es plötzlich doch mal gelang - Wärme abzugeben an die Mutter, an den Mann, an die Geliebte; ein Gespräch zu führen, in dem man sich erreicht, in dem sich die Gedanken und Gefühle wie von selbst verbinden, obwohl es gar nicht die gleichen Gedanken und Gefühle sind. Ich erlebe die schönste Verbindung immer dann, wenn Gegensätze und Verschiedenheiten so richtig verstanden, wenn sie nachgefühlt werden können, wenn man sich nicht überzeugen will, sondern staunend, beinahe ehrfurchtsvoll erlebt, wie anders der andere ist. Am meisten genieße ich das Gespräch, und, wenn ich allein bin, die Meditation. Und beides kann so leer und hohl sein. Gespräche, die so sind, als ob sich fremde Tiere begegnen. Der eine will stets was anderes als der andere, versteht stets das Gegenteil von dem, was der andere meint. Gespräche können mich verrückt machen und völlig aushöhlen. Als ob sich beide vorgenommen haben, sich unaufhörlich gegenseitig zu beweisen, daß der eine Recht und der andere Unrecht hat. Noch bevor der eine das zehnte Wort gesagt hat, sagt der andere schon "Nein!", und fängt an, das Gegenteil zu beweisen, obwohl er es gar nicht kennt. Gespräche sind wirklich furchtbar, am besten wär's, das Wort wäre nie erfunden worden! Und die Meditation! Am Montag kann ich, der Ungeduldige, das Wort Geduld ganz ruhig meditieren und erlebe tatsächlich, die Geduld ist ein Raum, eine Kraft, ist wie ein Gott, der mich mit Geduld erfüllt. Mich Ungeduldigen! Und am Dienstag läuft nichts, ich versuche, in die Geduld hineinzukommen, geht nicht, sie grinst mich an; anstatt Geduld zu erleben, fühl ich die ganze Fülle meiner Ungeduld wie eine geballte Kraft, die mich zerrt und beutelt. Warum mach ich bloß Meditation? Manchmal denk ich, um noch ungeduldiger, noch gereizter, noch liebloser zu werden Alles ist Widerspruch! Wie soll ich das ertragen, wie ertragen es andere? Die immer Ruhigen, Gelassenen, Liebevollen können mir nichts geben, wenn sie nicht auch das Gegenteil all der großen und schönen Zustände erleben. Wo liegt die "Einheit"? Wo die Oberwindung der Widersprüche? Ich bin schon ziemlich lange entschlossen, den Wechsel, den Widerspruch buchstäblich auf mich zu nehmen, auch, wenn ich manchmal denke, es zerreißt mich, sprengt mich einfach auseinander. Ich fühle mit innerer Gewißheit, die Einheit ist kein stabiler Dauerzustand, sie ist der große Raum, der die Widersprüche umfaßt; ich muß lernen, den Pendelschlag zu ertragen zwischen entgegengesetzten Zuständen. Die Einheit ist nicht gleichbleibender Zustand, sie ist das, was die Gegensätze umfaßt. Sie ist die innere Ich-Kraft, die energisch aus dem immer wieder negativen Erlebnis in der Natur, im Gespräch mit Menschen, in der Meditation zu dem erlebten positiven Erlebnis hinstrebt. "Einheit" in Geborgenheit, in Stärke, in Kraft, in Erlebnisfülle bleibt Ziel; ich kann wissen, daß ich es wieder erringen kann, auch, wenn ich's in bestimmten Zuständen ganz verliere. Mir fällt auf, daß die Sache im gesellschaftlichen Leben sehr ähnlich liegt. Die Widersprüche sind himmelschreiend grotesk zwischen der Freiheit der Medien, die die Verfassung garantiert, und den Presse- und Meinungsmonopolen der mächtigen Gruppen. Zum Lachen oder Weinen oder Verrücktwerden - Der Widerspruch zwischen der verfassungsmäßig garantierten Lehrfreiheit und der schamlosen Unterdrückung dieser Freiheit durch Staat und Wirtschaft. Die Verfassungsgarantie von der Gleichheit des Rechtes aller Menschen scheint gegeben worden zu sein, um drastisch zu zeigen, daß es sie nicht gibt, und um auszuprobieren, wie lange Menschen sich betrügen lassen. Eine größere Rechtsungleichheit als die zwischen einem körperlich oder geistig behinderten Sozialhilfeempfänger und einem Manager der Industrie ist überhaupt nicht vorstellbar. Und die soziale Marktwirtschaft, die angeblich erfunden wurde, um den materiellen Besitz der Gemeinschaft so zu verteilen, daß der einzelne auskömmlich leben kann, verteilt die Güter so, daß die Masse der Hungernden von Jahr zu Jahr größer wird und die Minderheit, für die Geld überhaupt keine Rolle spielt, ebenfalls. Die krassen und ungelösten Widersprüche im sozialen Leben sind die Ursache aller Unruhen und Revolutionen. Das ist so klar, wie zwei mal zwei vier ist Im Unterschied zum Persönlichen, wo ich selbst der Ausgleicher der Widersprüche sein kann, sind die Strukturen der kapitalistischen und kommunistischen Systeme so, daß die Widersprüche überhaupt nicht zu lösen sind. Die Strukturen verhindern das. Kommunistische und kapitalistische Länder sind von der Struktur her so, daß die entscheidende Macht von kleinsten Gruppen ausgeht. Die Leiter der Systeme sind austauschbar. Würden sie morgen ausgetauscht, bliebe die Ohnmacht der Mehrheit. Was anders erscheint, ist Phrase und Verschleierung Die Widersprüche zwischen Obermächtigen und Ohnmächtigen, zwischen schuldlos Armen und durch Gesetzesmacht Reichen, zwischen Verfolgern, deren Befehlen Militär und Polizei unterworfen sind, und Andersdenkenden, die gejagt und verfolgt werden, zwischen der unterdrückten "Putzfrau", die sich totrackert und es doch nicht schaffen kann, für Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, und der "feinen" Dame, die über die Mittel verfügt, ihren Kindern alles Notwendige zukommen zu lassen - alle diese und noch viel mehr Widersprüche sind nie lösbar, wenn die Macht in der Gesellschaft von kleinen Gruppen ausgeübt wird. Um die Widersprüche im Leben der Gesellschaft überhaupt lösen zu können, um den einzelnen überhaupt die Möglichkeit zu geben, geistige Freiheit und menschliche Gleichberechtigung zu erleben, muß die Struktur der Gesellschaft radikal (von der Wurzel her) verändert werden. [1978 Wege und Ziele Am Ende des zweiten Weltkrieges war ich 30 Jahre alt. Aus allem, was ich während des Krieges erlebt hatte und was ich nach dem Krieg sah und las, entstand für mich eine sehr klare und zugleich sehr quälende Erkenntnis: Entweder, wir kommen bald zu einer Gesellschaftsordnung, die menschenwürdiger ist, die die Möglichkeit bietet, machtbesessenen Führenden aller Kaliber Einhalt zu gebieten, oder es wird sehr bald eine noch größere Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen Ich suchte nach einem Weg. Die Gedanken von Marx bewegten mich tief. Sehr vieles sah er absolut richtig, vor allem die Entwicklung zur Herrschaft durch Kapital und die verheerenden Auswirkungen dieser Herrschaftsform. Es stieß mich ab, daß Marx alles von der Wirtschaft abhängig macht. Das ist künstlich und konstruiert. So hatte ich mein Leben nie erlebt. Meine persönlichen Nöte und Probleme hatten in erster Linie mit seelischen und geistigen Fragen zu tun. Gab es überhaupt noch einen Weg? Ich suchte weiter und stieß zufällig, wie man so sagt, auf "Die Kernpunkte der sozialen Frage..." von Rudolf Steiner [heute als Taschenbuch im Rudolf Steiner Verlag Dornach/Schweiz erhältlich]. An seinen sozialpolitischen Schriften ging mir ein "Seifensieder" nach dem anderen auf Freie Wahl der Lehrer durch Eltern und Schüler - freie Wahl der Schüler durch die Lehrer -Lehrer bestimmen Inhalt und Methode ihres Unterrichtes selbst - verwalten auch ihre Schule selbst, damit sie von der Theorie wegkommen - enge Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern und Lehrern und Eltern - "Freie Schulen" - allmählicher Abbau der Schulbürokratie durch den Aufbau neuer Schulen, die sich selbst verwalten - freies Lehren und Lernen auch an Fachschulen und Hochschulen - Selbstverwaltung Danach hatte ich mich schon als Schüler gesehnt. Das hatte ich als Student vermißt, wenn ich langweilige Pflichtvorlesungen bei alten, gleichgültigen Professoren absitzen mußte. Das hatte ich mir auch als Lehrer gewünscht, - und nie gefunden. Die Grundrechte, die für alle gleich gelten, werden durch demokratische Volksbestimmung entschieden - Abschaffung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln nicht durch Gewalt, sondern durch freie Aufklärung und Volksabstimmung - Leitung der Produktionsstätten durch fähige Fachleute ohne Eigentumsrecht an Produktionsmitteln. Heraushalten des Staates aus der Wirtschaft, kein Staatskapitalismus - die Wahlberechtigten entscheiden über Erziehungs- und Ausbildungsfinanzierung - Nahrung, Kleidung und Wohnung für jedermann - menschenwürdige Alters- und Krankenversorgung durch direkte demokratische Volksabstimmung. Die einfachen Menschen waren vernünftiger als die machtbesessenen Führer. Das hatte ich erlebt. Wenn man die einfache Frau und den einfachen Mann wirklich aufklärte, informierte, würde sie/er bessere Entscheidungen über die Grundrechte fällen als die Führenden Als Verbraucher werden sie sich selbst die Produzenten suchen, die ihnen Einblick in ihre Produktion und Kalkulation geben. Der gerechtfertigte Preis wird in Verhandlungen zwischen Produzenten und bewußten Verbrauchern ausgehandelt werden. Die Verbraucher werden dafür sorgen, daß die Wirtschaft nur das produziert, was sie, die Verbraucher, haben wollen. Ich sah darin den Weg aus dem Wahnsinn der Verschleißwirtschaft der Vergeudungswirtschaft des Kapitalismus und Kommunismus. Ich las alles, was Steiner über die "soziale Frage" geschrieben hat. Das war kein Studium von Theorien. Es ging darum, mir meine eigenen Erfahrungen bewußt zu machen und daraus die neuen Wege zu bestimmen. Alles, was Steiner an neuen Einrichtungen darstellt, liegt unmittelbar im Interesse jedes Menschen. Er sagt nie, das "muß" so sein, wie die Dogmatiker, die Starrköpfe. Er sagt, die Menschen werden Einrichtungen in der von ihm angegebenen Richtung selbst schaffen, wenn sie die Einsicht und die Kraft haben, ihre eigenen Interessen zu wahren und zu schützen. Meinen Beruf als InternatsIehrer liebte ich sehr, trotz blödsinniger Unterrichtspläne und vieler Amtsschimmel-Schikanen. Ich hängte ihn an den Nagel und wählte meinen neuen Beruf selbst- Ich wurde Aufklärer für Dreigliederung, reiste per Anhalter mit dem Rucksack durch die Bundesrepublik, hielt Vorträge, führte Versammlungen durch und begründete politische Arbeitsgruppen für Dreigliederung Meine politische Tätigkeit stieß hauptsächlich auf politische Gegner: Der Normalbürger hatte den Glauben an den "Führer" verloren und glaubte nun umso mehr an das "Wirtschaftswunder". Er sah in mir einen Kommunisten, weil ich die Aufhebung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln vertrat. Die Linken sahen in mir einen "Liberalen", weil ich für absolute geistige Freiheit, freie Presse, freie Schule usw. eintrat. Die Liberalen sahen in mir einen "Sozialisten", weil ich die Herrschaftsausübung durch das Kapital bekämpfte. Die Schüler Rudolf Steiners, die Anthroposophen, waren in der Regel ohne Information, unpolitisch. Die große Mehrzahl von ihnen stand praktisch und geistig im Lager des Kapitalismus. Eine sehr kleine Gruppe von Anthroposophen hatte Verständnis für meine Arbeit und unterstützte sie - bis heute. Durch Rundgespräche und Arbeitskreise in unseren Witthüs-Teestuben in Hamburg und Sylt entstanden viele Kontakte, einige feste Arbeitsgruppen im Norden, Anregungen zu eigenen Initiativen. Das Gesamtergebnis war sehr bescheiden. Steiner schien recht zu haben, wenn er seinen Freunden sagte, mit der Dreigliederung werde man zwischen allen etablierten Stühlen sitzen. Die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition ab '67 brachte die große Hoffnung. Sie wurde zunächst enttäuscht. Aus der großen Freiheitsforderung wurde der Organisationsrummel im alten Stil. 1971 wurde ich Mitbegründer des Internationalen Kulturzentrums Achberg. Ich steckte alle Kraft in die Arbeit für die Begründung des INKA. Dort sollte die Idee einer freien Begegnung zwischen weltoffenen,anthroposophisch arbeitenden Dreigliederern und Andersdenkenden aller Richtungen verwirklicht werden. [1976] Lange Zeit hindurch habe ich in öffentlichen Vorträgen die Soziale Dreigliederung vertreten. Seit 1976 halte ich keine Vorträge mehr, sondern beschränke mich auf die Rundgespräche, kleinere und größere Arbeitskreise, Tagungen, die im Rahmen vom "Modell Wasserburg" am Bodensee stattfinden. [1985]
