jedermensch

Peter Schilinski

Soziale Dreigliederung

Eine Einführung

Aufsätze von Peter Schilinski (Zeitschriftenartikel und frühe "Kommentare"), zusammengestellt und überarbeitet von
Ingo Mäder und herausgegeben vom Modell Wasserburg e.V.

Alle Rechte beim jedermensch-Verlag, Wasserburg/Bodensee 1997

ISBN 3-931615-03-0

Inhalt

Einleitung

Widersprüche in mir und in der Gesellschaft

Wege und Ziele

Auf der Suche nach einem Weg
Helfen uns Programme weiter?
Neues ermöglichen, nicht einführen
"Soziale Dreigliederung" - zu schwierig?
Jeder Mensch lebt mit der Dreigliederung
Freiheit, Demokratie und Sozialismus
Ein mögliches Bild von der Zukunft

Die Kultur

Ich denk doch, was ich will!
Freie Schule und die Waldorfschulen
Die Massenmedien
Der Wissenschaftler in der Arbeitswelt
Kultur und Recht

Das Rechtsleben

Ich leb doch in einer Demokratie!
Die Grundrechte jedes Menschen
Revolution machen? Eine Partei gründen?
Der Staat und die Direkte Demokratie

Die Wirtschaft

Das Raubtier
Persönliche Erfahrungen mit der Wirtschaft
Kann man alles kaufen?
Arbeit und Einkommen
Die Produktionsmittel und das Eigentumsrecht
Was sind denn nun "Assoziationen"?

Bewußtseins-Stufen

Man kann ja doch nichts machen!
Geschichtliche Entwicklungen
Karl Marx und die bürgerlicheWissenschaft
Anthroposophen und die Dreigliederung

Für ein neues Miteinander

Das Wirken Rudolf Steiners
Dreigliederung und Anthropsophie
Weitere Erfahrungen mit der Dreigliederungsarbeit
Von Mensch zu Mensch
Arbeit an sich selbst
Ein Rückblick

 

"Die Menschen richten sich heute mit den Gedanken nach den Tatsachen, anstatt die Tatsachen nach ihren Gedanken zu gestalten." Rudolf Steiner

Einleitung

Widersprüche in mir und in der Gesellschaft

Ich stelle fest, daß mein Leben aus lauter Widersprüchen besteht. Ich möchte frei sein, so leben können, wie ich will. Aber ich sehne mich auch nach Gemeinsamkeit und muß Zugeständnisse, Kompromisse machen, wenn ich gemeinsam mit anderen leben möchte. Die Zugeständnisse, die Kompromisse, die ich machen muß, schmerzen mich. Aber die Einsamkeit, wenn ich mich ganz zurückziehe, schmerzt mich auch, sehr sogar. Es gibt so "Hochgefühle", in denen ich mich - allein - wahnsinnig wohlfühle, aber dann kommt die Depression auch. Traurigkeit darüber, daß ich mich allein fühle, daß ich keinen richtigen Kontakt zu den anderen habe

Warum bin ich gern allein und muß mich doch nach Gemeinsamkeit sehnen

Ich finde das sinnliche Leben schön. Alles, was man sehen, riechen tasten, hören, fühlen kann, kann mich wahnsinnig begeistern. Ich esse und trinke gern, es schmeckt mir, ich schmecke sehr gern, nicht nur Speisen. Wenn ich das sorgfältig bearbeitete Holz meiner Tabakspfeife in der Hand fühle, ist das ein Genuß, mehr noch, aber gar nicht sooo viel mehr, wenn ich den Tabakrauch rieche, wenn ich so ganz ruhig beobachte, wie der Rauch sich kringelt; irgend etwas "vergeistigt“ sich da, aus Tabak wird Rauch, der Rauch verschwindet in der Luft. Manchmal nehme ich mir die Zeit, das genau zu beobachten, komme ins Träumen dabei, träume wach von großen Segelschiffen und noch größeren Segeln, fühle die Neigung des Schiffes im Wind - ist ein toller Genuß. Ein ander' Mal zünd ich mir die Pfeife, schmeckt abscheulich, bitter, ich leg sie weg - warum muß ich Idiot bloß Pfeife rauchen?

Meistens geh ich ans Wasser, wo möglichst viel Wasser ist, wo kleine Wellen sind, wo es gluckst, ganz zart und lieblich wispert, wenn eine kleine Welle einen Stein streichelt, sich vollendet um ihn und an ihn schmiegt, so zärtlich, wie es nur die können, die sich wirklich lieben, eigentlich noch vollendeter, umfassender, "runder", einfühlsamer, Steine sind oft ganz glatt, und Wasser kann den Stein so unglaublich ruhig und voll umfassen. Ich kann das wahnsinnig genießen, bin ganz "weg" von dem Anblick, noch mehr von dem Gefühl, wenn ganz kleine Wellen ans Holz des Bootskörpers gelangen - das Geräusch kann ich gar nicht beschreiben, ist zum Ausflippen, das Gefühl, das ich dabei habe. Und dann wieder steh ich am Wasser und finde alles grau und öde. Nichts rührt sich in mir. Warum muß ich immer bloß ans Wasser gehen? Da ist doch gar nichts!

Ich spreche gern mit Menschen, finde es wahnsinnig interessant, was sie sagen, wie sie sprechen, was man dabei alles bemerken kann. Das Schönste ist, wenn einer ganz aus seinem Inneren heraus spricht über das, was er ersehnt, was er anstrebt, wohin er will. Irgendwie kann das Zimmer hell werden dabei, auch, wenn einer von seinen Sorgen und Nöten, von seinen Problemen und Zweifeln spricht, wie er sich immer wieder bemüht, wie es immer wieder schief ging, und wie es plötzlich doch mal gelang - Wärme abzugeben an die Mutter, an den Mann, an die Geliebte; ein Gespräch zu führen, in dem man sich erreicht, in dem sich die Gedanken und Gefühle wie von selbst verbinden, obwohl es gar nicht die gleichen Gedanken und Gefühle sind. Ich erlebe die schönste Verbindung immer dann, wenn Gegensätze und Verschiedenheiten so richtig verstanden, wenn sie nachgefühlt werden können, wenn man sich nicht überzeugen will, sondern staunend, beinahe ehrfurchtsvoll erlebt, wie anders der andere ist. Am meisten genieße ich das Gespräch, und, wenn ich allein bin, die Meditation.

Und beides kann so leer und hohl sein. Gespräche, die so sind, als ob sich fremde Tiere begegnen. Der eine will stets was anderes als der andere, versteht stets das Gegenteil von dem, was der andere meint. Gespräche können mich verrückt machen und völlig aushöhlen. Als ob sich beide vorgenommen haben, sich unaufhörlich gegenseitig zu beweisen, daß der eine Recht und der andere Unrecht hat. Noch bevor der eine das zehnte Wort gesagt hat, sagt der andere schon "Nein!", und fängt an, das Gegenteil zu beweisen, obwohl er es gar nicht kennt. Gespräche sind wirklich furchtbar, am besten wär's, das Wort wäre nie erfunden worden! Und die Meditation! Am Montag kann ich, der Ungeduldige, das Wort Geduld ganz ruhig meditieren und erlebe tatsächlich, die Geduld ist ein Raum, eine Kraft, ist wie ein Gott, der mich mit Geduld erfüllt. Mich Ungeduldigen! Und am Dienstag läuft nichts, ich versuche, in die Geduld hineinzukommen, geht nicht, sie grinst mich an; anstatt Geduld zu erleben, fühl ich die ganze Fülle meiner Ungeduld wie eine geballte Kraft, die mich zerrt und beutelt. Warum mach ich bloß Meditation? Manchmal denk ich, um noch ungeduldiger, noch gereizter, noch liebloser zu werden

Alles ist Widerspruch! Wie soll ich das ertragen, wie ertragen es andere? Die immer Ruhigen, Gelassenen, Liebevollen können mir nichts geben, wenn sie nicht auch das Gegenteil all der großen und schönen Zustände erleben. Wo liegt die "Einheit"? Wo die Oberwindung der Widersprüche?

Ich bin schon ziemlich lange entschlossen, den Wechsel, den Widerspruch buchstäblich auf mich zu nehmen, auch, wenn ich manchmal denke, es zerreißt mich, sprengt mich einfach auseinander. Ich fühle mit innerer Gewißheit, die Einheit ist kein stabiler Dauerzustand, sie ist der große Raum, der die Widersprüche umfaßt; ich muß lernen, den Pendelschlag zu ertragen zwischen entgegengesetzten Zuständen. Die Einheit ist nicht gleichbleibender Zustand, sie ist das, was die Gegensätze umfaßt. Sie ist die innere Ich-Kraft, die energisch aus dem immer wieder negativen Erlebnis in der Natur, im Gespräch mit Menschen, in der Meditation zu dem erlebten positiven Erlebnis hinstrebt. "Einheit" in Geborgenheit, in Stärke, in Kraft, in Erlebnisfülle bleibt Ziel; ich kann wissen, daß ich es wieder erringen kann, auch, wenn ich's in bestimmten Zuständen ganz verliere.

Mir fällt auf, daß die Sache im gesellschaftlichen Leben sehr ähnlich liegt. Die Widersprüche sind himmelschreiend grotesk zwischen der Freiheit der Medien, die die Verfassung garantiert, und den Presse- und Meinungsmonopolen der mächtigen Gruppen. Zum Lachen oder Weinen oder Verrücktwerden - Der Widerspruch zwischen der verfassungsmäßig garantierten Lehrfreiheit und der schamlosen Unterdrückung dieser Freiheit durch Staat und Wirtschaft. Die Verfassungsgarantie von der Gleichheit des Rechtes aller Menschen scheint gegeben worden zu sein, um drastisch zu zeigen, daß es sie nicht gibt, und um auszuprobieren, wie lange Menschen sich betrügen lassen. Eine größere Rechtsungleichheit als die zwischen einem körperlich oder geistig behinderten Sozialhilfeempfänger und einem Manager der Industrie ist überhaupt nicht vorstellbar. Und die soziale Marktwirtschaft, die angeblich erfunden wurde, um den materiellen Besitz der Gemeinschaft so zu verteilen, daß der einzelne auskömmlich leben kann, verteilt die Güter so, daß die Masse der Hungernden von Jahr zu Jahr größer wird und die Minderheit, für die Geld überhaupt keine Rolle spielt, ebenfalls. Die krassen und ungelösten Widersprüche im sozialen Leben sind die Ursache aller Unruhen und Revolutionen. Das ist so klar, wie zwei mal zwei vier ist

Im Unterschied zum Persönlichen, wo ich selbst der Ausgleicher der Widersprüche sein kann, sind die Strukturen der kapitalistischen und kommunistischen Systeme so, daß die Widersprüche überhaupt nicht zu lösen sind. Die Strukturen verhindern das. Kommunistische und kapitalistische Länder sind von der Struktur her so, daß die entscheidende Macht von kleinsten Gruppen ausgeht. Die Leiter der Systeme sind austauschbar. Würden sie morgen ausgetauscht, bliebe die Ohnmacht der Mehrheit. Was anders erscheint, ist Phrase und Verschleierung

Die Widersprüche zwischen Obermächtigen und Ohnmächtigen, zwischen schuldlos Armen und durch Gesetzesmacht Reichen, zwischen Verfolgern, deren Befehlen Militär und Polizei unterworfen sind, und Andersdenkenden, die gejagt und verfolgt werden, zwischen der unterdrückten "Putzfrau", die sich totrackert und es doch nicht schaffen kann, für Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, und der "feinen" Dame, die über die Mittel verfügt, ihren Kindern alles Notwendige zukommen zu lassen - alle diese und noch viel mehr Widersprüche sind nie lösbar, wenn die Macht in der Gesellschaft von kleinen Gruppen ausgeübt wird. Um die Widersprüche im Leben der Gesellschaft überhaupt lösen zu können, um den einzelnen überhaupt die Möglichkeit zu geben, geistige Freiheit und menschliche Gleichberechtigung zu erleben, muß die Struktur der Gesellschaft radikal (von der Wurzel her) verändert werden. [1978

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Wege und Ziele

Auf der Suche nach einem Weg

Am Ende des zweiten Weltkrieges war ich 30 Jahre alt. Aus allem, was ich während des Krieges erlebt hatte und was ich nach dem Krieg sah und las, entstand für mich eine sehr klare und zugleich sehr quälende Erkenntnis: Entweder, wir kommen bald zu einer Gesellschaftsordnung, die menschenwürdiger ist, die die Möglichkeit bietet, machtbesessenen Führenden aller Kaliber Einhalt zu gebieten, oder es wird sehr bald eine noch größere Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen

Ich suchte nach einem Weg. Die Gedanken von Marx bewegten mich tief. Sehr vieles sah er absolut richtig, vor allem die Entwicklung zur Herrschaft durch Kapital und die verheerenden Auswirkungen dieser Herrschaftsform. Es stieß mich ab, daß Marx alles von der Wirtschaft abhängig macht. Das ist künstlich und konstruiert. So hatte ich mein Leben nie erlebt. Meine persönlichen Nöte und Probleme hatten in erster Linie mit seelischen und geistigen Fragen zu tun.

Gab es überhaupt noch einen Weg? Ich suchte weiter und stieß zufällig, wie man so sagt, auf "Die Kernpunkte der sozialen Frage..." von Rudolf Steiner [heute als Taschenbuch im Rudolf Steiner Verlag Dornach/Schweiz erhältlich]. An seinen sozialpolitischen Schriften ging mir ein "Seifensieder" nach dem anderen auf

Freie Wahl der Lehrer durch Eltern und Schüler - freie Wahl der Schüler durch die Lehrer -Lehrer bestimmen Inhalt und Methode ihres Unterrichtes selbst - verwalten auch ihre Schule selbst, damit sie von der Theorie wegkommen - enge Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern und Lehrern und Eltern - "Freie Schulen" - allmählicher Abbau der Schulbürokratie durch den Aufbau neuer Schulen, die sich selbst verwalten - freies Lehren und Lernen auch an Fachschulen und Hochschulen - Selbstverwaltung

Danach hatte ich mich schon als Schüler gesehnt. Das hatte ich als Student vermißt, wenn ich langweilige Pflichtvorlesungen bei alten, gleichgültigen Professoren absitzen mußte. Das hatte ich mir auch als Lehrer gewünscht, - und nie gefunden.

Die Grundrechte, die für alle gleich gelten, werden durch demokratische Volksbestimmung entschieden - Abschaffung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln nicht durch Gewalt, sondern durch freie Aufklärung und Volksabstimmung - Leitung der Produktionsstätten durch fähige Fachleute ohne Eigentumsrecht an Produktionsmitteln. Heraushalten des Staates aus der Wirtschaft, kein Staatskapitalismus - die Wahlberechtigten entscheiden über Erziehungs- und Ausbildungsfinanzierung - Nahrung, Kleidung und Wohnung für jedermann - menschenwürdige Alters- und Krankenversorgung durch direkte demokratische Volksabstimmung.

Die einfachen Menschen waren vernünftiger als die machtbesessenen Führer. Das hatte ich erlebt. Wenn man die einfache Frau und den einfachen Mann wirklich aufklärte, informierte, würde sie/er bessere Entscheidungen über die Grundrechte fällen als die Führenden

Als Verbraucher werden sie sich selbst die Produzenten suchen, die ihnen Einblick in ihre Produktion und Kalkulation geben. Der gerechtfertigte Preis wird in Verhandlungen zwischen Produzenten und bewußten Verbrauchern ausgehandelt werden. Die Verbraucher werden dafür sorgen, daß die Wirtschaft nur das produziert, was sie, die Verbraucher, haben wollen.

Ich sah darin den Weg aus dem Wahnsinn der Verschleißwirtschaft der Vergeudungswirtschaft des Kapitalismus und Kommunismus. Ich las alles, was Steiner über die "soziale Frage" geschrieben hat. Das war kein Studium von Theorien. Es ging darum, mir meine eigenen Erfahrungen bewußt zu machen und daraus die neuen Wege zu bestimmen. Alles, was Steiner an neuen Einrichtungen darstellt, liegt unmittelbar im Interesse jedes Menschen. Er sagt nie, das "muß" so sein, wie die Dogmatiker, die Starrköpfe. Er sagt, die Menschen werden Einrichtungen in der von ihm angegebenen Richtung selbst schaffen, wenn sie die Einsicht und die Kraft haben, ihre eigenen Interessen zu wahren und zu schützen.

Meinen Beruf als InternatsIehrer liebte ich sehr, trotz blödsinniger Unterrichtspläne und vieler Amtsschimmel-Schikanen. Ich hängte ihn an den Nagel und wählte meinen neuen Beruf selbst- Ich wurde Aufklärer für Dreigliederung, reiste per Anhalter mit dem Rucksack durch die Bundesrepublik, hielt Vorträge, führte Versammlungen durch und begründete politische Arbeitsgruppen für Dreigliederung

Meine politische Tätigkeit stieß hauptsächlich auf politische Gegner: Der Normalbürger hatte den Glauben an den "Führer" verloren und glaubte nun umso mehr an das "Wirtschaftswunder". Er sah in mir einen Kommunisten, weil ich die Aufhebung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln vertrat. Die Linken sahen in mir einen "Liberalen", weil ich für absolute geistige Freiheit, freie Presse, freie Schule usw. eintrat. Die Liberalen sahen in mir einen "Sozialisten", weil ich die Herrschaftsausübung durch das Kapital bekämpfte. Die Schüler Rudolf Steiners, die Anthroposophen, waren in der Regel ohne Information, unpolitisch. Die große Mehrzahl von ihnen stand praktisch und geistig im Lager des Kapitalismus. Eine sehr kleine Gruppe von Anthroposophen hatte Verständnis für meine Arbeit und unterstützte sie - bis heute.

Durch Rundgespräche und Arbeitskreise in unseren Witthüs-Teestuben in Hamburg und Sylt entstanden viele Kontakte, einige feste Arbeitsgruppen im Norden, Anregungen zu eigenen Initiativen. Das Gesamtergebnis war sehr bescheiden. Steiner schien recht zu haben, wenn er seinen Freunden sagte, mit der Dreigliederung werde man zwischen allen etablierten Stühlen sitzen.

Die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition ab '67 brachte die große Hoffnung. Sie wurde zunächst enttäuscht. Aus der großen Freiheitsforderung wurde der Organisationsrummel im alten Stil. 1971 wurde ich Mitbegründer des Internationalen Kulturzentrums Achberg. Ich steckte alle Kraft in die Arbeit für die Begründung des INKA. Dort sollte die Idee einer freien Begegnung zwischen weltoffenen,anthroposophisch arbeitenden Dreigliederern und Andersdenkenden aller Richtungen verwirklicht werden. [1976]

Lange Zeit hindurch habe ich in öffentlichen Vorträgen die Soziale Dreigliederung vertreten. Seit 1976 halte ich keine Vorträge mehr, sondern beschränke mich auf die Rundgespräche, kleinere und größere Arbeitskreise, Tagungen, die im Rahmen vom "Modell Wasserburg" am Bodensee stattfinden. [1985]

 

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Helfen uns Programme weiter?

Sehr viele Menschen, die bereits begriffen haben, die sogar durch und durch davon überzeugt sind, daß unsere gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen, denken sofort an Programme, wenn sie eine solche Veränderung vorstellen wollen.

Geschichte und Gegenwart zeigen nun ganz deutlich, daß die Programme der Parteien, welche eine gute Zukunft versprachen, stets bereits überholt waren, wenn eine solche Partei dann wirklich einen maßgebenden Einfluß ausüben konnte. Außerdem gehört es inzwischen zur festen Gewohnheit der Parteipolitiker, daß sie sich um die vorher verkündeten Programme überhaupt nicht mehr kümmern, wenn sie einmal die Regierung ausüben.

Die Soziale Dreigliederung ist nun entschiedenster Gegner jeglicher Programme. Rudolf Steiner sagt 1919, also zu einer Zeit, in der sehr viele Menschen noch auf die Erfüllung der Programme hofften, alle, die noch an Programme glauben, würden in der Zukunft die bittersten Enttäuschungen erleben. An die Stelle von Programmen setzt die Soziale Dreigliederung Impulse. Was sind Impulse? Impulse haben stets mit dem Gefühl, also mit einer tieferen Schicht unserer Persönlichkeit, zu tun. Programme stammen aus dem Kopf. Impulse entstehen dann, wenn bestimmte politische Gedanken die Region des Herzens erfaßt haben. Der Impuls liegt tiefer als der Gedanke des Kopfes. Wenn ich zum Beispiel den Impuls habe, einem anderen Menschen zu helfen, dann kommt das aus dem Herzen. Der bloße Gedanke ist theoretisch, er kann ausgewechselt und durch andere Gedanken ersetzt werden. Programme sind theoretische Gerüste, nach denen sich diejenigen, welche die Programme ausdenken, später nicht mehr richten, weil diese Gedanken noch nicht das Gefühl, das Herz erfaßt haben

Die Soziale Dreigliederung spricht zum Beispiel davon, daß Kapital weder Privateigentum noch Staatseigentum sein darf. Sie macht bewußt keine programmatischen Aussagen im einzelnen, wie das verwirklicht werden soll. Sie geht davon aus, daß erst einmal der Impuls in dem Menschen entstehen muß, daß der Impuls viele Menschen ergreifen muß, Kapital dürfe auf keinen Fall mehr Privateigentum oder Staatseigentum sein. Erst muß dieser Impuls aus der Lebenserfahrung vieler in diesen Menschen vorhanden sein. Er muß in ihrem Gefühl zu einer selbstverständlichen Sache geworden sein, vielleicht deshalb, weil sie schmerzlich genug erlebt haben, welche katastrophalen Zustände dadurch entstanden sind und entstehen, daß Kapital Privateigentum oder Staatseigentum ist. Ist der Impuls in dieser Richtung weit genug verbreitet, hat er eine genügend große Anzahl von Menschen ergriffen, so wird man auch die Wege finden, um ihn in der Praxis umzusetzen.

Ein anderes Beispiel* Die Soziale Dreigliederung spricht von der Befreiung allen Geisteslebens aus der Herrschaft des Staates und der Wirtschaft. Sie meint damit in erster Linie Erziehung und Schule. Auch hier geht es nicht um ein Programm, sondern um einen Impuls. Haben genügend Menschen erfahren und erlebt, wie ungeheuer schädlich es für die Entwicklung jedes Heranwachsenden ist, wenn Staat und Wirtschaft Erziehung und Ausbildung dirigieren, dann entsteht in ihnen der Impuls, Erziehung, Schule und alles Geistesleben überhaupt aus den Fesseln von Staat und Wirtschaft zu befreien.

Impulse entstehen dadurch, daß der Mensch sich seine eigene Erfahrung zu Bewußtsein bringt. Heute haben viele junge Menschen das innere Bedürfnis, nicht nur eine Fähigkeit, die sie vielleicht haben, auszubilden, sondern viele Fähigkeiten, die sie in sich fühlen, einmal auszuprobieren, um sich schließlich für einige Fähigkeiten zu entscheiden, welche sie dann wirklich ausbilden wollen. Diesem inneren Bedürfnis, diesem Impuls stehen die heutigen Ausbildungseinrichtungen vollkommen entgegen.

Der Impuls zu einer Ausbildung im Allgemeinen, welche die Praxis an den Anfang stellt und erst allmählich theoretische Elemente in die Praxis einbaut, wird dann entstehen, wenn eine genügende Anzahl von Menschen die Lebensfremdheit der gegenwärtigen Ausbildungsgänge erfahren hat und wirklich aus dem Inneren heraus andere Ausbildungen sucht. Das deutet sich bereits in der sogenannten Alternativbewegung an. Wie eine solche neue Ausbildung auszusehen hat im Einzelnen, darüber will die Soziale Dreigliederung jegliches Programm vermeiden. Das Einzelne wird sich ergeben, nachdem der Impuls stark genug ist, und nachdem die Menschen selbst den Willen haben, das, was sie fühlen, auch in die Praxis überzuführen.

Programme töten Impulse. Neue Impulse dürfen nicht zu Programmen erstarren, sie sind dazu da, um ständig im Inneren jedes Menschen die Frage aufzuwerfen, ob das, was jetzt in die Praxis überführt worden ist, auch dem entspricht, was sie ursprünglich als Impuls gefühlt haben. Deshalb müssen die einzelnen Maßnahmen von äußerster Beweglichkeit sein, wenn der ursprüngliche Impuls erhalten werden soll. [1985]

Es kommt bei jeder Sache darauf an, nicht nur das Ziel zu betrachten, sondern es kommt vor allem darauf an, nüchtern zu erkennen, ob die Wege, die man geht, überhaupt zu diesem Ziel führen können. So selbstverständlich diese Feststellung jedem Menschen erscheinen mag - praktisch ist es so, daß die führenden Persönlichkeiten der Welt, ganz egal, ob in Demokratie oder "Volksdemokratie", Monarchie oder Diktatur, dauernd Wege gehen, die ins Verderben führen und zugleich Ziele aufstellen, welche den höchsten Idealen entsprechen.

Es sollte heute jeder Mensch so weit sein, daß er sich nüchtern die Frage stellt - Wo sitzen in Wirklichkeit die Utopisten, die Schwärmer und Phantasten? Es gehört nicht viel dazu, um zu erkennen, daß gerade die führenden Persönlichkeiten die Utopisten sind, weil sie laufend Ziele verkünden, deren Gegenteil sie durch Ihre praktischen Maßnahmen erreichen. Gerade sie sind es, welche die besten Ziele dadurch zur Utopie machen, daß sie stur und beharrlich vor, in und nach Katastrophen immer wieder die falschen Wege gehen. [1956]

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Neues ermöglichen, nicht einführen

Wer die Schriften Rudolf Steiners studiert, in denen er die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus ausführt, der könnte vielleicht erschrocken sein über die Radikalität der Ziele. Die Ziele der Sozialen Dreigliederung sind so radikal, so konkret auf die Selbstbestimmung der Menschen gestellt, wie es vorher noch niemals politische Ziele gegeben hat. Obwohl es keinen Diktator und keinen Kaiser mehr gibt, arbeiten bis heute fast alle neuen politischen Bewegungen mit einem starken Führungsanspruch der führenden Leute dieser Bewegung. Die Soziale Dreigliederung ist radikal das Gegenteil. Sie will aus dem jahrhundertelangen Schlamassel von Obrigkeit und Untertanen radikal herausführen, indem sie das gesamte gesellschaftliche Leben in allen seinen Einzelheiten auf den sich selbst bestimmenden Menschen stellt.

So radikal, wie die Ziele der Dreigliederungsbewegung sind, so evolutionär sind die Wege, die sie befürwortet. Das heißt: Sie will auf keinen Fall das Alte umstürzen und an die Stelle des Alten das Neue" einführen". Das Neue muß möglich sein, aber es darf niemals erzwungen werden. Echt demokratische Volksbefragungen und Volksentscheide sollen nur dann stattfinden, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen diese echt demokratische Form der Entscheidung wirklich will. Der gegenwärtige Staat mit all seinen Mängeln wird also nicht "umgestürzt", sondern durch Volksbefragungen und Volksentscheide ergänzt. Was sich verändern soll, darf sich nur aus der Einsicht und dem Willen der Menschen verändern. Finden sich nicht genug Menschen, die eine grundlegende Frage ihres gemeinsamen Lebens durch Volksbefragung und Volksentscheid entscheiden wollen, dann entscheidet weiterhin der vorhandene Staat bzw. das Parlament. Finden sich jedoch genügend Menschen, die der Meinung sind, daß der vorhandene Staat nicht genug für Umweltschutz usw. tut, und wollen diese Menschen deshalb über derart lebenswichtige Fragen durch Volksbefragung und Volksentscheid abstimmen, dann findet eine solche Volksentscheidung statt. Assoziationen in der Wirtschaft muß es in dem Umfang geben, in dem Menschen solche Assoziationen wollen. Assoziationen dürfen ebensowenig von oben eingeführt werden wie Volksentscheide. [1988]

Der schöpferische Mensch hat Individuelle Fähigkeiten. Nur ein Erziehungs- und Unterrichtswesen, welches die verschiedenartigen Schulen sich begründen läßt, hat die Aussicht, schöpferische Menschen zu entwickeln. Auch hier, wie bei allen übrigen sozialen Reformen, kann das notwendige Neue nur durch einen allmählichen Abbau des Alten erreicht werden. Es wäre genauso unsinnig wie zerstörerisch, wenn man nun plötzlich die Staatsschulen verbieten wollte, um gewissermaßen mit einem Ruck die freie Schule gesetzlich einzuführen. Wenn das geschähe, dann würde nur der gleiche Fehler gemacht werden, der bisher immer gemacht worden ist, nämlich der Fehler der brutalen Gewalt.

Zwang kann niemals durch Zwang überwunden werden. Die Staatsschulen bleiben bestehen. Es muß jedoch durch Grundgesetz gesichert und erlaubt sein, daß sich freie Schulen und freie Lehrerbildungsstätten jederzeit bilden können. Es werden sich dann freie Schulen in dem Maße ausbreiten, wie innerhalb der Bevölkerung ihnen gegenüber Vertrauen vorhanden ist. Auch freie Lehrerausbildungsstätten werden von solchen Studenten gesucht werden, welche die staatliche Ausbildungsstätte für ungeeignet halten. Ein Vorrecht der Staatsschule gegenüber freien Schulen wird es nicht mehr geben. [1956]

Die Soziale Dreigliederung lehnt die Machtausübung durch kleinste Minderheiten, so wie sie heute das gesamte Leben der Gesellschaft durchziehen und dirigieren, in der entschiedensten Weise ab. Kein Mensch soll gezwungen werden, etwas zu bejahen oder zu verwirklichen, was er nicht selbst einsieht. [1985]

Ich hoffe, daß es mir gelingt, deutlich zu machen, daß die Soziale Dreigliederung in ihren Zielen bewußt radikal ist, aber daß sie das von ihr angestrebte Neue nur in dem Umfange will, in dem es wirklich von den Menschen aus ihrer Einsicht und Erfahrung heraus gewollt wird. Gedanklich ist es vielleicht nicht schwer, einzusehen, daß die Soziale Dreigliederung auch in der Methode etwas völlig Neues will. Sie will das Neue neben das Alte stellen, und sie will diesem Neuen die volle Entwicklungsmöglichkeit geben. Aber sie will das Alte nicht "stürzen" so lange, wie dieses Alte von Menschen gewollt wird. Wir sind seit sehr langer Zeit gewöhnt, daß eine politische Strömung oder eine politische Partei das von ihr gewollte Neue von oben einführt, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist. Wir erleben jedoch immer wieder, daß das Neue, auch wenn es noch so gut ist, scheitert, weil es von den Menschen nicht eingesehen werden kann. Auf der Grundlage dieser Erfahrung steht der methodische Weg der Sozialen Dreigliederung. So ist eine radikale Erschütterung der gesamten Gesellschaft ausgeschlossen, weil das Alte nicht total umgestürzt wird. Es bleibt bestehen, solange es von vielen Menschen gewollt wird. Aber es wird sich verändern, wenn immer mehr politisch aufgeklärte und bewußte Menschen neue Einrichtungen begründen. Entscheidend ist, daß die Soziale Dreigliederung dafür eintritt, daß neue Einrichtungen in dem beschriebenen Sinne jederzeit möglich sind, wenn sie von Menschen gewollt werden.

Das Denken der Menschen entwickelt und verändert sich langsam. Am langsamsten entwickelt und verändert es sich im Hinblick auf das sozialpolitische Leben. Eine revolutionäre Bewegung, die verkündet, daß "alles anders werden wird", ist in der größten Gefahr, zu den alten, von ihnen bekämpften Zuständen wieder zurückzukehren, wenn sie längere Zeit die Macht ausübt. Der Grund dafür ist einleuchtend: Selbst, wenn Millionen "Revolution" riefen und immer wieder revolutionären Führern nachgelaufen sind, so hat sich damit ihr Denken doch noch nicht verändert. Sie können die "revolutionären Ziele" nicht tragen, weil sie sie noch gar nicht verstehen. Die Folge ist die uns allen bekannte Katastrophe: Die "Revolutionsregierung" landet schließlich bei Zuständen, die schlimmer sind als die Zustände vor der Revolution. Man hat herausgefunden, daß höchstens 5 bis 10 Prozent der Menschen wirklich neue, von ihnen selbst bestimmte und getragene Einrichtungen wollen. Diesen Menschen muß die volle Möglichkeit gegeben werden, diese neuen Einrichtungen auch zu begründen. Das ist das Entscheidende. Wer Neues will, muß Neues tun können, aber nur mit den Menschen, die ebenfalls dieses Neue wollen. Wenn sich diese neuen Einrichtungen bewähren, dann wird sich das herumsprechen, und die Einrichtungen werden sich ausbreiten. Die Soziale Dreigliederung kämpft für den Freiraum, der nötig ist, damit sich neue Einrichtungen begründen und eventuell wachsen können. [1988]

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"Soziale Dreigliederung" - zu schwierig?

In unseren öffentlichen Rundgesprächen im "Eulenspiegel" in Wasserburg/Bodensee wird immer häufiger nach dem Inhalt der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus gefragt. Besonders solche Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gespräche, welche an wissenschaftlichen Seminaren über die Idee von der Dreigliederung teilgenommen haben, erklären, daß sie die Dreigliederung nicht verstanden haben, weil sie einfach zu schwierig sei. Wir sind der Meinung, daß die beklagte Schwierigkeit dieser Idee daran liegt, daß sie so einfach ist. Der politisch interessierte Zeitgenosse, ganz besonders dann, wenn er studiert hat, verlangt gewissermaßen von einer Idee, welche eine fundamentale Neuordnung aller gesellschaftlichen Verhältnisse zum Ziel hat, daß sie ungeheuer schwierig sei. Hinzu kommt, daß die Soziale Dreigliederung als Soziallehre vorzugsweise von Menschen ergriffen worden ist, welche in irgendeiner Weise akademisch gebildet sind. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, was ein akademisch gebildeter Mensch geistig in die Hand nimmt, was er beschreibt und worüber er nachdenkt, das wird immer komplizierter, immer schwieriger. Der akademisch gebildete Mensch hat bewußt oder unbewußt durch sein Studium verinnerlicht, daß alles, was er geistig bearbeitet, außerordentlich kompliziert sein muß. Er macht auch das Einfache kompliziert, weil er sich als Akademiker gewissermaßen dazu verpflichtet fühlt. Die außerordentlich zahlreichen Äußerungen und Erläuterungen Rudolf Steiners darüber, daß die Universitäten die Totenhäuser der Gesellschaft sind, sollten wenigstens denjenigen zu denken geben, welche sich darum bemühen, auf anthroposophischer Grundlage die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus zu erfassen.

Am Leben der Gesellschaft ist jeder Mensch beteiligt, ob er nun will oder nicht. Durch zahllose Verordnungen wird das Leben jedes einzelnen buchstäblich von der Wiege bis zum Grabe geregelt. Das gilt auch für alle, die weder politisch interessiert noch politisch engagiert sind. Sie nehmen als angepaßte Mitläufer am Leben der Gesellschaft teil. Viele von ihnen fühlen sich "frei", weil sie jede neue Verordnung verinnerlichen. Eine Minderheit politisch interessierter und engagierter Menschen fühlt sich mehr und mehr im Zuchthaus der verordneten Gesellschaft. Sie fühlen die zunehmende Einengung ihrer Betätigungsmöglichkeiten in Kultur, Recht und Wirtschaft täglich.

Eine Idee, welche das Leben jedes einzelnen in der Gesellschaft so gestalten möchte, daß jeder einzelne auch aktiv an dieser Gestaltung teilhaben kann, muß für jedermann verständlich sein. Die Soziale Dreigliederung ist eine solche Idee. Wenn sie von der notwendigen Freiheit der Kultur in Erziehung, Schule, Ausbildung usw. spricht, so meint sie das, was eigentlich jeder Mensch in seinem Innern will. Heute bekommen wir zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer vorgesetzt, die wir nicht gewählt haben. Sie unterrichten uns oder unsere Kinder, und wir sind mit Recht unglücklich darüber, daß der Inhalt und die Methode des Unterrichtes entweder für uns oder auch für unsere Kinder sehr häufig als qualvoll, sinnlos und unproduktiv empfunden wird. Die Soziale Dreigliederung zeigt Einrichtungen, die es uns ermöglichen, die Lehrerinnen und Lehrer, von denen wir einen Unterricht empfangen wollen, selbst zu wählen und auch zu wechseln, wenn wir den Unterricht als unproduktiv empfinden. Die Soziale Dreigliederung bestreitet dem Staat grundsätzlich und ein für allemal das Recht, Inhalt und Methode des Unterrichtes, auf welchen Schulen auch immer, festzulegen. Sie sieht darin den Beginn allen gesellschaftlichen Unheils, nämlich die Uniformierung des Denkens, Fühlens und Wollens jedes Menschen. Die Soziale Dreigliederung will die freie Wahl der Schule, die freie Wahl der Lehrerinnen und Lehrer, die freie Wahl des Inhaltes und der Methode des Unterrichtes. Wir meinen, daß diese Forderung sehr einfach zu verstehen ist und daß sie dem Bedürfnis jedes Menschen, der einmal über seine Schule und seine Ausbildung nachgedacht hat, entspricht. Es erscheint uns sehr einfach, dies zu erkennen. Wir verkennen jedoch nicht, daß es außerordentlich schwer ist, es zu verwirklichen. Sehr viele Menschen haben sich daran gewöhnt, die unsinnigsten Forderungen der Wirtschaft und des Staates zu erfüllen. Sie sind unter der Last dessen, was ihnen andere auferlegt haben, müde und resigniert geworden. Das ist die Schwierigkeit. [1983]

Bei dem Wort Dreigliederung handelt es sich zunächst um die drei Gebiete des gesellschaftlichen Lebens: 1. die Kultur, 2. das Recht und 3. die Wirtschaft. Das sind einfach objektiv die drei Gebiete, in denen sich das Leben jedes Menschen in jeder Gesellschaft abspielt. Ohne die Einrichtungen der Kultur (Erziehung, Unterricht etc.) würde in unseren zivilisierten Gegenden kein Mensch lesen und schreiben lernen. Ohne ein gültiges Recht wäre jeder dem Wahnsinn eines anderen schutzlos ausgeliefert. Ohne die Einrichtungen der Wirtschaft könnten die einfachsten Lebensbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung nicht erfüllt werden.

Nicht ganz so einfach ist das Wort Gliederung im Zusammenhang mit der Drei­gliederung zu verstehen. Es will sagen, daß die drei Gebiete - Kultur, Recht und Wirtschaft - zunächst auseinandergegliedert werden müssen, damit sie so zusammenwirken können, daß der Mensch in der Gesellschaft 1. seine Fähigkeiten frei entfalten kann, 2. die gleichen Menschenrechte findet; 3. in der Wirtschaft in der Weise tätig sein kann, daß er und seine Angehörigen menschenwürdig leben können.

Warum müssen die drei Gebiete - Kultur, Recht, Wirtschaft - zunächst auseinander­gegliedert werden? Das ist notwendig, weil jedes der drei Gebiete eine völlig andere Aufgabe für den Menschen und für die Gesellschaft zu erfüllen hat. Zum Beispiel: Die Kultur - daß heißt Erziehung, Unterricht und alle anderen kulturellen Ein­richtungen - hat die Aufgabe, die Fähigkeiten des Menschen auszubilden. Im Grund­gesetz heißt es-. "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ......

Eine völlig andere Aufgabe hat das Recht (und der Staat): Es soll dafür sorgen, daß unter allen Umständen jeder Mensch die gleichen Grundrechte hat. Hier geht es also nicht um die Freiheit und die Entfaltung der Persönlichkeit, sondern um die Gleichheit der Chancen, um die Gleichheit des Rechtes. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", heißt es im Grundgesetz.

Das dritte Gebiet, die Wirtschaft, hat ihrerseits eine völlig andere Aufgabe zu erfüllen. Die Wirtschaft soll die materiellen Bedürfnisse der Menschen in einer Gesellschaft erfüllen. Sie soll so eingerichtet sein, daß die materiellen Bedürfnisse der Menschen wirklich erfüllt werden, und zwar so, daß der technische Fortschritt in der wirksamsten und zeitsparendsten Weise in den Dienst der Erfüllung des menschlichen Bedarfs gestellt wird.

Jedes Gebiet kann nur dann seine Aufgabe erfüllen, wenn es unabhängig von den anderen Gebieten wirken kann. Jedes Gebiet kann nur dann auf die anderen Gebiete in der richtigen Weise wirken, wenn es nicht von ihnen überwuchert ist

Die Dreigliederung steht auf der Grundlage einer radikalen Kritik an den heute herr­schenden Gesellschaftssystemen. Das kapitalistische System ist eingegliedert. Das heißt- Ein Gebiet - die Wirtschaft - erdrückt mit seiner Macht die beiden anderen Gebiete, Recht und Kultur. Das demokratische Leben des Rechtes verkümmert auf diese Weise. Es steht im Dienste der wirtschaftlich Mächtigen, nicht im Dienste der Rechte der Mehrheit. Das kulturelle Leben steht wie alles andere im Dienst der Profitsucht einer kleinen Minderheit. Auch das, was in Massen gedruckt und verbreitet wird, steht unter dem Gesetz des wirtschaftlichen Profits. Es spielt keine Rolle, ob eine Aussage wahr oder richtig ist. Ausschlaggebend ist allein, ob ein Buch oder eine Zeitung Gewinn bringt und ob sie das herrschende System des Kapitalismus festigt.

Die Ursache des Schadens liegt darin, daß ein Gebiet, die Wirtschaft, die beiden anderen Gebiete beherrscht, erdrückt und somit an ihrer eigenen Entfaltung hindert. Die Kultur kann nicht frei sein, das Recht kann nicht demokratisch sein - das ist die notwendige Folge des kapitalistischen Systems.

Dreigliederung ist das Gegenteil von zentraler Herrschaft über Kultur, Recht und Wirtschaft. Diese zentrale Herrschaft wird heute von den kleinsten Minderheiten so­wohl im kapitalistischen Westen als auch im bürokratisch-sozialistischen Osten aus­geübt. Zentralismus (Herrschaft von einer Zentrale aus) im kleinen und im großen ist das Grundübel. Zentralismus verhindert die Anteilnahme und Mitbestimmung der Menschen.

Dreigliederung heißt: Unabhängigkeit von Erziehung und Kultur von den Machtgruppen in Staat und Wirtschaft. Diese Unabhängigkeit (Freiheit) ist die notwendige Lebensbedingung des kulturellen Lebens.

Dreigliederung heißt: demokratische Entscheidung über Grundrechte. Die demokratische Entscheidung der Mehrheit ist die Voraussetzung dafür, daß Rechte zum Schutze der Mehrheit entstehen können.

Dreigliederung heißt: Partnerhafte Wirtschaftsverträge zwischen Produzenten und Verbrauchern. Nur dadurch, daß die Verbraucher in der Wirtschaft ihre Interessen vertreten, kann die Produktion in den Dienst des menschlichen Bedarfes gestellt werden. [1984]

Die alten Strukturen sind Herrschaft von oben nach unten, Beherrschung aller durch wenige. Notwendig sind Strukturen, in denen sich die Menschen wirklich selbst bestimmen können und in denen wirklich das, was die Rechte und Pflichten aller betrifft, auch von allen festgelegt wird. Die unvermeidlichen Widersprüche im sozialen Leben können dann überhaupt erst gelöst werden, nicht ein für alle Mal, sondern immer von Neuem. Geistig frei wird dann jeder wirklich sein können, der aus der vorhandenen Fülle des Angebotes an Ideen, Schulen und Lebensformen sich die auswählt, die seinem Lebensstandort entspricht. Heute kann er das überhaupt nicht, weil Schule und Lebensform von der Spitze diktiert und manipuliert wird. Die Gleichheit von Menschen wird es durch echte Demokratie geben können, weil der Mensch sie sich selbst verschafft, weil er nicht, wie heute, die von der Spitze diktierte Ungleichheit in Untertanenart entgegennimmt. Und die Wirtschaft werden wir dazu nötigen, sozial zu sein, indem wir die Freiheit der Information und unseren demokratischen Rechtsanspruch auf sie wirken lassen. Über das, was in der Wirtschaft wirklich läuft, kann nur informiert werden, wenn die Information frei von der Wirtschaft ist. Und die sich stets vermehrenden Milliardenberge der Multis können nur dann für Menschen eingesetzt werden, wenn die Wirtschaft auf demokratischem Weg dazu gezwungen wird.

Einheit im Sozialen ist das genaue Gegenteil einer Anordnung von oben. Sie kann nur entstehen, wenn Erziehung und Kultur frei von Staat und Wirtschaft sind -, wenn der Staat nicht Ausführungsorgan der Interessen der Wirtschaft, sondern demokratisches Rechtsorgan der Mehrheit ist - wenn die Wirtschaft von Fähigen geleitet, dabei jedoch durch demokratische Rechte daran gehindert wird, die Gesellschaft zu beherrschen.

Den Weg dorthin müssen wir selbst gehen. Das nimmt uns keiner ab. Die ihn, als Führer von Organisationen und Parteien etc. für uns" gehen wollen, wollen uns beherrschen. Der Weg, der vor uns liegt, ist der vom verschlafenen Untertan zum allmählich erwachenden geistig freien und demokratiebewußten Bürger. [1978]

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Jeder Mensch lebt mit der Dreigliederung

Freiheit in allen Dingen, welche das geistige Leben betreffen, gleiches Recht für jeden auf dem Gebiet der Grundrechte und Brüderlichkeit sind die bekannten Grundforderungen der Dreigliederung. Was geschieht, wenn wir als noch sehr junge Menschen brennendes Interesse daran haben, bestimmte Bücher zu lesen, die uns von den Eltern als "nicht geeignet' entzogen werden? Was geschieht, wenn wir wiederum als junge Menschen in der Schulklasse sitzen und finden, daß der Lehrer uns schon fast eine Stunde lang mit langweiligem Blödsinn traktiert - ohne daß wir dagegen protestieren oder die Klasse verlassen mit lautem Türenknall? Was geschieht, wenn der Freund uns sagt, er habe die Freiheit, große Mengen Alkohol zu trinken und fühle sich in dieser Freiheit von der Freundin eingeengt? Was geschieht, wenn die Frau in den Ferien nach Italien fahren will und nicht nach Norwegen? Und wenn darüber ein großer Streit entbrennt? Die Beispiele auf diesem Gebiet könnten vertausendfacht werden. Die Fantasie kann gar nicht so viel ausdenken, wie in der Praxis gerade auf diesem Gebiet zwischen Mensch und Mensch geschieht

Es gehört nicht viel Mühe dazu, um zu bemerken, daß es in den genannten Beispielen und in all denen, die jeder Mensch aus seinem Leben kennt, um die geistige Freiheit geht. Der Jugendliche will die Freiheit haben, die Bücher zu lesen, für die er sich interessiert, er will die Freiheit haben, gegen einen total langweiligen Unterricht zu protestieren oder ihn zu verlassen. Wir waren alle einmal Jugendliche. Der Erwachsene hat das Bedürfnis, die Lebensform, das Reiseziel, die Beschäftigungen usw. zu wählen, von denen er sich verspricht, daß sie ihn ausfüllen können. Das dringendste Bedürfnis nach Freiheit des einen stößt auf das dringendste Bedürfnis nach Freiheit des anderen. Über Freiheit kann man nicht theoretisieren, man lebt sie täglich, stündlich immer wieder

Politische oder religiöse Theoretiker oder Dogmatiker denken über die Freiheit, und schon kommt etwas heraus, was in der Wirklichkeit als Bedrückung, als Unfreiheit empfunden wird. Sie bestimmen, was förderlich oder was schädlich für die von ihnen vorgestellte Freiheit des Menschen ist. Sie reden unaufhörlich von der geistigen Freiheit, während sie in der Praxis die Freiheit unterdrücken - die Freiheit der Rede, der Meinung, der Weltanschauung, der politischen Überzeugung usw

Die Dreigliederung will genau diese Freiheit, die jeder Mensch empfindet. Sie weiß, daß in der Praxis des Lebens überall und überall die Freiheit des einen der Freiheit des anderen gegenübersteht. Sie will das, weil es dem wirklichen Freiheitsbedürfnis entspricht und weil es deutlich macht, daß in der Mitte zwischen der Freiheit des einen und der Freiheit des anderen die Brüderlichkeit liegt

Warum kann der Vermögende sich eine Wohnung für seine Familie leisten, die allen Komfort enthält? Warum müssen Millionen und Abermillionen in einer derart räumlichen Enge leben, daß die Entfaltung ihrer Persönlichkeit auf das schwerste behindert ist? Warum können auch minderbegabte Kinder durch Privatschulen und Privatiehrer akademische Berufsziele erreichen, wenn ihre Eltern genug Geld haben? Warum sind die Kinder finanziell unbemittelter Eltern auch auf diesem Gebiet so benachteiligt? Warum werden Frauen an zahllosen Stellen unseres gesellschaftlichen Lebens so sehr benachteiligt? Warum haben kleine Gruppen die Macht (und das heißt: das Recht), die Meinung von Millionen Menschen zu lenken? Warum ist es in Zweierbeziehungen und Gruppen so, daß immer ein paar Leute viel mehr zu sagen haben als die anderen? Warum gilt das Wort des einen so viel, das Wort des anderen so wenig, obwohl die Qualität der Aussage sehr oft bei dem, der nicht so viel Rechte hat, viel höher liegt? Warum entstehen so unendlich viele Konflikte zwischen den Menschen, weil immer wieder einige - mit Recht - den Eindruck haben, daß sie gar nicht gehört, gar nicht beachtet werden? Und wenn das, was sie sagen, noch so wichtig sein könnte?

Die Ungleichheit auf dem Gebiete des Rechtes ist nicht nur auf gesellschaftlichem Gebiet allüberall gegeben. Sie findet sich in Hülle und Fülle Tag für Tag im beruflichen und privaten Leben jedes Menschen. "Ich fühle mich als Mensch nicht anerkannt, nicht geachtet, überhaupt nicht für ernst genommen!" - Das ist ein Gefühl und zugleich ein Gedanke, wie er millionenfach im Alltag des privaten und gesellschaftlichen Lebens erlebt werden. Gleiche Achtung jedes Menschen gegenüber jedem anderen Menschen, das ist keine Theorie, das ist eine Empfindung und ein Gedanke, den jeder Mensch unendlich oft in seinem Leben erlebt. Gleichberechtigung ist das Gefühl, welches in jedem Menschen als Sehnsucht, als vielfach erfahrene Verletzung vorhanden ist. Diese Gleichberechtigung meint die Dreigliederung. Sie kommt als Wunsch aus den Tiefen der Empfindung jedes modernen Menschen. Jeder Mensch fühlt sich innerlich bestätigt, wenn er als Gleichberechtigter behandelt wird. Er fühlt sich an tausend Stellen des alltäglichen Lebens unterdrückt und verletzt, wenn ihm diese Gleichberechtigung als Mensch nicht entgegengebracht wird. Auch hier geht es nicht um die Theorie vom Recht, die bisher stets zuungunsten der Menschheit und zur anmaßenden Gunst einer kleinen Minderheit verlief. Es geht um tausend menschliche Gefühle, um Erlebnisse, die jeder vielfach in seinem Leben hat

Im gesellschaftlichen Leben bezeichnet die Dreigliederung die Brüderlichkeit als jenen Vorgang, daß jeder Mensch heute praktisch für andere arbeitet. Der Vorgang der sogenannten Arbeitsteilung ist ein brüderlicher Akt. Die Kritik, die hier geübt wird, liegt in der bekannten Tatsache, daß die Ergebnisse der Tätigkeit nicht brüderlich verteilt werden. Im persönlichen Bereich ist die Brüderlichkeit, welche die Dreigliederung meint, jener Wunsch nach brüderlicher Hilfeleistung, welcher der eine hat und den der andere erfüllen kann. Brüderlichkeit will geben, ohne zu nehmen. Diese Brüderlichkeit findet millionenfach in unserem Alltag statt. Und sie wird ebenfalls millionenfach dort unterlassen, wo sie erwünscht wird, wo sie vielleicht möglich wäre, aber nicht gegeben werden kann. Es gibt schon recht viele Menschen, die anderen Menschen gerne etwas geben, was auch immer, weil sie Geben zugleich auch als Nehmen empfinden. Die Gegenleistung der brüderlichen Handlung liegt nicht im Materiellen. Sie liegt im seelischen Bereich, sie beschenkt durch Dankbarkeit, durch Zuneigung, durch Offenheit für den anderen. Die Sehnsucht nach brüderlicher Hilfeleistung wird auch heute noch am meisten dort empfunden, wo sie ersehnt wurde, aber nicht stattgefunden hat. Es ist jedoch erwiesen, daß der Mensch zu brüderlicher Hilfeleistung, ohne auf Gegenleistung zu spekulieren, fähig ist. In Zweierbeziehungen und in Gruppen spielt die Brüderlichkeit eine entscheidende Rolle. Sind auch nur ein paar Leute da, die sie aufbringen können, nicht immer natürlich, aber doch in entscheidenden Fällen, dann gibt das der Zweierbeziehung oder der Gruppe oft überhaupt den Zusammenhalt. Brüderlichkeit im Menschlichen ist die Freude am Verzicht zugunsten des anderen und der anderen. Sie wird heute geübt und geprobt, nicht aufgebracht und nicht durchgehalten, wieder geübt und wieder geprobt in zahllosen Fällen. Die Hilfsbereitschaft für den Bruder Mensch, um die es hier geht, ist der Impuls jener weltweiten Bemühungen der Hilfe für andere Menschen, mögen diese Bemühungen zunächst noch so unzulänglich sein. Sie sind da. Im kleinsten Vorgang der Brüderlichkeit wird jene Überwindung geübt, die einstmals im Großen erreicht werden muß. Sie ist eine berechtigte Forderung. Sie besteht darin, daß nicht nur brüderlich gearbeitet wird. Das ist schon lange so. Die Verteilung des gemeinsam Erarbeiteten muß brüderlich geschehen. Der scheinbar unbedeutende Vorgang, der sich in Partnerschaften, Familien und Gruppen tagtäglich abspielt, ist auch hier die Voraussetzung, die Bedingung, daß wir einmal alle Menschen wirklich brüderlich behandeln. Ihnen freiwillig jene Freiheit geben, die sie brauchen, jenes Recht, welches zu ihrer Menschenwürde gehört, und jene Brüderlichkeit, auf die sie rechnen können, wenn sie in Not sind. [1984]

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Freiheit, Demokratie und Sozialismus

Eine politische Idee kann nicht totgesagt werden, wenn sie noch nie gelebt hat. Das gilt sowohl für den Sozialismus als auch für die Freiheit. Eine im vollen Umfang wirksame gesellschaftliche Freiheit ist die Vorbedingung für jede wirklich humane Gesellschaftsordnung. Im Osten wurde der geplante Sozialismus durch die Diktatur getötet. Im Westen wurde die geplante Freiheit durch die Diktatur des Kapitals getötet. Heute spricht man vom Sieg der Freiheit und vom Tod des Sozialismus. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird man mehr erleben als erkennen, daß der angeblich freie Kapitalismus durch seine Technik und durch seinen Raubbau am Planeten zum Tode der Menschheit führt. Hoffentlich wird man dann nicht sagen, nun ist die "Freiheit" auch tot. Wie vorher der Sozialismus gestorben ist. Hoffentlich wird man sich darauf besinnen, daß sowohl der Sozialismus als auch die Freiheit die lebensnotwendigen Ziele der Menschheit sind.

Was heißt Freiheit im gesellschaftlichen Leben? Es muß viele verschiedene Zeitungen und Informationsorgane geben. Die Menschen können sich nur dann ein eigenes Urteil bilden, wenn sie die gesellschaftliche Situation von den verschiedensten Seiten geschildert bekommen. Und wenn in den Zeitungen und Zeitschriften vielfältige Modelle einer notwendigen gesellschaftlichen Neuordnung dargestellt werden. Niemals darf ein Verlag 10, 20 oder 100 Zeitschriften herausgeben. Das ist der Tod der Freiheit, weil dadurch in äußerlich verschiedenen Farben immer wieder die gleiche Anschauung in die Gemüter der Menschen getragen wird. Wir sind von dieser wirklichen Freiheit noch sehr weit entfernt. Aber es gibt Ansätze in dieser Richtung. Sie finden sich überall, fast ausschließlich in der Oppositionspresse.

Auch die Demokratie ist nicht tot, weil sie auch noch niemals Wirklich gelebt hat. Im Osten wurde sie durch die Macht der Funktionäre zerstört, im Westen geschah das gleiche durch die Macht des Kapitals. Die Eroberung der DDR durch die Macht des westdeutschen Kapitals ist dafür ein Beispiel. Grundsätzlich sind Parteien in dem Maße gesellschaftlich wirksam, in dem ihnen Kapital zur Verfügung steht. Ihr Kapital kommt zum allerkleinsten Teil von den Parteimitgliedern, zum allergrößten Teil von Machtgruppen innerhalb der Gesellschaft, die das Kapital geben, damit die Partei sich dem Willen der Machtgruppe unterwirf

Sozialismus ist die Idee, welche die Existenzrechte der Mehrheit an die erste Stelle der gesellschaftlichen Berücksichtigung setzt. Mit anderen Worten: Die erste Sorge der Gemeinschaft ist die Sorge um jene Millionen, die seit Jahrhunderten keinen berechtigten Anteil an kulturellen Lebensgütern der Gemeinschaft und an den materiellen Lebensgütern der Gemeinschaft hatten. Das sind jene, die immer in der Gefahr leben, bei irgendeiner Erschütterung unter die Grenze des Existenzminimums zu fallen. Früher war das ausschließlich die Arbeiterklasse, heute stehen die Angehörigen aller Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten in dieser Gefahr. Auch der Sozialismus ist ein Lernprozeß für alle Menschen. Hierbei geht es praktisch um ein bestimmtes soziales Mitgefühl mit den Menschen, die in ihrer materiellen und geistigen Existenz bedroht sind - und zu denen man jederzeit durch ein bestimmtes Ereignis selbst gehören kann. Der sozialistische Impuls wird überdeckt durch den materialistischen Impuls, der zur Zeit fast noch alle Menschen beherrscht. Stichwort - Hauptsache, mir geht es gut, wie es dem andern geht, ist seine Sache. Aber es gibt doch sehr viele Menschen, die den sozialistischen Impuls in sich haben, obwohl sie im Moment nicht gerne davon sprechen. Der besteht darin, daß sie es ungerecht und unmöglich finden, daß es auf der Welt Millionen und viel mehr als Millionen Menschen gibt, die von den Regierungen unbarmherzig unter die Grenze des Existenzminimums gestoßen werden. Die Gegenwehr gegen diese Unmenschlichkeit zeigt sich darin, daß in der BRD, aber auch in anderen Ländern Forderungen nach einem Existenzminimum für jeden Menschen immer lauter werden. In Schweden und in Dänemark braucht keiner mehr um seine Grundexistenz zu fürchten. Die Höchstgrenze des individuellen Einkommens muß gesenkt werden, wenn der Zustand erreicht werden soll, daß alle an den materiellen und geistigen Gütern der Gesellschaft teilhaben können.