Sehr viele Menschen, die bereits begriffen haben, die sogar durch und durch davon überzeugt sind, daß unsere gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen, denken sofort an Programme, wenn sie eine solche Veränderung vorstellen wollen. Geschichte und Gegenwart zeigen nun ganz deutlich, daß die Programme der Parteien, welche eine gute Zukunft versprachen, stets bereits überholt waren, wenn eine solche Partei dann wirklich einen maßgebenden Einfluß ausüben konnte. Außerdem gehört es inzwischen zur festen Gewohnheit der Parteipolitiker, daß sie sich um die vorher verkündeten Programme überhaupt nicht mehr kümmern, wenn sie einmal die Regierung ausüben. Die Soziale Dreigliederung ist nun entschiedenster Gegner jeglicher Programme. Rudolf Steiner sagt 1919, also zu einer Zeit, in der sehr viele Menschen noch auf die Erfüllung der Programme hofften, alle, die noch an Programme glauben, würden in der Zukunft die bittersten Enttäuschungen erleben. An die Stelle von Programmen setzt die Soziale Dreigliederung Impulse. Was sind Impulse? Impulse haben stets mit dem Gefühl, also mit einer tieferen Schicht unserer Persönlichkeit, zu tun. Programme stammen aus dem Kopf. Impulse entstehen dann, wenn bestimmte politische Gedanken die Region des Herzens erfaßt haben. Der Impuls liegt tiefer als der Gedanke des Kopfes. Wenn ich zum Beispiel den Impuls habe, einem anderen Menschen zu helfen, dann kommt das aus dem Herzen. Der bloße Gedanke ist theoretisch, er kann ausgewechselt und durch andere Gedanken ersetzt werden. Programme sind theoretische Gerüste, nach denen sich diejenigen, welche die Programme ausdenken, später nicht mehr richten, weil diese Gedanken noch nicht das Gefühl, das Herz erfaßt haben Die Soziale Dreigliederung spricht zum Beispiel davon, daß Kapital weder Privateigentum noch Staatseigentum sein darf. Sie macht bewußt keine programmatischen Aussagen im einzelnen, wie das verwirklicht werden soll. Sie geht davon aus, daß erst einmal der Impuls in dem Menschen entstehen muß, daß der Impuls viele Menschen ergreifen muß, Kapital dürfe auf keinen Fall mehr Privateigentum oder Staatseigentum sein. Erst muß dieser Impuls aus der Lebenserfahrung vieler in diesen Menschen vorhanden sein. Er muß in ihrem Gefühl zu einer selbstverständlichen Sache geworden sein, vielleicht deshalb, weil sie schmerzlich genug erlebt haben, welche katastrophalen Zustände dadurch entstanden sind und entstehen, daß Kapital Privateigentum oder Staatseigentum ist. Ist der Impuls in dieser Richtung weit genug verbreitet, hat er eine genügend große Anzahl von Menschen ergriffen, so wird man auch die Wege finden, um ihn in der Praxis umzusetzen. Ein anderes Beispiel* Die Soziale Dreigliederung spricht von der Befreiung allen Geisteslebens aus der Herrschaft des Staates und der Wirtschaft. Sie meint damit in erster Linie Erziehung und Schule. Auch hier geht es nicht um ein Programm, sondern um einen Impuls. Haben genügend Menschen erfahren und erlebt, wie ungeheuer schädlich es für die Entwicklung jedes Heranwachsenden ist, wenn Staat und Wirtschaft Erziehung und Ausbildung dirigieren, dann entsteht in ihnen der Impuls, Erziehung, Schule und alles Geistesleben überhaupt aus den Fesseln von Staat und Wirtschaft zu befreien. Impulse entstehen dadurch, daß der Mensch sich seine eigene Erfahrung zu Bewußtsein bringt. Heute haben viele junge Menschen das innere Bedürfnis, nicht nur eine Fähigkeit, die sie vielleicht haben, auszubilden, sondern viele Fähigkeiten, die sie in sich fühlen, einmal auszuprobieren, um sich schließlich für einige Fähigkeiten zu entscheiden, welche sie dann wirklich ausbilden wollen. Diesem inneren Bedürfnis, diesem Impuls stehen die heutigen Ausbildungseinrichtungen vollkommen entgegen. Der Impuls zu einer Ausbildung im Allgemeinen, welche die Praxis an den Anfang stellt und erst allmählich theoretische Elemente in die Praxis einbaut, wird dann entstehen, wenn eine genügende Anzahl von Menschen die Lebensfremdheit der gegenwärtigen Ausbildungsgänge erfahren hat und wirklich aus dem Inneren heraus andere Ausbildungen sucht. Das deutet sich bereits in der sogenannten Alternativbewegung an. Wie eine solche neue Ausbildung auszusehen hat im Einzelnen, darüber will die Soziale Dreigliederung jegliches Programm vermeiden. Das Einzelne wird sich ergeben, nachdem der Impuls stark genug ist, und nachdem die Menschen selbst den Willen haben, das, was sie fühlen, auch in die Praxis überzuführen. Programme töten Impulse. Neue Impulse dürfen nicht zu Programmen erstarren, sie sind dazu da, um ständig im Inneren jedes Menschen die Frage aufzuwerfen, ob das, was jetzt in die Praxis überführt worden ist, auch dem entspricht, was sie ursprünglich als Impuls gefühlt haben. Deshalb müssen die einzelnen Maßnahmen von äußerster Beweglichkeit sein, wenn der ursprüngliche Impuls erhalten werden soll. [1985] Es kommt bei jeder Sache darauf an, nicht nur das Ziel zu betrachten, sondern es kommt vor allem darauf an, nüchtern zu erkennen, ob die Wege, die man geht, überhaupt zu diesem Ziel führen können. So selbstverständlich diese Feststellung jedem Menschen erscheinen mag - praktisch ist es so, daß die führenden Persönlichkeiten der Welt, ganz egal, ob in Demokratie oder "Volksdemokratie", Monarchie oder Diktatur, dauernd Wege gehen, die ins Verderben führen und zugleich Ziele aufstellen, welche den höchsten Idealen entsprechen. Es sollte heute jeder Mensch so weit sein, daß er sich nüchtern die Frage stellt - Wo sitzen in Wirklichkeit die Utopisten, die Schwärmer und Phantasten? Es gehört nicht viel dazu, um zu erkennen, daß gerade die führenden Persönlichkeiten die Utopisten sind, weil sie laufend Ziele verkünden, deren Gegenteil sie durch Ihre praktischen Maßnahmen erreichen. Gerade sie sind es, welche die besten Ziele dadurch zur Utopie machen, daß sie stur und beharrlich vor, in und nach Katastrophen immer wieder die falschen Wege gehen. [1956] Neues ermöglichen, nicht einführen Wer die Schriften Rudolf Steiners studiert, in denen er die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus ausführt, der könnte vielleicht erschrocken sein über die Radikalität der Ziele. Die Ziele der Sozialen Dreigliederung sind so radikal, so konkret auf die Selbstbestimmung der Menschen gestellt, wie es vorher noch niemals politische Ziele gegeben hat. Obwohl es keinen Diktator und keinen Kaiser mehr gibt, arbeiten bis heute fast alle neuen politischen Bewegungen mit einem starken Führungsanspruch der führenden Leute dieser Bewegung. Die Soziale Dreigliederung ist radikal das Gegenteil. Sie will aus dem jahrhundertelangen Schlamassel von Obrigkeit und Untertanen radikal herausführen, indem sie das gesamte gesellschaftliche Leben in allen seinen Einzelheiten auf den sich selbst bestimmenden Menschen stellt. So radikal, wie die Ziele der Dreigliederungsbewegung sind, so evolutionär sind die Wege, die sie befürwortet. Das heißt: Sie will auf keinen Fall das Alte umstürzen und an die Stelle des Alten das Neue" einführen". Das Neue muß möglich sein, aber es darf niemals erzwungen werden. Echt demokratische Volksbefragungen und Volksentscheide sollen nur dann stattfinden, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen diese echt demokratische Form der Entscheidung wirklich will. Der gegenwärtige Staat mit all seinen Mängeln wird also nicht "umgestürzt", sondern durch Volksbefragungen und Volksentscheide ergänzt. Was sich verändern soll, darf sich nur aus der Einsicht und dem Willen der Menschen verändern. Finden sich nicht genug Menschen, die eine grundlegende Frage ihres gemeinsamen Lebens durch Volksbefragung und Volksentscheid entscheiden wollen, dann entscheidet weiterhin der vorhandene Staat bzw. das Parlament. Finden sich jedoch genügend Menschen, die der Meinung sind, daß der vorhandene Staat nicht genug für Umweltschutz usw. tut, und wollen diese Menschen deshalb über derart lebenswichtige Fragen durch Volksbefragung und Volksentscheid abstimmen, dann findet eine solche Volksentscheidung statt. Assoziationen in der Wirtschaft muß es in dem Umfang geben, in dem Menschen solche Assoziationen wollen. Assoziationen dürfen ebensowenig von oben eingeführt werden wie Volksentscheide. [1988] Der schöpferische Mensch hat Individuelle Fähigkeiten. Nur ein Erziehungs- und Unterrichtswesen, welches die verschiedenartigen Schulen sich begründen läßt, hat die Aussicht, schöpferische Menschen zu entwickeln. Auch hier, wie bei allen übrigen sozialen Reformen, kann das notwendige Neue nur durch einen allmählichen Abbau des Alten erreicht werden. Es wäre genauso unsinnig wie zerstörerisch, wenn man nun plötzlich die Staatsschulen verbieten wollte, um gewissermaßen mit einem Ruck die freie Schule gesetzlich einzuführen. Wenn das geschähe, dann würde nur der gleiche Fehler gemacht werden, der bisher immer gemacht worden ist, nämlich der Fehler der brutalen Gewalt. Zwang kann niemals durch Zwang überwunden werden. Die Staatsschulen bleiben bestehen. Es muß jedoch durch Grundgesetz gesichert und erlaubt sein, daß sich freie Schulen und freie Lehrerbildungsstätten jederzeit bilden können. Es werden sich dann freie Schulen in dem Maße ausbreiten, wie innerhalb der Bevölkerung ihnen gegenüber Vertrauen vorhanden ist. Auch freie Lehrerausbildungsstätten werden von solchen Studenten gesucht werden, welche die staatliche Ausbildungsstätte für ungeeignet halten. Ein Vorrecht der Staatsschule gegenüber freien Schulen wird es nicht mehr geben. [1956] Die Soziale Dreigliederung lehnt die Machtausübung durch kleinste Minderheiten, so wie sie heute das gesamte Leben der Gesellschaft durchziehen und dirigieren, in der entschiedensten Weise ab. Kein Mensch soll gezwungen werden, etwas zu bejahen oder zu verwirklichen, was er nicht selbst einsieht. [1985] Ich hoffe, daß es mir gelingt, deutlich zu machen, daß die Soziale Dreigliederung in ihren Zielen bewußt radikal ist, aber daß sie das von ihr angestrebte Neue nur in dem Umfange will, in dem es wirklich von den Menschen aus ihrer Einsicht und Erfahrung heraus gewollt wird. Gedanklich ist es vielleicht nicht schwer, einzusehen, daß die Soziale Dreigliederung auch in der Methode etwas völlig Neues will. Sie will das Neue neben das Alte stellen, und sie will diesem Neuen die volle Entwicklungsmöglichkeit geben. Aber sie will das Alte nicht "stürzen" so lange, wie dieses Alte von Menschen gewollt wird. Wir sind seit sehr langer Zeit gewöhnt, daß eine politische Strömung oder eine politische Partei das von ihr gewollte Neue von oben einführt, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist. Wir erleben jedoch immer wieder, daß das Neue, auch wenn es noch so gut ist, scheitert, weil es von den Menschen nicht eingesehen werden kann. Auf der Grundlage dieser Erfahrung steht der methodische Weg der Sozialen Dreigliederung. So ist eine radikale Erschütterung der gesamten Gesellschaft ausgeschlossen, weil das Alte nicht total umgestürzt wird. Es bleibt bestehen, solange es von vielen Menschen gewollt wird. Aber es wird sich verändern, wenn immer mehr politisch aufgeklärte und bewußte Menschen neue Einrichtungen begründen. Entscheidend ist, daß die Soziale Dreigliederung dafür eintritt, daß neue Einrichtungen in dem beschriebenen Sinne jederzeit möglich sind, wenn sie von Menschen gewollt werden. Das Denken der Menschen entwickelt und verändert sich langsam. Am langsamsten entwickelt und verändert es sich im Hinblick auf das sozialpolitische Leben. Eine revolutionäre Bewegung, die verkündet, daß "alles anders werden wird", ist in der größten Gefahr, zu den alten, von ihnen bekämpften Zuständen wieder zurückzukehren, wenn sie längere Zeit die Macht ausübt. Der Grund dafür ist einleuchtend: Selbst, wenn Millionen "Revolution" riefen und immer wieder revolutionären Führern nachgelaufen sind, so hat sich damit ihr Denken doch noch