Der Sozialismus ist damit die humanste aller gesellschaftlichen Bedingungen. Er will verwirklichen, daß kein Mensch in Not leben muß, in einem Lande, in dem andere in Luxus leben. Aber der Sozialismus ist auch, wie jeder Fortschritt, im äußersten Maße angewiesen darauf, daß es geistige Freiheit gibt. Diese Freiheit ist der Quell, aus dem alle Erneuerung der Gesellschaft fließt. Ist dieser Quell verstopft, dann muß es Diktatur in dieser oder jener Form geben. Die Freiheit ist lebensnotwendig, um neue Formen der Gesellschaftsordnung überhaupt dem Menschen vor Augen zu führen. Und um fortlaufend die notwendigen Korrekturen zu vollziehen, Kritik zu üben, wenn ein Neues sich verwirklichen will. Es gehört zu den politischen Lebensgesetzen, zu den Lebensgesetzen überhaupt, daß etwas notwendig Neues nicht im Kopf eines einzelnen erdacht werden kann, um es dann einem Volk aufzuzwingen. Sobald etwas Neues, etwas notwendig Neues in der Praxis übertragen wird, zeigen sich Fehler. Das ist einfach so, auch im persönlichen Leben. Diese Fehler müssen erkannt werden können. Deshalb ist ein freies Geistesleben das Wichtigste für das Leben der Gesellschaft. [1990]

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Ein mögliches Bild von der Zukunft

Ich möchte schildern, wie in groben Zügen die Verwirklichung der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus aussehen könnte, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen die dafür notwendigen Einsichten und den dafür notwendigen Tatwillen aufbringen würde.

Die Schulen des Landes, in dem sich die Dreigliederung verwirklicht hat, dürften unabhängig von Eingriffen staatlicher Verwaltung oder wirtschaftlicher Macht sich selbst verwalten. Ihre Verwaltung und Gestaltung würde aus der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer hervorgehen, welche sie begründen. Die Form der Schule würde sich laufend dadurch verändern, daß die Lehrer mit den Eltern und mit den Schülern in ständigem Kontakt über die Ergebnisse des Schulunterrichtes und vor allem über die Entwicklung der Menschen stehen würden, die ihnen anvertraut sind. Eine solche Entwicklung kann mit den kleinsten Anfängen beginnen, und sie beginnt bereits in unseren Tagen in jenem Kampf, den Lehrerinnen und Lehrer an vielen Orten der Bundesrepublik mit der Staatsverwaltung führen. Ziel und Inhalt dieses Kampfes ist der Wunsch dieser Lehrerinnen und Lehrer, die Gestalt ihres Unterrichtes und die Form ihrer Erziehung selbst zu bestimmen. Die Finanzierung der Schule würde nicht direkt durch den Staat erfolgen. Eltern würden unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze ein "Erziehungseinkommen" für ihre schulpflichtigen Kinder erhalten. Sie würden dieses Erziehungseinkommen jeweils der Schule ihrer Wahl zur Verfügung stellen. Wenn ein Elternpaar zu der Auffassung gelangt, daß die gegenwärtige Schule ihres Kindes durch die Art des Unterrichtes oder durch die Eigenschaften von Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr für ihr Kind geeignet ist, dann hätten sie die Freiheit, ihr Kind einer anderen Schule anzuvertrauen. Sie würden dann das Erziehungsgeld für ihr Kind der alten Schule entziehen und der neugewählten Schule zuführen.

Ein weiterer Schritt der Verwirklichung würde darin liegen, daß der gesamte Bereich der Information, also Rundfunk, Fernsehen, Presse usw., allmählich den Kreisen entzogen würde, die heute eine direkte und indirekte Befehlsgewalt über Inhalt und Form der Massenmedien und somit der Massenbeeinflussung haben. Freie Rundfunksendungen würden an die Stelle der staatlich monopolisierten und von der Wirtschaftsspitze dirigierten treten. Der Inhalt der Sendungen würde von denjenigen ausgehen, welche diese Sender verantworten. Die Zielgruppe jedes Senders würde in den Menschenkreisen bestehen, die Wert auf diese Sendung legen und die sie auch bezahlen. An die Stelle des vielbesprochenen Informations-Einheits-Breies würde eine Fülle freier Sender und Sendungen treten. Frei insofern, als Inhalt und Form der Sendung aus der Zusammenarbeit zwischen den für die Sendung Verantwortlichen und ihren Empfängern entstehen.

Vielleicht würde es zunächst wenige wirklich qualifizierte Sender geben. Aber es läßt sich vorstellen, daß auf die Dauer wahrheitsgemäße Informationen über unsere gesellschaftliche Lage im Ganzen und im Einzelnen einen erfolgreichen geistigen Konkurrenzkampf aufnehmen könnten gegen jene Sender, die den heutigen Einheits-Informationsbrei produzieren. Entwicklungen in dieser Richtung sind bereits kräftig in Gang gekommen. Sie bewegen sich mehr oder weniger auf sogenanntem illegalen Boden, weil das Grundgesetz, welches die Freiheit von Rundfunk und Presse garantiert, in der Wirklichkeit unseres gesellschaftlichen Lebens praktisch abgeschafft ist. Die Aufhebung des freien Funks und Fernsehens und der freien Presse ist daran zu erkennen, daß freie Sendungen und Zeitungsberichte weder gesendet noch gedruckt werden, während zensierte, also unfreie, die Programme der Sender und die Spalten der Zeitungen füllen.

Wenn die Idee der Dreigliederung an eine wichtigste Stelle ihrer Wege und Ziele die Freiheit der Kultur stellt, so meint sie eine Entwicklung, welche in der Richtung verläuft, die hier angedeutet wurde. Der Weg in die immer stärkere Bevormundung allen geistigen Lebens ist schrittweise gegangen worden. Er muß wahrscheinlich auch schrittweise zurückgegangen werden in die Richtung der Freiheit. Dabei wird es nicht um radikale Lösungen gehen, sondern um Entwicklungen, die dem sich erweiternden Bewußtseinsstand der Menschen entsprechen.

Auf dem Gebiet des demokratischen Staates, den wir heute nur im Zusammenhang mit manipulierten Wahlvorgängen wahrnehmen, wird die Verwirklichung der Dreigliederung dazu führen, daß immer mehr grundlegende Gesetze, welche die Rechte und Pflichten aller Menschen betreffen, auch von diesen Menschen selbst entschieden werden. An die Stelle der Parteienwahl wird schrittweise die echte demokratische Entscheidung der Mehrheit über ihre Existenzfragen treten. Auch diese Entwicklung deutet sich bereits in einer entschiedenen Weise an. So ist zum Beispiel der zur Zeit auf politischem Felde geführte Kampf um das "Ja" oder "Nein" zu den Atomkraftwerken ein Kampf um das Recht auf eine echt demokratische Entscheidung über die Existenzfrage aller Menschen.

Die von der Idee der Dreigliederung gemeinte demokratische Entscheidung über Rechte und Pflichten aller Menschen kann sich nur dann in einer fairen Weise vollziehen, wenn die Aufklärung über die zur demokratischen Abstimmung stehenden Rechtsfragen eine freie ist. Praktisch bedeutet das, daß zum Beispiel im Falle der Entscheidung über das "Ja" und "Nein" zu den Atomkraftwerken oder zur Umwelterhaltung überhaupt, die Vertreter verschiedener Anschauungen zu diesen Fragen in einer gleichberechtigten Weise in den Massenmedien zu Wort kommen müssen. Auch diese notwendige Grundlage einer echt demokratischen Entscheidung über die Existenzfragen des Menschen entspricht heute bereits der Einsicht einer wachsenden Anzahl von Bürgern unseres Landes. Diese Entwicklung müßte bis zu dem Punkt gefördert werden, wo sie die Form politischer Willensäußerung annimmt. Aus dem Freiheitsverständnis der Dreigliederung heraus ist die Form, in der eine notwendige Forderung vertreten wird, niemals festgelegt. Sie unterliegt dem Urteil und der Verantwortung des einzelnen. Die Frage, welche Rechte und Pflichten im Laufe der Entwicklung als derart allgemeingültige empfunden werden, daß eine demokratische Volksabstimmung über sie notwendig ist, wird aus dem Verständnis der Sozialen Dreigliederung nicht vorprogrammiert. Man könnte hier Beispiele nennen, wie jene von Rudolf Steiner immer wieder erwähnte Notwendigkeit der Aufhebung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln. Es gilt jedoch grundsätzlich, daß solche Fragen in den Bereich der demokratischen Entscheidung gelangen, die von den Menschen als Fragen notwendiger demokratischer Entscheidung empfunden werden. Es wird also nicht theoretisch festgelegt, über welche Frage eine demokratische Entscheidung notwendig ist. Eine solche Entscheidung wird dann fällig sein, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen zu der Empfindung gelangt ist, daß darüber demokratisch entschieden werden muß.

Auf dem Gebiet des Kultur- und Geisteslebens und des demokratischen Rechtslebens verlangt die Dreigliederung im Grunde genommen nichts anderes als dasjenige, was zum Beispiel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feierlich festgelegt worden ist. Wenn heute von vielen politisch einsichtigen Menschen die Anschauung vertreten wird, daß die Verwirklichung unseres Grundgesetzes eine "Revolution" wäre, so ist das eben nur ein Zeichen für den vielbeschriebenen Abgrund zwischen unserer Verfassung und der sogenannten Verfassungswirklichkeit.

Auf dem Gebiet der Wirtschaft ergibt sich aus der Idee der Dreigliederung die Form der assoziativen Wirtschaft. Sie besteht darin, daß Produzenten, Verbraucher und Händler in sogenannten Assoziationen sich zusammensetzen, um über die Menge, die Qualität, den Preis einer vom Verbraucher gewünschten und vom Produzenten herzustellenden Ware verhandeln. Aus diesen Verhandlungen gehen assoziative Verträge hervor, die für alle Beteiligten verbindlich sind. In ihnen wird nach gemeinsamer Beratung und Übereinkunft festgelegt, was der Produzent zu liefern und der Verbraucher abzunehmen hat. Durch diese assoziative Wirtschaftsform kann erreicht werden, daß nicht blind produziert wird, sondern nur so, wie es den Einsichten und dem Bedarf der Verbraucher und auch den Möglichkeiten des Produzenten entspricht. Die assoziative Wirtschaft ist das Gegenbild von Fehlplanung und Verschleiß und Verschwendung der kapitalistischen Monopolwirtschaft und der Staatswirtschaft östlicher Prägung. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet sind gegenwärtig viele produktive Bemühungen Im Gang. Im Bereich der Alternativszene bemühen sich Hunderte von kleinen Produzentengruppen um brauchbare und tragfähige Verbindungen zu ihren Verbrauchern. [1983]

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Die Kultur

Ich denk doch, was ich will!

Der moderne Mensch hat die alten traditionellen Bindungen mehr oder weniger abgestreift. Er praktiziert freies Geistesleben, völlig unabhängig davon, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht. Wenn die Menschen heute von Freiheit sprechen, so wird im allgemeinen außer Acht gelassen, wohin diese Freiheit gehört und wo sie ihre Grenzen hat. Die Soziale Dreigliederung bestimmt den Ort, den Raum, wo geistige Freiheit gilt. Sie hat überall dort ihren Gültigkeitsbereich, wo es sich um Erziehung, um Schule, um Ausbildung in der allerverschiedensten Form handelt. Sie lehnt in der entschiedensten Weise ab, daß in diesen sozialen Raum Kräfte des Staates oder der wirtschaftlichen Macht eindringen können. Praktisch: Alle Formen der Erziehung und des Unterrichtes, der Ausbildung und der Kultur haben allein auf der Grundlage des Menschen oder der Menschen zu stehen, welche diese Einrichtungen in die Welt stellen. Für die Begründung einer Schule gelten allein die Anschauungen und Methoden, welche von den Menschen gedacht und gewollt sind, welche diese Schule begründen. Hier hat absolut kein staatlicher Einfluß und keine wirtschaftliche Macht auch nur das geringste zu suchen. Was für die Schule gilt, das gilt auch für alle anderen Einrichtungen der Kultur in umfassendem Sinne. Alle anderen Menschen haben die Möglichkeit, eine bestimmte Schule zu wählen, wenn sie mit deren Auffassung und Unterrichtsmethode einverstanden sind. Sind sie es nicht, dann haben sie - zum Beispiel Eltern - die Möglichkeit, einen eigenen Kindergarten oder eine eigene Schule zu begründen.

Die Freiheit der einen, welche eine kulturelle Einrichtung begründet haben, stößt im gesellschaftlichen Leben stets auf die Freiheit der anderen. Wird zum Beispiel eine neue freie Schule begründet, so liegt darin ein freilassendes Angebot. Das Angebot dieser neuen freien Schule kann von Eltern bzw. Schülerinnen und Schülern aufgegriffen werden, wenn das der Fall ist, dann wird diese neue Schule einfach dadurch eine soziale Existenzberechtigung haben. Finden sich keine Menschen, die sich für diese neue Schule interessieren, dann wird sie sang- und klanglos wieder eingehen. Noch einmal - Was für die Schule gilt, das gilt auch für alle anderen kulturellen Einrichtungen in einem umfassenden Sinne.

Man kann eine Gruppe gründen mit einem bestimmten Ziel. Andere Menschen haben dann die Möglichkeit, sich dieses Angebot anzusehen und mitzuarbeiten, wenn sie die Ziele der Gruppe bejahen bzw. lernen wollen. Jede Gruppe hat nur dann eine soziale Existenzberechtigung, wenn sie von anderen Menschen gewünscht und durch Mitarbeit unterstützt wird. Ist das nicht der Fall, dann wird sie sich wieder auflösen.

Es ist ein tödlicher Schlag gegen die von der Sozialen Dreigliederung gemeinte geistige Freiheit, wenn der Staat, zum Beispiel durch Finanzierung, eine Schule unterstützt. Er gibt ihr dadurch ein völlig ungerechtfertigtes Vorrecht gegenüber anderen freien Schulen. Dieser Eingriff ist besonders dadurch für die geistige Freiheit tödlich, daß der Staat traditionsgemäß nur solche Schulen finanziert und unterstützt, die sich dem Staat unterordnen und ihn in irgendeiner Weise bejahen.

Dadurch wird die schöpferische Entfaltung des Menschen, die allein das Ziel des freien Geisteslebens ist, erdrosselt. Der Mensch kann dann nur noch seine schöpferische Fähigkeit auf der Grundlage der Normen, die vom Staat festgelegt sind, entfalten. Eben darin liegt der Tod für die von der Sozialen Dreigliederung gemeinte schöpferische Entfaltung des Menschen durch ein freies Geistesleben.

Der moderne Mensch kritisiert mit Recht die katastrophale Macht-Zusammenballung, die sich heute in dem stärkstens von wirtschaftlichen Mächten dirigierten Staat festgesetzt hat. Er kritisiert, daß auf diese Weise die schöpferische Entfaltung aller Menschen gehindert wird, ja, daß sie bereits in der Wurzel, durch den vom Staat beeinflußten Schulunterricht gebrochen wird. Soll diese katastrophale Macht, die uns alle dirigiert und manipuliert, jemals ernsthaft in Frage gestellt werden, sollen jemals an die Stelle der Manipulation sich frei entfaltende Menschen treten, dann ist dafür die vollkommene Herauslösung alles kulturellen Lebens, vor allem der Erziehung und der Schule, aus den Zwängen des Staates und der Wirtschaft die absolut notwendige Voraussetzung. Die Forderung nach einer vollen Befreiung von Erziehung, Schule und Kultur von allen Zwängen des Staates und der Wirtschaft ist keine idealistische Ideenspielerei. Sie ist eine fundamentale soziale Notwendigkeit dafür, daß im Laufe einer möglichst schnellen Entwicklung an die Stelle der genormten Schülerinnen und Schüler, der genormten Lehrerinnen und Lehrer, der genormten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger der mehr und mehr sich entfaltende schöpferische Mensch treten kann. [1987]

Die volle Selbstverwaltung des Kultur- und Geisteslebens in allen seinen Verzweigungen betrachten wir als die wichtigste Forderung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese volle Selbstverwaltung des Geisteslebens, vor allem der Erziehung und der Schule, ist nur möglich, wenn jegliche Einflußnahme des Staates und der Wirtschaft auf Einrichtungen des Geisteslebens vollkommen ausgeschaltet ist. Das ist das Hauptziel der Sozialen Dreigliederung, von dem kein Stück, auch nicht das kleinste, abgeschnitten werden darf. Alle Einrichtungen des Geisteslebens - Schulen, Universitäten, Theater, Film usw. - werden an diesem Ziel kompromißlos gemessen. Jede Abweichung von diesem Ziel in der Praxis, und sei es noch so verständlich - was ist nicht alles verständlich? - muß als ein Zurückwelchen von diesem Ziel angesehen werden. Wenn es heute sogar viele Menschen gibt, welche die Koalition mit der Kulturbehörde als nützlich zur Erreichung des Zieles der vollen Unabhängigkeit des Geisteslebens vom Staat ansehen, so ist nach unserer Ansicht darin eine direkte Gegnerschaft zu dem erklärten Ziel der Dreigliederung zu sehen. Etwas anders liegt die Sache, wenn Lehrer und Schulverwaltungen, die mit der staatlichen Kulturbehörde koalieren, diese Verfahrensweise offen als eine persönliche Schwäche zugeben. Dafür sollte man immer Verständnis haben, aber keinesfalls dafür, daß das Bündnis mit dem Staat auch nur im geringsten als ein Vorteil auf dem Weg zu dem Ziel eines unabhängigen Kultur- und Geisteslebens angesehen wird. Der Weg zu einem radikalen Ziel kann nur schrittweise begangen werden. Das Alte klebt in irgendeiner Form immer an dem Neuen, was man anstrebt. Es erscheint uns jedoch als absolut notwendig, das Alte in aller Ehrlichkeit zu nennen und zu kritisieren, gerade dann und besonders dann, wenn man in diesem Alten noch verwickelt ist. Scheut man davor zurück, dann muß das neue Ziel, was man anstrebt - die radikale Freiheit des Geisteslebens von allem Zwang des Staates und der Wirtschaft - als Phrase erscheinen.

Die volle Selbständigkeit und Selbstverwaltung kultureller Einrichtungen wird heute oftmals mit aller Energie und Opferbereitschaft erstrebt, ohne daß gleichzeitig ein Bewußtsein von der Sozialen Dreigliederung vorliegt. Wir nennen als Beispiel den nicht endenden Kampf um autonome Jugendhäuser, um autonome Frauenhäuser, die ganz richtig erkannt haben, daß eine fruchtbare Arbeit nur möglich ist, wenn jede Form staatlichen Dirigismus oder wirtschaftlicher Einflußnahme zurückgewiesen wird. Das Geld muß von denen kommen, welche diese Einrichtungen bejahen. Es darf an keine Bedingungen geknüpft sein. Diese Forderungen werden auch erhoben. Und wenn man trotzdem Geld vom Staat nimmt, dann sollte öffentlich bekanntgemacht werden, daß es sich dabei um einen Kompromiß handelt, der gegen das Ziel der freien Selbstverwaltung gerichtet ist und der so schnell, wie es das wachsende Bewußtsein der teilnehmenden Menschen gestattet, überwunden werden muß. [1984]

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Freie Schule und die Waldorfschulen

Vielseitig ausgebildete Menschen werden vielseitiger denken können. Damit sind sie für Diktaturen unbrauchbar, für wahre Demokratien dagegen förderlich. [1956]

In den Schulen der Bundesrepublik wird heute teils freiwillig, teils auf staatlichen Befehl, teils aus Angst vor dem Staat gelehrt, daß die westdeutsche Bundesrepublik eine Demokratie sei. Es wird nicht die Frage aufgeworfen, ob wir eine Demokratie haben und wie eine Demokratie aussehen muß, sondern es wird einfach gesagt: Wir haben eine Demokratie. - So wird schon der heranwachsende Mensch zu einer Gläubigkeit gegenüber den staatlichen Einrichtungen erzogen. Das wesentliche Merkmal des deutschen und mitteleuropäischen Geisteslebens - die Fragestellung, das selbständige Denken und die eigene Erkenntnis - wird auf diese Weise zerstört. [1956]

Erziehung, Unterricht und Kultur sind heute vom Staat und von der Wirtschaft abhängig. Dabei spielt die Wirtschaft im Hintergrund sogar die Hauptrolle. Äußerlich sieht es so aus, als ob der Staat der entscheidende Faktor wäre, denn der Unterricht und die Erziehung der Schüler werden von der staatlichen Verwaltung organisiert. Die staatliche Verwaltung setzt die Lehrpläne und die Unterrichtsziele fest. Hinter diesen staatlichen Lehrplänen steht jedoch die Wirtschaft. Sie gibt den Ausschlag. Der Rückgang der humanen Ausbildung des Menschen zugunsten der technischen Fächer, welche die Aufgabe erfüllen sollen, den Menschen für die Wirtschaft "tüchtig" zu machen, geht auf den Einfluß der Wirtschaft zurück. Für die Mehrzahl unserer Zeitgenossen erscheint es als selbstverständlich, daß die heranwachsende Jugend einseitig in ihren wirtschaftlichen Fähigkeiten ausgebildet wird. Man macht sich keine Gedanken darüber, in welchem Umfange durch eine derartig einseitige Ausbildung die menschlichen Fähigkeiten verkümmern. Man ist dann nur entsetzt, wenn immer mehr Menschen brutal und rücksichtslos handeln. Den Zusammenhang zwischen der einseitigen Ausbildung von Fähigkeiten, die allein der Wirtschaft dienen können, und der immer mehr überhand nehmenden Brutalität sieht man nicht.

Man hält es für selbstverständlich, daß der Staat die Lehrpläne verfaßt, nach denen die Schüler unterrichtet werden. Erst eine kleine Minderheit hat in jüngster Vergangenheit bemerkt, daß durch einen solchen Einfluß des Staates auf die Erziehung und den Unterricht der Mensch schon von Kindesbeinen zum "Untertan", zu einem anpassungswilligen und anpassungsfähigen Menschen erzogen wird. Die Folge davon ist, daß die überwiegende Mehrheit der so erzogenen und ausgebildeten Menschen der Willkür staatlicher Macht und der hinter ihr stehenden Wirtschaftsmacht gleichgültig, tatenlos und resigniert hinnimmt. Die weitere Folge besteht darin, daß die Minderheit, die diesen Zustand der Abhängigkeit erkannt hat und sich gegen ihn wehrt, von der Mehrheit nicht verstanden werden kann.

Auch die wirtschaftlichen Umstände, in denen der heranwachsende Jugendliche aufwächst, spielen für seine Bildungschancen nach wie vor eine entscheidende Rolle. Wenn die Eltern viel Geld haben, dann halten sie es für ihre Pflicht, ihren Kindern unter allen Umständen eine"gute Bildung" vermitteln zu lassen. Dabei spielt in der Regel viel weniger der Wunsch nach Bildung eine Rolle als das sogenannte soziale Ansehen. Ärzte, Rechtsanwälte und andere Angehörige akademischer Berufe sind vielfach der Ansicht, daß sie in ihrem Kollegenkreis an Ansehen verlieren würden, wenn ihre Kinder "nur" Handwerker werden würden. Sie geben deshalb unter Umständen sehr viel Geld für Nachhilfestunden aus, nicht weil sie daran denken, daß ihre Kinder später einmal als gebildete Menschen ein eigenes geistiges Streben entwickeln würden, sondern im allgemeinen vielmehr deshalb, weil es in ihren Kreisen üblich ist, die Kinder das Abitur machen und womöglich studieren zulassen.

Die handarbeitenden Schichten der Bevölkerung haben im allgemeinen auch heute noch weniger Geld als die akademisch Gebildeten. In diesen Kreisen ist es nicht üblich, den Kindern eine sogenannte höhere Schulbildung zu vermitteln. Die wirtschaftlichen Umstände gestatten es auch heute noch in der Regel nicht, eine längere Ausbildung der Kinder zu finanzieren.

Erst die neueste soziologische Forschung auf diesem Gebiet hat klargestellt, daß die wirtschaftlichen Umstände des Elternhauses für die Bildungschancen eines Kindes von entscheidender Bedeutung sind. Auch heute noch bestimmen die wirtschaftlichen Umstände in der Regel die Situation von Erziehung und Bildung. [1970]

Sowohl der Impuls für die Freie Schule als auch der Impuls für die Soziale Dreigliederung sind auf dem spirituellen Boden der Anthroposophie entstanden. Beide Ideen sind von Rudolf Steiner genau beschrieben. Die Idee der Freien Schule fordert für alte Schulen die Unabhängigkeit vom Staat und von der Wirtschaft. Wirklich frei kann eine Schule nur sein, wenn sie weder geistig noch finanziell von staatlichen oder wirtschaftlichen Kräften abhängig ist. Das ist sehr oft beschrieben worden. Kurz und genau in dem Hauptbuch für die Soziale Dreigliederung, den "Kernpunkten der sozialen Frage". Die Idee der Freien Schule ist revolutionär, der Weg zu diesem Ziel ist evolutionär. Es sollen sich so viel wirklich freie Schulen begründen können, wie Lehrerinnen und Lehrer vorhanden sind, die eine solche Gründung vornehmen, - und die Eltern, Schülerinnen und Schüler vorhanden sind, die eine von Staat und Wirtschaft unabhängige Schule wollen.

Auch die Finanzierung der freien Schulen ist in den »Kernpunkten" beschrieben. Sie soll darin bestehen, daß Eltern ein sogenanntes Erziehungseinkommen erhalten. Das Erziehungseinkommen ist ein Rechts-Einkommen, genauso wie die Altersrenten und die Pensionen. Das Erziehungseinkommen will grundsätzlich das Recht auf Bildung für jeden heranwachsenden Menschen sichern. Eltern bzw. Jugendliche, die das ihnen von Rechts wegen zustehende Erziehungseinkommen erhalten, haben dann die Möglichkeit, die ihnen zustehende Geldsumme an die Schule bzw. Ausbildungsinstitution zu übergeben, welche sie sich unter der Zahl der freien Schulen und freien Ausbildungsstätten auswählen. Auch die noch vorhandenen staatlichen Schulen und staatlichen Ausbildungsstätten sollen auf Wunsch der Auszubildenden von diesen Erziehungseinkommen finanziert werden. Auf diese Weise wird verhindert, daß freie Schulen, wie die Waldorfschulen mit einer besonderen pädagogischen Grundlage, zum Vorrecht begüterter Kreise werden.

Die Soziale Dreigliederung will eine Neuordnung der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse in Kultur, Recht und Wirtschaft. Ein Teil dieser Neuordnung besteht in der Forderung nach grundsätzlich freien, von staatlichen und wirtschaftlichen Kräften unabhängigen Schulen. Die Waldorfschulbewegung tritt ein für die Begründung von Waldorfschulen auf der Grundlage eines ganz bestimmten pädagogischen Konzeptes, das aus der Anthroposophie hervorgegangen ist, aber doch für alle Menschen gelten soll, die eine Waldorfschule wollen. Seit Jahrzehnten besteht ein Gegensatz zwischen den Forderungen der Sozialen Dreigliederung für alle Schulen und der Waldorfschule. Viele Waldorfschulen nennen sich "Freie Waldorfschule". Sie sind nicht frei, wenn sie Millionen oder -zigtausende vom Staat anfordern und in der Bundesrepublik größtenteils auch bekommen. Ihre angebliche Freiheit wird durch diese Abhängigkeit von Staatsgeldern im Kern vernichtet. Bekanntlich gibt der Staat nur dann Geld, wenn er auch seinen Einfluß anbringen kann. Auch sogenannte Freie Hochschulen, die durch das Kapital mächtiger Wirtschaftskreise begründet und auch gefördert werden, sind nicht frei. Sie stehen direkt und indirekt im Dienste mächtiger Wirtschaftskreise.

Die Forderung der Sozialen Dreigliederung für die Schulen besteht darin, daß alle Schulen eines Landes frei begründet werden können, unabhängig von staatlichen und wirtschaftlichen Einflüssen. Im Sinne der Sozialen Dreigliederung soll keinem die Freie Schule aufgezwungen werden. Eine freie Schule soll aber jederzeit möglich sein, vor allem auch finanziell, wenn sie von Lehrerinnen und Lehrern, von Eltern und Jugendlichen gewünscht wird. Wenn seit 1919 von anthroposophischer Seite öffentlich die Freiheit für alle Schulen gefordert worden wäre, dann würde es heute nicht nur viele Waldorfschulen, sondern vor allem auch sehr viele andere, wirklich freie Schulen geben. Die Waldorfschule hätte auf sozialer Ebene die Konkurrenz, auf die sie angewiesen ist. Eine Waldorfschule, die von staatlichen Geldern hochgepäppelt wird, ist ein Unding. Steiner bezeichnet sie als eine "Schnackerl-Schule". [1989]

Die von der Sozialen Dreigliederung geforderte Freie Schule gibt es in der Bundesrepublik nicht. Jede Schule, auch die Waldorfschule und alle anderen privaten Schulen müssen von der Staatsschulbehörde anerkannt worden sein. Die von der Dreigliederung geforderte Freiheit der Schule besteht eben darin, daß weder staatliche noch wirtschaftliche Gewalt eine Macht über die Schulen ausüben können. Ich bin seit 1945/46 mit wachsender Intensität der Anthroposophie und der Dreigliederung verbunden. Seit es wieder Waldorfschulen in der Bundesrepublik gibt, habe ich meist von Schülern, manchmal auch von Lehrern gehört, daß diese oder jene Waldorfschule schlecht sein soll und daß diese oder jene Waldorfschule ganz besonders gut ist. Derartige Urteile, besonders von Eltern, sind genauso subjektiv wie berechtigt. Das von Rudolf Steiner geforderte "freie Schulwesen" will ja gerade, daß die einzelnen von Staat und Wirtschaft unabhängigen Schulen nur von dem subjektiven Urteil der Eltern bzw. der älteren Schüler abhängig ist. Grundlage soll das Prinzip der freien Konkurrenz unter den verschiedensten Schulen sein.

Heute ist es nun so, daß auch die sogenannten Freien Waldorfschulen einen Dachverband haben. Letztlich bestimmen die Führenden des Dachverbandes darüber, ob eine neubegründete Waldorfschule sich Waldortschule nennen darf. In dieser Maßnahme liegt eine vollkommene Nachahmung des staatlichen Prinzips auf der Ebene der Waldorfschulen. Jede öffentliche Schule muß staatlich anerkannt sein. Die Waldorfschulen müssen vom Waldorfschulbund anerkannt sein, sie können noch so ernst und gewissenhaft ihre schulische Arbeit auf der Grundlage der Waldorfpädagogik ausüben, das nützt ihnen gar nichts. Allein die Anerkennung durch den Waldorfschulbund berechtigt sie, sich "Waldorfschule" zu nennen.

Jede Anerkennung durch eine übergeordnete Instanz verschlechtert tendenziell die pädagogische Arbeit. [1987]

Grundsätzlich wird auch der staatlich anerkannte Abschluß, zum Beispiel das Abitur, von den Waldorfschulen übernommen. Das heißt praktisch: Die besondere Pädagogik der Waldorfschule, die von Rudolf Steiner gegeben worden ist, wird drastisch zurückgestellt, wenn es um die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler fürs Abitur geht. Also genau das, was die Waldorfschule im Sinne ihrer ursprünglichen Aufgabe unter Bejahung aller Opfer und Risiken tun müßte, tut sie heute schon lange nicht mehr: die Übernahme eines bedingungslosen geistigen Kampfes gegen jegliche staatliche Einmischung, die risikobereite Aufklärung darüber, daß jedem schulpflichtigem Kind zur Verwirklichung seines Rechtes auf Bildung und Ausbildung ein ausreichendes Erziehungseinkommen zusteht, damit zum Beispiel nicht nur die Kinder begüterter Kreise oder andere ausgewählte Kinder, sondern auch Arbeiterkinder, wenn ihre Eltern es wollen, eine Waldorfschule besuchen können. Ehrlich wäre es, wenn jede Waldorfschule ab sofort auf die Bezeichnung "Freie Waldorfschule" verzichten würde. Die Waldorfschule in der Bundesrepublik ist nichts weniger als frei. Sie könnte von heute auf morgen durch einen Beschluß staatlicher Schulbürokratie ausgeschaltet werden. [1988]

Im Sinne ihres Begründers sollte die Waldorfschule ein aktiver Vorkämpfer für die Befreiung des gesamten Schulwesens vom Staat sein. Wenn freie, das heißt, von staatlicher Bürokratie und wirtschaftlicher Macht unabhängige Schulen einmal die Wirklichkeit des Schulwesens bestimmen, dann wird es nur noch "gute" und "schlechte" Schulen geben, ganz nach dem vollkommen berechtigten subjektiven Urteil der an der Schule beteiligten Schülerinnen und Schüler, der Eltern und Lehrer. [1987]

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Die Massenmedien

Das Presse-, Zeitungs- und Medienwesen war noch nie so eindeutig und einseitig in der Gewalt weniger Großkonzerne wie heute, was selbst von konservativen Fachleuten zugegeben wird. Das wirft die Frage auf, die für die innere Freiheit des Menschen von entscheidender Bedeutung ist: Können die Menschen verheerende Mißstände, die sie zugelassen oder herbeigeführt haben, durch ihre Einsichten und Taten verändern? Die Dreigliederung bejaht diese Frage. Die Menschen sind fähig, sich zum Beispiel aus dem Abgrund der Pressemanipulation, überhaupt der Manipulation, in die sie hineingeraten sind, auch wieder befreien. Man kann Alternativzeitschriften begründen. Das wird bereits praktisch bewiesen. Man kann als bewußter Zeitungsleser diese Zeitungen kaufen und ihnen einen wachsenden Informationsraum erkämpfen. Der Mensch hat auch die Freiheit, zu erkennen, daß Großinserate der Industrie in den Zeitungen die freie Aussage der Redakteure verhindern. Die Haupteinnahme der Zeitungen kommt durch die Großinserate. Mit Rücksicht auf die dadurch erzielten Millionengewinne werden die Artikel zensiert oder gestrichen, die bei der Industrie Ärgernis erregen. Das gilt besonders für Inhalte, die die Struktur unserer Gesellschaft konstruktiv kritisieren.

Es liegt in der Freiheit der Menschen, sich eines Tages mehrheitlich dazu zu entschließen, daß die Ehe von Zeitungsverlegern und wirtschaftlichen Großinserenten als ihren Kapitalgebern durch ein Gesetz zum Schutz der Pressefreiheit aufgehoben wird. Dann könnten Zeitungsredakteure frei ihre Meinung sagen und brauchten nicht mehr vor ihrem Brötchengeber, dem Zeitungsverleger, zu kuschen.

Die Menschen haben auch die Freiheit, gesetzlich dafür zu sorgen, daß Funk und Fernsehen unzensiert z.B. den Bürgerinitiativen zur Verfügung gestellt werden, damit diese über ihre Anliegen und Probleme informieren können. [1978]

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Der Wissenschaftler in der Arbeitswelt

Das Geistesleben umfaßt nicht nur Schule und Ausbildung, Theater und Literatur, es umfaßt auch alle Einrichtungen, in denen die technische Intelligenz vom Handwerk bis zur höchsten Stufe des Computerwesens gelehrt wird. Wenn man heute sich einen Großbetrieb vor Augen stellt, der im Wirtschaftszusammenhang außerordentlich erfolgreich ist, der Milliardengewinne auf sich zieht, so entsteht der Eindruck von einem tüchtigen Betrieb mit einer tüchtigen Leitung. Den größten Anteil an der Leistung eines großen Betriebes hat heute, und nicht erst seit heute, das Geistesleben. Es fließen fortdauernd neue Erfindungen in den Betrieb. Diese Erfindungen sind es, die dazu führen, daß immer weniger Arbeitskräfte einen immer größeren Gewinn erzielen.

Große Betriebe können es sich leisten, technisch genial begabte Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu kaufen und sie in ihren Betrieben einzusetzen. Die größten Begabungen auf diesem Gebiet gelangen erst gar nicht zum "Arbeitsmarkt", sondern werden gleich von der Universität weg von Großbetrieben für große Summen aufgekauft. Sie werden von der Betriebsleitung an der geeignetsten Stelle eingesetzt, und ihr sehr großes Gehalt ist eine Winzigkeit gegenüber dem, was sie durch ihren genialen Erfindungsgeist dem Betrieb an Einnahmen einbringen. Nicht selten werden bedeutende Erfindungen von Arbeitern direkt im Betrieb entdeckt. Sie bekommen in der Regel dafür Anerkennung und ein kleines Taschengeld; was die Erfindung einbringt, geht auf die Gewinnseite des Betriebes. Alle anderen Menschen sind an diesen Zustand gewöhnt und empfinden ihn mehr oder weniger als normal und richtig. Was hier stattfindet, ist der "Einkauf' von begabten Geistesarbeitern in die Betriebe. Ihre Begabung wird nicht in den Dienst des Menschen, sondern in den Dienst der immer höher werdenden Gewinne der Großwirtschaft eingespannt. So findet eine verhängnisvolle Verknüpfung zwischen Geistesleben und Wirtschaft statt. Dabei ist die Wirtschaft der Herrscher - der Geistesarbeiter, der zwar teuer bezahlte, aber eben doch Kuli. Die soziale Folge besteht darin, daß für die Menschheit wichtigste Erfindungen nie verwirklicht werden. Bekanntlich lebt die kapitalistische Wirtschaft nicht davon, daß sie den wirklichen Bedarf der Menschen befriedigt. Sie lebt davon, daß sie künstlich Bedürfnisse schafft, die kein Mensch angemeldet hat, und daß sie allergrößten Wert darauf legt, daß die von ihr produzierten Waren sich schnell verschleißen. Sie lebt vom Raubbau an der Erde und vom Großbetrug am Menschen. Sehr viele Waren des täglichen Gebrauchs könnten so hergestellt werden, daß sie zehn-, zwanzig-, fünfzigmal so lange halten wie die Waren von heute. Erfinder, die nahezu unzerstörbare Materialien herstellten, wurden von den Betrieben, in denen sie als hochbezahlte Kulis arbeiteten, gestoppt. Sie bekamen den Befehl, umgekehrt Waren herzustellen, die schnell verschleißen. Über diese Vorgänge sind viele Bücher geschrieben worden, unter anderem von Robert Jungk. Die sogenannte Öffentlichkeit wurde daran gewöhnt, daß das so ist, und sie wurde dazu erzogen, sich um diese Vorgänge gar nicht zu kümmern. [1990}

Die "Freiheit der Wissenschaft" ist ganz bestimmt nicht die, die von gewissen Gruppen gemeint ist, welche dafür eintreten, daß sich die Wissenschaft noch ungehinderter an Staat und Wirtschaft verkaufen kann. Es gibt aber eine wirkliche Freiheit der Wissenschaft. Sie kann nur darin bestehen, daß die Wissenschaftler selbst sich nicht mehr als hochbezahlte Kulis an die Großen der Wirtschaft und des Staates binden. Ungeahnte Vorteile und Erfindungen würden in den Dienst der Menschen gestellt werden können, wenn wirklich freie Wissenschaftler sich dazu entschließen könnten, ihre Erfindungen den Menschen zur Verfügung zu stellen und sie nicht an Konzerne zu verkaufen, die sie in ihre Tresore legen, wenn sie ihren Gewinn gefährden. Von Staat und Wirtschaft unabhängige Wissenschaftler sind der Ausgangspunkt dafür, daß der Geist des Menschen sich in den Dienst der Menschheit stellen kann. [1987)

Die Soziale Dreigliederung will eine Trennung zwischen Geistesleben und Wirtschaft. Sie möchte darüber aufklären, daß die explosionsartige Steigerung der Gewinne von großen Unternehmungen ihren Grund darin hat, daß die Unternehmungen durch ihr Kapital die Macht haben, die großen technischen Begabungen des Volkes für hohe Summen aufzukaufen und in ihren Dienst zu stellen. Die soziale Frage ist, wie verhindert werden kann, daß genial begabte Menschen wie die Sklaven für einen hohen Preis von der Großwirtschaft aufgekauft werden. Die weitere soziale Frage ist, wie ermöglicht werden kann, daß genial begabte Menschen des Geisteslebens ihre Begabung in den Dienst der Menschheit stellen können.

Die Soziale Dreigliederung antwortet auf solche Frage niemals mit einem dogmatisch feststehenden Weg. Sie will vor allem erreichen, daß der in höchstem Maße kriminelle Zustand, wie er geschildert worden ist, erst überhaupt einmal in breitesten Kreisen bekannt wird. Es kann nicht genug betont werden, daß die Soziale Dreigliederung voll und ganz auf dem Boden der Aufklärung steht. Das heißt: Wird ein überaus unheilvoller Zustand erst einmal von einer genügend großen Anzahl von Menschen erkannt, dann werden sich auch die Wege finden, die geeignet sind, diesen Zustand zu verändern. Für die hier geschilderte Situation könnte man sich zum Beispiel vorstellen, daß Wissenschaftler des technischen Bereiches einmal auf den Gedanken kommen, sich von der Abhängigkeit von der Großwirtschaft zu befreien. Sie könnten aus kleinsten Anfängen heraus, durch Aufklärung unterstützt, eigene Werkstätten und Laboratorien errichten. Unabhängig von der Wirtschaft. Sie könnten durch eigene Aufklärung darüber informieren, daß sie sich selbständig machen und wirklich für den Menschen arbeiten. Sie könnten, besser als jeder andere, darüber informieren, was sie in der Sklaverei unter der Wirtschaft erlebt und verdient haben. Höchstes Einkommen und abgrundtief schlechtes Gewissen. Aus kleinen Anfängen könnten sich ganze Siedlungen von begabten Wissenschaftlern entwickeln, die über den Weg und das Ziel ihrer Arbeit aufklären. So - oder auch ganz anders könnte der erste Schritt der Befreiung des Geisteslebens von der Sklaverei durch die Wirtschaft aussehen.

Die Soziale Dreigliederung stellt Ziele fest. Sie läßt die Wege frei, mit einer strengen Einschränkung: Alle Wege, die von irgendeiner Machtzentrale ausgehen, lehnt die Soziale Dreigliederung ab, auch wenn diese Wege zunächst gut erscheinen; sie werden zwangsläufig schlecht mit der zwangsläufig eintretenden Entartung der Machtzentrale. [1990]

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Kultur und Recht

Die Kultur umfaßt alles, was zunächst als unsichtbarer Gedanke da ist und das früher oder später als sichtbare Wirklichkeit vor Augen tritt. Die Kultur umfaßt auch alle Gedanken, die sichtbar werden, weil sie in Büchern der verschiedensten Art vorkommen. Kultur ist das eigentlich anregende Element allen Lebens. Die absolute Freiheit ist die Bedingung dafür, daß die Anregungen des kulturellen Lebens vielfältig und unerschöpflich sind. Eine Begrenzung der Kultur oder ein Verbot irgendwelcher geistigen Leistungen untergräbt die schöpferische Quelle allen privaten und gesellschaftlichen Lebens. Wirkliche Erstarrung und Fehlleistungen sind die Folge davon. Besonders in Diktaturen oder diktaturähnlichen Gesellschaftsformen kann man beobachten, wie verheerend sich direkte oder indirekte Verbote auf geistigem Gebiet für das ganze Leben der Menschheit auswirken. Das Leben der Kultur braucht also als eine Bedingung seine vollkommene Freiheit, wenn es sich belebend auf die einzelnen Menschen und die Gesellschaft auswirken soll.

Alle geschriebenen Gesetze und Rechte, die heute in der Praxis angewendet werden, sind ursprünglich Gefühle und Gedanken von Menschen gewesen. Immer sind es Menschen gewesen, die bestimmte Zustände als Unrecht empfunden haben und die sich Gedanken darüber machten, wie dieses Unrecht überwunden werden könnte. So wurde die Sklaverei als Unrecht empfunden und schließlich überwunden.

So wurde die Tatsache, daß ganze Menschenmassen elf und vierzehn Stunden arbeiten mußten mit Ihren Kindern, schließlich als Unrecht empfunden und durch neue Rechte überwunden. So wurde zunächst von einigen die Vergiftung der Umwelt durch Atomkraftwerke und Radioaktivität als Verbrechen an der Menschheit empfunden, und wir sind heute auf dem Wege, dieses Unrecht durch entsprechende Ideen, die Gesetz werden, zu überwinden. Immer wieder spielte sich der Vorgang ab: Ein Mensch, dessen Herz und Kopf frei geblieben war von Massenbeeinflussungen, erkannte etwas als Unrecht, was alle anderen einfach hinnahmen. Er fand Freunde und Gesinnungsgenossen im Laufe sehr kurzer oder sehr langer Zeit, und es gelang, ein vorhandenes Unrecht so schreiend zu machen, daß auch die Geduldigen aufmerksam wurden und sich auf den Weg machten, das schreiende Unrecht durch ein wirksames neues Recht unmöglich zu machen.

Die Soziale Dreigliederung fordert die absolute Freiheit des Kultur- und Geisteslebens. Sie geht von der Erfahrung aus, daß sowohl der einzelne Mensch als auch die ganze Menschheit nur gedeihen kann, wenn der Strom der geistigen Freiheit voll entfaltet wird. Ein einziges Wort spricht Bände darüber, in welch ungeheurem Umfang heute auf der ganzen Welt die geistige Freiheit, Kultur eingeengt und der Gefahr nach vernichtet wird. Ich nenne das Wort: Massenbeeinflussung. Die Massen werden in höchstem Grade beeinflußt durch das, was man Massenmedien nennt. Man bildet sich keine eigene Meinung mehr. Eine Meinung, die man als die eigene vertritt, findet sich wieder in unzähligen Massenbeeinflussungsmitteln. Es wird von denen, welche die freie und eigene Meinung nicht wollen, ein weltumspannender Kampf gegen eigene Meinungen geführt, mit allen Mitteln. Aber der schöpferische Mensch, der seine eigene Meinung will und der sie sich selbständig bildet, ist nicht auszurotten. Er richtet sich auf gegen den Strom der Massenbeeinflussung, und er richtet sich umso mehr auf, wie gewaltiger dieser Strom der Massenbeeinflussung wird. Auch hier herrscht das Weltgesetz: An der Gewalt des Bösen wächst das Gute. Der Massenbeeinflussung zum Trotz bilden sich viele gerade heute bewußt ihre eigene Meinung. Es gibt sehr viele Beispiele dafür, auf die ich oft hingewiesen habe. Nur ein Beispiel sei hervorgehoben. Jedes Dorf würde heute gerne ein ganz kleines Atomkraftwerk haben, wenn nicht vor ein paar Jahrzehnten eine winzig kleine Anzahl einsamer Menschen mit der Aufklärung begonnen hätten, wie todgefährlich ein Atomkraftwerk allein dadurch ist, daß es ganz normal arbeitet,

Die Soziale Dreigliederung tritt eben deshalb entschieden für die absolute Freiheit des Geisteslebens und der Kultur ein, weil nur durch diese Freiheit möglichst vielen Menschen wirklich neue Gedanken begegnen. Neue Gedanken über ein Unrecht, das noch überall hingenommen wird. Und vor allem neue Gedanken über ein Recht, welches dieses Unrecht beseitigt. Wir brauchen die geistige Freiheit in noch nie dagewesener Fülle, damit wirklich neue Gedanken in ebenfalls noch nie dagewesener Fülle an jeden Menschen herantreten können. Neue Gedanken über neue Rechte, damit neue Rechte an die Stelle von furchtbaren Unrechten treten können, die heute noch massenhaft als gültiges Recht praktiziert werden.

Es ist kein Zufall, daß die Soziale Dreigliederung im Schwerpunkt für das absolut freie Kultur- und Geistesleben eintritt. Das wirklich freie Geistesleben ist der schöpferische Urquell aller positiven Veränderungen im einzelnen Menschen und in der Gesellschaft. Wird dieser Quell verstopft, dann erstarrt in kurzer Zeit alles Leben. Das zeigt sich besonders daran, daß viele Menschen eine gleiche Meinung haben. Daß viele Menschen eine bestimmte Lebensform leben. Daß sie diejenigen verachten, die nicht so leben wie sie selbst. Aber der Aufbruch ist da. Es gibt immer mehr Menschen, die eine eigene Meinung suchen und die an der allgemein gültigen Meinung zweifeln. Die gibt es, obwohl das öffentliche Geistesleben geschient und genormt ist. Es konnte geschient und genormt werden, weil im Geistesleben nicht der Geist, sondern die Wirtschaftsmacht diktiert. Der Quell der Freiheit vergrößert sich, obwohl die offizielle Politik entschieden dagegen ist. Mit jedem Menschen wird ein zur Freiheit veranlagtes Wesen geboren. Wir brauchen ein freies Kultur- und Geistesleben, damit diese ursprünglich in jedem Menschen veranlagte Begabung zur Freiheit sich voll entfalten kann. Wie stark diese Begabung ist, das zeigt sich daran, daß sich diese Freiheit immer mehr Luft macht, obwohl die äußeren Fesselungen zunehmen. Wir brauchen humanere Rechte. Wir werden sie in Gedankenform finden, wenn es ein freies Geistesleben gibt, einfach ausgesprochen, welches wirklich von jedem verstanden werden kann. Und wir werden diese Rechtsgedanken verwirklichen, wenn sie in Fülle an uns herantreten. Wenn das Gelstesleben frei ist und nicht mehr von denjenigen unterdrückt werden, kann, die diese Freiheit fürchten. [1991 ]

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Das Rechtsleben

Ich leb doch in einer Demokratie!

Im europäischen Raum ist die Demokratie als politische Forderung beinahe zweihundert Jahre alt. Sie wurde als eine der großen Forderungen der Französischen Revolution mit den Worten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" verkündet. Die fortschrittlichen politischen Unruhen im europäischen Raum haben seit Generationen diese drei Forderungen zum Inhalt. Sie haben ihre Ursache darin, daß keines dieser drei Ideale bis jetzt verwirklicht werden konnte. Politisch heißt Demokratie, die Mehrheit soll entscheiden. Seitdem diese Forderung klar ist, tun die Anti-Demokraten alles, um die Mehrheit in ihre Richtung zu lenken. Da sie, die Anti-Demokraten, immer noch die Herrschaft über die Massenmedien und die auf die Masse wirkenden Aufklärungsmittel haben, gelingt ihnen das auch bis heute.

Eine echt demokratische Gegenbewegung wird sichtbar. Sie verlangt die direkte Entscheidung der Mehrheit über die inzwischen bekannten Fragen, von denen das Wohl und Wehe, das Leben und der Tod aller abhängen. Diese Bewegung gewinnt Boden. Das kann auch kein Skeptiker mehr abstreiten.

Die Aufgabe des einzelnen gegenüber der Demokratie besteht darin, sowohl die anders geartete Anschauung des anderen als auch seine Persönlichkeit als auch sein ganz einfaches Dasein als Mensch wirklich zu achten. Demokratie als innere Forderung an den einzelnen heißt unbedingt Achtung vor jedem Menschen, einfach deshalb, weil er Mensch ist. Dabei geht es nicht darum, ob der andere "dümmer“ oder "klüger", ob er "reicher" oder "ärmer", ob er "gebildeter" oder "ungebildeter" ist. Es geht einfach um die Achtung vor dem anderen Menschen, unabhängig von seinem Herkommen, unabhängig von irgendwelchen äußeren Merkmalen. Diese demokratische Haltung, welche den anderen voll respektiert, ist Kern und Substanz der Demokratie. Ohne diese Substanz wird das Wort "Demokratie" immer eine Phrase bleiben.

Genau an dieser Stelle liegt unsere große Rückständigkeit. Sie kann auch dort in einer schmerzlichen Weise erlebt werden, wo Menschen zusammen sind, welche aus wirklicher Überzeugung für die politische Demokratie eintreten. Auch bei ihnen ist oft noch keine Spur davon vorhanden, daß der andere als Vertreter einer anderen Meinung, als Gesprächspartner, als Jugendlicher oder Alter wirklich geachtet wird. Auch bei denen, die wirklich politische Demokratie wollen, ist die Verfahrensweise in der Regel wüst anti-demokratisch. Da bestimmen einzelne "Macher" mit ihren Gedanken und ihrem meist überheblichen Tonfall eine Runde von 50, 100 oder mehr Menschen. Diejenigen, die gegen sie opponieren, tun das so, als würden sie ihre größten Feinde in Grund und Boden stoßen müssen. Die Antworten erfolgen wieder rechthaberisch, oft zynisch, fast immer überheblich. Die schweigende Mehrheit, die gequält und wortlos dabeisitzt, erlebt, daß politische Demokraten die Gesinnung der Demokratie, die wirkliche Achtung vor dem anderen Menschen, mit Füßen treten. Sie hält sich an den Parolen fest, und sie fühlt doch, das ganze Verfahren stimmt von vorne bis hinten nicht.

Der Weg zur wirklichen Demokratie ist deshalb so unendlich schwer, weil wir erst am Anfangspunkt einer demokratischen Gesinnung, einer wirklichen Achtung vor dem anderen Menschen stehen,

Von den anderen, die immer noch eine "starke Führung" wollen, braucht man gar nicht zu sprechen. Sie wollen noch gar keine Achtung vor dem anderen Menschen. Sie regen sich auch nicht auf, wenn einer mit Worten niedergemacht wird. Sie finden das gut, weil sie "Führung" wollen. Sie sind die Gefolgschaft der offenen oder getarnten Anti-Demokraten.

Demokratie ist nicht einfach eine politische Frage. Eine Mehrheit kann man mit Hilfe von Millionenauflagen bestimmter Zeitungen zusammentrommeln, man kann ihnen den Verstand rauben und ihnen zugleich durch Presse- und Meinungsumfragen einreden, daß sie den besten Verstand haben. So wird das ja heute gemacht. Was dabei herauskommt, ist bekannt.

Der Kern, die Substanz der Demokratie ist eine Gesinnung. Sie besteht in der Achtung vor der Meinung des Andersdenkenden, mag diese Meinung uns noch so wenig gefallen. Sie besteht in der Achtung auch vor einem stammelnden, ungeübten Wort, in dem sehr viel Wichtiges enthalten sein kann, wenn man nur hinhören kann, wenn man nur den Menschen achten kann, der da stammelnd gesprochen hat. Das Einüben einer wirklich demokratischen Gesinnung ist für uns alle etwas ganz Neues. Diese noch nicht erreichte Gesinnung hat ihr Übungsfeld in der Partnerschaft, in der Familie, in der kleinen Gruppe. Dort, wo man sich immer wieder begegnet, wo der Kreis klein und überschaubar ist, kann man die wirkliche Achtung vor dem unantastbaren menschlichen Wert jedes einzelnen erlernen. Was sich zunächst als bedrückte Stimmung, als Folge des Gefühls, unterdrückt worden zu sein, äußert, kann allmählich durch die Hilfe aller Beteiligten ins Wort kommen. Dort kann der "Demokrat" erleben, daß er menschlich noch auf dem Standpunkt dessen steht, der Befehle erteilt. Dort kann auch der, der sich immer wieder klein machen muß, erleben, daß er die Achtung vor der eigenen Person verlangen muß, wenn demokratische Gleichheit in der Achtung von Mensch zu Mensch entstehen soll. Die Achtung vor dem anderen Menschen und seiner wirklichen Gleichberechtigung als Mensch muß geübt und gelernt werden. Sie ist der Weg zur überzeugenden politischen Demokratie. [1984]

Wir erleben heute, wenn auch noch nicht massenhaft, so doch deutlich bemerkbar, daß Menschen dabeisein wollen, daß sie gefragt werden wollen, daß sie mitbestimmen wollen, wenn festgelegt wird, was sie tun und lassen sollen. Sie fühlen deutlich, daß Vereinbarungen, die sie gemeinsam treffen, auch schnell durch gemeinsamen Beschluß veränderbar sein müssen. Die Ordnungsfanatiker nennen solche Menschen "Chaoten". Für sie ist jeder ein Chaot, der etwas anderes will als das, was von "oben" vorgeschrieben ist. Wir leben in einem Übergang von starrer, toter, von oben angeordneter Ordnung zu einer lebendigen Ordnung.

Eine lebendige Ordnung, auf welchem Gebiet auch immer, muß aus den Bedürfnissen der beteiligten Menschen hervorgehen. Nehmen wir die in der Wirtschaft arbeitenden Menschen. Ihnen wird eine Arbeitsordnung aufgepreßt, die in keinem Punkte nach den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen fragt. Wenn der Mensch im Mittelpunkt stehen soll, was phrasenhaft heute an allen Ecken und Enden behauptet wird, dann müßten die in einem wirtschaftlichen Einzelbereich arbeitenden Menschen selbst vereinbaren, was sie arbeiten wollen und wie sie arbeiten wollen. Spätaufsteher müßten später zur Arbeit kommen können, Frühaufsteher früher. Wenn Ermüdung an einem Arbeitsplatz eingetreten ist, so müßte der Arbeitsplatz gewechselt werden können. Routinearbeit macht bekanntlich stumpf und unlebendig. Frauen, die ihre Kinder in der Nähe haben wollen, müßten sie zur Arbeit mitnehmen können. Es sind Einrichtungen möglich, die dazu geeignet sind, - wenn der Mensch wirklich im Mittelpunkt stehen soll. Weder Betriebsleitung noch Betriebsrat dürften derartige "Maßnahmen" von oben anordnen. Die beteiligten Menschen selbst könnten immer wieder zusammenkommen und gemeinsam vereinbaren, was getan werden soll. Jeder müßte selbst darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen er am liebsten arbeiten würde. Und er müßte sich den Betrieb aussuchen können, der seinen Bedürfnissen in dieser Hinsicht am meisten entgegenkommt. Für die Wirtschaft könnte nichts Besseres geschehen, weil ihre Produktivität darauf beruht, daß die Menschen in ihr mit Freude und innerer Anteilnahme tätig sind. [1987]

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Die Grundrechte jedes Menschen

Worin besteht die "Gleichheit von Mensch zu Mensch"?
Sie besteht darin, daß jeder Mensch unter anderem folgende Rechte erhält­
1. gleiches Recht auf Ausbildung in Schule und Beruf,
2. gleiches Recht auf ausreichende Krankenhilfe,
3. gleiches Recht auf ausreichende Versorgung bei Alter oder Invalidität oder bei einer anderen unverschuldeten Notlage,
4. gleiches Recht auf Familienunterstützung, Schutz von Müttern und Kindern,
5. gleiches Recht auf auskömmliches wirtschaftliches Leben, unabhängig von Fähigkeiten.

Den Anspruch auf die Erfüllung dieser elementarsten Menschenrechte hat jeder Mensch.

Es ist die Aufgabe des Rechtslebens, des Staates, die Erfüllung dieser elementaren Menschenrechte zu gewährleisten. Fast alle Verfassungen der sogenannten Demokratien und der Diktaturen enthalten in feierlicher Form die Zusicherung dieser Rechte. Es ist jedoch völlig utopisch, diese Menschenrechte auf das Druckpapier der Verfassungen zu setzen, wenn nicht zu gleicher Zeit auch die Geldmittel zur Erfüllung dieser Rechte zur Verfügung gestellt werden.

Die Aufgabe des Rechtslebens ist es, die gegenseitige Anerkennung und Achtung von Mensch zu Mensch herzustellen. Das Rechtsleben kann diese Aufgabe nur erfüllen, wenn es dafür sorgt, daß kein Mensch von einem anderen Menschen wirtschaftlich abhängig ist und daß kein Mensch die Macht hat, einen anderen Menschen in wirtschaftliches Elend zu stoßen. Nur durch die Demokratie ist es möglich, daß alle Staatsbürger durch ihre eigene Stimme ein Gesetz schaffen, das jedem Menschen ein auskömmliches Dasein sichert, ein Gesetz, welches das Leben jedes Menschen befreit von der Willkür anderer Menschen.

In dem Moment, wo alle Wahlberechtigten über die Grundrechte abstimmen können, werden Gesetze entstehen, die jeden Menschen vor unverschuldeter wirtschaftlicher Not schützen. Gesetze, die alten Menschen einen verdienten ruhigen Lebensabend geben, die kranken Menschen alle Mittel zu ihrer Genesung geben - unabhängig von ihrer Vermögenslage usw.