nicht verändert. Sie können die "revolutionären Ziele" nicht tragen, weil sie sie noch gar nicht verstehen. Die Folge ist die uns allen bekannte Katastrophe: Die "Revolutionsregierung" landet schließlich bei Zuständen, die schlimmer sind als die Zustände vor der Revolution. Man hat herausgefunden, daß höchstens 5 bis 10 Prozent der Menschen wirklich neue, von ihnen selbst bestimmte und getragene Einrichtungen wollen. Diesen Menschen muß die volle Möglichkeit gegeben werden, diese neuen Einrichtungen auch zu begründen. Das ist das Entscheidende. Wer Neues will, muß Neues tun können, aber nur mit den Menschen, die ebenfalls dieses Neue wollen. Wenn sich diese neuen Einrichtungen bewähren, dann wird sich das herumsprechen, und die Einrichtungen werden sich ausbreiten. Die Soziale Dreigliederung kämpft für den Freiraum, der nötig ist, damit sich neue Einrichtungen begründen und eventuell wachsen können. [1988] "Soziale Dreigliederung" - zu schwierig? In unseren öffentlichen Rundgesprächen im "Eulenspiegel" in Wasserburg/Bodensee wird immer häufiger nach dem Inhalt der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus gefragt. Besonders solche Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gespräche, welche an wissenschaftlichen Seminaren über die Idee von der Dreigliederung teilgenommen haben, erklären, daß sie die Dreigliederung nicht verstanden haben, weil sie einfach zu schwierig sei. Wir sind der Meinung, daß die beklagte Schwierigkeit dieser Idee daran liegt, daß sie so einfach ist. Der politisch interessierte Zeitgenosse, ganz besonders dann, wenn er studiert hat, verlangt gewissermaßen von einer Idee, welche eine fundamentale Neuordnung aller gesellschaftlichen Verhältnisse zum Ziel hat, daß sie ungeheuer schwierig sei. Hinzu kommt, daß die Soziale Dreigliederung als Soziallehre vorzugsweise von Menschen ergriffen worden ist, welche in irgendeiner Weise akademisch gebildet sind. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, was ein akademisch gebildeter Mensch geistig in die Hand nimmt, was er beschreibt und worüber er nachdenkt, das wird immer komplizierter, immer schwieriger. Der akademisch gebildete Mensch hat bewußt oder unbewußt durch sein Studium verinnerlicht, daß alles, was er geistig bearbeitet, außerordentlich kompliziert sein muß. Er macht auch das Einfache kompliziert, weil er sich als Akademiker gewissermaßen dazu verpflichtet fühlt. Die außerordentlich zahlreichen Äußerungen und Erläuterungen Rudolf Steiners darüber, daß die Universitäten die Totenhäuser der Gesellschaft sind, sollten wenigstens denjenigen zu denken geben, welche sich darum bemühen, auf anthroposophischer Grundlage die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus zu erfassen. Am Leben der Gesellschaft ist jeder Mensch beteiligt, ob er nun will oder nicht. Durch zahllose Verordnungen wird das Leben jedes einzelnen buchstäblich von der Wiege bis zum Grabe geregelt. Das gilt auch für alle, die weder politisch interessiert noch politisch engagiert sind. Sie nehmen als angepaßte Mitläufer am Leben der Gesellschaft teil. Viele von ihnen fühlen sich "frei", weil sie jede neue Verordnung verinnerlichen. Eine Minderheit politisch interessierter und engagierter Menschen fühlt sich mehr und mehr im Zuchthaus der verordneten Gesellschaft. Sie fühlen die zunehmende Einengung ihrer Betätigungsmöglichkeiten in Kultur, Recht und Wirtschaft täglich. Eine Idee, welche das Leben jedes einzelnen in der Gesellschaft so gestalten möchte, daß jeder einzelne auch aktiv an dieser Gestaltung teilhaben kann, muß für jedermann verständlich sein. Die Soziale Dreigliederung ist eine solche Idee. Wenn sie von der notwendigen Freiheit der Kultur in Erziehung, Schule, Ausbildung usw. spricht, so meint sie das, was eigentlich jeder Mensch in seinem Innern will. Heute bekommen wir zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer vorgesetzt, die wir nicht gewählt haben. Sie unterrichten uns oder unsere Kinder, und wir sind mit Recht unglücklich darüber, daß der Inhalt und die Methode des Unterrichtes entweder für uns oder auch für unsere Kinder sehr häufig als qualvoll, sinnlos und unproduktiv empfunden wird. Die Soziale Dreigliederung zeigt Einrichtungen, die es uns ermöglichen, die Lehrerinnen und Lehrer, von denen wir einen Unterricht empfangen wollen, selbst zu wählen und auch zu wechseln, wenn wir den Unterricht als unproduktiv empfinden. Die Soziale Dreigliederung bestreitet dem Staat grundsätzlich und ein für allemal das Recht, Inhalt und Methode des Unterrichtes, auf welchen Schulen auch immer, festzulegen. Sie sieht darin den Beginn allen gesellschaftlichen Unheils, nämlich die Uniformierung des Denkens, Fühlens und Wollens jedes Menschen. Die Soziale Dreigliederung will die freie Wahl der Schule, die freie Wahl der Lehrerinnen und Lehrer, die freie Wahl des Inhaltes und der Methode des Unterrichtes. Wir meinen, daß diese Forderung sehr einfach zu verstehen ist und daß sie dem Bedürfnis jedes Menschen, der einmal über seine Schule und seine Ausbildung nachgedacht hat, entspricht. Es erscheint uns sehr einfach, dies zu erkennen. Wir verkennen jedoch nicht, daß es außerordentlich schwer ist, es zu verwirklichen. Sehr viele Menschen haben sich daran gewöhnt, die unsinnigsten Forderungen der Wirtschaft und des Staates zu erfüllen. Sie sind unter der Last dessen, was ihnen andere auferlegt haben, müde und resigniert geworden. Das ist die Schwierigkeit. [1983] Bei dem Wort Dreigliederung handelt es sich zunächst um die drei Gebiete des gesellschaftlichen Lebens: 1. die Kultur, 2. das Recht und 3. die Wirtschaft. Das sind einfach objektiv die drei Gebiete, in denen sich das Leben jedes Menschen in jeder Gesellschaft abspielt. Ohne die Einrichtungen der Kultur (Erziehung, Unterricht etc.) würde in unseren zivilisierten Gegenden kein Mensch lesen und schreiben lernen. Ohne ein gültiges Recht wäre jeder dem Wahnsinn eines anderen schutzlos ausgeliefert. Ohne die Einrichtungen der Wirtschaft könnten die einfachsten Lebensbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung nicht erfüllt werden. Nicht ganz so einfach ist das Wort Gliederung im Zusammenhang mit der Dreigliederung zu verstehen. Es will sagen, daß die drei Gebiete - Kultur, Recht und Wirtschaft - zunächst auseinandergegliedert werden müssen, damit sie so zusammenwirken können, daß der Mensch in der Gesellschaft 1. seine Fähigkeiten frei entfalten kann, 2. die gleichen Menschenrechte findet; 3. in der Wirtschaft in der Weise tätig sein kann, daß er und seine Angehörigen menschenwürdig leben können. Warum müssen die drei Gebiete - Kultur, Recht, Wirtschaft - zunächst auseinandergegliedert werden? Das ist notwendig, weil jedes der drei Gebiete eine völlig andere Aufgabe für den Menschen und für die Gesellschaft zu erfüllen hat. Zum Beispiel: Die Kultur - daß heißt Erziehung, Unterricht und alle anderen kulturellen Einrichtungen - hat die Aufgabe, die Fähigkeiten des Menschen auszubilden. Im Grundgesetz heißt es-. "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ...... Eine völlig andere Aufgabe hat das Recht (und der Staat): Es soll dafür sorgen, daß unter allen Umständen jeder Mensch die gleichen Grundrechte hat. Hier geht es also nicht um die Freiheit und die Entfaltung der Persönlichkeit, sondern um die Gleichheit der Chancen, um die Gleichheit des Rechtes. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", heißt es im Grundgesetz. Das dritte Gebiet, die Wirtschaft, hat ihrerseits eine völlig andere Aufgabe zu erfüllen. Die Wirtschaft soll die materiellen Bedürfnisse der Menschen in einer Gesellschaft erfüllen. Sie soll so eingerichtet sein, daß die materiellen Bedürfnisse der Menschen wirklich erfüllt werden, und zwar so, daß der technische Fortschritt in der wirksamsten und zeitsparendsten Weise in den Dienst der Erfüllung des menschlichen Bedarfs gestellt wird. Jedes Gebiet kann nur dann seine Aufgabe erfüllen, wenn es unabhängig von den anderen Gebieten wirken kann. Jedes Gebiet kann nur dann auf die anderen Gebiete in der richtigen Weise wirken, wenn es nicht von ihnen überwuchert ist Die Dreigliederung steht auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den heute herrschenden Gesellschaftssystemen. Das kapitalistische System ist eingegliedert. Das heißt- Ein Gebiet - die Wirtschaft - erdrückt mit seiner Macht die beiden anderen Gebiete, Recht und Kultur. Das demokratische Leben des Rechtes verkümmert auf diese Weise. Es steht im Dienste der wirtschaftlich Mächtigen, nicht im Dienste der Rechte der Mehrheit. Das kulturelle Leben steht wie alles andere im Dienst der Profitsucht einer kleinen Minderheit. Auch das, was in Massen gedruckt und verbreitet wird, steht unter dem Gesetz des wirtschaftlichen Profits. Es spielt keine Rolle, ob eine Aussage wahr oder richtig ist. Ausschlaggebend ist allein, ob ein Buch oder eine Zeitung Gewinn bringt und ob sie das herrschende System des Kapitalismus festigt. Die Ursache des Schadens liegt darin, daß ein Gebiet, die Wirtschaft, die beiden anderen Gebiete beherrscht, erdrückt und somit an ihrer eigenen Entfaltung hindert. Die Kultur kann nicht frei sein, das Recht kann nicht demokratisch sein - das ist die notwendige Folge des kapitalistischen Systems. Dreigliederung ist das Gegenteil von zentraler Herrschaft über Kultur, Recht und Wirtschaft. Diese zentrale Herrschaft wird heute von den kleinsten Minderheiten sowohl im kapitalistischen Westen als auch im bürokratisch-sozialistischen Osten ausgeübt. Zentralismus (Herrschaft von einer Zentrale aus) im kleinen und im großen ist das Grundübel. Zentralismus verhindert die Anteilnahme und Mitbestimmung der Menschen. Dreigliederung heißt: Unabhängigkeit von Erziehung und Kultur von den Machtgruppen in Staat und Wirtschaft. Diese Unabhängigkeit (Freiheit) ist die notwendige Lebensbedingung des kulturellen Lebens. Dreigliederung heißt: demokratische Entscheidung über Grundrechte. Die demokratische Entscheidung der Mehrheit ist die Voraussetzung dafür, daß Rechte zum Schutze der Mehrheit entstehen können. Dreigliederung heißt: Partnerhafte Wirtschaftsverträge zwischen Produzenten und Verbrauchern. Nur dadurch, daß die Verbraucher in der Wirtschaft ihre Interessen vertreten, kann die Produktion in den Dienst des menschlichen Bedarfes gestellt werden. [1984] Die alten Strukturen sind Herrschaft von oben nach unten, Beherrschung aller durch wenige. Notwendig sind Strukturen, in denen sich die Menschen wirklich selbst bestimmen können und in denen wirklich das, was die Rechte und Pflichten aller betrifft, auch von allen festgelegt wird. Die unvermeidlichen Widersprüche im sozialen Leben können dann überhaupt erst gelöst werden, nicht ein für alle Mal, sondern immer von Neuem. Geistig frei wird dann jeder wirklich sein können, der aus der vorhandenen Fülle des Angebotes an Ideen, Schulen und Lebensformen sich die auswählt, die seinem Lebensstandort entspricht. Heute kann er das überhaupt nicht, weil Schule und Lebensform von der Spitze diktiert und manipuliert wird. Die Gleichheit von Menschen wird es durch echte Demokratie geben können, weil der Mensch sie sich selbst verschafft, weil er nicht, wie heute, die von der Spitze diktierte Ungleichheit in Untertanenart entgegennimmt. Und die Wirtschaft werden wir dazu nötigen, sozial zu sein, indem wir die Freiheit der Information und unseren demokratischen Rechtsanspruch auf sie wirken lassen. Über das, was in der Wirtschaft wirklich läuft, kann nur informiert werden, wenn die Information frei von der Wirtschaft ist. Und die sich stets vermehrenden Milliardenberge der Multis können nur dann für Menschen eingesetzt werden, wenn die Wirtschaft auf demokratischem Weg dazu gezwungen wird. Einheit im Sozialen ist das genaue Gegenteil einer Anordnung von oben. Sie kann nur entstehen, wenn Erziehung und Kultur frei von Staat und Wirtschaft sind -, wenn der Staat nicht Ausführungsorgan der Interessen der Wirtschaft, sondern demokratisches Rechtsorgan der Mehrheit ist - wenn die Wirtschaft von Fähigen geleitet, dabei jedoch durch demokratische Rechte daran gehindert wird, die Gesellschaft zu beherrschen. Den Weg dorthin müssen wir selbst gehen. Das nimmt uns keiner ab. Die ihn, als Führer von Organisationen und Parteien etc. für uns" gehen wollen, wollen uns beherrschen. Der Weg, der vor uns liegt, ist der vom verschlafenen Untertan zum allmählich erwachenden geistig freien und demokratiebewußten Bürger. [1978] Jeder
Mensch lebt mit der Dreigliederung Freiheit in allen Dingen, welche das geistige Leben betreffen, gleiches Recht für jeden auf dem Gebiet der Grundrechte und Brüderlichkeit sind die bekannten Grundforderungen der Dreigliederung. Was geschieht, wenn wir als noch sehr junge Menschen brennendes Interesse daran haben, bestimmte Bücher zu lesen, die uns von den Eltern als "nicht geeignet' entzogen werden? Was geschieht, wenn wir wiederum als junge Menschen in der Schulklasse sitzen und finden, daß der Lehrer uns schon fast eine Stunde lang mit langweiligem Blödsinn traktiert - ohne daß wir dagegen protestieren oder die Klasse verlassen mit lautem Türenknall? Was geschieht, wenn der Freund uns sagt, er habe die Freiheit, große Mengen Alkohol zu trinken und fühle sich in dieser Freiheit von der Freundin eingeengt? Was geschieht, wenn die Frau in den Ferien nach Italien fahren will und nicht nach Norwegen? Und wenn darüber ein großer Streit entbrennt? Die Beispiele auf diesem Gebiet könnten vertausendfacht werden. Die Fantasie kann gar nicht so viel ausdenken, wie in der Praxis gerade auf diesem Gebiet zwischen Mensch und Mensch geschieht Es gehört nicht viel Mühe dazu, um zu bemerken, daß es in den genannten Beispielen und in all denen, die jeder Mensch aus seinem Leben kennt, um die geistige Freiheit geht. Der Jugendliche will die Freiheit haben, die Bücher zu lesen, für die er sich interessiert, er will die Freiheit haben, gegen einen total langweiligen Unterricht zu protestieren oder ihn zu verlassen. Wir waren alle einmal Jugendliche. Der Erwachsene hat das Bedürfnis, die Lebensform, das Reiseziel, die Beschäftigungen usw. zu wählen, von denen er sich verspricht, daß sie ihn ausfüllen können. Das dringendste Bedürfnis nach Freiheit des einen stößt auf das dringendste Bedürfnis nach Freiheit des anderen. Über Freiheit kann man nicht theoretisieren, man lebt sie täglich, stündlich immer wieder Politische oder religiöse Theoretiker oder Dogmatiker denken über die Freiheit, und schon kommt etwas heraus, was in der Wirklichkeit als Bedrückung, als Unfreiheit empfunden wird. Sie bestimmen, was förderlich oder was schädlich für die von ihnen vorgestellte Freiheit des Menschen ist. Sie reden unaufhörlich von der geistigen Freiheit, während sie in der Praxis die Freiheit unterdrücken - die Freiheit der Rede, der Meinung, der Weltanschauung, der politischen Überzeugung usw Die Dreigliederung will genau diese Freiheit, die jeder Mensch empfindet. Sie weiß, daß in der Praxis des Lebens überall und überall die Freiheit des einen der Freiheit des anderen gegenübersteht. Sie will das, weil es dem wirklichen Freiheitsbedürfnis entspricht und weil es deutlich macht, daß in der Mitte zwischen der Freiheit des einen und der Freiheit des anderen die Brüderlichkeit liegt Warum kann der Vermögende sich eine Wohnung für seine Familie leisten, die allen Komfort enthält? Warum müssen Millionen und Abermillionen in einer derart räumlichen Enge leben, daß die Entfaltung ihrer Persönlichkeit auf das schwerste behindert ist? Warum können auch minderbegabte Kinder durch Privatschulen und Privatiehrer akademische Berufsziele erreichen, wenn ihre Eltern genug Geld haben? Warum sind die Kinder finanziell unbemittelter Eltern auch auf diesem Gebiet so benachteiligt? Warum werden Frauen an zahllosen Stellen unseres gesellschaftlichen Lebens so sehr benachteiligt? Warum haben kleine Gruppen die Macht (und das heißt: das Recht), die Meinung von Millionen Menschen zu lenken? Warum ist es in Zweierbeziehungen und Gruppen so, daß immer ein paar Leute viel mehr zu sagen haben als die anderen? Warum gilt das Wort des einen so viel, das Wort des anderen so wenig, obwohl die Qualität der Aussage sehr oft bei dem, der nicht so viel Rechte hat, viel höher liegt? Warum entstehen so unendlich viele Konflikte zwischen den Menschen, weil immer wieder einige - mit Recht - den Eindruck haben, daß sie gar nicht gehört, gar nicht beachtet werden? Und wenn das, was sie sagen, noch so wichtig sein könnte? Die Ungleichheit auf dem Gebiete des Rechtes ist nicht nur auf gesellschaftlichem Gebiet allüberall gegeben. Sie findet sich in Hülle und Fülle Tag für Tag im beruflichen und privaten Leben jedes Menschen. "Ich fühle mich als Mensch nicht anerkannt, nicht geachtet, überhaupt nicht für ernst genommen!" - Das ist ein Gefühl und zugleich ein Gedanke, wie er millionenfach im Alltag des privaten und gesellschaftlichen Lebens erlebt werden. Gleiche Achtung jedes Menschen gegenüber jedem anderen Menschen, das ist keine Theorie, das ist eine Empfindung und ein Gedanke, den jeder Mensch unendlich oft in seinem Leben erlebt. Gleichberechtigung ist das Gefühl, welches in jedem Menschen als Sehnsucht, als vielfach erfahrene Verletzung vorhanden ist. Diese Gleichberechtigung meint die Dreigliederung. Sie kommt als Wunsch aus den Tiefen der Empfindung jedes modernen Menschen. Jeder Mensch fühlt sich innerlich bestätigt, wenn er als Gleichberechtigter behandelt wird. Er fühlt sich an tausend Stellen des alltäglichen Lebens unterdrückt und verletzt, wenn ihm diese Gleichberechtigung als Mensch nicht entgegengebracht wird. Auch hier geht es nicht um die Theorie vom Recht, die bisher stets zuungunsten der Menschheit und zur anmaßenden Gunst einer kleinen Minderheit verlief. Es geht um tausend menschliche Gefühle, um Erlebnisse, die jeder vielfach in seinem Leben hat Im gesellschaftlichen Leben bezeichnet die Dreigliederung die Brüderlichkeit als jenen Vorgang, daß jeder Mensch heute praktisch für andere arbeitet. Der Vorgang der sogenannten Arbeitsteilung ist ein brüderlicher Akt. Die Kritik, die hier geübt wird, liegt in der bekannten Tatsache, daß die Ergebnisse der Tätigkeit nicht brüderlich verteilt werden. Im persönlichen Bereich ist die Brüderlichkeit, welche die Dreigliederung meint, jener Wunsch nach brüderlicher Hilfeleistung, welcher der eine hat und den der andere erfüllen kann. Brüderlichkeit will geben, ohne zu nehmen. Diese Brüderlichkeit findet millionenfach in unserem Alltag statt. Und sie wird ebenfalls millionenfach dort unterlassen, wo sie erwünscht wird, wo sie vielleicht möglich wäre, aber nicht gegeben werden kann. Es gibt schon recht viele Menschen, die anderen Menschen gerne etwas geben, was auch immer, weil sie Geben zugleich auch als Nehmen empfinden. Die Gegenleistung der brüderlichen Handlung liegt nicht im Materiellen. Sie liegt im seelischen Bereich, sie beschenkt durch Dankbarkeit, durch Zuneigung, durch Offenheit für den anderen. Die Sehnsucht nach brüderlicher Hilfeleistung wird auch heute noch am meisten dort empfunden, wo sie ersehnt wurde, aber nicht stattgefunden hat. Es ist jedoch erwiesen, daß der Mensch zu brüderlicher Hilfeleistung, ohne auf Gegenleistung zu spekulieren, fähig ist. In Zweierbeziehungen und in Gruppen spielt die Brüderlichkeit eine entscheidende Rolle. Sind auch nur ein paar Leute da, die sie aufbringen können, nicht immer natürlich, aber doch in entscheidenden Fällen, dann gibt das der Zweierbeziehung oder der Gruppe oft überhaupt den Zusammenhalt. Brüderlichkeit im Menschlichen ist die Freude am Verzicht zugunsten des anderen und der anderen. Sie wird heute geübt und geprobt, nicht aufgebracht und nicht durchgehalten, wieder geübt und wieder geprobt in zahllosen Fällen. Die Hilfsbereitschaft für den Bruder Mensch, um die es hier geht, ist der Impuls jener weltweiten Bemühungen der Hilfe für andere Menschen, mögen diese Bemühungen zunächst noch so unzulänglich sein. Sie sind da. Im kleinsten Vorgang der Brüderlichkeit wird jene Überwindung geübt, die einstmals im Großen erreicht werden muß. Sie ist eine berechtigte Forderung. Sie besteht darin, daß nicht nur brüderlich gearbeitet wird. Das ist schon lange so. Die Verteilung des gemeinsam Erarbeiteten muß brüderlich geschehen. Der scheinbar unbedeutende Vorgang, der sich in Partnerschaften, Familien und Gruppen tagtäglich abspielt, ist auch hier die Voraussetzung, die Bedingung, daß wir einmal alle Menschen wirklich brüderlich behandeln. Ihnen freiwillig jene Freiheit geben, die sie brauchen, jenes Recht, welches zu ihrer Menschenwürde gehört, und jene Brüderlichkeit, auf die sie rechnen können, wenn sie in Not sind. [1984] Freiheit, Demokratie und Sozialismus Eine politische Idee kann nicht totgesagt werden, wenn sie noch nie gelebt hat. Das gilt sowohl für den Sozialismus als auch für die Freiheit. Eine im vollen Umfang wirksame gesellschaftliche Freiheit ist die Vorbedingung für jede wirklich humane Gesellschaftsordnung. Im Osten wurde der geplante Sozialismus durch die Diktatur getötet. Im Westen wurde die geplante Freiheit durch die Diktatur des Kapitals getötet. Heute spricht man vom Sieg der Freiheit und vom Tod des Sozialismus. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird man mehr erleben als erkennen, daß der angeblich freie Kapitalismus durch seine Technik und durch seinen Raubbau am Planeten zum Tode der Menschheit führt. Hoffentlich wird man dann nicht sagen, nun ist die "Freiheit" auch tot. Wie vorher der Sozialismus gestorben ist. Hoffentlich wird man sich darauf besinnen, daß sowohl der Sozialismus als auch die Freiheit die lebensnotwendigen Ziele der Menschheit sind. Was heißt Freiheit im gesellschaftlichen Leben? Es muß viele verschiedene Zeitungen und Informationsorgane geben. Die Menschen können sich nur dann ein eigenes Urteil bilden, wenn sie die gesellschaftliche Situation von den verschiedensten Seiten geschildert bekommen. Und wenn in den Zeitungen und Zeitschriften vielfältige Modelle einer notwendigen gesellschaftlichen Neuordnung dargestellt werden. Niemals darf ein Verlag 10, 20 oder 100 Zeitschriften herausgeben. Das ist der Tod der Freiheit, weil dadurch in äußerlich verschiedenen Farben immer wieder die gleiche Anschauung in die Gemüter der Menschen getragen wird. Wir sind von dieser wirklichen Freiheit noch sehr weit entfernt. Aber es gibt Ansätze in dieser Richtung. Sie finden sich überall, fast ausschließlich in der Oppositionspresse. Auch die Demokratie ist nicht tot, weil sie auch noch niemals Wirklich gelebt hat. Im Osten wurde sie durch die Macht der Funktionäre zerstört, im Westen geschah das gleiche durch die Macht des Kapitals. Die Eroberung der DDR durch die Macht des westdeutschen Kapitals ist dafür ein Beispiel. Grundsätzlich sind Parteien in dem Maße gesellschaftlich wirksam, in dem ihnen Kapital zur Verfügung steht. Ihr Kapital kommt zum allerkleinsten Teil von den Parteimitgliedern, zum allergrößten Teil von Machtgruppen innerhalb der Gesellschaft, die das Kapital geben, damit die Partei sich dem Willen der Machtgruppe unterwirf Sozialismus ist die Idee, welche die Existenzrechte der Mehrheit an die erste Stelle der gesellschaftlichen Berücksichtigung setzt. Mit anderen Worten: Die erste Sorge der Gemeinschaft ist die Sorge um jene Millionen, die seit Jahrhunderten keinen berechtigten Anteil an kulturellen Lebensgütern der Gemeinschaft und an den materiellen Lebensgütern der Gemeinschaft hatten. Das sind jene, die immer in der Gefahr leben, bei irgendeiner Erschütterung unter die Grenze des Existenzminimums zu fallen. Früher war das ausschließlich die Arbeiterklasse, heute stehen die Angehörigen aller Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten in dieser Gefahr. Auch der Sozialismus ist ein Lernprozeß für alle Menschen. Hierbei geht es praktisch um ein bestimmtes soziales Mitgefühl mit den Menschen, die in ihrer materiellen und geistigen