Nur durch wirkliche Demokratie kann die Möglichkeit geschaffen werden, daß Menschenrechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern daß sich die Menschen selbst die Erfüllung ihrer Grundrechte sichern können. [1956]

»Demokratie" darf sich ein Staat und eine Gesellschaft nur dann nennen, wenn die Entscheidung über die Grundrechte aller Menschen unmittelbar und direkt von den wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern getroffen werden kann. Die direkte demokratische, unmittelbare Entscheidungsmöglichkeit der Wähler und Wählerinnen über alle Fragen des Grundrechtes ist der Kernpunkt jeder Gesellschaft, die sich »demokratisch" nennt. Ohne diese unmittelbare und direkte Entscheidungsmöglichkeit der Mehrheit sind Gesellschaftsgebilde, die sich "Demokratie" nennen, nur bestimmte Formen von Täuschungen des Bewußtseins. Früher hätte man das als Behauptung hinstellen können. Heute hat es sich als eine Wirklichkeit erwiesen, die sich trotz aller Aufklärung seit Jahrzehnten in der Gesellschaft festgesetzt hat.

Grundrechte sind die Rechte, welche die Gesundheit und das Leben aller Menschen einer Gesellschaft in gleicher Weise betreffen. Was muß jeder Mensch in ausreichendem Maße haben, um überhaupt menschenwürdig leben zu können? Es wird keiner bestreiten, daß Nahrung, Wohnung, Alters- und Krankenversorgung und Bildung Rechte sind, die jeden Menschen in gleicher Weise betreffen, und auf die auch jeder Mensch in gleicher Weise Anspruch hat. Anders gesagt: Bevor die Milliardenberge an Kapital für unsinnige Rüstung und unsinnigen Luxus legal eingesetzt werden können, muß das sogenannte Volksvermögen eingesetzt werden für die genannten Grundrechte und noch andere Grundrechte. Die weltweite Herrschaft des Kapitalismus hat es nun mit sich gebracht, da diese Herrschaft widerstandslos hingenommen wurde, daß das Grundrecht auf Leben heute an der ersten Stelle aller Grundrechte zu stehen hat. Für die Wiederbelebung der Erde, des Wassers und der Luft müssen nicht zu zählende Milliarden zur Verfügung gestellt werden, wenn die für die Gegenwart verantwortliche Generation ihren Kindern und Kindeskindern den Lebensraum Erde so zur Verfügung stellen will, daß in diesem Lebensraum überhaupt noch Menschen rein körperlich existieren können. Das Bewußtsein dieser Verantwortung liegt immer noch erst bei einer Minderheit, die über die ganze Erde verteilt ist. Diese Minderheit hat deshalb noch nicht den politischen Einfluß, um im Sinne dieser Aufgabe wirksam wirken zu können. Alle anderen angeführten und nicht angeführten Grundrechte haben erst dann einen Sinn, wenn die Menschheit überhaupt leben kann. Wie sehr dieses Leben in Frage gestellt ist, weiß heute jeder einigermaßen politisch informierte Mensch.

In den Vorträgen und Schriften über die Soziale Dreigliederung wird die Notwendigkeit der direkten demokratischen Entscheidung häufig dargestellt. Rudolf Steiner spricht in den "Kernpunkten der sozialen Frage" von dem eigentlich staatlichen Glied des sozialen Organismus. In ihm mache sich alles das geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig gewordenen Menschen abhängig sein muß. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt der Mensch zu seiner rein menschlichen Geltung, insofern diese unabhängig ist von den Fähigkeiten, durch die er im Geistesleben wirken kann, und unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das assoziative Wirtschaftsleben erhalten. Auf dem politisch-rechtlichen Staatsgebiet ist jeder Mensch gleich urteilsfähig. Und nur auf diesem Gebiet ist auch die direkte demokratische Volksabstimmung richtig.

Es wäre ein Unheil, wenn die demokratische Volksabstimmung zum Beispiel auch auf dem Gebiet des Geisteslebens stattfinden könnte. Bildungsrecht ist ein Grundrecht. Dieses Grundrecht muß demokratisch abgestimmt werden. Aber die Frage, wo und wie unterrichtet werden soll, welche Schule eine für alle gültige Schule sein könnte, ist absolut eine Frage des Geisteslebens. Wenn solche Fragen durch Volksabstimmung direkt und unmittelbar entschieden werden könnten, dann würde wieder nur eine Schulform für ein Land oder gar für eine ganze Gesellschaft gelten. Das würde erneut zu der Uniformierung des Geistes führen, die bereits heute vorhanden ist. Das Geistesleben braucht Vielfalt und muß deshalb in die Freiheit der Lehrenden und der Lernenden gestellt werden.

Ähnlich ist es mit dem Wirtschaftsleben, wenn es um die Produktion, um die Verteilung und die Konsumtion von Waren geht. Hier muß die beschriebene Zusammenarbeit zwischen Produzenten, Händlern und Verbrauchern wirksam werden. Ein demokratisch genormtes Wirtschaftsleben würde genau zu den Zuständen führen, aus denen zum Beispiel die Sowjetunion sich verzweifelt zu befreien sucht (1990). Die Frage des Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln ist wiederum eine Rechtsfrage. Sie geht alle an. Hier hat die Volksabstimmung ihre Aufgabe. Die Produktionsmittel und das Kapital einer Gesellschaft, das sogenannte Volkseigentum, ist nachweislich durch alle entstanden. Können Produktionsmittel Privateigentum sein? Können Produktionsmittel, die von allen hergestellt worden sind, verkauft werden? Darf Grund und Boden käuflich sein? Darf der Gewinn eines Unternehmens, der doch von allen erarbeitet wurde, in die alleinige Verfügungsgewalt der Unternehmer kommen? Welcher Prozentsatz der Wahnsinnsgewinne von Banken und von Konzernen ist an die Gesellschaft abzuführen? Wie soll der von allen erarbeitete Reichtum so verteilt werden, daß er wirklich in erster Linie Armut und Not verhindert? Diese und viele damit in Zusammenhang stehende Fragen sind eindeutig Rechtsfragen. Sie müssen demokratisch entschieden werden, wenn nicht eine Minderheit von unvorstellbar reichen Menschen über die Mehrheit herrschen soll.

In der sogenannten Weimarer Republik des Deutschen Reiches (1919 - 1932) gab es bereits die Volksabstimmung, grundsätzlich über alle Fragen. Es zeigte sich jedoch, daß die Bevölkerung seinerzeit sich in keiner Weise darüber klar war und auch nicht darüber aufgeklärt wurde, daß in der demokratischen Volksabstimmung über Grundrechte der entscheidende Machthebel liegt, der es allein ermöglicht, einem Machtmißbrauch der herrschenden Eliten wirksam entgegenzutreten. Die Volksabstimmung wurde vom Volk kaum ergriffen. Deshalb nicht, weil die Menschen damals in einer Weise autoritätshörig waren, die heute in dieser Form jedenfalls weitgehend überwunden ist. Man glaubte an die Richtigkeit der Partei, die man persönlich wählte, man glaubte kritiklos daran wie die Katholiken an den Papst. Konservativer Propaganda gelang es lediglich, die Volksabstimmung für einige Fragen zu mißbrauchen, die mit dem Wohl des Volkes überhaupt nichts zu tun hatten.

Anfang der 50er Jahre dieses Jahrhunderts, als es in der Bundesrepublik um die Wiederbewaffnung ging, führte ich meine erste „Aktion für Volksabstimmung über die Wiederbewaffnung" durch. Ich hielt es für eine Unverschämtheit der Regierung, sieben Jahre nach dem Ende dieses katastrophalen Krieges in der Bundesrepublik wieder eine Wehrmacht aufzubauen. Ich rechnete mit einem deutlichen "Nein!" der Menschen. Durchgeführte Volksbefragungen ergaben, daß 88, 86, 85 Prozent der Bevölkerung gegen die Wiederbewaffnung war. Aber - zu der Tat gegen die Wiederbewaffnung durch Volksabstimmung kam es nicht. Die neuen Führerfiguren Adenauer und Heuss konnten das verhindern. An diesem Vorgang wurde mir klar, daß die Mehrheit des bundesdeutschen Volkes sich immer noch lieber von neuen Führern in die Katastrophe führen läßt, als selbst die Tat zu ergreifen und die Katastrophe zu verhindern. Eine Konsequenz aus dieser Erfahrung war, daß ich laufend über die Notwendigkeit der Volksabstimmung in Lebensfragen aufklärte

Jahrzehntelang haben nun die herrschenden Parteien wie auf einer Bühne vorgeführt, daß sie von der Finanzierung durch die Wirtschaft vollkommen abhängig sind. Immer und immer wieder wurde dieses Bühnenstück vorgeführt. Weltbekannte bundesdeutsche Rüstungsfirmen wurden unter staatlichem Schutz die gesetzwidrigen Lieferanten von Waffen für Krisengebiete. Die Logik ist längst klar: Diese Rüstungsfirmen spenden die Millionen, welche die Staatsparteien für ihre Wahlpropaganda brauchen. Folge: Die Staatsparteien müssen den Rüstungsfirmen und anderen großen Firmen die Bewilligung für eine lebensgefährliche und gemeingefährliche Produktion geben.

Diese und zahllose andere Fälle von haarsträubender Korruption haben heute dazu geführt, daß die Frage der Volksabstimmung von oppositionellen Gruppierungen, auch von den Grünen, erörtert und vorangetrieben wird. Im Bewußtsein der sogenannten breiten Masse ist davon noch wenig zu spüren.

Aber hier ist, wie immer in der Geschichte, ein Anfang von einer Minderheit gemacht worden, der sich bis zu der Situation auswirken wird, daß immer mehr Menschen endlich merken - Wenn jemals die Grundrechte jedes Menschen erfüllt werden sollen, dann muß über diese Grundrechte direkt und unmittelbar demokratisch abgestimmt werden können. Aus Erfahrung und Logik ist längst deutlich: Wenn die Menschen sich vor dem tödlichen Machtmißbrauch der führenden Politiker, die eindeutig im Dienste der tödlich produzierenden Industrie stehen, schützen wollen, dann müssen sie direkt und unmittelbar eingreifen können. Das Mittel, um wirklich unmittelbar eingreifen zu können, ist nicht die Begründung einer neuen Partei, sondern die direkte demokratische Volksabstimmung über Grundrechte!

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Revolution machen? Eine Partei gründen?

Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus kann nur verwirklicht werden, wenn viele Menschen sie verstehen.

Möchte nicht jede Mutter die Zeit und das Geld haben, um ihr Kind zu erziehen?

Die Dreigliederung antwortet: Wenn Sie das wollen, dann dürfen Sie nicht Parteien die Macht geben, die im Dienste herrschender Minderheiten stehen! Dann müssen Sie dafür eintreten, daß durch demokratische Volksabstimmung die Höhe des Erziehungsgeldes bestimmt wird! Nur die Mehrheit kann für die Interessen der Mehrheit sorgen. Das ist Sinn und Aufgabe der Demokratie.

Und wenn einer sagt, Wie kommen wir dahin? Muß man dafür nicht Revolution machen? Wenigstens eine Partei gründen?

Die Dreigliederung antwortet: Weder Revolution machen noch eine neue Partei gründen! Mit anderen Menschen sprechen! Ihnen vor Augen führen, daß Hunderttausende von Müttern weder Zeit noch Geld für die Erziehung ihrer Kinder haben! Und daß sie auch niemals genug Zeit und Geld für ihre Kinder haben werden, wenn sie weiterhin Parteien wählen! Wenn sie nicht dafür sorgen, daß über die Erziehungsgelder durch demokratische Volksabstimmung entschieden wird!

Wenn Revolutionäre heute ihr Ziel erreichen, sind sie morgen die Herrschenden. Die in Gefängnissen und Zuchthäusern saßen, werden befreit. Die Herrscher von gestern und ihre Helfer füllen die Gefängnisse und Zuchthäuser. Im "Übergang" werden Tausende und Hunderttausende ermordet.

Die Mehrheit steht in der gleichen Lage wie vorher. Sie paßt sich den neuen Herrschern an und wird nun von ihnen unterdrückt.

Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus rechnet mit dieser Tatsache. Sie geht davon aus, daß eine den Menschen wirklich dienende Veränderung nur von den Menschen selbst bewirkt werden kann, - und zwar von der Mehrheit. Die Dreigliederung lehnt entschieden Revolutionen ab, auch wenn sie sieht, daß Revolutionen kommen müssen, wenn Minderheiten zu lange und zu brutal auf Kosten von Mehrheiten leben.

Die Dreigliederung will sich nur durch die Menschen verwirklichen, überall dort, wo Menschen leben und arbeiten. Sie geht von den Bedürfnissen jedes einzelnen aus

Wenn einer sagt, die Menschen interessieren sich nicht für das, was ich ihnen sage, - dann antwortet die Dreigliederung: Wir müssen lernen, Menschen zu werden, für deren Aussage sich die anderen interessieren! Hochnäsige Besserwisser werden mit Recht abgelehnt! Und wenn sie die Menschen trotzdem erreichen, dann schaffen sie doch nur den neuen Führer-Gefolgsstaat! Wir müssen lernen, Menschen zu werden, denen man Vertrauen entgegenbringt!

Sehr viele Menschen fühlen heute schon: Dem "Revolutionär", der alles zerschlagen will, kann ich genausowenig vertrauen wie dem "Ehrenmann", der es "zu etwas gebracht" hat, weil er sich nach oben hin verbeugte und nach unten Fußtritte austeilte.

Vertrauen gewinnt der, der nichts beschönigt, der offen zugibt, wo und wie er selbst in West und Ost unter Zwängen lebt, - der aber trotzdem in aller Ruhe ausspricht, daß wir uns selbst helfen müssen, und wie wir es können. Die Dreigliederung will immer an die Bedürfnisse der Menschen anknüpfen, mit denen man spricht. Sie will kein System über die Menschen stülpen, sondern zeigen, welche Wege wir gehen müssen, um zur Erfüllung unserer Bedürfnisse zu gelangen.

Möchten nicht viele Lehrer heute, unabhängig von den Maßregeln einer schwarzen oder roten Staatsbürokratie, eigene Schulen begründen, Schulen, in denen sie selbst Erziehung und Unterricht regeln und verantworten? Möchten nicht viele Eltern heute gemeinsam mit Lehrern Schulen begründen, um der staatlich verordneten Bildungskatastrophe zu entgehen?

Ihnen antwortet die Dreigliederung: Laßt uns für Schulen eintreten, die von Lehrern und Eltern begründet werden, in denen nicht der Staat den Unterricht bestimmt, sondern die Lehrenden selbst!

Und wenn man sagt: Das wollen ja viele Menschen gar nicht! Sie sind froh, wenn der Staat die Lehrpläne macht und ihnen die Verantwortung abnimmt! - So antwortet die Dreigliederung: Die Menschen sollen nach ihren Bedürfnissen die Schulen einrichten! Wer mit der Staatsschule einverstanden ist, der muß die Freiheit haben, seine Kinder in die Staatsschulen zu schicken! Aber wer das Bedürfnis hat, eigene Schulen zu begründen, wer selbst Verantwortung übernehmen will, muß das Recht zur Begründung eigener Schulen haben!

Haben nicht viele ältere Schüler und Studenten heute das Bedürfnis, sich ihre Lehrer selbst zu wählen? - Die Dreigliederung antwortet ihnen: Es muß Schulen und Studiengänge geben, in denen nur die Lehrer unterrichten, die Ihr Euch selbst ausgesucht habt, - wenn das Eurem Bedürfnis entspricht!

Und wenn man einwendet: Wer soll die freien Schulen und Universitäten bezahlen? - So antwortet die Dreigliederung: Das Recht auf Bildung und Ausbildung steht jedem zu! Wenn Staatsschulen und Staatsuniversitäten aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, dann müssen auch freie Schulen und freie Universitäten aus öffentlichen Mitteln finanziert werden!

Und wenn man sagt: Das dauert alles viel zu lange! Ohne Revolution kommen wir doch nicht weiter! - Dann antwortet die Drelgliederung: Seht doch hin: Jede Revolution hat nur dazu geführt, daß eine andere Minderheit mit Polizei und Armee die Mehrheit unterdrückt! Bevor nicht die Mehrheit wirklich die Macht im Staate hat, wird immer irgendeine Minderheit herrschen und alle anderen unterdrücken!

Und wenn dagegen gesagt wird: Wie soll jemals die Mehrheit die Macht bekommen? - So antwortet die Dreigliederung: Die Mehrheit ist die stärkste Macht! Das wissen die Parteien ganz genau. Deshalb streuen uns die Parteien vor der Wahl Sand in die Augen und buhlen um unsere Gunst. Wir sind es, die immer noch darauf hereinfallen und ihnen die Macht geben! [1974]

Doch immer mehr Menschen begreifen, es ist sinn- und zwecklos, von einer Partei zu erwarten, daß sie die geistige Freiheit für alle verwirklicht. Sie will sie als Partei (Teil) nur für sich und für ihre Gefolgschaft. Es ist auch vergeblich, von einer Partei zu erwarten, daß sie gleiches Recht für alle verwirklicht. Sie ist ja angetreten, um als Partei einer bestimmten Gruppe Vorrechte zu verschaffen. Von Brüderlichkeit einer Partei gegenüber anderen Parteien oder überhaupt gegenüber anderen zu reden, ist absurd. Jede Partei handelt nach dem Grundsatz: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein - oder, was das gleiche ist: Ich überschütte dich mit Lüge, Verleumdung und Diffamierung.

Die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Inneren des Menschen haben auf die Dauer die Eigenschaft, die Parteien aufzulösen. Dieser Auflösungsprozeß der Parteien vollzieht sich, weil immer mehr Menschen bemerken, daß Parteien ungeeignet sind, das Wohl aller Menschen zu bewirken. Parteien sind Gruppen, die das Interesse einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bevorzugen. Die SPD als Partei der Gewerkschaft meint genausowenig die Rechte und die Freiheit aller Menschen wie die CDU/CSU als Partei der Industrie. [1979]

Volksabstimmungen über Parteien führen nicht weiter. Wir müssen für Volksabstimmungen über einzelne Sachfragen eintreten: Lebensschutz, Erziehungsgeld, auskömmliche Kranken- und Altersversorgung! Dann haben wir die Macht!

Und wenn man einwendet: Das werden die Parteien niemals zulassen! - So antwortet die Dreigliederung: Sie werden es zulassen müssen wenn eine genügend große Anzahl von Menschen es will!

Wer die Dreigliederung kennt, kann an jedem Ort für sie wirken, an den ihn das Leben stellt! [1974]

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Der Staat und die Direkte Dernokratie

Brauchen wir einen Staat, der durch harte Gesetze sichert, was wir Ordnung zu nennen gewöhnt sind? Brauchen wir einen Staat, der im Sinne von geistiger Freiheit und echter Demokratie Freiräume schafft, in welcher sich der Bürger selbständig und selbstbewußt bewegen kann? Brauchen wir einen Staat, der bereit ist, seine Macht an demokratiebewußte Bürger allmählich abzugeben? Das sind die Probleme und Fragen. Die Soziale Dreigliederung sagt dazu, daß der Staat jener Raum innerhalb der Gesellschaft ist, in der der wahlberechtigte Bürger selbst die Entscheidung fällen soll. Die gegenwärtigen sich als Demokratie bezeichnenden Staaten scheinen diesem Gedanken Rechnung zu tragen, indem sie in bestimmten Abständen die wahlberechtigten Bürger zur Wahl der Parteien bzw. der neuen oder der alten Regierung aufrufen. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger finden das so in Ordnung. Sie wählen ihre Partei, und wenn ihre Partei Regierungspartei wird, dann nehmen sie vier Jahre hin, daß die gewählte Regierung über alle ihre Lebensfragen entscheidet. Wenn die Wahl vorüber ist, dann wird der Bürger, der seine Regierung gewählt hat, nicht mehr gefragt. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger sind der Meinung, daß das so richtig Ist oder es anders überhaupt nicht geht. Die Soziale Dreigliederung will, daß wahlberechtigte Bürgerinnen und Bürger auch im Laufe der vier Regierungsjahre gefragt werden müssen und entscheiden können. Sie will, daß grundlegende Fragen des Lebens der Menschen durch eine Volksbefragung oder durch einen Volksentscheid durch den wahlberechtigten Bürger entschieden werden können, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen eine solche Volksbefragung will. Auch ohne die schmerzlich zu vermissende Aufklärungsbewegung für die Soziale Dreigliederung ist diese Forderung der Bürgerinnen und Bürger nach Mitbestimmung in lebensentscheidenden Fragen für sehr viele Menschen eine Angelegenheit geworden, die sie als richtig und selbstverständlich empfinden. Demokratische Volksbefragungen und Volksentscheidungen gehen heute um die Welt. Das heißt. Die Forderung nach Demokratie - Mitbestimmung und Mitentscheidung der Mehrheit im Staate - ist zu einer Lebensforderung eines großen Teiles der Menschheit geworden. Es liegt hier die Tatsache einer politischen Bewußtwerdung weitester Kreise vor. Das heißt natürlich nicht, daß die Idee der echten Demokratie heute schon bei allen Menschen Bejahung und Anerkennung findet.

Die Weimarer Republik ist ein Beispiel dafür, daß ein Gesetz, welches die echte Demokratie ermöglicht, noch lange kein Bewußtsein davon schafft, welche Möglichkeit eine wirkliche Demokratie hat. Das gilt auch zu einem großen Teil heute noch für das Grundgesetz der Bundesrepublik. Die Regierungsparteien sind zur eigentlichen Macht geworden, obwohl das Grundgesetz den Parteien nur eine Mitwirkung bei der Bestimmung über die Grundrechte zuteilt. Ein fortschrittliches Gesetz wird erst dann beachtet, wenn das Bewußtsein der Menschen selbst fortschrittlich ist.

Die Tatsache, daß echte Demokratie sowohl in der Bundesrepublik als auch in anderen Ländern von Seiten der Opposition, besonders der außerparlamentarischen Opposition, gefördert wird, zeigt, daß das politische Bewußtsein der Menschen sich verändert hat. Man will nicht mehr ohnmächtig sein, wenn die Wahl vorbei ist. Man will auch während der Regierungszeit aktiv mitbestimmen können, wenn es um die Lebensrechte der Menschen geht. Dieser Entwicklungsprozeß ist unverkennbar. Aber auch er bedeutet nach meiner Ansicht noch nicht, daß das Bewußtsein für die echte Demokratie bereits soweit fortgeschritten ist, daß es sich gegenüber den zu erwartenden Angriffen der manipulierenden Machthaber behaupten kann. Echte Demokratie wird kommen. Das steht für mich außerhalb aller Fragen. Deshalb unterstütze ich auch die Aktion "Volksbefragung und Volksentscheid" (Achberger Initiative). Aber ich unterstütze sie als Aufklärungsbewegung. Ich glaube nicht, daß die echte Demokratie, wenn sie heute schon vorhanden wäre, im Raum der Bundesrepublik in positiver Weise sich Geltung verschaffen würde. Die Macht der Industrie und der von ihr manipulierten Presse würde sich nach meiner Ansicht der vorhandenen echten Demokratie bedienen. Der gewaltige Manipulationsapparat würde heute noch die Menschen zu unsinnigen Entscheidungen durch Volksbefragung und Volksentscheid veranlassen können. Es gibt nach meiner Ansicht noch zu wenig Wählerinnen und Wähler, die dieser Macht gewachsen sind. Aber der Weg geht trotzdem in die Richtung der echten Demokratie. [1988]

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Die Wirtschaft

Das Raubtier

Man stelle sich ein Raubtier vor, das alles frißt, also nicht nur mit seiner speziellen Nahrung zufrieden ist, sondern alles frißt, was Kapital und Gewinn einbringt. Wer sich das vorstellen kann, hat ein wirkliches Bild von der Wirtschaft. Aus der Sicht der Sozialen Dreigliederung wird diese im beschriebenen Sinne alles verzehrende Raubtiernatur der Wirtschaft nicht moralisch beurteilt. Es ist einfach das Wesen der Wirtschaft, der Wirtschaft überhaupt, alles, was in ihren Bereich gehört, restlos zu verbrauchen. In diesem Verbrauch ist auch eingeschlossen die Vernichtung und Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen. Läßt man die Wirtschaft machen, was sie will, läßt man sie alles machen, was ihrem Vorteil dient, dann ist der Tod der Erde und der Menschheit voraussehbar. Das wird heute von der Wissenschaft mit der ihr eigenen Nüchternheit festgestellt. Genausowenig, wie man einen hungrigen Löwen durch moralische Ermahnungen dazu bringen kann, ein gutgenährtes Zebra nicht anzugreifen und zu fressen, genausowenig kann man die Wirtschaft durch moralische Ermahnungen daran hindern, die Lebensgrundlagen der Menschheit und den Menschen selbst zu vernichten. Die Wissenschaft hat durch weltumfassende Untersuchungen festgestellt, daß die Menschheit höchstens noch 60 bis 70 Jahre auf der Erde ungefähr so leben kann, wie sie heute lebt.

Die Menschen haben gelernt, Löwen nicht aus dem Zoo herauszulassen, und daß man sich nicht gestatten kann, sie frei in der Stadt herumlaufen zu lassen. Aber sie haben es immer noch nicht begriffen, daß man das größte Raubtier, das es jemals gegeben hat, die Wirtschaft, daran hindern muß, Menschheit und Erde zu verzehren.

Wie bereits gesagt, die Soziale Dreigliederung macht der Wirtschaft keinen Vorwurf aus der Eigenschaft, daß sie alles verzehrt, verschleißt, verbraucht und vernichtet, wenn sie dadurch Kapitalgewinn machen kann. Ein Unternehmer kauft sich eine ganz moderne Maschine für sehr viel Geld, um sie bis auf den letzten Rest ihrer Leistungsfähigkeit auszunutzen. Das ist der Sinn der Wirtschaft, so zu handeln. Man hat bisher nur noch nicht daran gedacht, daß die Wirtschaft, die man vergöttert und verehrt, wenn man ihr die Möglichkeit dazu gibt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, zum Beispiel riesige Wälder vernichtet, um Toilettenpapier daraus zu machen. Man hat zwar einmal von Ferne davon gehört, daß diese Wälder zur Lebensgrundlage der Menschen zählen. Aber es hat für die gewählten Politiker, die auch von der Wirtschaft abhängig sind, nicht ausgereicht, um sie zu veranlassen, einen solchen Raubbau durch die Wirtschaft zu verhindern. Die Menschen werden an Schulen und Universitäten dazu veranlaßt, wirtschaftlich zu denken, das heißt, einen gutbezahlten Arbeitsplatz ohne Rücksicht darauf, was produziert wird, an die erste Stelle ihres Verhaltens gegenüber dem Leben zu setzen. Das hat dazu geführt, daß zum Beispiel Arbeiter und Angestellte eines Atomkraftwerkes öffentlich dagegen protestieren, daß ihr Atomkraftwerk abgeschaltet wird, obwohl immer wieder Situationen eintreten oder sogenannte Pannen, durch die das Werk zu einer tödlichen Gefahr für die Menschheit wird. Das Raubtier Wirtschaft ist heute die alles beherrschende Kraft. Durch diese Kraft sind auch Menschen voll bewußt zu Raubtieren gemacht worden, die ihren Arbeitsplatz unter allen Umständen erhalten wollen, obwohl er das Leben der Menschheit gefährdet. Wer alles beherrscht, der beherrscht natürlich auch den Menschen. Der kann sich leisten, eine Gesinnung massenhaft zu verbreiten, die darin besteht, daß ein wirklicher Mensch sagt, mir ist es gleichgültig, was wir produzieren, Hauptsache, ich verdiene "gut" Geld dafür.

Die Arbeiterbewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hat in einigen Ländern wenigstens dafür gesorgt, daß der Mensch in der Wirtschaft nicht so absolut verschlissen werden konnte, wie das vorher der Fall war. Kinderarbeit unter Tage, überhaupt Frauen- und Kinderarbeit unter absolut schweren gesundheitsschädigenden Umständen ist in vielen Ländern wenigstens formal verboten. Man hat versucht, das Raubtier zu zähmen, aber das Raubtier war wieder schlauer als der Mensch. Es hat den Menschen selbst zu Seinesgleichen gemacht und ihn dazu veranlaßt, sich freiwillig verbrauchen und verschleißen zu lassen, zum Beispiel, um ein Auto zu kaufen. Die Wirtschaft sagt zu den Menschen durch unzählige Milliarden für Werbung, daß nur der ein wirklicher Mensch sei, der mindestens über eine komfortable Einrichtung verfügt. Das hat zur Folge, daß Tausende von Menschen bereit sind, ihre Gesundheit und ihr Leben in der Wirtschaft vernichten zu lassen, um von ihrem Lohn sich etwas Komfortabies, was wiederum die Wirtschaft angepriesen hat, kaufen zu können. Die Wirtschaftsgesinnung hat schon ungeheuer viele Menschen in den Tod getrieben. Man sagt, der Mann oder die Frau waren tüchtig, aber sie haben sich überarbeitet, sie hätten noch länger leben können, wenn sie nicht so viel gearbeitet hätten. Aber was soll der schon machen, der keinen anderen Lebenssinn hat als Arbeit und Verdienst? Das große Raubtier Wirtschaft hat ihn zum Wirtschaftsmenschen gemacht. Er hat nichts anderes. Die Soziale Dreigliederung macht der Wirtschaft keinen Vorwurf aus ihrer Eigenschaft. Sie erteilt auch keine Mahnungen an die Wirtschaft. Sie fordert nur mit aller Entschiedenheit, daß der Mensch vor dem Raubtier Wirtschaft geschützt wird. Wie ist das möglich? So, wie man ein Raubtier in einen Käfig sperrt, damit es keinen Menschen frißt, so muß man die Wirtschaft unter rechtliche Bedingungen stellen, die sie daran hindert, Menschen zu vernichten. Das ist heute eine globale Aufgabe. Denn der Mensch wird nicht dadurch allein vernichtet, daß man ihn direkt umbringt, sondern er wird dadurch vernichtet, daß man unseren Kindern die Lebensgrundlage entzieht, weil wir der Wirtschaft gefolgt sind, die alles zerstört, um Kapital zu machen. Bildlich gesprochen: Der Mensch muß einen Mantel des Rechtes um sich haben, der ihn vor den Angriffen der Wirtschaft schützt. Das Recht muß über der Wirtschaft stehen, Es muß dafür sorgen, daß der arbeitende Mensch nur soviel arbeitet, daß er neben seiner Arbeit auch noch wirklich Mensch sein kann. Die Arbeitszeitverkürzungen der Gewerkschaften gehen einseitig in diese Richtung. Sie verkürzen die Arbeitszeit. Aber sie sorgen nicht dafür, daß mit jeder Verkürzung der Arbeitszeit durch das Recht dafür gesorgt wird, daß nun auch neue Mitarbeiter eingestellt werden. Das Recht auf weniger Arbeitszeit dient dem Menschen nur dann, wenn auch gleichzeitig die Leistungsanforderung an ihn herabgesetzt wird. Das ist heute in zahllosen Betrieben nicht der Fall.