Existenz bedroht sind - und zu denen man jederzeit durch ein bestimmtes Ereignis selbst gehören kann. Der sozialistische Impuls wird überdeckt durch den materialistischen Impuls, der zur Zeit fast noch alle Menschen beherrscht. Stichwort - Hauptsache, mir geht es gut, wie es dem andern geht, ist seine Sache. Aber es gibt doch sehr viele Menschen, die den sozialistischen Impuls in sich haben, obwohl sie im Moment nicht gerne davon sprechen. Der besteht darin, daß sie es ungerecht und unmöglich finden, daß es auf der Welt Millionen und viel mehr als Millionen Menschen gibt, die von den Regierungen unbarmherzig unter die Grenze des Existenzminimums gestoßen werden. Die Gegenwehr gegen diese Unmenschlichkeit zeigt sich darin, daß in der BRD, aber auch in anderen Ländern Forderungen nach einem Existenzminimum für jeden Menschen immer lauter werden. In Schweden und in Dänemark braucht keiner mehr um seine Grundexistenz zu fürchten. Die Höchstgrenze des individuellen Einkommens muß gesenkt werden, wenn der Zustand erreicht werden soll, daß alle an den materiellen und geistigen Gütern der Gesellschaft teilhaben können. Der Sozialismus ist damit die humanste aller gesellschaftlichen Bedingungen. Er will verwirklichen, daß kein Mensch in Not leben muß, in einem Lande, in dem andere in Luxus leben. Aber der Sozialismus ist auch, wie jeder Fortschritt, im äußersten Maße angewiesen darauf, daß es geistige Freiheit gibt. Diese Freiheit ist der Quell, aus dem alle Erneuerung der Gesellschaft fließt. Ist dieser Quell verstopft, dann muß es Diktatur in dieser oder jener Form geben. Die Freiheit ist lebensnotwendig, um neue Formen der Gesellschaftsordnung überhaupt dem Menschen vor Augen zu führen. Und um fortlaufend die notwendigen Korrekturen zu vollziehen, Kritik zu üben, wenn ein Neues sich verwirklichen will. Es gehört zu den politischen Lebensgesetzen, zu den Lebensgesetzen überhaupt, daß etwas notwendig Neues nicht im Kopf eines einzelnen erdacht werden kann, um es dann einem Volk aufzuzwingen. Sobald etwas Neues, etwas notwendig Neues in der Praxis übertragen wird, zeigen sich Fehler. Das ist einfach so, auch im persönlichen Leben. Diese Fehler müssen erkannt werden können. Deshalb ist ein freies Geistesleben das Wichtigste für das Leben der Gesellschaft. [1990] Ein
mögliches Bild von der Zukunft Ich möchte schildern, wie in groben Zügen die Verwirklichung der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus aussehen könnte, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen die dafür notwendigen Einsichten und den dafür notwendigen Tatwillen aufbringen würde. Die Schulen des Landes, in dem sich die Dreigliederung verwirklicht hat, dürften unabhängig von Eingriffen staatlicher Verwaltung oder wirtschaftlicher Macht sich selbst verwalten. Ihre Verwaltung und Gestaltung würde aus der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer hervorgehen, welche sie begründen. Die Form der Schule würde sich laufend dadurch verändern, daß die Lehrer mit den Eltern und mit den Schülern in ständigem Kontakt über die Ergebnisse des Schulunterrichtes und vor allem über die Entwicklung der Menschen stehen würden, die ihnen anvertraut sind. Eine solche Entwicklung kann mit den kleinsten Anfängen beginnen, und sie beginnt bereits in unseren Tagen in jenem Kampf, den Lehrerinnen und Lehrer an vielen Orten der Bundesrepublik mit der Staatsverwaltung führen. Ziel und Inhalt dieses Kampfes ist der Wunsch dieser Lehrerinnen und Lehrer, die Gestalt ihres Unterrichtes und die Form ihrer Erziehung selbst zu bestimmen. Die Finanzierung der Schule würde nicht direkt durch den Staat erfolgen. Eltern würden unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze ein "Erziehungseinkommen" für ihre schulpflichtigen Kinder erhalten. Sie würden dieses Erziehungseinkommen jeweils der Schule ihrer Wahl zur Verfügung stellen. Wenn ein Elternpaar zu der Auffassung gelangt, daß die gegenwärtige Schule ihres Kindes durch die Art des Unterrichtes oder durch die Eigenschaften von Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr für ihr Kind geeignet ist, dann hätten sie die Freiheit, ihr Kind einer anderen Schule anzuvertrauen. Sie würden dann das Erziehungsgeld für ihr Kind der alten Schule entziehen und der neugewählten Schule zuführen. Ein weiterer Schritt der Verwirklichung würde darin liegen, daß der gesamte Bereich der Information, also Rundfunk, Fernsehen, Presse usw., allmählich den Kreisen entzogen würde, die heute eine direkte und indirekte Befehlsgewalt über Inhalt und Form der Massenmedien und somit der Massenbeeinflussung haben. Freie Rundfunksendungen würden an die Stelle der staatlich monopolisierten und von der Wirtschaftsspitze dirigierten treten. Der Inhalt der Sendungen würde von denjenigen ausgehen, welche diese Sender verantworten. Die Zielgruppe jedes Senders würde in den Menschenkreisen bestehen, die Wert auf diese Sendung legen und die sie auch bezahlen. An die Stelle des vielbesprochenen Informations-Einheits-Breies würde eine Fülle freier Sender und Sendungen treten. Frei insofern, als Inhalt und Form der Sendung aus der Zusammenarbeit zwischen den für die Sendung Verantwortlichen und ihren Empfängern entstehen. Vielleicht würde es zunächst wenige wirklich qualifizierte Sender geben. Aber es läßt sich vorstellen, daß auf die Dauer wahrheitsgemäße Informationen über unsere gesellschaftliche Lage im Ganzen und im Einzelnen einen erfolgreichen geistigen Konkurrenzkampf aufnehmen könnten gegen jene Sender, die den heutigen Einheits-Informationsbrei produzieren. Entwicklungen in dieser Richtung sind bereits kräftig in Gang gekommen. Sie bewegen sich mehr oder weniger auf sogenanntem illegalen Boden, weil das Grundgesetz, welches die Freiheit von Rundfunk und Presse garantiert, in der Wirklichkeit unseres gesellschaftlichen Lebens praktisch abgeschafft ist. Die Aufhebung des freien Funks und Fernsehens und der freien Presse ist daran zu erkennen, daß freie Sendungen und Zeitungsberichte weder gesendet noch gedruckt werden, während zensierte, also unfreie, die Programme der Sender und die Spalten der Zeitungen füllen. Wenn die Idee der Dreigliederung an eine wichtigste Stelle ihrer Wege und Ziele die Freiheit der Kultur stellt, so meint sie eine Entwicklung, welche in der Richtung verläuft, die hier angedeutet wurde. Der Weg in die immer stärkere Bevormundung allen geistigen Lebens ist schrittweise gegangen worden. Er muß wahrscheinlich auch schrittweise zurückgegangen werden in die Richtung der Freiheit. Dabei wird es nicht um radikale Lösungen gehen, sondern um Entwicklungen, die dem sich erweiternden Bewußtseinsstand der Menschen entsprechen. Auf dem Gebiet des demokratischen Staates, den wir heute nur im Zusammenhang mit manipulierten Wahlvorgängen wahrnehmen, wird die Verwirklichung der Dreigliederung dazu führen, daß immer mehr grundlegende Gesetze, welche die Rechte und Pflichten aller Menschen betreffen, auch von diesen Menschen selbst entschieden werden. An die Stelle der Parteienwahl wird schrittweise die echte demokratische Entscheidung der Mehrheit über ihre Existenzfragen treten. Auch diese Entwicklung deutet sich bereits in einer entschiedenen Weise an. So ist zum Beispiel der zur Zeit auf politischem Felde geführte Kampf um das "Ja" oder "Nein" zu den Atomkraftwerken ein Kampf um das Recht auf eine echt demokratische Entscheidung über die Existenzfrage aller Menschen. Die von der Idee der Dreigliederung gemeinte demokratische Entscheidung über Rechte und Pflichten aller Menschen kann sich nur dann in einer fairen Weise vollziehen, wenn die Aufklärung über die zur demokratischen Abstimmung stehenden Rechtsfragen eine freie ist. Praktisch bedeutet das, daß zum Beispiel im Falle der Entscheidung über das "Ja" und "Nein" zu den Atomkraftwerken oder zur Umwelterhaltung überhaupt, die Vertreter verschiedener Anschauungen zu diesen Fragen in einer gleichberechtigten Weise in den Massenmedien zu Wort kommen müssen. Auch diese notwendige Grundlage einer echt demokratischen Entscheidung über die Existenzfragen des Menschen entspricht heute bereits der Einsicht einer wachsenden Anzahl von Bürgern unseres Landes. Diese Entwicklung müßte bis zu dem Punkt gefördert werden, wo sie die Form politischer Willensäußerung annimmt. Aus dem Freiheitsverständnis der Dreigliederung heraus ist die Form, in der eine notwendige Forderung vertreten wird, niemals festgelegt. Sie unterliegt dem Urteil und der Verantwortung des einzelnen. Die Frage, welche Rechte und Pflichten im Laufe der Entwicklung als derart allgemeingültige empfunden werden, daß eine demokratische Volksabstimmung über sie notwendig ist, wird aus dem Verständnis der Sozialen Dreigliederung nicht vorprogrammiert. Man könnte hier Beispiele nennen, wie jene von Rudolf Steiner immer wieder erwähnte Notwendigkeit der Aufhebung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln. Es gilt jedoch grundsätzlich, daß solche Fragen in den Bereich der demokratischen Entscheidung gelangen, die von den Menschen als Fragen notwendiger demokratischer Entscheidung empfunden werden. Es wird also nicht theoretisch festgelegt, über welche Frage eine demokratische Entscheidung notwendig ist. Eine solche Entscheidung wird dann fällig sein, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen zu der Empfindung gelangt ist, daß darüber demokratisch entschieden werden muß. Auf dem Gebiet des Kultur- und Geisteslebens und des demokratischen Rechtslebens verlangt die Dreigliederung im Grunde genommen nichts anderes als dasjenige, was zum Beispiel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feierlich festgelegt worden ist. Wenn heute von vielen politisch einsichtigen Menschen die Anschauung vertreten wird, daß die Verwirklichung unseres Grundgesetzes eine "Revolution" wäre, so ist das eben nur ein Zeichen für den vielbeschriebenen Abgrund zwischen unserer Verfassung und der sogenannten Verfassungswirklichkeit. Auf dem Gebiet der Wirtschaft ergibt sich aus der Idee der Dreigliederung die Form der assoziativen Wirtschaft. Sie besteht darin, daß Produzenten, Verbraucher und Händler in sogenannten Assoziationen sich zusammensetzen, um über die Menge, die Qualität, den Preis einer vom Verbraucher gewünschten und vom Produzenten herzustellenden Ware verhandeln. Aus diesen Verhandlungen gehen assoziative Verträge hervor, die für alle Beteiligten verbindlich sind. In ihnen wird nach gemeinsamer Beratung und Übereinkunft festgelegt, was der Produzent zu liefern und der Verbraucher abzunehmen hat. Durch diese assoziative Wirtschaftsform kann erreicht werden, daß nicht blind produziert wird, sondern nur so, wie es den Einsichten und dem Bedarf der Verbraucher und auch den Möglichkeiten des Produzenten entspricht. Die assoziative Wirtschaft ist das Gegenbild von Fehlplanung und Verschleiß und Verschwendung der kapitalistischen Monopolwirtschaft und der Staatswirtschaft östlicher Prägung. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet sind gegenwärtig viele produktive Bemühungen Im Gang. Im Bereich der Alternativszene bemühen sich Hunderte von kleinen Produzentengruppen um brauchbare und tragfähige Verbindungen zu ihren Verbrauchern. [1983] Die Kultur Der moderne Mensch hat die alten traditionellen Bindungen mehr oder weniger abgestreift. Er praktiziert freies Geistesleben, völlig unabhängig davon, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht. Wenn die Menschen heute von Freiheit sprechen, so wird im allgemeinen außer Acht gelassen, wohin diese Freiheit gehört und wo sie ihre Grenzen hat. Die Soziale Dreigliederung bestimmt den Ort, den Raum, wo geistige Freiheit gilt. Sie hat überall dort ihren Gültigkeitsbereich, wo es sich um Erziehung, um Schule, um Ausbildung in der allerverschiedensten Form handelt. Sie lehnt in der entschiedensten Weise ab, daß in diesen sozialen Raum Kräfte des Staates oder der wirtschaftlichen Macht eindringen können. Praktisch: Alle Formen der Erziehung und des Unterrichtes, der Ausbildung und der Kultur haben allein auf der Grundlage des Menschen oder der Menschen zu stehen, welche diese Einrichtungen in die Welt stellen. Für die Begründung einer Schule gelten allein die Anschauungen und Methoden, welche von den Menschen gedacht und gewollt sind, welche diese Schule begründen. Hier hat absolut kein staatlicher Einfluß und keine wirtschaftliche Macht auch nur das geringste zu suchen. Was für die Schule gilt, das gilt auch für alle anderen Einrichtungen der Kultur in umfassendem Sinne. Alle anderen Menschen haben die Möglichkeit, eine bestimmte Schule zu wählen, wenn sie mit deren Auffassung und Unterrichtsmethode einverstanden sind. Sind sie es nicht, dann haben sie - zum Beispiel Eltern - die Möglichkeit, einen eigenen Kindergarten oder eine eigene Schule zu begründen. Die Freiheit der einen, welche eine kulturelle Einrichtung begründet haben, stößt im gesellschaftlichen Leben stets auf die Freiheit der anderen. Wird zum Beispiel eine neue freie Schule begründet, so liegt darin ein freilassendes Angebot. Das Angebot dieser neuen freien Schule kann von Eltern bzw. Schülerinnen und Schülern aufgegriffen werden, wenn das der Fall ist, dann wird diese neue Schule einfach dadurch eine soziale Existenzberechtigung haben. Finden sich keine Menschen, die sich für diese neue Schule interessieren, dann wird sie sang- und klanglos wieder eingehen. Noch einmal - Was für die Schule gilt, das gilt auch für alle anderen kulturellen Einrichtungen in einem umfassenden Sinne. Man kann eine Gruppe gründen mit einem bestimmten Ziel. Andere Menschen haben dann die Möglichkeit, sich dieses Angebot anzusehen und mitzuarbeiten, wenn sie die Ziele der Gruppe bejahen bzw. lernen wollen. Jede Gruppe hat nur dann eine soziale Existenzberechtigung, wenn sie von anderen Menschen gewünscht und durch Mitarbeit unterstützt wird. Ist das nicht der Fall, dann wird sie sich wieder auflösen. Es ist ein tödlicher Schlag gegen die von der Sozialen Dreigliederung gemeinte geistige Freiheit, wenn der Staat, zum Beispiel durch Finanzierung, eine Schule unterstützt. Er gibt ihr dadurch ein völlig ungerechtfertigtes Vorrecht gegenüber anderen freien Schulen. Dieser Eingriff ist besonders dadurch für die geistige Freiheit tödlich, daß der Staat traditionsgemäß nur solche Schulen finanziert und unterstützt, die sich dem Staat unterordnen und ihn in irgendeiner Weise bejahen. Dadurch wird die schöpferische Entfaltung des Menschen, die allein das Ziel des freien Geisteslebens ist, erdrosselt. Der Mensch kann dann nur noch seine schöpferische Fähigkeit auf der Grundlage der Normen, die vom Staat festgelegt sind, entfalten. Eben darin liegt der Tod für die von der Sozialen Dreigliederung gemeinte schöpferische Entfaltung des Menschen durch ein freies Geistesleben. Der moderne Mensch kritisiert mit Recht die katastrophale Macht-Zusammenballung, die sich heute in dem stärkstens von wirtschaftlichen Mächten dirigierten Staat festgesetzt hat. Er kritisiert, daß auf diese Weise die schöpferische Entfaltung aller Menschen gehindert wird, ja, daß sie bereits in der Wurzel, durch den vom Staat beeinflußten Schulunterricht gebrochen wird. Soll diese katastrophale Macht, die uns alle dirigiert und manipuliert, jemals ernsthaft in Frage gestellt werden, sollen jemals an die Stelle der Manipulation sich frei entfaltende Menschen treten, dann ist dafür die vollkommene Herauslösung alles kulturellen Lebens, vor allem der Erziehung und der Schule, aus den Zwängen des Staates und der Wirtschaft die absolut notwendige Voraussetzung. Die Forderung nach einer vollen Befreiung von Erziehung, Schule und Kultur von allen Zwängen des Staates und der Wirtschaft ist keine idealistische Ideenspielerei. Sie ist eine fundamentale soziale Notwendigkeit dafür, daß im Laufe einer möglichst schnellen Entwicklung an die Stelle der genormten Schülerinnen und Schüler, der genormten Lehrerinnen und Lehrer, der genormten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger der mehr und mehr sich entfaltende schöpferische Mensch treten kann. [1987] Die volle Selbstverwaltung des Kultur- und Geisteslebens in allen seinen Verzweigungen betrachten wir als die wichtigste Forderung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese volle Selbstverwaltung des Geisteslebens, vor allem der Erziehung und der Schule, ist nur möglich, wenn jegliche Einflußnahme des Staates und der Wirtschaft auf Einrichtungen des Geisteslebens vollkommen ausgeschaltet ist. Das ist das Hauptziel der Sozialen Dreigliederung, von dem kein Stück, auch nicht das kleinste, abgeschnitten werden darf. Alle Einrichtungen des Geisteslebens - Schulen, Universitäten, Theater, Film usw. - werden an diesem Ziel kompromißlos gemessen. Jede Abweichung von diesem Ziel in der Praxis, und sei es noch so verständlich - was ist nicht alles verständlich? - muß als ein Zurückwelchen von diesem Ziel angesehen werden. Wenn es heute sogar viele Menschen gibt, welche die Koalition mit der Kulturbehörde als nützlich zur Erreichung des Zieles der vollen Unabhängigkeit des Geisteslebens vom Staat ansehen, so ist nach unserer Ansicht darin eine direkte Gegnerschaft zu dem erklärten Ziel der Dreigliederung zu sehen. Etwas anders liegt die Sache, wenn Lehrer und Schulverwaltungen, die mit der staatlichen Kulturbehörde koalieren, diese Verfahrensweise offen als eine persönliche Schwäche zugeben. Dafür sollte man immer Verständnis haben, aber keinesfalls dafür, daß das Bündnis mit dem Staat auch nur im geringsten als ein Vorteil auf dem Weg zu dem Ziel eines unabhängigen Kultur- und Geisteslebens angesehen wird. Der Weg zu einem radikalen Ziel kann nur schrittweise begangen werden. Das Alte klebt in irgendeiner Form immer an dem Neuen, was man anstrebt. Es erscheint uns jedoch als absolut notwendig, das Alte in aller Ehrlichkeit zu nennen und zu kritisieren, gerade dann und besonders dann, wenn man in diesem Alten noch verwickelt ist. Scheut man davor zurück, dann muß das neue Ziel, was man anstrebt - die radikale Freiheit des Geisteslebens von allem Zwang des Staates und der Wirtschaft - als Phrase erscheinen. Die volle Selbständigkeit und Selbstverwaltung kultureller Einrichtungen wird heute oftmals mit aller Energie und Opferbereitschaft erstrebt, ohne daß gleichzeitig ein Bewußtsein von der Sozialen Dreigliederung vorliegt. Wir nennen als Beispiel den nicht endenden Kampf um autonome Jugendhäuser, um autonome Frauenhäuser, die ganz richtig erkannt haben, daß eine fruchtbare Arbeit nur möglich ist, wenn jede Form staatlichen Dirigismus oder wirtschaftlicher Einflußnahme zurückgewiesen wird. Das Geld muß von denen kommen, welche diese Einrichtungen bejahen. Es darf an keine Bedingungen geknüpft sein. Diese Forderungen werden auch erhoben. Und wenn man trotzdem Geld vom Staat nimmt, dann sollte öffentlich bekanntgemacht werden, daß es sich dabei um einen Kompromiß handelt, der gegen das Ziel der freien Selbstverwaltung gerichtet ist und der so schnell, wie es das wachsende Bewußtsein der teilnehmenden Menschen gestattet, überwunden werden muß. [1984] Freie Schule und die Waldorfschulen Vielseitig ausgebildete Menschen werden vielseitiger denken können. Damit sind sie für Diktaturen unbrauchbar, für wahre Demokratien dagegen förderlich. [1956] In den Schulen der Bundesrepublik wird heute teils freiwillig, teils auf staatlichen Befehl, teils aus Angst vor dem Staat gelehrt, daß die westdeutsche Bundesrepublik eine Demokratie sei. Es wird nicht die Frage aufgeworfen, ob wir eine Demokratie haben und wie eine Demokratie aussehen muß, sondern es wird einfach gesagt: Wir haben eine Demokratie. - So wird schon der heranwachsende Mensch zu einer Gläubigkeit gegenüber den staatlichen Einrichtungen erzogen. Das wesentliche Merkmal des deutschen und mitteleuropäischen Geisteslebens - die Fragestellung, das selbständige Denken und die eigene Erkenntnis - wird auf diese Weise zerstört. [1956] Erziehung, Unterricht und Kultur sind heute vom Staat und von der Wirtschaft abhängig. Dabei spielt die Wirtschaft im Hintergrund sogar die Hauptrolle. Äußerlich sieht es so aus, als ob der Staat der entscheidende Faktor wäre, denn der Unterricht und die Erziehung der Schüler werden von der staatlichen Verwaltung organisiert. Die staatliche Verwaltung setzt die Lehrpläne und die Unterrichtsziele fest. Hinter diesen staatlichen Lehrplänen steht jedoch die Wirtschaft. Sie gibt den Ausschlag. Der Rückgang der humanen Ausbildung des Menschen zugunsten der technischen Fächer, welche die Aufgabe erfüllen sollen, den Menschen für die Wirtschaft "tüchtig" zu machen, geht auf den Einfluß der Wirtschaft zurück. Für die Mehrzahl unserer Zeitgenossen erscheint es als selbstverständlich, daß die heranwachsende Jugend einseitig in ihren wirtschaftlichen Fähigkeiten ausgebildet wird. Man macht sich keine Gedanken darüber, in welchem Umfange durch eine derartig einseitige Ausbildung die menschlichen Fähigkeiten verkümmern. Man ist dann nur entsetzt, wenn immer mehr Menschen brutal und rücksichtslos handeln. Den Zusammenhang zwischen der einseitigen Ausbildung von Fähigkeiten, die allein der Wirtschaft dienen können, und der immer mehr überhand nehmenden Brutalität sieht man nicht. Man hält es für selbstverständlich, daß der Staat die Lehrpläne verfaßt, nach denen die Schüler unterrichtet werden. Erst eine kleine Minderheit hat in jüngster Vergangenheit bemerkt, daß durch einen solchen Einfluß des Staates auf die Erziehung und den Unterricht der Mensch schon von Kindesbeinen zum "Untertan", zu einem anpassungswilligen und anpassungsfähigen Menschen erzogen wird. Die Folge davon ist, daß die überwiegende Mehrheit der so erzogenen und ausgebildeten Menschen der Willkür staatlicher Macht und der hinter ihr stehenden Wirtschaftsmacht gleichgültig, tatenlos und resigniert hinnimmt. Die weitere Folge besteht darin, daß die Minderheit, die diesen Zustand der Abhängigkeit erkannt hat und sich gegen ihn wehrt, von der Mehrheit nicht verstanden werden kann. Auch die wirtschaftlichen Umstände, in denen der heranwachsende Jugendliche aufwächst, spielen für seine Bildungschancen nach wie vor eine entscheidende Rolle. Wenn die Eltern viel Geld haben, dann halten sie es für ihre Pflicht, ihren Kindern unter allen Umständen eine"gute Bildung" vermitteln zu lassen. Dabei spielt in der Regel viel weniger der Wunsch nach Bildung eine Rolle als das sogenannte soziale Ansehen. Ärzte, Rechtsanwälte und andere Angehörige akademischer Berufe sind vielfach der Ansicht, daß sie in ihrem Kollegenkreis an Ansehen verlieren würden, wenn ihre Kinder "nur" Handwerker werden würden. Sie geben deshalb unter Umständen sehr viel Geld für Nachhilfestunden aus, nicht weil sie daran denken, daß ihre Kinder später einmal als gebildete Menschen ein eigenes geistiges Streben entwickeln würden, sondern im allgemeinen vielmehr deshalb, weil es in ihren Kreisen üblich ist, die Kinder das Abitur machen und womöglich studieren zulassen. Die handarbeitenden Schichten der Bevölkerung haben im allgemeinen auch heute noch weniger Geld als die akademisch Gebildeten. In diesen Kreisen ist es nicht üblich, den Kindern eine sogenannte höhere Schulbildung zu vermitteln. Die wirtschaftlichen Umstände gestatten es auch heute noch in der Regel nicht, eine längere Ausbildung der Kinder zu finanzieren. Erst die neueste soziologische Forschung auf diesem Gebiet hat klargestellt, daß die wirtschaftlichen Umstände des Elternhauses für die Bildungschancen eines Kindes von entscheidender Bedeutung sind. Auch heute noch bestimmen die wirtschaftlichen Umstände in der Regel die Situation von Erziehung und Bildung. [1970] Sowohl der Impuls für die Freie Schule als auch der Impuls für die Soziale Dreigliederung sind auf dem spirituellen Boden der Anthroposophie entstanden. Beide Ideen sind von Rudolf Steiner genau beschrieben. Die Idee der Freien Schule fordert für alte Schulen die Unabhängigkeit vom Staat und von