Sehr viel Zeit haben wir nicht mehr, um das Raubtier Wirtschaft daran zu hindern, die Lebensgrundlagen für Erde und Mensch zu vernichten. Nicht nur die Wirtschaft frißt uns auf, vernichtet unsere Lebensgrundlagen, sondern auch der Mensch, der zum Wirtschaftsmenschen herangebildet wird, ist ein eifriger Helfer bei dieser Vernichtung. Die andere Seite darf nicht verschwiegen werden. Sie besteht darin, daß heute immer mehr Menschen auf die Vermehrung ihres Einkommens verzichten, weil sie entdeckt haben, daß man nur so zu einem in ihrem Sinne menschenwürdigen Leben kommen kann. Sie ziehen es vor, weniger Geld zu verdienen, dafür aber mehr Freizeit zu haben. Sie wollen in ihrer Freizeit so leben, daß sie das machen können, was sie ganz persönlich und individuell als sinnvoll ansehen. Was einer als sinnvoll ansieht, das ist seine ureigenste Angelegenheit. Entscheidend für ihn ist, daß er sich dem Moloch Wirtschaft weitgehend entzieht und nur soviel arbeitet, daß er daneben noch das tun kann, was ihm im Sinne seiner Lebensvorstellung als sinnvoll erscheint. Man kann das als einen Kampf der Kultur gegen das Raubtier Wirtschaft bezeichnen. Man kann nicht abstreiten, daß dieser Kampf zur Zeit stattfindet und sich immer mehr ausweitet. Man kann bezweifeln, ob wir es noch schaffen, unser Leben, unsere Kultur gegen das Raubtier Wirtschaft zu behaupten. Man kann sich aber auch sagen, daß der Zweifel die Kraft lähmt und daß man diese Kraft lieber einsetzen sollte, um den Kampf weiterzuführen, damit immer mehr Menschen begreifen, daß es auch ein anderes, ein lohnenderes Leben gibt, ein Leben, das immer weitergehend selbstbestimmt wird von den Menschen. [1991]

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Persönliche Erfahrungen mit der Wirtschaft

Fast alle Menschen, die überhaupt politisch interessiert sind, wollen In erster Linie wissen, was aus der Wirtschaft werden soll. Sie lenken ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Wirtschaft, unabhängig davon, ob sie sich als religiös oder antireligiös, als Idealisten oder Materialisten bezeichnen. Die Wirtschaft ist für sie das Ein und das Alles. Wer nicht gleich darüber etwas sagen kann, wie die Wirtschaft neu geregelt werden soll, der ist nach ihrer Ansicht ein Schwärmer.

Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus sagt auch etwas über die Wirtschaft, sehr viel sogar. Aber sie mutet dem politisch engagierten Menschen zu, was ihm zunächst sehr unangenehm ist: Er soll sich vor Augen stellen, daß die Wirtschaft ihren gegenwärtigen Raubtiercharakter unbedingt beibehalten wird, wenn die Menschen nicht in allererster Linie ihre Aufmerksamkeit auf die Befreiung des Kultur- und Geisteslebens und auf die Demokratisierung des Rechtslebens richten. Die Wirtschaft kann sich niemals aus der Wirtschaft heraus ändern. Sie kann aber zum Segen der Menschheit und zum Wohl für alle Menschen auf der Erde tätig sein, sie wird es sogar, wenn in einem freien Geistesleben die Ideen ausgebreitet werden können, welche die Wirtschaft wirklich reformieren, und wenn in einem demokratischen Rechtsleben durch die Abstimmung aller die Grundrechte aller entstehen können, welche die Wirtschaft dazu nötigen, nicht für den Profit weniger, sondern für ein menschenwürdiges Dasein aller zu arbeiten.

Es kommt darauf an, die von der Wirtschaft überwältigten Gebiete, das Kultur- und Geistesleben und das Rechtsleben, wieder zu stärken. [1981 ]

Was über Kultur, über Recht und über Wirtschaft gesprochen und geschrieben wird, ist im allgemeinen schwer verständlich. Man hat dabei den Eindruck, daß es Gebiete sind, die Fachleute angehen, die »wissenschaftlich" behandelt werden müssen. Mit seinen persönlichen Erlebnissen kommt man da schwer herein. Ich sehe darin eine Erklärung dafür, daß die meisten sich wenig für solche Fragen interessieren. Die Folge ist furchtbar. Sie besteht darin, daß wir uns wie eine Herde führen und lenken lassen, - immer dahin, wohin die Mehrheit nicht will.

Es scheint sehr einfach zu sein, die Wirtschaft als persönliche Erfahrung zu erleben. Ich brauche doch nur in einen Laden zu gehen und mir ein paar Lebensmittel oder andere Sachen zu kaufen, - schon stehe ich mitten in der Wirtschaft, als Verbraucher. Oder so: Ich mache irgendwas, um meine Brötchen zu verdienen, 6 Stunden, 8 Stunden, 10 und 12 Stunden (mit Überstunden) - und stehe schon wieder in der Wirtschaft, als Werktätiger, als Angestellter, als Beamter.

Ich kaufe eine Ware und bezahle dafür einen Preis. Damit ist ein bestimmter Wirtschaftsvorgang abgeschlossen. Ich leiste eine Arbeitsleistung und bekomme dafür Lohn und Gehalt. Damit ist ein anderer Wirtschaftsvorgang beschrieben. Furchtbar einfach. Wenn ich eine als sehr wertvoll anerkannte Leistung bringe, bekomme ich viel Lohn bzw. Gehalt und kann, wenn ich Lust dazu habe, viel einkaufen. Auch klar. Wird meine Leistung als weniger wertvoll angesehen, bekomme ich wenig Lohn bzw. Gehalt und kann mir nur das Nötigste oder noch weniger einkaufen. Das ist so in allen Ländern der Weit. Folge: Nicht jeder, aber doch die absolute Mehrheit versucht, eine Leistung zu bringen, die als wertvoll anerkannt ist und die viel Einkommen bringt. Wem das nicht gelingt, so sagt man, der ist eben nicht tüchtig, der muß eben bescheiden oder noch weniger als bescheiden leben.

An jeder Ware, die ich kaufe, befindet sich etwas vom Menschen. Es gibt keine Ware, an deren Herstellung nicht in irgendeiner Form Menschen beteiligt sind. Auch Automaten müssen von Menschen hergestellt, bedient und gewartet werden. Wenn ich an die Lage des Menschen denke, der eine Leistung vollbringt, der Waren herstellt, wird die Sache schwierig. Es ist aber doch so, daß ich den Menschen nicht zur Seite schieben kann, der eine wirtschaftliche Leistung bringt. Ich stelle fest, daß der Mensch, der eine Leistung bringt, selbst eine Ware ist. Diese Feststellung ist nicht neu, sie ist sogar schon sehr alt. Neu und erschütternd ist sie immer wieder für die, die plötzlich erkennen, daß sie als "verbrauchte Ware" vorzeitig ausrangiert werden.

Der Mensch wird als Arbeiter, Angestellter, Lehrer, Beamter usw. für eine bestimmte Stundenzahl "eingekauft". Er tritt als wirtschaftlicher Kostenfaktor auf. Ein Lehrer kostet... Ein Facharbeiter kostet... Ein Ingenieur kostet... Jede Unternehmung hat Materialkosten für Maschinen, Einrichtungen usw. Hinzu kommen die Kosten für das "Menschenmaterial" an Hilfsarbeitern, Facharbeitern, Hilfslehrern, beamteten Lehrern usw.

Der Mensch gehört heute in allen Ländern der Welt zum Kostenfaktor, zum Material der Wirtschaft. Viele, die allermeisten, finden das ganz normal und ganz gesund. Sie versuchen mit aller Ellenbogenkraft, sich "hoch" zu kämpfen in die "oberen Schichten", wo ein größeres Einkommen winkt. Das ist ziemlich genauso, als ob man in einen Raubtierkäfig große und kleine Fleischstücke wirft und dann gespannt beobachtet, wie die starken Raubtiere die großen Fleischstücke an sich reißen. Die schwachen Tiere, die wenig Kraft haben, bekommen wenig oder gar nichts. In der Wirtschaft ist es genauso. Diejenigen, die mal "stark" waren, viel verdienten und nun "schwach" sind, müssen erdulden, daß sie an den Rand der Raubtierarena gedrängt werden und froh sein können, wenn noch ein paar Brocken für sie übrig bleiben.

Das ist so. Viele mögen sich damit abfinden. Viele mögen es sogar als richtig empfinden, daß der brutale "Tüchtige" herrscht, und daß im Weltmaßstab die großen Löwen die kleinen "Tiere", die sich nicht wehren können, in den Hungertod treiben.

Ich empfinde es als empörend, brutal und kriminell, daß in den Ländern des Kapitalismus und Sozialismus die Wirtschaft als Raubtierarena eingerichtet wurde. Meine Empörung treibt mich zu der Frage, wie das möglich war und wie es möglich ist. Ich stelle fest, daß die Wirtschaft überall auf der Erde ganz eng mit dem Recht verwickelt ist, und zwar so, daß diejenigen, die über die große Wirtschaftsmacht verfügen, auch die Rechte machen. Die Verwicklung zwischen Wirtschaftsmacht und Recht sieht im Osten so aus, daß Partei-Tiger und Bürokraten die Arbeitsnormen für die anderen Menschen festsetzen. Sie bestimmen, wie lange ein Mensch arbeiten muß, was er zu leisten hat und was er dafür bekommt. Im Westen findet praktisch das gleiche statt. Die Mächtigen der Wirtschaft sitzen immer am längeren und entscheidenden Hebelarm. Sie bestimmen auch die Politik, weil die Politiker nur "führende" Politiker werden können, wenn Wirtschaftsverbände die Parteikassen füllen.

Der entscheidende Irrtum, man kann auch sagen, die seit Jahrhunderten betriebene, mehr oder weniger widerstandslose Gemeinheit, liegt darin, daß diejenigen, die im Besitze der wirtschaftlichen Macht sind, die Gewalt über die Rechtsgebung, über das haben, was Menschenrechte sind. Karl Marx hat dieses Verbrechen an der Menschheit richtig erkannt. Leider hat er es dadurch zu überwinden versucht, daß er noch ein größeres Verbrechen propagierte: die Herrschaft der "Partei der Arbeiterklasse" über die anderen Menschen. Heute rätseln progressive Sozialisten darüber, wie es Marx entgehen konnte, daß aus der Herrschaft der "Partei der Arbeiterklasse" die der Funktionsträger werden mußte. [1979]

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Kann man alles kaufen?

Früher spielte die Wirtschaft eine untergeordnete Rolle. Die Menschen hatten weniger wirtschaftliche Bedürfnisse. Als die modernen Errungenschaften der Technik aufkamen, haben die Menschen die Technik vor allem in den Dienst ihrer wirtschaftlichen Bedürfnisse gestellt.

Heute spielt die Wirtschaft eine alles überragende Rolle. Wirtschaftlicher Vorteil und Geldbesitz ist für den Durchschnittsmenschen von heute das Wichtigste.

Im Zuge der immer größeren Bedeutung der Wirtschaft und ihrer immer größeren Ausdehnung haben die Menschen das Unterscheidungsvermögen zwischen Wirtschaft und Recht verloren. Rechte können heute als Ware käuflich erworben werden.

Rechte sind dazu da, um den Menschen zu schützen. Wenn Rechte gekauft werden können, dann besteht die Möglichkeit, durch rein wirtschaftliche Mittel eine rechtliche Übermacht über andere Menschen zu erlangen. Das ist heute der Fall. Heute können die Menschen durch wirtschaftliche Mittel (Geld) andere Menschen rechtlich von sich abhängig machen.

Gesunde Wohnung, ausreichende Kleidung, auskömmliches Leben sind Rechte. Diese Rechte dürfen nicht von dem Geldbesitz eines Menschen abhängig sein. Das Recht auf Wohnung ist aber nur dann für jeden Menschen erfüllbar, wenn z.B. der Grund und Boden jedem Menschen zur Verfügung gestellt werden kann, der Wohnung braucht. Macht man - wie heute - den Grund und Boden zur käuflichen Ware, dann wird das Recht aller auf Wohnung zerstört. Es kann sich ein Mensch nur dann das "Recht" auf eine Wohnung leisten, wenn er genügend Geld hat. Damit ist das Recht auf Wohnung praktisch aufgehoben. Rechte sind nur dann vorhanden, wenn sie unabhängig sind von wirtschaftlichen Mitteln - oder wenn sie zugleich auch die nötigen wirtschaftlichen Mittel zur Verfügung stellen. [1956]

Wer sich zwanzig Häuser kaufen kann oder als Wirtschaftskonzern ganze Straßenzüge kauft, der besetzt mit Hilfe seines Kapitals Hunderte von Häusern. Er kauft sich dadurch das Wohnrecht der anderen, und er verkauft dieses Wohnrecht an seine Mieter mit hohem Gewinn weiter. Das Wohnrecht wird dadurch zur käuflichen Ware, das heißt: Es ist kein Recht mehr, das für jeden gilt. Es kann nur noch von denen gekauft werden, die genug Geld haben. Der Besitzer eines Hauses hat die Macht, das Wohnrecht jedes Mieters zu vernichten, wenn der Mieter, etwa durch Arbeitslosigkeit, seine Miete nicht mehr bezahlen kann. Der Polizeistaat steht hier auf der Seite derer, die durch Kapital Gewalt ausüben und Recht (in diesem Falle Wohnrecht) vernichten.

Wenn Wohnungslose ein verfallenes Haus beziehen, weil sie kein Geld für die Miete haben und weil sie ein Dach über dem Kopf haben wollen, also ihr durch Grundgesetz gewährleistetes "Recht auf Leben" in Anspruch nehmen, werden sie bestraft. Sie gelten als Gesetzesbrecher, weil die geltenden Rechte und Gesetze Werkzeuge derer sind, die durch Kapitalgewalt herrschen.

An diesem Beispiel kann man auch, stellvertretend für viele tausend andere Fälle, erkennen, welche Aufgabe das Recht hat, wenn es einmal wirklich die Grundrechte aller Menschen verwirklichen soll. Das Wohnrecht zum Beispiel ist ein wesentlicher Bestandteil des Grundrechtes auf "Leben und körperliche Unversehrtheit" (Grundgesetz, Artikel 2/2). Es ist klar, daß ein garantiertes Grundrecht, welches vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar bindet (GG, Art. 1/3), nicht von der wirtschaftlichen Lage eines Menschen abhängig gemacht werden darf. [1975]

Werden - wie heute - Rechte zur Ware, dann können alle Menschen in ihren Grundrechten auf das schwerste geschädigt werden. Wer zum Beispiel gewerbsmäßig Grundstücke kauft und verkauft, hat dadurch die Macht, das Wohnungsrecht anderer Menschen zu zerstören, indem er durch hohe Verkaufspreise es anderen Menschen unmöglich macht, eine Wohnung zu erwerben.

Das Wichtigste bei der Ware liegt immer darin, daß sie durch menschliche Tätigkeit und menschliche Leistung entstanden ist. Grund und Boden ist nicht durch menschliche Leistung entstanden. Er darf deshalb auch nicht als Ware innerhalb der Wirtschaft verkauft werden.

Für Grundstücke gilt, daß jeder Mensch ein Recht darauf hat, sie zu benutzen, wenn er als Landwirt oder zu Wohn- und Gewerbezwecken Grund und Boden braucht.

Das Grundstück selbst darf nie verkäuflich sein. Es muß jedoch zur Verfügung gestellt werden, wenn es ein Mensch zur Herstellung von Waren oder zum Wohnen braucht.

Die Früchte des Bodens sind Waren, weil sie durch menschliche Leistung - und sei es auch nur durch Pflücken oder Sammeln - zum Verbrauch kommen.

Heute wird auch die Arbeit des Menschen in der Wirtschaft als Ware gekauft. Rein wirtschaftlich gesehen ist das ein Irrtum, weil die Arbeit gar keinen Verkaufswert (Austauschwert) haben kann, sondern nur die durch Arbeit geschaffene Ware oder warenartige Leistung,

Durch die irrtümliche, heute bestehende Rechtsanschauung, daß die menschliche Arbeitskraft eine käufliche Ware sei, wird der ganze Mensch erniedrigt. Die Arbeit gehört zum Innersten des Menschen, sie muß genauso geschützt werden wie der Mensch selbst.

Solange der Irrtum geglaubt wird, daß die Arbeit des Menschen eine käufliche Ware ist, wird kein wahres menschliches Selbstbewußtsein und keine Menschenwürde entstehen können.

Die Arbeit des Menschen kann nur durch das demokratische Rechtsleben geschützt werden. Nur durch die Abstimmung aller Staatsbürger über die Grundrechte können Gesetze entstehen, die dem Menschen Arbeitsverhältnisse geben, die seiner Würde als Mensch entsprechen.

Rechte müssen den Menschen die menschliche Achtung und Gleichberechtigung verschaffen, auf die jeder einen Anspruch hat. Menschliche Achtung kann nur dann entstehen, wenn keiner in seiner wirtschaftlichen Existenz von der Willkür eines anderen abhängig ist.

Kein Unternehmer und keine staatliche oder andere Stelle darf die Macht haben, einem anderen Menschen durch Entlassung die wirtschaftliche Existenz zu entziehen. Nur der demokratische Rechtsstaat kann dafür sorgen, daß das Lebensrecht jedes Menschen unter allen Umständen gewahrt bleibt.

Durch Entlassung kann in den heutigen Verhältnissen die wirtschaftliche Existenz eines Menschen zerstört werden. Durch Entlassung kann heute ein Mensch mit seiner ganzen Familie dem Elend ausgeliefert werden.

Die Folge davon ist, daß die Menschen aus Angst vor Entlassung sich menschenunwürdig behandeln lassen und auf untragbare Arbeitsbedingungen eingehen. Ein Unternehmer ist heute also durch sein Kapital in der Lage, das Lebensrecht seiner Arbeiter und Angestellten zu schmälern oder zu zerstören. Das Recht der Menschen auf ein wirtschaftlich auskömmliches Dasein darf aber niemals von der Person eines Unternehmers oder von anderen Personen oder Machtgruppen abhängig sein. [1956]

Durch Entlassung kann in den heutigen Verhältnissen die wirtschaftliche Existenz eines Menschen zerstört werden. Durch Entlassung kann heute ein Mensch mit seiner ganzen Familie dem Elend ausgeliefert werden.

Die Folge davon ist, daß die Menschen aus Angst vor Entlassung sich menschenunwürdig behandeln lassen und auf untragbare Arbeitsbedingungen eingehen. Ein Unternehmer ist heute also durch sein Kapital in der Lage, das Lebensrecht seiner Arbeiter und Angestellten zu schmälern oder zu zerstören. Das Recht der Menschen auf ein wirtschaftlich auskömmliches Dasein darf aber niemals von der Person eines Unternehmers oder von anderen Personen oder Machtgruppen abhängig sein. [19811

Der Besitz von Geld ist heute zugleich der Besitz von Rechten. Wer viel Geld besitzt, kann sich einfach das Recht nehmen, zum Beispiel acht Wochen oder länger im Jahr unter kostspieligen Umständen Urlaub zu machen. Er kann sich das Recht nehmen, seine Kinder in eine teure Privatschule zu geben, ohne selbst Verzichte auf sich nehmen zu müssen. Er kann sich das Recht nehmen, Grund und Boden zu erwerben, um sie zum Mehrfachen des Kaufpreises weiterzuverkaufen. Wer viel Geld hat, kann sich auch das Recht nehmen, sein Geld gegen sehr hohe Zinsen auszuleihen. Dadurch vermehrt sich seine Geldmenge abermals, und er kann sich dafür wiederum neue Rechte kaufen.

Wer zum Beispiel das Geld hat, Einkommen und Unterhalt für eine Kinderpflegerin zu bezahlen, um einige Stunden am Tag Freizeit zu haben, der erkauft sich mit seinem Geld das Recht auf Freizeit.

Auf sehr vielen Gebieten des sozialen Lebens haben sich die Menschen daran gewöhnt, daß Rechte durch Geld gekauft werden. [1975]

Kapitalstarke Gruppen aller Art (zum Beispiel auch die Gewerkschaft) haben heute das größte Interesse an Grundbesitz, weit der Grundbesitz von Inflation nicht betroffen wird und weil sie durch den Verkauf von Grundstücken sich Riesengelder verschaffen können.

Diese kapitalstarken Gruppen finanzieren Parteien. Diese Parteien müssen dann im Auftrag ihrer Geldgeber Gesetze machen, welche es ermöglichen, daß Grund und Boden käuflich ist, daß durch Kauf und Verkauf von Grund und Boden Riesengelder (und d.h. Waren, die andere herstellen müssen) ohne eigene Leistung gewonnen werden können, daß vor allem das Wohnrecht aller, aber auch andere Rechte durch Kauf und Verkauf von Grund und Boden auf das schwerste geschädigt oder zerstört werden. Es sind Gesetze (die von Machtgruppen gemacht werden), welche Riesengewinne durch Grundstückskäufe ermöglichen. Es ist nicht irgendeine persönliche Leistung - das muß besonders beachtet werden -, sondern es sind ganz radikale Machtgesetze, welche diese Gewinne erzwingen und damit zugleich die Grundrechte aller zerstören.

Im Parlament haben die kapitalstarken Gruppen die Macht; sie erzwingen durch ihre Macht Gesetze zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil.

Für die Wahrung der Rechte der Menschen - Wohnung, Kleidung, Altersversorgung, Krankenhilfe, Erziehungsbeitrag usw. - kann heute nur gesorgt werden, wenn durch die demokratische Abstimmung aller Wahlberechtigten die notwendigen Gesetze entstehen können. Durch Demokratie im Staat kann verhindert werden, daß Rechte zu Waren werden. Sind die Rechte des Menschen geschützt, dann kann das geschehen, was für die Wirtschaft notwendig und allein produktiv ist - der freie Austausch aller durch die menschliche Tätigkeit entstandenen Waren, ohne jede Einmischung des Staates.

Die Bestimmung über die Produktion und alle Vereinbarungen zwischen Herstellern und Verbrauchern, welche dem Absatz der Waren dienen sollen, sind eine Angelegenheit der Wirtschaft.

Der Mensch bringt in der Wirtschaft Waren oder warenartige Leistungen hervor. Diese Waren oder warenartigen Leistungen müssen frei ausgetauscht werden können.

Alles, was der Mensch nicht durch eigene Leistung hervorbringt - zum Beispiel Grund und Boden oder die Produktionsmittel und das Kapital eines Betriebes (das durch Leistung aller entstanden ist) -, darf nie zum Privateigentum und damit zur verkäuflichen Ware eines einzelnen oder des Staates werden. Das Recht hat dafür zu sorgen, daß Betriebe, Grund und Boden und Kapitalien, welche durch die Leistung aller entstanden sind und allen gehören, stets von neuem in die Verwaltung fähiger Fachleute kommen, die damit nutzbringend arbeiten können.

Die Wirtschaftler selbst werden aus ihrer Mitte die Fähigsten für die Verwaltung und wirtschaftliche Ausnutzung eines Kapitals bzw. eines Betriebes ermitteln, wenn das Recht verhindert, daß Betriebe und Betriebskapitalien zum privaten Eigentum einzelner oder gar staatlicher Stellen werden können.

Verkäufliche Ware darf nur sein, was durch menschliche Leistung hervorgebracht und dem Verbrauch zugeführt wird. Durch den Kauf und Verkauf von Waren werden die menschlichen Rechte nicht berührt. Jeder hat die Freiheit, eine beliebige Ware zu kaufen oder beliebige Verbraucher anzusprechen. (1956)

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Arbeit und Einkommen

Es ist eine Grundaussage der Sozialen Dreigliederung, daß die Arbeit überhaupt nicht bezahlt werden kann. Einzig und allein das Ergebnis einer Leistung kann bezahlt werden. Das ist keine Wortspielerei, sondern eine grundlegende soziale Tatsache. Jeder Handwerker und jeder Intellektuelle weiß, daß seine Leistung nicht bezahlt wird, wenn darin Mängel enthalten sind, welche die geleistete Leistung wertlos machen. Wenn zum Beispiel ein Handwerker eine Heizung einbaut, die sich nach kurzer Zeit als unzweckmäßig erweist, weil sie entweder überhaupt nicht heizt oder weil sie an verschiedenen Stellen undicht ist usw., so kann die Bezahlung rechtmäßig verweigert werden. Das gleiche gilt für intellektuelle Leistungen. Die Beispiele können beliebig vermehrt werden.

Die Soziale Dreigliederung unterscheidet streng zwischen dem Rechts-Einkommen, welches jedem Menschen in einer bestimmten Lage zusteht, und dem Einkommen, welches er erhält, weil er bestimmte Arbeitsergebnisse (Leistungen) verkauft. Das Rechts-Einkommen steht jedem Menschen allein deshalb zu, weil er Mensch ist. Kein Mensch darf ohne Einkommen sein, wenn er aus irgend einem Grunde keine Leistung hervorbringen kann. Jeder Mensch muß so viel an Einkommen erhalten, daß er sich selbst und diejenigen, für die er zu sorgen hat, ausreichend versorgen kann. Zu diesem Rechts-Einkommen gehört auch das Einkommen, welches er für Bildung und Ausbildung seiner Kinder aufbringen muß. Für die Finanzierung des Rechts-Einkommens ist die Gesamtheit des Volksvermögens zuständig.

Über die Höhe des Volksvermögens und seine mögliche Verwendbarkeit für ein auskömmliches Rechts-Einkommen klärt das freie Geistesleben auf. Die Festsetzung des Rechtseinkommens für Einzelpersonen, für Familien usw. entscheidet die demokratische Volksabstimmung nach vorangehender freier Aufklärung. Das Rechts-Einkommen sichert die Menschenwürde jedes einzelnen und die Unverletzlichkeit der Person, soweit dies durch ein auskömmliches Einkommen für jeden Menschen gesichert werden kann. Eine relativ freie Beziehung von Mensch zu Mensch ohne Unterdrückung und Ausbeutung ist nur möglich, wenn die Grundexistenz jedes Menschen gesichert ist, unabhängig davon, wie hoch sein Erwerbseinkommen ist.

Das Einkommen durch den Verkauf von Leistungen (Erwerbseinkommen) steht im Sinne der Sozialen Dreigliederung neben dem Rechts-Einkommen. Das Erwerbseinkommen eines Menschen kommt dadurch zustande, daß er seine Leistungen verkaufen kann. Nicht Arbeit wird bezahlt, sondern das Ergebnis von Leistungen. Der Maler, der eine Wohnung renoviert, verkauft in Wirklichkeit seine Leistung. Er verkauft nicht Arbeit, er kann gar nicht Arbeit verkaufen. Sind die sozialen Verhältnisse gesund, das heißt, wird wirklich nur das geleistet, was Menschen brauchen, dann werden grundsätzlich alle leistungsfähigen Menschen auch so viel Einkommen haben, daß sie damit sich und diejenigen, für die sie zu sorgen haben, auch wirklich versorgen können. Reicht das Einkommen aus der Leistung eines Menschen nicht aus, um zum Beispiel eine Familie zu ernähren, so wird er von Rechts wegen als Rechts-Einkommen soviel dazu erhalten, daß die materielle Existenz der Menschen, für die er zu sorgen hat, ausreichend gesichert ist. Das gilt für alle Menschen, deren Leistung nicht so hoch bezahlt werden kann, wie es notwendig wäre, um von dem dadurch erzielten Einkommen ausreichend zu leben.

Was ein einzelner bzw. eine Familie an Einkommen benötigt, um auskömmlich zu leben, das wird bereits heute jährlich durch den sogenannten Lebenshaltungsindex festgestellt. Dieser Index, natürlich in erweiterter Form kann als Maßstab gelten. Er gibt Auskunft über die notwendige Summe, die dem einzelnen bzw. der Familie auf jeden Fall zur Verfügung stehen muß. Liegt das Erwerbseinkommen nicht hoch genug, dann wird das Fehlende aus dem Rechts-Einkommen hinzugesetzt.

Grundsätzlich besteht der Anspruch auf ein auskömmliches Einkommen aus dem Recht für alle, die noch nicht erwerbsfähig sind, und für alle, die nicht mehr erwerbsfähig sind. Wer sich ausbildet, hat ein Recht auf ein auskömmliches Rechts-Einkommen, unabhängig von den Familienverhältnissen, in denen er lebt. [1987]

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Die Produktionsmittell und das Eigentumsrecht

Selbstverständlich muß erreicht werden, daß die Produktionsmittel in der Wirtschaft wirklich in den Dienst des menschlichen Bedarfes gestellt werden. Mittlerweile hat wohl jeder erkannt, daß dieses Ziel weder durch Verstaatlichung der Wirtschaft noch durch die privatkapitatistische Form der Wirtschaft zu erreichen ist. Nüchtern muß die Frage gestellt werden: Welcher Weg ist wirklich brauchbar zur Erreichung dieses Zieles?

Der Schaden, der aus der Verstaatlichung der Wirtschaft entsteht, kann nur dadurch verhindert werden, daß die Verwaltung des Kapitals durch staatliche Stellen unter allen Umständen gesetzlich unterbunden wird. Der Schaden, der durch die privatkapitalistische Form der Wirtschaft entsteht, kann dadurch unterbunden werden, daß gesetzlich festgelegt wird, daß niemals ein Unternehmer den Reingewinn seines Betriebes zu seinem Privateigentum machen kann. Unter allen Umständen muß aber die freie Initiative des Unternehmers in der Wirtschaft erhalten bleiben, weil sie die erste Voraussetzung für die Produktivität in der Wirtschaft überhaupt ist. Der Zwang, unter dem der Unternehmer in der Staatswirtschaft steht, muß wegfallen. Keine staatliche Stelle darf die Befugnis haben, mit irgendwelchen Anweisungen in die wirtschaftliche Tätigkeit des Unternehmers einzugreifen. Der Unternehmer muß allein ausschlaggebend sein für alles, was mit der Produktion in seinem Betrieb zusammenhängt. Der Unternehmer darf aber auch keinen menschlichen oder wirtschaftlichen Druck auf seine Arbeitnehmer ausüben können, wie es heute in den privatkapitalistischen Ländern der Fall ist. Bekanntlich wird dieser Druck dadurch ausgeübt, daß in privatkapitalistischen Ländern Unternehmergruppen durch ihre Kapitalmacht die Gesetze im Sinne ihres Vorteils beeinflussen können.

Die volle Bestimmungsgewalt über alle wirtschaftlichen Vorgänge innerhalb seines Betriebes muß dem Unternehmer uneingeschränkt zustehen. Der Einfluß des Unternehmers auf die menschlichen Rechte seiner Arbeitnehmer (Dauer der Arbeitszeit, Freizeit, auskömmliche Versorgung, gesunde Arbeitsverhältnisse usw.) muß völlig ausgeschaltet werden. Die Rechte aller Arbeitenden werden im demokratischen Rechtsstaat - gegebenenfalls durch die Abstimmung aller Wahlberechtigten - hergestellt und geschützt. Der Unternehmer oder irgendwelche anderen wirtschaftlichen Machtgruppen haben auf diese Rechte keinen Einfluß - sie kommen im demokratischen Rechtsstaat zustande und wirken von da aus auf das Wirtschaftsleben. [1956]

Die Soziale Dreigliederung ist der Auffassung, daß es kein privates Eigentum an Produktionsmitteln, Fabrikanlagen usw. geben darf. Sie vertritt auch (seit 1919) die Auffassung, daß es kein Staatseigentum an Produktionsmitteln, Fabriken usw. geben darf. Die katastrophalen Mißstände, die dadurch für die Menschen entstehen, daß es ein privates Eigentum an Produktionsmitteln und Kapital gibt, sind noch nicht genügend bekannt. Wer informiert ist, der weiß, daß das private Eigentum an Kapital und Produktionsmitteln zu katastrophalen Mißständen, zu Elend, Hunger und Hungertod für Millionen und Abermillionen Menschen führt. Die katastrophalen Mißstände, die für die Produktionsmittel und für die Menschen eintreten, wenn der Staat ein Eigentumsrecht an diesen Produktionsmitteln hat, sind inzwischen erwiesen. Aus diesen Gründen ist es schon lange Zeit, über Wege nachzudenken, welche geeignet sind, die katastrophalen Folgen eines offen diktatorischen Sozialismus und eines verschleiert diktatorischen Kapitalismus zu überwinden.

Die Soziale Dreigliederung zeigt diesen Weg. Sie fordert, daß grundsätzlich das private Eigentum an Produktionsmitteln, Fabriken usw. aufgehoben wird. An die Stelle dieses privaten Eigentums will sie das Verfügungsrecht setzen. Am Beispiel einer Fabrikanlage: Der Leiter dieser Produktionsstätte hat kein privates Eigentumsrecht an dieser Produktionsstätte mehr. Er darf sie auch nicht mehr verkaufen und den Verkaufserlös auf sein Bankkonto überweisen und für beliebige Zwecke seines Interesses verwenden. Kein Stück des Betriebes ist sein Privateigentum. Er behält jedoch das volle Verfügungsrecht über die Produktionsmittel für alle Entscheidungen, die mit der Produktion zusammenhängen. Seine Position in dieser Beziehung ist die eines kapitalistischen Unternehmers, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, daß kein Stück des Produktionsbetriebes sein privates Eigentum ist.

Die Produktivität eines Wirtschaftsbetriebes beruht maßgeblich auf der freien, schöpferischen Initiative der Unternehmenden. Diese Initiative darf nicht beschränkt werden. Sie muß jedoch daran gehindert werden, zum Unrecht gegenüber allen anderen an der Wirtschaft beteiligten Menschen zu werden. Dieses Unrecht besteht darin, daß Menschen und kleine Menschengruppen Werte von Milliarden in den Dienst ihrer persönlichen ökonomischen Interessen stellen dürfen. Sie haben auf diese Weise die Macht, die Grundlagen allen Lebens zu vernichten - Wasser, Luft, Boden -, weil sie eine kurze Zeit hindurch dadurch ihre Macht und ihr Kapital ins Unermeßliche drehen können. Wir haben heute "Rechte", welche verfügen, daß übermächtige Wirtschaftsgewaltige straflos die Grundlagen unseres Lebens im Dienste ihres Vorteils vernichten können.

Eine kleine oder eine große Fabrik ist nicht durch einen Menschen geschaffen worden. Sie wird geschaffen durch die Zusammenarbeit aller. Sie kann nicht gekauft oder verkauft werden. Sie muß ohne persönliches Eigentumsrecht produktiv verwaltet werden. Die Betriebsleiter haben ein freies Verfügungsrecht über die Produktion, solange sie die Fabrik leiten. Die Fabrik muß übergehen in die Leitung neuer Verwalter, wenn die alten Verwalter sie nicht mehr verwalten wollen oder verwalten können. [1990]

Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist seit langem daran gewöhnt, mit dem Wort "Eigentum" die Vorstellung von privatem Eigentum zu verbinden. Deshalb ist es zunächst schwierig, dem sogenannten Verwaltungseigentum das notwendige Verständnis entgegenzubringen. Dafür kann hilfreich sein, daß es ein Verwaltungseigentum bereits seit langem in Deutschland gibt. Verwaltungseigentum bedeutet, daß der oder die Verwalter eines Betriebes keinen Privatbesitz an diesem Eigentum haben. Sie verwalten zum Beispiel einen Betrieb - so, wie es der kapitalistische Privateigentümer seit langem tut. Entscheidend ist, daß sie, trotzdem sie den Betrieb verwalten, kein persönliches Eigentum an ihm haben. Solange, wie sie den Betrieb verwalten, haben sie das volle Verfügungsrecht über alle Angelegenheiten, die den Betrieb betreffen. Die Form dieser Verwaltung des Eigentums ist unter der Bezeichnung »gemeinnützig" bekannt. Die Soziale Dreigliederung hält diese Form des Verwaltungseigentums für alle Betriebe für nötig. [1992]

Die Soziale Dreigliederung bejaht das persönliche Eigentum. Persönliches Eigentum ist alles, was ein Mensch erhält für eine von ihm hervorgebrachte Leistung. Die Höhe der Leistung, die einer erbringt, wird eingeschätzt von den Menschen, die diese Leistung empfangen. Es ist berechtigt, daß Betriebsleiter eines großen Betriebes auch eine hohe Gegenleistung erhalten. Unberechtigt und schädlich ist es, wenn die Privateigentümer eines größeren Betriebes den Gewinn dieses Betriebes, der ja von allen erarbeitet worden ist, für sich in Anspruch nehmen können. Unter der Losung "freie Marktwirtschaft" ist dieses Verfahren üblich. Es führt zu jener ungeheuren Kapitalkonzentration, deren Auswirkung heute das Leben aller schwer bedroht.

Der Leiter eines Betriebes soll über die Verwendung seines Einkommens frei verfügen können. Er wird jedoch mit seinem Geld keinen Betrieb kaufen können, weil das Gesetz bestimmt, daß Betriebe, Fabriken, Produktionseinrichtungen unverkäuflich sind. Sie sind von allen geschaffen worden und müssen auch zum Wohle aller erhalten werden. Das heißt: Sie gehen im gegebenen Fall von einer Betriebsleitung auf die andere über, ohne daß die neue Betriebsleitung dafür Kapital aufbringen muß. Ein Betrieb ist einmal geschaffen worden, durch die Zusammenarbeit aller. Wenn er im Laufe der Jahre mehrfach verkauft und wieder gekauft werden kann, so entsteht dadurch ein großer volkswirtschaftlicher Verlust.

Das durch die ganz persönliche Leistung entstandene kleine oder große Vermögen von Angestellten, von Arbeitern, von Betriebsleitern usw. bleibt grundsätzlich ihr persönliches und unantastbares Eigentum bis zu ihrem Tode. Sie dürfen sich von Einkommen und Vermögen alle Waren kaufen, die ihr Herz begehrt. Sie dürfen sich nur das nicht kaufen, was die Rechte der anderen berührt und schädigt.

Was ist Ware und kann jederzeit gekauft werden von dem Menschen, der es bezahlen kann? Was ist Recht und darf niemals gekauft werden, auch wenn einer noch so viel Geld bietet? Über die mit diesen Fragen zusammenhängenden Probleme muß fortdauernd in einem freien Geistesleben aufgeklärt werden, und es muß für alle erkennbar gemacht werden, daß nur ein freies Geistesleben diese Aufklärung leisten kann. Wenn die Aufklärungsorgane, vor allem Presse, Funk und Fernsehen, von dem durch Kapital Herrschenden bestimmt werden, dann kann es genauso wenig eine wirkliche Aufklärung über die Tatsachen geben, wie es sie geben kann, wenn mächtige Funktionäre die Aufklärungsorgane beherrschen. Die Grundbedingung zu wirklicher Aufklärung ist die Freiheit der Aufklärungsorgane von der Macht der Wirtschaft und der Macht des Staates. Eben darüber muß man noch sehr lange aufgeklärt werden, bevor auf dieser entscheidenden Ebene wirkliche Durchbrüche kommen können.

In engem Zusammenhang mit der Frage des persönlichen Eigentums steht die des Erbrechtes. Was kann ein Mensch nach seinem Tode vererben, und an wen kann er es vererben? Es wird in sehr vielen Fällen eine ganze Reihe ganz persönlicher Dinge geben, die zu seinem Leben gehören und mit denen er die Umwelt, in der er lebt, ausstattet. Es dürfte zu den Selbstverständlichkeiten gehören, daß jeder Mensch gerade diese Dinge an ihm nahestehende Menschen vererben kann. Etwas anderes ist es mit den Dingen, die einen beträchtlichen Kapitalwert darstellen. Diese Dinge können nicht vererbt werden. Wo die Grenze Iiegt zwischen dem, was ein Mensch persönlich an andere Menschen vererben kann, weil es einen erheblichen Kapitalwert darstellt, das ist eine Rechtsfrage. Darüber wird die wahlberechtigte Gemeinschaft direkt entscheiden. Eine solche Entscheidung wird ihre Grundlage nur in einer freien Aufklärung über dieses Problem haben können. Zu verschiedenen Zeiten wird die Entscheidung darüber auch verschieden ausfallen müssen. Für derartige Entscheidungen ist im Sinne der Sozialen Dreigliederung grundlegend, daß kein Mensch in einer Gesellschaft auch sein persönliches Eigentum anders erwerben kann als mit Hilfe der ganzen Gesellschaft. Wo ein Mensch auch immer arbeitet und was er auch immer verdient, er kann es im Zeitalter der Arbeitsteilung nur dadurch erwerben, daß andere Menschen durch ihre Leistung ihm dieses Einkommen ermöglichen. Ein Betriebsleiter, der ein hohes Einkommen haben kann, ist unvorstellbar ohne die Mitarbeit der anderen Angestellten und Arbeiter innerhalb und außerhalb seines Betriebes.

Auf der Grundlage dieser Anschauung kann verständlich werden, daß größere Vermögensmassen, die ein Mensch sich während seines Lebens erworben hat, nach seinem Tode keinesfalls an persönliche Verwandte oder Freunde vererbt werden darf. Solange ein Mensch lebt, ist das Geld, was er sich erworben hat, sein unantastbares persönliches Eigentum. Nach seinem Tode tritt das Anrecht der Gemeinschaft in Kraft, die durch ihre Mitarbeit die Voraussetzung dafür geschaffen hat, daß der einzelne ein Vermögen erwerben konnte. Wenn die Mehrheit durch eine freie Aufklärung zum Verständnis dieses Zusammenhanges gekommen ist, und wenn sie in diesem Sinne entscheidet, dann wird das Erbrecht eine grundlegende Veränderung erfahren. Was für alle anderen Fälle gilt, das gilt auch für diesen Fall: Nicht eine kleine Elite darf die Grundlagen der Gesellschaft verändern, sondern nur die Mehrheit, auf der Grundlage des von ihr erworbenen Verständnisses.

Heute können große Kapitalmassen persönlich vererbt werden. Es ist bekannt, daß auf diese Weise ungezählte Millionen des Volksvermögens verschleudert werden. Sie werden bei dem Erben zu einer hohen Rente, und das auf diese Weise geerbte Kapital kann nicht im Dienste der Gesellschaft, der Gemeinschaft eingesetzt werden,

Produktionsmittel können überhaupt nicht vererbt werden. Sie sind von der Gemeinschaft geschaffen und können nur von dem vorhandenen Betriebsleiter an die Nachfolger übergeben werden. Kein Mensch wird nötig haben, durch ein Erbe einigermaßen menschenwürdig leben zu können. Für das menschenwürdige Dasein des einzelnen wird die Gemeinschaft selbst durch entsprechende Gesetze auf der Grundlage demokratischer Volksentscheidung sorgen. [1990]

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Was sind denn nun "Assoziationen"?

Der gesunde Menschenverstand sagt einem, daß die Aufgabe der Wirtschaft. darin besteht, die Menschheit ausreichend mit Gütern zu versorgen. In gar nicht lange zurückliegenden Zeiten war das nicht möglich, weil die Produktion der Wirtschaft nicht ausreichte. Heute ist es umgekehrt der Fall: Wir haben in den sogenannten zivilisierten Ländern des Westens eine Überproduktion, die es gestatten würde, die Menschheit ohne weiteres zu versorgen. Was fehlt, es ist die Absicht, diese Aufgabe zu erfüllen. Die Berichte von den Überflüssen der wirtschaftlichen Produktion, die laufend vernichtet werden, stehen in jeder Tageszeitung. Man braucht nur darauf hinzuweisen und daran zu erinnern.

Es gehört nicht viel dazu, um zu bemerken, daß die Wirtschaft heute in ausgesprochenem Maße fantastisch falsch funktioniert, wenn man die erwähnte Aufgabe ihr zugrunde legt. Der oft zitierte Realismus der in der Wirtschaft führenden Menschen orientiert sich am Gewinn und nicht daran, die Menschheit zu versorgen. Deshalb gibt es Hungersnöte. Die aktuelle und absolut abwegige Situation der heutigen Wirtschaft läßt sich nicht nur durch Aufklärung, durch ein vollkommen anderes menschengemäßes Bewußtsein der Verbraucher, der Menschen überhaupt, verändern. Der "Durchschnittsverbraucher" ist dahin manipuliert worden, sich um sein wichtigstes Interesse als Verbraucher in der Wirtschaft gar nicht zu kümmern. Dieses wichtigste Interesse des Verbrauchers besteht darin, sich eine Information darüber zu beschaffen beziehungsweise sie zu verlangen, wie der Preis einer Ware überhaupt zustande kommt. Es ist eine Komödie, wenn sie nicht so ungeheuer tragisch wäre, zu beobachten, daß kein einziger unter den Millionen doch wohl intelligenter Verbraucher beim Kauf einer Ware die entscheidende Frage stellt: Wie ist der Preis für das, was ich kaufe, zustande gekommen? Auf Anfrage läßt es sich von dem Verkäufer jeder Ware erzählen, daß sie selbstverständlich "preiswert", "solide" usw. wäre. Fragt der Verbraucher präzise: Wie ist denn der Preis dieser Ware denn nun wirklich zustande gekommen? - dann kann ihm kein Verkäufer das erklären, ihn darüber informieren. Zum Glück für den Verkäufer wird diese Frage auch niemals gestellt. Der Kauf und Verkauf einer Ware vollzieht sich unter dem Eindruck ganz allgemeiner Floskeln, z.B. "qualitativ hochwertig", "preiswert", "Sonderangebot" usw. Von wirklicher Information ist überhaupt nicht die Rede, der intelligente Verbraucher ist dazu manipuliert worden, eine solche Information überhaupt nicht zu verlangen.

Die Dreigliederung will genau an diesem Punkt ansetzen. Sie will darüber aufklären, daß der Verbraucher gerade in der Wirtschaft bewußt werden muß, wenn er sein fundamentales Interesse vertreten will. Das fundamentale Interesse des Verbrauchers besteht in einem gerechtfertigten Preis für die Ware, die er kaufen will. Dieser gerechtfertigte Preis kann nur erlangt werden, wenn der Verbraucher sich entschließt, mit dem Produzenten der Ware, die er kaufen will, zusammenzuarbeiten - bzw. sich solche Produzenten zu suchen, die dazu bereit sind. Die Soziale Dreigliederung spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten "Assoziationen". Unter „Assoziation" versteht sie den Zusammenschluß von Produzenten, Händlern und Verbrauchern einer Ware. Das heißt: Verbraucher, Händler und Produzent müssen sich zusammensetzen und darüber verhandeln, was sie voneinander wollen. Es ist ganz natürlich, daß der Produzent einen möglichst hohen Preis für seine Ware haben will. Genauso natürlich ist es, daß der Verbraucher einen möglichst niedrigen Preis für die Ware bezahlen will. Die entgegengesetzten Interessen von Produzenten und Verbrauchern müssen die Gelegenheit haben, sich zu begegnen und sich aneinander abzuschleifen, Das ist der Sinn der Assoziation. Der Verbraucher sagt dem Produzenten, welche Ware von welcher Qualität er haben möchte. Der Produzent antwortet darauf, zu welchem Preis er diese Ware herstellen kann. Er muß das nachweisen können. und legt entsprechende Unterlagen vor. Unterlagen über die Beschaffung des Rohstoffes, die Arbeitszeit, den Entgelt für die Arbeitsleistung usw. Das heißt: in der Assoziation bekommt der Verbraucher die erforderliche Einsicht über die notwendigen Preise, die der Produzent haben muß. Ohne den Einblick in die erforderlichen Unterlagen sollte der Verbraucher in Zukunft nicht bereit sein, eine Ware zu kaufen. Die meisten Menschen werden solche Assoziationen angesichts der katastrophalen Zustände in der Wirtschaft, an die sie sich gewöhnt haben, für unmöglich halten. Auch katastrophale Zustände können als üblich und gewohnheitsgemäß hingenommen werden. Aber sie können auch allmählich abgebaut werden. [1991 ]

Wenn man die Idee der assoziativen Wirtschaft der Sozialen Dreigliederung mit den riesigen Konzentrationen in der Weltwirtschaft vergleicht, die heute immer weiter voranschreiten, dann kann man glauben, diese assoziative Idee werde sich niemals verwirklichen lassen. Die Tatsachen sprechen allerdings heute schon dagegen. Auf zahlreichen Gebieten der Wirtschaft bilden sich in zunehmendem Maße kleine Zusammenhänge zwischen Produzenten und Verbrauchern. Besonders in der Landwirtschaft. Die Landwirte wissen, daß sie durch die Wirtschaftspolitik der Europäischen Gemeinschaft ruiniert werden. Nach den Absichten der EG soll in Zukunft nur noch eine Landwirtschaft überleben können, die fabrikmäßig mit ganz großen Flächen, Tierhaltungen usw. arbeitet. Für die kleine und mittlere Landwirtschaft wird es dadurch zur Überlebensfrage, Verbraucher zu finden, mit denen sie assoziativ zusammenarbeiten können. Und solche Assoziationen zwischen Bauern und Verbrauchern breiten sich in der Tat immer mehr aus. Da weiß der Bauer einfach aus der Erfahrung, daß er von einer vertrauenswürdigen Verbraucherschaft unmittelbar abhängt. Da wissen die Verbraucher, daß die gesunde Nahrung, die sie wünschen, nur noch zu haben ist, wenn sie selbst für die wirtschaftliche Existenz ihres Bauern sorgen. Das ursprüngliche Lebensgesetz aller Wirtschaft kommt wieder zum Vorschein: Hersteller und Verbraucher sind voneinander abhängig, sind aufeinander angewiesen. [1988]

Immer mehr Menschen bemerken, daß sie durch die tägliche Nahrung in Gefahr sind, vergiftet zu werden. Sie suchen sich also Hersteller (Landwirte), die bereit sind, ihnen relativ gesunde Nahrungsmittel zu liefern. Jegliche Weiterentwicklung hängt von der Einsicht und der Vernunft und der Tatkraft der Menschen ab. Viele sind aktiv geworden und holen sich einen Teil ihrer Nahrungsmittel von einem Bauern, der Sie auch darüber informiert, daß er zum Beispiel ohne Kunstdünger arbeitet usw. Er informiert sie nicht nur, sondern er bittet auch im Bedarfsfall um ihre Hilfe. So kommt es zu jener Brüderlichkeit, die für die Wirtschaft im Sinne der Sozialen Dreigliederung maßgebend sein soll. Jeder weiß von dem anderen, und jeder hilft auch dem anderen. Leider ist dieser Idealzustand noch lange nicht erreicht, aber die bestehenden Ansätze weisen auf eine Richtung, deren Ziel eben dieses brüderliche Zusammenarbeiten ist.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß es auf dem noch sehr langen Wege zu einer assoziativen Wirtschaft zum großen Teil soweit gekommen ist, daß die Menschen, die das wollen, im Anfang steckengeblieben sind. Das sieht dann so aus, daß der Produzent sich nicht mit dem Verbraucher an einen Tisch setzt, sondern ihm durch gute Orientierung über die Marktlage zum Beispiel gesundes Gemüse und gesunde Säfte liefert. So geschieht es vielfach. Der Verbraucher wird dabei mal wiederum zu einem in keiner Weise informierten Empfänger einer Ware erniedrigt. Und der Produzent kann auf diesem Wege in einem rein kapitalistischen Sinne sehr viel Gewinn machen.

Der Versuch einer Neugestaltung wird immer mit Mißständen zu tun haben. Die Produzenten werden so lange der Versuchung erliegen, vollkommen ungerechtfertigte Gewinne zu erzielen, wie der Verbraucher nicht bewußt sein Interesse vertritt. Und der so sehr manipulierte Verbraucher wird einen langen Weg vor sich haben, bevor er sein einfachstes Interesse nach einer Ware, deren Wert er wirklich kennt, auch erreicht. Aber es gibt auf dem Anfang dieses Weges auch sehr positive Beispiele. Da sieht man die Verbraucher eines gesunden Gemüses gemeinsam mit dem Bauern auf dem Feld stehen und das Gemüse ernten. So etwas gibt es wirklich schon heute. Jeder dient dem Interesse des anderen. Der Bauer will sein Gewissen nicht damit belasten, den Boden zu vergiften, um mehr zu ernten. Der Verbraucher will Gemüse, das ihn nicht vergiftet, sondern sein Leben erhält. Es ist noch ein langer Weg, bis es dahin kommt, daß Produzenten und Verbraucher wirklich zusammenarbeiten. Aber der Anfang dazu ist jedenfalls auch bereits in unserer Zeit gemacht

Einwände gibt es natürlich viele. Da heißt es: Ich kann doch nicht für jede Ware, die ich brauche, Mitglied einer Assoziation werden. - Das ist auch gar nicht verlangt. Jeder wird dort anfangen, wo es ihm wirklich auf den Nägeln brennt, das heißt, wo sein Bewußtsein bereits hell geworden ist. Es gibt viele Formen, in denen Assoziationen entstehen und gedeihen können. Wer sie wirklich will, der wird auch den Weg dazu finden. Der größte Einwand liegt dort, wo es sich im Grunde genommen um unseren Unwillen, um unsere Trägheit handelt, überhaupt etwas neu zu überlegen. Das gilt immer noch für alle Gebiete des sozialen Lebens und wird solange gelten, bis uns greifbare Lebensnotstände erst einmal zum Umdenken und dann zum anderen Handeln zwingen. [1991 ]

Die Soziale Dreigliederung geht davon aus, daß sich im Kleinen das ankündigt, was Erfahrungen durchmacht, was sich bewährt, was scheitert, was wieder neu beginnt. Der kleine Zusammenhang ist sozusagen die Probestrecke; in den großen Zusammenhang kann nur das treten, was sich im kleinen Zusammenhang bereits bewährt hat - und zwar schrittweise. Für die angestrebte Assoziation einer Wirtschaft gibt es lebendige Gesetze. Sie besagen, daß ein zu kleiner assoziativer Zusammenhang nicht lebensfähig, weil zu kostspielig ist. Sie besagen, daß ein zu großer assoziativer Zusammenhang für die Menschen zu unübersichtlich wird und daran scheitert. Die Menschen selbst müssen aus ihrer Erfahrung heraus, nach vielem Scheitern, das finden, was für eine begrenzte Zeit produktiv und richtig ist. Im sozialen Leben kann es niemals endgültige Einrichtungen geben. Deshalb nicht, weil das soziale Leben lebendig ist - die Einrichtungen müssen so sein, daß sie sich schnell aufgrund von Erfahrungen verändern lassen. Aussichtslos? Ich finde, daß uns das Leben heute auf allen Gebieten zu immer mehr Beweglichkeit und Veränderungswillen herausfordert, [1988]

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Bewußtseins-Stufen

Man kann ja doch nichts machen!

Die Menschen haben sich an die alten Einrichtungen und Mißstände vollkommen gewöhnt. Sie schimpfen über die Mißstände, aber sie lassen alle Einrichtungen bestehen, aus denen die Mißstände hervorgehen. Alte Menschen schimpfen darüber, daß die Parteien im Bundestag machen, was sie wollen und sich nicht an die gegebenen Wahlversprechen halten. Und trotzdem gibt jeder Staatsbürger von neuem seine Stimme an eine Partei ab - und gibt damit wiederum den Bundestagsabgeordneten für volle vier Jahre die absolute Vollmacht.

Kein Mensch denkt daran, was man tun könnte, um diesen Mißstand (daß die Parteien machen können, was sie wollen) wirklich abzuändern. Kommt einer wirklich mit einem brauchbaren Vorschlag, wie man diesen Mißstand abändern könnte (z.B. durch die Einführung der Abstimmung aller Wahlberechtigten über Grundrechte), dann klammern sich die gleichen Leute, welche vorher über die Mißstände geschimpft haben, mit sturster Hartnäckigkeit an die alten Einrichtungen, aus denen laufend Mißstände hervorgehen. So kann man heute die groteskesten Situationen erleben. Man sitzt z.B. mit Leuten zusammen, die alle gemeinsam furchtbar über die Mißstände schimpfen. Jetzt kommt einer und sagt: "Ja, die ganze Sache ist doch falsch eingerichtet! Es ist doch ganz klar, daß die Bundestagsabgeordneten machen, was sie wollen, wenn sie vier Jahre lang eine absolute Vollmacht haben! Wir sind doch selbst schuld - wir müssen die Sache anders einrichten! Wir müssen als Staatsbürger die Möglichkeit haben, einzugreifen, wenn die Abgeordneten Gesetze machen, mit denen sie uns unterdrücken."

Wenn einer solch einen Vorschlag macht, dann schreien viele sofort: "Wir müssen uns doch an die gegebenen Tatsachen halten! Wir kleinen Leute können doch nichts ändern - das Grundgesetz ist doch nun mal so, daß es keine Volksabstimmung vorsieht. Wo denkst du hin - wir können doch nicht das Grundgesetz ändern!" - Solche und ähnliche Reden kann man dann hören. Und wenn die Machthaber die größten Verbrechen im Gesetz verankern -, die Menschen sagen, sie können doch nichts ändern, und gehen von den gegebenen Tatsachen aus.

Viele schimpfen, stöhnen und klagen über die "gegebenen Tatsachen". Aber daß man die gegebenen Tatsachen durch eigene Einsicht und eigene Kraft ändern muß - und zwar grundlegend -, wenn man nicht selbst schuldig werden will an den Mißständen und an zahllosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die durch Machthaber in Staat und Wirtschaft verübt werden, daran denken sie nicht. Meckern und Schimpfen ist ein Vergnügen - das tun alle gern - kommt aber einer, der sie zum Nachdenken auffordert und der einen Vorschlag hat, wie man es vielleicht besser machen könnte, dann halten sie ihn gleich für einen Revolutionär und klammern sich - zwar meckernd und schimpfend - an die gegebenen Tatsachen.

Jeder Mensch muß heute selbst nachdenken, wenn weitere Katastrophen verhindert werden sollen. Jeder Mensch muß die Tatsachen des heutigen öffentlichen Lebens nicht nur kennen, - er muß auch erkennen können, ob die bestehenden Einrichtungen nützlich oder schädlich sind. Und jeder Mensch muß heute wissen, daß er nur durch seine eigenen Einsicht und seine eigene Tatkraft (und sei es durch seine eigene Stimme bei der Volksabstimmung) alle öffentlichen Einrichtungen immer wieder so verändern kann, daß Unheil verhütet und erreicht werden kann, was der Gemeinschaft dient.

Die Menschen sagen: Die Steuergesetze sind nun einmal da, also müssen wir uns danach richten. Sie handeln so, als hätten sich die Steuergesetze von selbst geschaffen. Würde man sich klarmachen: die Menschen haben die Steuergesetze so gemacht, daß ein vollkommener Blödsinn dabei herausgekommen ist, dann würde man auch anerkennen, daß nur Menschen sie wieder ändern können, dann würde man die blödsinnigen Steuergesetze und die zahllosen anderen Unsinnigkeiten des öffentlichen Lebens nicht einfach hinnehmen können, sondern sich dafür verantwortlich fühlen, daß bessere Zustände eintreten.