der Wirtschaft. Wirklich frei kann eine Schule nur sein, wenn sie weder geistig noch finanziell von staatlichen oder wirtschaftlichen Kräften abhängig ist. Das ist sehr oft beschrieben worden. Kurz und genau in dem Hauptbuch für die Soziale Dreigliederung, den "Kernpunkten der sozialen Frage". Die Idee der Freien Schule ist revolutionär, der Weg zu diesem Ziel ist evolutionär. Es sollen sich so viel wirklich freie Schulen begründen können, wie Lehrerinnen und Lehrer vorhanden sind, die eine solche Gründung vornehmen, - und die Eltern, Schülerinnen und Schüler vorhanden sind, die eine von Staat und Wirtschaft unabhängige Schule wollen. Auch die Finanzierung der freien Schulen ist in den »Kernpunkten" beschrieben. Sie soll darin bestehen, daß Eltern ein sogenanntes Erziehungseinkommen erhalten. Das Erziehungseinkommen ist ein Rechts-Einkommen, genauso wie die Altersrenten und die Pensionen. Das Erziehungseinkommen will grundsätzlich das Recht auf Bildung für jeden heranwachsenden Menschen sichern. Eltern bzw. Jugendliche, die das ihnen von Rechts wegen zustehende Erziehungseinkommen erhalten, haben dann die Möglichkeit, die ihnen zustehende Geldsumme an die Schule bzw. Ausbildungsinstitution zu übergeben, welche sie sich unter der Zahl der freien Schulen und freien Ausbildungsstätten auswählen. Auch die noch vorhandenen staatlichen Schulen und staatlichen Ausbildungsstätten sollen auf Wunsch der Auszubildenden von diesen Erziehungseinkommen finanziert werden. Auf diese Weise wird verhindert, daß freie Schulen, wie die Waldorfschulen mit einer besonderen pädagogischen Grundlage, zum Vorrecht begüterter Kreise werden. Die Soziale Dreigliederung will eine Neuordnung der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse in Kultur, Recht und Wirtschaft. Ein Teil dieser Neuordnung besteht in der Forderung nach grundsätzlich freien, von staatlichen und wirtschaftlichen Kräften unabhängigen Schulen. Die Waldorfschulbewegung tritt ein für die Begründung von Waldorfschulen auf der Grundlage eines ganz bestimmten pädagogischen Konzeptes, das aus der Anthroposophie hervorgegangen ist, aber doch für alle Menschen gelten soll, die eine Waldorfschule wollen. Seit Jahrzehnten besteht ein Gegensatz zwischen den Forderungen der Sozialen Dreigliederung für alle Schulen und der Waldorfschule. Viele Waldorfschulen nennen sich "Freie Waldorfschule". Sie sind nicht frei, wenn sie Millionen oder -zigtausende vom Staat anfordern und in der Bundesrepublik größtenteils auch bekommen. Ihre angebliche Freiheit wird durch diese Abhängigkeit von Staatsgeldern im Kern vernichtet. Bekanntlich gibt der Staat nur dann Geld, wenn er auch seinen Einfluß anbringen kann. Auch sogenannte Freie Hochschulen, die durch das Kapital mächtiger Wirtschaftskreise begründet und auch gefördert werden, sind nicht frei. Sie stehen direkt und indirekt im Dienste mächtiger Wirtschaftskreise. Die Forderung der Sozialen Dreigliederung für die Schulen besteht darin, daß alle Schulen eines Landes frei begründet werden können, unabhängig von staatlichen und wirtschaftlichen Einflüssen. Im Sinne der Sozialen Dreigliederung soll keinem die Freie Schule aufgezwungen werden. Eine freie Schule soll aber jederzeit möglich sein, vor allem auch finanziell, wenn sie von Lehrerinnen und Lehrern, von Eltern und Jugendlichen gewünscht wird. Wenn seit 1919 von anthroposophischer Seite öffentlich die Freiheit für alle Schulen gefordert worden wäre, dann würde es heute nicht nur viele Waldorfschulen, sondern vor allem auch sehr viele andere, wirklich freie Schulen geben. Die Waldorfschule hätte auf sozialer Ebene die Konkurrenz, auf die sie angewiesen ist. Eine Waldorfschule, die von staatlichen Geldern hochgepäppelt wird, ist ein Unding. Steiner bezeichnet sie als eine "Schnackerl-Schule". [1989] Die von der Sozialen Dreigliederung geforderte Freie Schule gibt es in der Bundesrepublik nicht. Jede Schule, auch die Waldorfschule und alle anderen privaten Schulen müssen von der Staatsschulbehörde anerkannt worden sein. Die von der Dreigliederung geforderte Freiheit der Schule besteht eben darin, daß weder staatliche noch wirtschaftliche Gewalt eine Macht über die Schulen ausüben können. Ich bin seit 1945/46 mit wachsender Intensität der Anthroposophie und der Dreigliederung verbunden. Seit es wieder Waldorfschulen in der Bundesrepublik gibt, habe ich meist von Schülern, manchmal auch von Lehrern gehört, daß diese oder jene Waldorfschule schlecht sein soll und daß diese oder jene Waldorfschule ganz besonders gut ist. Derartige Urteile, besonders von Eltern, sind genauso subjektiv wie berechtigt. Das von Rudolf Steiner geforderte "freie Schulwesen" will ja gerade, daß die einzelnen von Staat und Wirtschaft unabhängigen Schulen nur von dem subjektiven Urteil der Eltern bzw. der älteren Schüler abhängig ist. Grundlage soll das Prinzip der freien Konkurrenz unter den verschiedensten Schulen sein. Heute ist es nun so, daß auch die sogenannten Freien Waldorfschulen einen Dachverband haben. Letztlich bestimmen die Führenden des Dachverbandes darüber, ob eine neubegründete Waldorfschule sich Waldortschule nennen darf. In dieser Maßnahme liegt eine vollkommene Nachahmung des staatlichen Prinzips auf der Ebene der Waldorfschulen. Jede öffentliche Schule muß staatlich anerkannt sein. Die Waldorfschulen müssen vom Waldorfschulbund anerkannt sein, sie können noch so ernst und gewissenhaft ihre schulische Arbeit auf der Grundlage der Waldorfpädagogik ausüben, das nützt ihnen gar nichts. Allein die Anerkennung durch den Waldorfschulbund berechtigt sie, sich "Waldorfschule" zu nennen. Jede Anerkennung durch eine übergeordnete Instanz verschlechtert tendenziell die pädagogische Arbeit. [1987] Grundsätzlich wird auch der staatlich anerkannte Abschluß, zum Beispiel das Abitur, von den Waldorfschulen übernommen. Das heißt praktisch: Die besondere Pädagogik der Waldorfschule, die von Rudolf Steiner gegeben worden ist, wird drastisch zurückgestellt, wenn es um die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler fürs Abitur geht. Also genau das, was die Waldorfschule im Sinne ihrer ursprünglichen Aufgabe unter Bejahung aller Opfer und Risiken tun müßte, tut sie heute schon lange nicht mehr: die Übernahme eines bedingungslosen geistigen Kampfes gegen jegliche staatliche Einmischung, die risikobereite Aufklärung darüber, daß jedem schulpflichtigem Kind zur Verwirklichung seines Rechtes auf Bildung und Ausbildung ein ausreichendes Erziehungseinkommen zusteht, damit zum Beispiel nicht nur die Kinder begüterter Kreise oder andere ausgewählte Kinder, sondern auch Arbeiterkinder, wenn ihre Eltern es wollen, eine Waldorfschule besuchen können. Ehrlich wäre es, wenn jede Waldorfschule ab sofort auf die Bezeichnung "Freie Waldorfschule" verzichten würde. Die Waldorfschule in der Bundesrepublik ist nichts weniger als frei. Sie könnte von heute auf morgen durch einen Beschluß staatlicher Schulbürokratie ausgeschaltet werden. [1988] Im Sinne ihres Begründers sollte die Waldorfschule ein aktiver Vorkämpfer für die Befreiung des gesamten Schulwesens vom Staat sein. Wenn freie, das heißt, von staatlicher Bürokratie und wirtschaftlicher Macht unabhängige Schulen einmal die Wirklichkeit des Schulwesens bestimmen, dann wird es nur noch "gute" und "schlechte" Schulen geben, ganz nach dem vollkommen berechtigten subjektiven Urteil der an der Schule beteiligten Schülerinnen und Schüler, der Eltern und Lehrer. [1987] Das Presse-, Zeitungs- und Medienwesen war noch nie so eindeutig und einseitig in der Gewalt weniger Großkonzerne wie heute, was selbst von konservativen Fachleuten zugegeben wird. Das wirft die Frage auf, die für die innere Freiheit des Menschen von entscheidender Bedeutung ist: Können die Menschen verheerende Mißstände, die sie zugelassen oder herbeigeführt haben, durch ihre Einsichten und Taten verändern? Die Dreigliederung bejaht diese Frage. Die Menschen sind fähig, sich zum Beispiel aus dem Abgrund der Pressemanipulation, überhaupt der Manipulation, in die sie hineingeraten sind, auch wieder befreien. Man kann Alternativzeitschriften begründen. Das wird bereits praktisch bewiesen. Man kann als bewußter Zeitungsleser diese Zeitungen kaufen und ihnen einen wachsenden Informationsraum erkämpfen. Der Mensch hat auch die Freiheit, zu erkennen, daß Großinserate der Industrie in den Zeitungen die freie Aussage der Redakteure verhindern. Die Haupteinnahme der Zeitungen kommt durch die Großinserate. Mit Rücksicht auf die dadurch erzielten Millionengewinne werden die Artikel zensiert oder gestrichen, die bei der Industrie Ärgernis erregen. Das gilt besonders für Inhalte, die die Struktur unserer Gesellschaft konstruktiv kritisieren. Es liegt in der Freiheit der Menschen, sich eines Tages mehrheitlich dazu zu entschließen, daß die Ehe von Zeitungsverlegern und wirtschaftlichen Großinserenten als ihren Kapitalgebern durch ein Gesetz zum Schutz der Pressefreiheit aufgehoben wird. Dann könnten Zeitungsredakteure frei ihre Meinung sagen und brauchten nicht mehr vor ihrem Brötchengeber, dem Zeitungsverleger, zu kuschen. Die Menschen haben auch die Freiheit, gesetzlich dafür zu sorgen, daß Funk und Fernsehen unzensiert z.B. den Bürgerinitiativen zur Verfügung gestellt werden, damit diese über ihre Anliegen und Probleme informieren können. [1978] Der Wissenschaftler in der Arbeitswelt Das Geistesleben umfaßt nicht nur Schule und Ausbildung, Theater und Literatur, es umfaßt auch alle Einrichtungen, in denen die technische Intelligenz vom Handwerk bis zur höchsten Stufe des Computerwesens gelehrt wird. Wenn man heute sich einen Großbetrieb vor Augen stellt, der im Wirtschaftszusammenhang außerordentlich erfolgreich ist, der Milliardengewinne auf sich zieht, so entsteht der Eindruck von einem tüchtigen Betrieb mit einer tüchtigen Leitung. Den größten Anteil an der Leistung eines großen Betriebes hat heute, und nicht erst seit heute, das Geistesleben. Es fließen fortdauernd neue Erfindungen in den Betrieb. Diese Erfindungen sind es, die dazu führen, daß immer weniger Arbeitskräfte einen immer größeren Gewinn erzielen. Große Betriebe können es sich leisten, technisch genial begabte Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu kaufen und sie in ihren Betrieben einzusetzen. Die größten Begabungen auf diesem Gebiet gelangen erst gar nicht zum "Arbeitsmarkt", sondern werden gleich von der Universität weg von Großbetrieben für große Summen aufgekauft. Sie werden von der Betriebsleitung an der geeignetsten Stelle eingesetzt, und ihr sehr großes Gehalt ist eine Winzigkeit gegenüber dem, was sie durch ihren genialen Erfindungsgeist dem Betrieb an Einnahmen einbringen. Nicht selten werden bedeutende Erfindungen von Arbeitern direkt im Betrieb entdeckt. Sie bekommen in der Regel dafür Anerkennung und ein kleines Taschengeld; was die Erfindung einbringt, geht auf die Gewinnseite des Betriebes. Alle anderen Menschen sind an diesen Zustand gewöhnt und empfinden ihn mehr oder weniger als normal und richtig. Was hier stattfindet, ist der "Einkauf' von begabten Geistesarbeitern in die Betriebe. Ihre Begabung wird nicht in den Dienst des Menschen, sondern in den Dienst der immer höher werdenden Gewinne der Großwirtschaft eingespannt. So findet eine verhängnisvolle Verknüpfung zwischen Geistesleben und Wirtschaft statt. Dabei ist die Wirtschaft der Herrscher - der Geistesarbeiter, der zwar teuer bezahlte, aber eben doch Kuli. Die soziale Folge besteht darin, daß für die Menschheit wichtigste Erfindungen nie verwirklicht werden. Bekanntlich lebt die kapitalistische Wirtschaft nicht davon, daß sie den wirklichen Bedarf der Menschen befriedigt. Sie lebt davon, daß sie künstlich Bedürfnisse schafft, die kein Mensch angemeldet hat, und daß sie allergrößten Wert darauf legt, daß die von ihr produzierten Waren sich schnell verschleißen. Sie lebt vom Raubbau an der Erde und vom Großbetrug am Menschen. Sehr viele Waren des täglichen Gebrauchs könnten so hergestellt werden, daß sie zehn-, zwanzig-, fünfzigmal so lange halten wie die Waren von heute. Erfinder, die nahezu unzerstörbare Materialien herstellten, wurden von den Betrieben, in denen sie als hochbezahlte Kulis arbeiteten, gestoppt. Sie bekamen den Befehl, umgekehrt Waren herzustellen, die schnell verschleißen. Über diese Vorgänge sind viele Bücher geschrieben worden, unter anderem von Robert Jungk. Die sogenannte Öffentlichkeit wurde daran gewöhnt, daß das so ist, und sie wurde dazu erzogen, sich um diese Vorgänge gar nicht zu kümmern. [1990} Die "Freiheit der Wissenschaft" ist ganz bestimmt nicht die, die von gewissen Gruppen gemeint ist, welche dafür eintreten, daß sich die Wissenschaft noch ungehinderter an Staat und Wirtschaft verkaufen kann. Es gibt aber eine wirkliche Freiheit der Wissenschaft. Sie kann nur darin bestehen, daß die Wissenschaftler selbst sich nicht mehr als hochbezahlte Kulis an die Großen der Wirtschaft und des Staates binden. Ungeahnte Vorteile und Erfindungen würden in den Dienst der Menschen gestellt werden können, wenn wirklich freie Wissenschaftler sich dazu entschließen könnten, ihre Erfindungen den Menschen zur Verfügung zu stellen und sie nicht an Konzerne zu verkaufen, die sie in ihre Tresore legen, wenn sie ihren Gewinn gefährden. Von Staat und Wirtschaft unabhängige Wissenschaftler sind der Ausgangspunkt dafür, daß der Geist des Menschen sich in den Dienst der Menschheit stellen kann. [1987) Die Soziale Dreigliederung will eine Trennung zwischen Geistesleben und Wirtschaft. Sie möchte darüber aufklären, daß die explosionsartige Steigerung der Gewinne von großen Unternehmungen ihren Grund darin hat, daß die Unternehmungen durch ihr Kapital die Macht haben, die großen technischen Begabungen des Volkes für hohe Summen aufzukaufen und in ihren Dienst zu stellen. Die soziale Frage ist, wie verhindert werden kann, daß genial begabte Menschen wie die Sklaven für einen hohen Preis von der Großwirtschaft aufgekauft werden. Die weitere soziale Frage ist, wie ermöglicht werden kann, daß genial begabte Menschen des Geisteslebens ihre Begabung in den Dienst der Menschheit stellen können. Die Soziale Dreigliederung antwortet auf solche Frage niemals mit einem dogmatisch feststehenden Weg. Sie will vor allem erreichen, daß der in höchstem Maße kriminelle Zustand, wie er geschildert worden ist, erst überhaupt einmal in breitesten Kreisen bekannt wird. Es kann nicht genug betont werden, daß die Soziale Dreigliederung voll und ganz auf dem Boden der Aufklärung steht. Das heißt: Wird ein überaus unheilvoller Zustand erst einmal von einer genügend großen Anzahl von Menschen erkannt, dann werden sich auch die Wege finden, die geeignet sind, diesen Zustand zu verändern. Für die hier geschilderte Situation könnte man sich zum Beispiel vorstellen, daß Wissenschaftler des technischen Bereiches einmal auf den Gedanken kommen, sich von der Abhängigkeit von der Großwirtschaft zu befreien. Sie könnten aus kleinsten Anfängen heraus, durch Aufklärung unterstützt, eigene Werkstätten und Laboratorien errichten. Unabhängig von der Wirtschaft. Sie könnten durch eigene Aufklärung darüber informieren, daß sie sich selbständig machen und wirklich für den Menschen arbeiten. Sie könnten, besser als jeder andere, darüber informieren, was sie in der Sklaverei unter der Wirtschaft erlebt und verdient haben. Höchstes Einkommen und abgrundtief schlechtes Gewissen. Aus kleinen Anfängen könnten sich ganze Siedlungen von begabten Wissenschaftlern entwickeln, die über den Weg und das Ziel ihrer Arbeit aufklären. So - oder auch ganz anders könnte der erste Schritt der Befreiung des Geisteslebens von der Sklaverei durch die Wirtschaft aussehen. Die Soziale Dreigliederung stellt Ziele fest. Sie läßt die Wege frei, mit einer strengen Einschränkung: Alle Wege, die von irgendeiner Machtzentrale ausgehen, lehnt die Soziale Dreigliederung ab, auch wenn diese Wege zunächst gut erscheinen; sie werden zwangsläufig schlecht mit der zwangsläufig eintretenden Entartung der Machtzentrale. [1990] Die Kultur umfaßt alles, was zunächst als unsichtbarer Gedanke da ist und das früher oder später als sichtbare Wirklichkeit vor Augen tritt. Die Kultur umfaßt auch alle Gedanken, die sichtbar werden, weil sie in Büchern der verschiedensten Art vorkommen. Kultur ist das eigentlich anregende Element allen Lebens. Die absolute Freiheit ist die Bedingung dafür, daß die Anregungen des kulturellen Lebens vielfältig und unerschöpflich sind. Eine Begrenzung der Kultur oder ein Verbot irgendwelcher geistigen Leistungen untergräbt die schöpferische Quelle allen privaten und gesellschaftlichen Lebens. Wirkliche Erstarrung und Fehlleistungen sind die Folge davon. Besonders in Diktaturen oder diktaturähnlichen Gesellschaftsformen kann man beobachten, wie verheerend sich direkte oder indirekte Verbote auf geistigem Gebiet für das ganze Leben der Menschheit auswirken. Das Leben der Kultur braucht also als eine Bedingung seine vollkommene Freiheit, wenn es sich belebend auf die einzelnen Menschen und die Gesellschaft auswirken soll. Alle geschriebenen Gesetze und Rechte, die heute in der Praxis angewendet werden, sind ursprünglich Gefühle und Gedanken von Menschen gewesen. Immer sind es Menschen gewesen, die bestimmte Zustände als Unrecht empfunden haben und die sich Gedanken darüber machten, wie dieses Unrecht überwunden werden könnte. So wurde die Sklaverei als Unrecht empfunden und schließlich überwunden. So wurde die Tatsache, daß ganze Menschenmassen elf und vierzehn Stunden arbeiten mußten mit Ihren Kindern, schließlich als Unrecht empfunden und durch neue Rechte überwunden. So wurde zunächst von einigen die Vergiftung der Umwelt durch Atomkraftwerke und Radioaktivität als Verbrechen an der Menschheit empfunden, und wir sind heute auf dem Wege, dieses Unrecht durch entsprechende Ideen, die Gesetz werden, zu überwinden. Immer wieder spielte sich der Vorgang ab: Ein Mensch, dessen Herz und Kopf frei geblieben war von Massenbeeinflussungen, erkannte etwas als Unrecht, was alle anderen einfach hinnahmen. Er fand Freunde und Gesinnungsgenossen im Laufe sehr kurzer oder sehr langer Zeit, und es gelang, ein vorhandenes Unrecht so schreiend zu machen, daß auch die Geduldigen aufmerksam wurden und sich auf den Weg machten, das schreiende Unrecht durch ein wirksames neues Recht unmöglich zu machen. Die Soziale Dreigliederung fordert die absolute Freiheit des Kultur- und Geisteslebens. Sie geht von der Erfahrung aus, daß sowohl der einzelne Mensch als auch die ganze Menschheit nur gedeihen kann, wenn der Strom der geistigen Freiheit voll entfaltet wird. Ein einziges Wort spricht Bände darüber, in welch ungeheurem Umfang heute auf der ganzen Welt die geistige Freiheit, Kultur eingeengt und der Gefahr nach vernichtet wird. Ich nenne das Wort: Massenbeeinflussung. Die Massen werden in höchstem Grade beeinflußt durch das, was man Massenmedien nennt. Man bildet sich keine eigene Meinung mehr. Eine Meinung, die man als die eigene vertritt, findet sich wieder in unzähligen Massenbeeinflussungsmitteln. Es wird von denen, welche die freie und eigene Meinung nicht wollen, ein weltumspannender Kampf gegen eigene Meinungen geführt, mit allen Mitteln. Aber der schöpferische Mensch, der seine eigene Meinung will und der sie sich selbständig bildet, ist nicht auszurotten. Er richtet sich auf gegen den Strom der Massenbeeinflussung, und er richtet sich umso mehr auf, wie gewaltiger dieser Strom der Massenbeeinflussung wird. Auch hier herrscht das Weltgesetz: An der Gewalt des Bösen wächst das Gute. Der Massenbeeinflussung zum Trotz bilden sich viele gerade heute bewußt ihre eigene Meinung. Es gibt sehr viele Beispiele dafür, auf die ich oft hingewiesen habe. Nur ein Beispiel sei hervorgehoben. Jedes Dorf würde heute gerne ein ganz kleines Atomkraftwerk haben, wenn nicht vor ein paar Jahrzehnten eine winzig kleine Anzahl einsamer Menschen mit der Aufklärung begonnen hätten, wie todgefährlich ein Atomkraftwerk allein dadurch ist, daß es ganz normal arbeitet, Die Soziale Dreigliederung tritt eben deshalb entschieden für die absolute Freiheit des Geisteslebens und der Kultur ein, weil nur durch diese Freiheit möglichst vielen Menschen wirklich neue Gedanken begegnen. Neue Gedanken über ein Unrecht, das noch überall hingenommen wird. Und vor allem neue Gedanken über ein Recht, welches dieses Unrecht beseitigt. Wir brauchen die geistige Freiheit in noch nie dagewesener Fülle, damit wirklich neue Gedanken in ebenfalls noch nie dagewesener Fülle an jeden Menschen herantreten können. Neue Gedanken über neue Rechte, damit neue Rechte an die Stelle von furchtbaren Unrechten treten können, die heute noch massenhaft als gültiges Recht praktiziert werden. Es ist kein Zufall, daß die Soziale Dreigliederung im Schwerpunkt für das absolut freie Kultur- und Geistesleben eintritt. Das wirklich freie Geistesleben ist der schöpferische Urquell aller positiven Veränderungen im einzelnen Menschen und in der Gesellschaft. Wird dieser Quell verstopft, dann erstarrt in kurzer Zeit alles Leben. Das zeigt sich besonders daran, daß viele Menschen eine gleiche Meinung haben. Daß viele Menschen eine bestimmte Lebensform leben. Daß sie diejenigen verachten, die nicht so leben wie sie selbst. Aber der Aufbruch ist da. Es gibt immer mehr Menschen, die eine eigene Meinung suchen und die an der allgemein gültigen Meinung zweifeln. Die gibt es, obwohl das öffentliche Geistesleben geschient und genormt ist. Es konnte geschient und genormt werden, weil im Geistesleben nicht der Geist, sondern die Wirtschaftsmacht diktiert. Der Quell der Freiheit vergrößert sich, obwohl die offizielle Politik entschieden dagegen ist. Mit jedem Menschen wird ein zur Freiheit veranlagtes Wesen geboren. Wir brauchen ein freies Kultur- und Geistesleben, damit diese ursprünglich in jedem Menschen veranlagte Begabung zur Freiheit sich voll entfalten kann. Wie stark diese Begabung ist, das zeigt sich daran, daß sich diese Freiheit immer mehr Luft macht, obwohl die äußeren Fesselungen zunehmen. Wir brauchen humanere Rechte. Wir werden sie in Gedankenform finden, wenn es ein freies Geistesleben gibt, einfach ausgesprochen, welches wirklich von jedem verstanden werden kann. Und wir werden diese Rechtsgedanken verwirklichen, wenn sie in Fülle an uns herantreten. Wenn das Gelstesleben frei ist und nicht mehr von denjenigen unterdrückt werden, kann, die diese Freiheit fürchten. [1991 ] Das Rechtsleben Ich leb doch in
einer Demokratie! Im europäischen Raum ist die Demokratie als politische Forderung beinahe zweihundert Jahre alt. Sie wurde als eine der großen Forderungen der Französischen Revolution mit den Worten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" verkündet. Die fortschrittlichen politischen Unruhen im europäischen Raum haben seit Generationen diese drei Forderungen zum Inhalt. Sie haben ihre Ursache darin, daß keines dieser drei Ideale bis jetzt verwirklicht werden konnte. Politisch heißt Demokratie, die Mehrheit soll entscheiden. Seitdem diese Forderung klar ist, tun die Anti-Demokraten alles, um die Mehrheit in ihre Richtung zu lenken. Da sie, die Anti-Demokraten, immer noch die Herrschaft über die Massenmedien und die auf die Masse wirkenden Aufklärungsmittel haben, gelingt ihnen das auch bis heute. Eine echt demokratische Gegenbewegung wird sichtbar. Sie verlangt die direkte Entscheidung der Mehrheit über die inzwischen bekannten Fragen, von denen das Wohl und Wehe, das Leben und der Tod aller abhängen. Diese Bewegung gewinnt Boden. Das kann auch kein Skeptiker mehr abstreiten. Die Aufgabe des einzelnen gegenüber der Demokratie besteht darin, sowohl die anders geartete Anschauung des anderen als auch seine Persönlichkeit als auch sein ganz einfaches Dasein als Mensch wirklich zu achten. Demokratie als innere Forderung an den einzelnen heißt unbedingt Achtung vor jedem Menschen, einfach deshalb, weil er Mensch ist. Dabe |