Der so "harmlose" Gedanke „man kann ja doch nichts machen" hat die Auswirkung, daß die verbrecherischsten Taten ungehindert geschehen können, weil gerade die Menschen, welche etwas gegen das Unheil tun könnten (und müßten!), sich durch ihre eigenen Gedanken lähmen. Jeder Mensch kann einsehen: In dem Moment, wo an die Stelle dieser tödlichen und lähmenden Gedanken aktive Gedanken von den Menschen erfaßt würden, würden sich auch die praktischen Tatsachen des sozialen Lebens zum Besseren wenden können.

Eine Menschheit, die von sozialpolitischer Trägheit besessen ist und nach dem Motto lebt: "Es hat doch alles keinen Zweck, der Geist oder das Gute unterliegt doch immer, ich kümmere mich um gar nichts mehr", eine solche Menschheit verurteilt sich selbst zum Tode. Eine Menschheit, welche die notwendigen aktiven Gedanken in sich aufnimmt, die sich sagt: "Selbstverständlich muß ich als Bürger im Staat handeln, ich bin ja verantwortlich für meine Generation; ich darf doch nicht einfach zusehen, wenn die widersinnigsten und verderblichsten Dinge geschehen, ich muß mich einschalten, ich muß brauchbare Wege finden, wie Freiheit und Menschenrecht geschützt und ein Mißbrauch der Gewalt verhindert werden kann, usw. - Eine solche Menschheit wird durch derartige Gedanken auch zu produktiven Tatsachen im sozialen Leben kommen. Nur aus solchen Gedanken heraus werden üble Elemente erkannt und ausgeschaltet werden können, und nur aus solchen Gedanken werden die notwendigen sozialen Neuordnungen konsequent und ohne Zerstörung erreicht werden können.

Hier kommt es darauf an zu zeigen, daß Gedanken in jedem Fall die wirksamsten Kräfte in der Geschichte und der Entwicklung der Menschen sind. Alles, was heute als "gegebene Tatsache" in der Welt vorhanden ist, das war vorher in den Gedanken der Menschen da. Die "gegebenen Tatsachen" von heute sind an Furchtbarkeit und katastrophaler Gefährlichkeit nicht zu übertreffen - das geben auch die "Praktiker" und "Realisten" zu, Man denke z.B. nur an die Atomgefahr. Es liegt ja auch nur allzu offen auf der Hand. Die gegebenen Tatsachen müssen also geändert werden, wenn die Endkatastrophe nicht eintreten soll. Sie können nur geändert werden, wenn die Menschen die Kraft aufbringen, nicht nach den gegebenen Tatsachen zu denken - die führen ja die Katastrophe mit sich -, sondern neue, fruchtbare Gedanken zu denken.

Nur aus solchen neuen Gedanken heraus können die Katastrophen-Tatsachen von heute so verändert werden, daß ein Fortleben der Menschen auf der Erde überhaupt möglich ist. Die ganze Menschheit kann durch falsche Gedanken zu einer umfassenden Trägheit veranlaßt und ins Verderben gestürzt werden. Das beweisen die Tatsachen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Aber auch das Umgekehrte kann - und muß - heute eintreten. Praktische, fruchtbare und aufbauende Gedanken müssen der Menschheit gegeben werden. [1956]

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Geschichtliche Entwicklungen

Auch im Mittelalter gehörten Wirtschaft und Arbeit zueinander. Kein Mensch konnte sein täglich Brot essen, ohne daß andere Menschen da waren, die das Land bebauten und das Getreide lieferten. Damals bestand eine genauso enge Verbindung zwischen Wirtschaft und.Arbeit wie heute. Aber die Arbeitsbedingungen im Mittelalter waren so, daß viele Menschen damals als Leibeigene leben mußten. Das heißt: Sie hatten überhaupt nicht das Recht, in irgendeiner Weise zu bestimmen, wann sie aufhören sollten zu arbeiten und wann sie wieder beginnen sollten mit der Arbeit. Sie waren nicht nur in Bezug auf ihre Arbeitsbedingungen, sondern im Hinblick auf ihr ganzes Leben abhängig von den Gutsbesitzern, bei denen sie in Leibeigenschaft waren. Geht man noch ein Stück weiter in der Menschheitsgeschichte, so findet man ebenfalls ein engstes Verflochtensein zwischen Arbeit und Wirtschaft. Auch im alten Rom konnten die Menschen nur deshalb leben, weil andere Menschen die Felder bestellten und das Getreide lieferten, aus dem das Brot hergestellt wurde. Aber die Arbeitsbedingungen im alten Rom waren vielfach Bedingungen der Sklaverei. Der arbeitende Sklave hatte nicht das geringste Recht über sein Leben. Er mußte jede Arbeitsbedingung, die ihm von seinem Herrn befohlen wurde, hinnehmen. Ja, er mußte sogar hinnehmen, wenn sein Herr ihn tötete. Die sklavenartigen Arbeitsverhältnisse sind auch in unserer Zeit keineswegs ausgestorben. Sie werden hartnäckig von gewissen "Herren" in Teilen Afrikas und Südamerikas aufrechterhalten. [1973]

Im Mittelalter wurde der ganze Mensch als Sklave verkauft. Später gab es Leibeigenschaft. Da wurde der Mensch zur Arbeit für seinen "Herrn" gezwungen. Der "Herr" durfte ihn zwar nicht ohne weiteres totschlagen, aber sonst hatte der Leibeigene keine Rechte.

Genauso, wie früher Sklaven verkauft wurden, muß der Arbeiter und Angestellte von heute seine Arbeitskraft verkaufen. Er verkauft damit seine Freiheit und einen großen Teil seiner Menschenwürde. Solange der Mensch seine Arbeitskraft im Wirtschaftsleben verkaufen muß, bleibt er auch heute noch Sklave. Auch heute entscheidet ein Unternehmer darüber, ob ein Mensch auskömmlich leben kann oder -verhungern muß. [1956]

Zum Schulwesen- Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung war es notwendig, daß der Staat der früher allherrschenden Kirche das Erziehungs- und Unterrichtswesen abgenommen hat. Im Übergang vom Mittelalter, in der es nur kirchliche Erziehungseinrichtungen gegeben hat, war es ein Fortschritt, daß der Staat durch allgemeines und gleiches Recht für jedermann eine Grundschulbildung durchsetzte. Erziehung und Unterricht durch die Kirche war im Mittelalter eine Erziehung und ein Unterricht für die Kirche. Nur wenige Menschen wurden von den Erziehungseinrichtungen der Kirche erreicht, die Mehrheit bestand aus Analphabeten. Es war daher richtig und notwendig, daß durch staatliche Mächte eine Bildung für jedermann durchgesetzt wurde. Was damals richtig war, ist heute falsch, denn inzwischen haben die staatlichen Mächte ebenfalls Erziehung und Unterricht zu einem Machtinstrument für die herrschenden Kreise in den einzelnen Staaten gemacht. Der Mensch wird heute durch die staatlichen Erziehungs- und Unterrichtseinrichtungen genauso im Interesse der staatlichen Machthaber von Kindheit auf manipuliert, wie früher die Kirche die Menschen manipuliert hat. Aus diesem Grunde muß heute an die Stelle der staatlichen Schulverwaltung die volle (freie) Selbstverwaltung jeder Schule treten. [1970]

Durch Jahrtausende hindurch hatten die Menschen, die sogenannte breite Masse, das Volk, keinerlei politischen Einfluß. Was ein Mensch zu tun hatte und wie ein Mensch zu denken hatte, das wurde von denen bestimmt, welche die Führung innehatten, Wie der Mensch lebte, was er arbeitete, wie lange er arbeitete, das alles wurde von oben bestimmt. Die Führenden, ob nun Priesterkönige wie im alten Ägypten, ob Kaiser oder Könige oder Päpste oder Grafen, hatten gegenüber dem Volk eine gottähnliche Position. Was angeordnet wurde, das wurde hingenommen, wie wenn es Gott persönlich angeordnet hätte. Der Bewußtseinszustand der allermeisten Menschen wurde durch eine Dumpfheit bestimmt. Alles wurde, wie von einer göttlichen Macht angeordnet, hingenommen und ausgeführt. Auch die Bauernaufstände und andere Empörungen änderten grundsätzlich an diesem Zustand nichts.

1871 bekamen die Deutschen noch einen Kaiser "von Gottes Gnaden". Das erinnert an die alten ägyptischen Priesterkönige, die tatsächlich göttlich begnadet waren und deren Lebensregel den dumpfen Volksmassen zum Segen gereichten. 1871 war das von Gottes Gnaden" nur noch ein Titel, eine leere Phrase, aber diese Phrase wurde von der Mehrheit des deutschen Volkes hingenommen, weil man immer noch, obwohl vollkommen unbegründet, an der Tradition festhielt, daß diejenigen, die oben waren, und derjenige, der ganz oben war, mehr weiß als alle anderen und auch einen besseren Charakter hat als die übrigen Menschen.

Erst mit dem Aufkommen der Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert begann dieser Zustand sich zu verändern, weil der Bewußtseinszustand der Menschen wacher geworden war. Man hatte endlich bemerkt, daß die politisch Führenden nicht die Menschen sind, die unbedingt mehr wissen, und schon gar nicht die Menschen, die einen besseren Charakter haben als alle anderen Menschen. Es kam zu repräsentativer Demokratie, in der wir heute noch leben. Es kam zur Gründung von Parteien, welche die Interessen bestimmter Bevölkerungskreise zur Geltung bringen sollten. Das war in gewisser Beziehung ein entscheidender Fortschritt gegenüber dem vorher gültigen Zustand. Nun mußte das Volk erst erleben, daß die Führer dieser Parteien, sobald sie Macht hatten, entarteten. Am furchtbarsten traf das die Arbeiterschaft. Sie mußte erleben, daß ihre Führer, die doch gelobt hatten, für die Freiheit und für den Wohlstand aller zu sorgen, zu furchtbarsten Diktatoren entarteten. Dieses Erleben war und ist ein wichtiger Bewußtseinsfortschritt, so furchtbar er die Betroffenen trifft. Aus dieser welthistorischen Enttäuschung, die furchtbarste Folgen für die Menschheit hatte und noch hat, trat als neue Forderung die Abstimmung des Volkes, die direkte Abstimmung des Volkes über sein Leben hervor. Man fängt an zu begreifen, daß das Volk selbst und unmittelbar die Entscheidung treffen muß über Fragen, die mit seiner Existenz und seinem Leben zusammenhängen. Darin liegt ein weiterer wichtiger Bewußtseinsfortschritt. Es geht darum, nicht mehr die Macht zu übertragen an irgendeinen Menschen oder eine Gruppe, sondern die Macht selbst und unmittelbar auszuüben als Mehrheit. Jetzt hängt alles davon ab, ob die Befürworter der Volksabstimmung sich darüber klar sind, daß Volksabstimmung nicht auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens brauchbar ist. Daß sie schwersten Schaden anrichten kann, wenn sie dort angewendet wird, wo sie nicht hingehört. Wird dieser Bewußtseinsschritt vollzogen, dann kann sofort und unmittelbar der Segen der Volksabstimmung für alle Menschen zur Geltung kommen. Ist dieser Bewußtseinsschritt noch nicht reif, wird die Volksabstimmung für alle Gebiete ermöglicht, dann muß die weitere Entwicklung noch einmal durch einen Zustand des Chaos gehen. Dann würden Herr Meier und Frau Müller, von der Bild-Zeitung geführt, durch Volksabstimmung die Todesstrafe wieder einführen oder andere Wahnsinnigkeiten. Man kann nur hoffen und dafür tätig sein, daß die Volksabstimmung in der richtigen Weise zur Aufklärung gelangt.

Es ist zu bedenken, daß das Uralte auch noch im Neuesten lebt. Uralt ist die blinde Gläubigkeit an eine Partei oder irgendeinen Führer. Diese Gläubigkeit lebt in der neuesten Zeit, nämlich in unserer Zeit, immer noch sehr fort. Deshalb kann sich die CSU in Bayern erlauben, gegen eine Volksabstimmung mit dem sehr "aufschlußreichen" Wahlplakat anzutreten: "Bayern wählt CSU". Das ist ein Appell an die dumpfeste Unbewußtheit. Sie lebt unter uns noch wie im alten Ägypten. Aber das wirklich Neue lebt auch unter uns. Es lebt neben dem Uralten. Wenn man die geschichtliche Entwicklung der Menschheit betrachtet, dann fällt auf, daß das politische Bewußtsein der Menschen sich immer weiter entwickelt hat. Die Entwicklung ging allerdings in der Regel so langsam, daß ein Zeitgenosse, obwohl er 80 Jahre alt war, zu dem Gedanken kommen konnte, daß sich überhaupt nichts entwickelt hat und daß sich niemals etwas entwickeln würde. Die Menschheit würde immer dumpf bleiben. So kann man es auch heute vielfach hören. Der Irrtum liegt darin, daß die Anfänge neuer Entwicklungen gar nicht wahrgenommen wurden. Oder, wenn sie wahrgenommen wurden, wurden sie für unwesentlich gehalten. Wer sieht, daß alles, was sehr groß geworden ist, sich ursprünglich aus kleinsten Anfängen entwickelt hat, der kann diesen Irrtum überwinden. [1991 ]

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Karl Marx und die bürgerliche Wissenschaft

Der Marxismus trat in Form von wissenschaftlich abgefaßten Gedanken an die Arbeiterschaft heran. Die Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts nahm den wissenschaftlichen Marxismus mit der ganzen Hoffnung und der ganzen Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Dasein auf.

Die Arbeiterschaft selbst konnte nicht wissen, was nicht einmal Karl Marx wirklich bewußt war: Der Marxismus und seine Begründer Marx und Engels waren selbst in der Schule des bürgerlichen Denkens aufgewachsen. Sie waren bürgerliche Denker, obwohl sie in ihren politischen Forderungen das Bürgertum bekämpften. Sie übernahmen den größten Teil der Denkgewohnheiten und Irrtümer jenes wissenschaftlich gebildeten Bürgertums, aus dem sie selbst hervorgegangen waren.

Nicht Marx und Engels hatten den Gedanken gedacht, daß alles Geistesleben nur eine Ideologie sei, daß im Gedankenleben keine Wahrheit sei. Diese Gedanken waren längst vor ihnen von anderen bürgerlichen Denkern gedacht worden. Marx und Engels haben diese bürgerlichen Gedanken zur Grundlage ihres Gedankensystems gemacht.

Auf diese Weise entstand die Spaltung, die für die ganze Entwicklung des Marxismus bezeichnend geworden ist. Der Marxismus selbst stellt eine gewaltige geistige, gedankliche Kraft dar, aber er selbst vertritt mit aller Energie die Auffassung, daß geistige, gedankliche Kräfte überhaupt keine Bedeutung im Leben der Menschheit haben.

Die Bedeutung dieses marxistischen Gedankens, der schon lange vorher von bürgerlichen Denkern gedacht worden ist, macht man sich heute im allgemeinen nicht klar. Man muß aber einmal den Mut aufbringen, sich deutlich vor Augen zu stellen, was es bedeutet, wenn der moderne Mensch auch heute noch in der Regel die Auffassung vertritt, daß alles Geistesleben, also Kunst, Religion, Sitte, Recht usw., nur eine ideologische Bedeutung haben, d.h., daß darin nur die Interessen ganz bestimmter Gruppen und Klassen zum Ausdruck kommen.

Wer diese Gedanken wirklich verinnerlicht, der muß alle Hoffnung auf eine bessere Menschheitszukunft verlieren. Denn dann gibt es nichts, woran der Mensch sich halten kann, nichts, an dem er erkennen kann Wahrheit oder Irrtum, Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit. Dann ist alles durch ein "objektiv" im ökonomischen Prozeß verlaufendes Geschehen zu erklären, in welches der Mensch unerkennend verwickelt und verwoben ist.

Kunst, Religion, Sitte, Recht sind nach marxistischer Auffassung Ideologie - Spiegelbild der ökonomischen Verhältnisse.

Es muß immer wieder betont werden, daß die Abschaffung und Ausrottung der geistigen Werte, aus denen heraus das gesellschaftliche Leben seine Kräfte empfangen soll, nicht vom Marxismus bewirkt worden sind, sondern von der bürgerlich-materialistischen Wissenschaft, deren geistiges Kind der Marxismus ist.

Schon lange bevor Marx seine politischen Lehren in die Welt gestellt hat, haben die bürgerlichen Wissenschaftler "festgestellt', daß es kein geistiges Leben mit einer eigenen Gesetzlichkeit gibt und daß aus dem geistigen Leben nichts in das Dasein des gesellschaftlichen Lebens hereinbrechen kann, was diesem materialistischem Leben eine andere, geistgemäße Richtung gibt. Schon längst, bevor es einen Karl Marx gegeben hat, hat die bürgerliche Wissenschaft die selbständige Bedeutung des Geisteslebens, der Religion, der Sitte, des Rechts, der Kunst, abgeschafft. Marx war nur ehrlicher als die bürgerlichen Denker vor ihm. Er hat die Tatsachenkonsequenz aus der von bürgerlichen Wissenschaftlern abgeschafften Welt des geistigen Lebens gezogen. Der bürgerliche Denker Marx und seine Vorgänger waren natürlich intelligent genug, um festzustellen, daß es Gedanken gibt und daß der Mensch in der Lage ist, Gedanken zu denken. Aber für die bürgerlichen Denker vor Marx und für Marx selbst waren und sind Gedanken nur Abglanz und Spiegelbild des materiell-ökonomischen Lebens.

Marxisten und sogenannte christliche Materialisten räumen natürlich ein, daß die Gedanken, wenn sie einmal entstanden sind, auch wieder auf das materielle Leben zurückwirken. Aber das Entscheidende liegt doch darin, daß sie behaupten: Alle Gedanken steigen als ideologische Gebilde, als Instrumente des Gruppen- und Klassenegoismus aus dem materiellen Leben auf. Nicht Gedanken können nach bürgerlich-wissenschaftlicher und nach marxistischer Auffassung etwas geben, das dem sozialen Leben eine neue Richtung gibt, was soziale Schwierigkeiten und Katastrophen vermeiden kann. Nur innerhalb des materiellen, ökonomischen Lebens selbst kann etwas entstehen, das dann schließlich - in den Gedanken der Menschen sich widerspiegelnd - produktive soziale Prozesse bewirkt.

Der Unterschied zwischen der einen und der anderen Auffassung für die Praxis des gesellschaftlichen Lebens ist ungeheuer groß. Sind wir nämlich der Auffassung, daß es keine Gedanken von Menschen gibt, die völlig unabhängig von materiellen Prozessen aus dem Geist genommen und durch den Geist des Menschen verwirklicht werden können, dann ist alles Heil und Unheil der Menschheit von zufälligen materiellen Prozessen abhängig. Erkennt sich der Mensch dagegen als ein Wesen, das in der Lage ist, aus seinem Geist heraus Gedanken aus der geistigen Welt zu empfangen und in sich zu aktivieren, die dem materiellen Leben eine völlig neue Richtung geben können, dann - und dann allein - gibt es eine menschliche Entwicklung für eine für eine Gesellschaft, die von Menschen selbst zu einer Gesellschaft mit dem Antlitz des Menschen gestaltet wird. [1973]

Wenn der Mensch sich die Fähigkeit abspricht, durch Gedanken die Tatsachen zu gestalten, dann allerdings kann er zum Spielball eines jeden Diktators werden, der seine Gedanken und seine Machtziele den Menschen aufzwingt. Wenn auch die oben angeführte marxistische Lebensauffassung von späteren Marxisten vielfach verlassen worden ist, so blieb sie doch in ihrer Grundgesinnung bis heute erhalten.

Brot für alle Menschen auf der Erde ist da! Warum kommt das Brot nicht zu denen, die es brauchen? Weil falsch gedacht wird!

Kein Organisationsproblem, da bei Katastrophen in kürzester Zeit die nötigen Lebensmittel da sind. - Was in der Praxis getan wird, geschieht auf der Grundlage bestimmter Gedanken.

Weizen wird vernichtet, weil die maßgebenden Stellen denken, daß er vernichtet werden soll. Kaffee wird vernichtet, weil die maßgebenden Stellen denken, daß er vernichtet werden soll. Butter wird vernichtet, weil die maßgebenden Stellen denken, daß sie vernichtet werden muß (Weltmarktpreis-Stabilisierung).

Meine Gedanken müssen in der Lage sein, mir
1. dabei zu helfen, meine täglichen Aufgaben in Ordnung zu bringen, und
2. eine Weltanschauung vom Leben zu vermitteln, die mir mein Leben sinnvoll erscheinen läßt. Also eine logisch zu begründende Weltanschauung - keine Weltanschauung, an die ich glauben muß, sondern eine, die mir einleuchtet. [1956]

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Anthroposophen und die Dreigliederung

Nach meiner Erfahrung gibt es kaum eine Gruppe, die "den Marxismus" so entschieden ablehnt und sich so wenig mit ihm beschäftigt hat, wie die Anthroposophen. Auch hier bestätigen wenige Ausnahmen die Regel. Einige ausgezeichnete Kenner des Marxismus unter den Anthroposophen sind mir bekannt, sicher gibt es mehr. Auf jeden Fall ist mir in dem recht ausgedehnten anthroposophischen Schrifttum in den letzten Jahren nichts begegnet, was darauf hinweist, daß man sich gerade aus anthroposophischer Sicht, und das könnte schon sehr ergiebig sein, darum bemüht, auch die positiven und konstruktiven Ansätze und Tatsachen im marxistischen Raum überhaupt zu sehen, geschweige denn ihnen mit den Methoden der Geisteswissenschaft nachzugehen.

Im allgemeinen herrscht einfach die Faustregel: "Marx ist Materialist, der Marxismus ist eine rein ökonomisch-materialistische Anschauung, - da kann nur das Böse herauskommen." Ich vermisse die Beziehung zu den Aussagen Steiners über "Gut" und "Böse". Ich vermisse, und das gilt wieder als Regel mit wenigen Ausnahmen, überhaupt in anthroposophischen Kreisen das echte Betroffensein von der Lage der Menschheit in der Verbindung zu den Strukturen der Gesellschaftsformen in aller Welt. Ich erfahre immer wieder in diesen Kreisen den Rückzug auf die Arbeit an der eigenen Institution - opferbereit, einsatzbereit, ja und 1000 Mal ja! -, aber ohne Sinn und ohne Engagement für die "fundamentale Neuordnung der sozialen Verhältnisse". Das ist in meinen Augen so bürgerlich, wie es überhaupt nur im Bilderbuch ausgemalt werden kann.

Die große Abrechnung mit den unbrauchbaren, korrupten Verhältnissen der Vergangenheit und Gegenwart, - Weg und Ziel der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, - dafür können sich Anthroposophen nicht risikobereit engagieren. Ich meine, nicht deshalb, weil sie Anthroposophen sind, sondern, weil sie die Anthroposophie auf ihre mehr oder weniger unverändert bürgerlichen Lebensformen und Verhaltensweisen draufgesetzt haben. Steiner rief seinen Anhängern entgegen- "Unsere Gegner sind verruchte Kerle, haben verruchte Ziele, aber Mut haben sie. Diesen Mut brauchen wir."

Ich habe erfahren, daß Anthroposophen viel Geduld, viel Ausdauer, viel Einsatzbereitschaft hatten und haben, sehr viel Geschick und Diplomatie. Aber "Mut vor Königsthronen" fand ich nicht (wieder mit ganz wenigen Ausnahmen), weder intern noch extern. Historisch gesehen: Das Bürgertum hatte in seiner Mehrheit niemals Mut zum Existenzrisiko für eine menschenwürdige soziale Zukunft aller. Es versucht seine Institutionen und lnstitutiönchen, auch, wenn es die allerschrägsten Kompromisse mit den Inhabern der Macht eingehen muß, zu retten und ist entsetzt, wenn schließlich doch alles zerstampft wird. Es könnte der Selbstbesinnung in anthroposophischen Kreisen dienen, wenn einmal Geschichte und Untergang der anthroposophischen Institutionen während der Nazi-Zeit in enger Verbindung zu ihrer Förderung - und deren Bedingungen - durch den gegenwärtigen Staat aufgezeigt würde, Ich habe den Eindruck, daß die Förderung der anthroposophischen Institutionen durch den heutigen Staat dem Ende zugeht. Der Staat beginnt, Lunte zu riechen, und der anthroposophische "Hase" ist bereits gezwungen, immer diplomatischere Haken zu schlagen. Dabei ist es niederschmetternd, zu erleben, daß die Anthroposophen bereits wieder dabei sind, nur um das Überleben ihrer Institutionen zu kämpfen anstatt um die Grundlagen der Freiheit und Gleichberechtigung aller. [1989]

Was heißt das, Erneuerung der Grundlagen unseres gesellschaftlichen Lebens? Das wird am deutlichsten, wenn man die Anpassungsbestrebungen mit den radikalen Forderungen der Sozialen Dreigliederung vergleicht. Die Anpasser freuen sich über jedes Lob, welches zum Beispiel ein Vertreter der staatlichen Schulbürokratie ihren Schulen zuteil werden läßt. Sie bringen höchst kostenaufwendige Drucksachen und Schriften in Umlauf, welche die Eröffnungsreden eines staatlichen Schulbürokraten, am liebsten eines Kultusministers, enthalten. Dabei geht es entweder um die Eröffnung einer neuen Waldorfschule oder um eine Jubiläumsfeler solch einer Schule.

Die Soziale Dreigliederung fordert mit aller Radikalität eine freie Aufklärung der Öffentlichkeit, unbehindert durch jene Machtballungen, welche durch ihre Medien in jeder Hinsicht lügenhafte und tödliche „Aufklärung" erzwingen. Die Anpasser fühlen sich geschmeichelt, wenn "Der Spiegel" etwa 3 Millionen Leser in seiner Art über Anthroposophen in Deutschland" aufklärt. Sie unterlassen es, in ihren immerhin zahlreichen Zeitschriften auszusprechen, was die Soziale Dreigliederung als eine grundlegende Erneuerung des Pressewesens fordert. Sie denken schon gar nicht daran, öffentlich und unüberhörbar auszusprechen, was der Lehrer der Anthroposophen in Deutschland und anderswo über die Presse dachte und in aller Radikalität in der Öffentlichkeit ausgesprochen hat. [1984]

Die"Geistvollen" von heute mißbrauchen den Geist zu ihrem "Seelenvergnügen", sie weigern sich jedoch, den Geist im Praktischen wirksam werden zu lassen. [1956]

Für die allermeist völlig unpolitischen Anthroposophen ist mangels sozialpolitischem "Organ" weder erkennbar noch fühlbar, daß der gegenwärtige Staat, mit anderen Mitteln als Hitler, aber für "schläfrige Seelen" viel wirksamer, mitten dabei ist, Freiheit und Recht auszumerzen. Sie können daher auch nicht erkennen und erleben, daß man dieser letztlich totalen Kampfansage durch negative Kräfte durch ihr soziales Gegenbild, der Ausbreitung der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, begegnen muß. Wer will, kann die heutige Lage und die sich vollziehende negative Entwicklung tiefgründigst und konkretestens bei Steiner beschrieben finden.

Manche Dreigliederer haben zum Marxismus eine sehr intensive Beziehung gehabt, nicht wenige sind vorher Marxisten gewesen. Das macht sie, wiederum allgemein gesprochen, unter Anthroposophen schon verdächtig. Das kommt auch daher - so ist meine Erfahrung -, daß die Anthroposophen sich im allgemeinen ganz wenig mit den sozialen Schriften und Vorträgen Steiners befaßt haben. Ich spreche in diesem Fall nicht nur eine subjektive Erfahrung, sondern einen für die Anthroposophen objektiv gültigen Tatbestand aus. Sie haben einfach kaum Kenntnis davon. Wo die "Kernpunkte" als Pflichtlektüre gelesen werden, tut man es, weil Steiner darüber geschrieben hat, nicht, weil man selbst die gesellschaftlichen Mißstände als untragbar und ihre Veränderung als Lebenspflicht erlebt. Es zündet bei der Pflichtlektüre der "Kernpunkte" kein Funke, weil die Tageszeitung, die man liest, wenn man überhaupt eine liest, in der Regel eine konservative ist. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Menschen innerhalb der anthroposophischen Bewegung ist dem Lebensstil und der politischen Lebenseinstellung nach extrem konservativ, ohne es zu bemerken. Sie trägt diese sehr tief liegende Lebenseinstellung auch in ihre Institutionen hinein.

Wer sich jemals engagiert mit den sozialen Schriften Rudolf Steiners beschäftigt hat und für ihre Inhalte eingetreten ist, der muß auch von Marx sprechen. Er wäre nicht mehr in der Lage, die plumpe Schwarz-Weiß-Auffassung - hier Marx, hier Steiner - mitzumachen. Dadurch würde er folgerichtig in anthroposophischen Kreisen ein „Linker“. Ich habe häufig in den letzten dreißig Jahren erlebt, daß engagierte Dreigliederer vor Anthroposophen gesprochen und sie beinahe flehentlich darauf hingewiesen haben, daß auch Rudolf Steiner die Analyse von Marx bekräftigt. Steiner wurde zitiert. Dann trat eine Pause ein... "Ja, also, wenn Rudolf Steiner auch...", aber das nützte nichts. "Der hat einfach zuviel von Marx gesprochen.... ihn sogar gelobt" - das genügte. Da konnte dann noch so oft erklärt, erläutert werden, daß Marx keine brauchbaren Wege in die Zukunft nennt, daß an dem Punkt die Dreigliederung ansetzt. Man war nunmehr ein "Linker". Es erfolgte kein Ausschluß aus der anthroposophischen Gesellschaft. Das kommt sehr selten vor. Die Sache läuft subtiler. Der Betreffende wird nicht mehr zu Vorträgen eingeladen. Das ist grotesk, aber es ist auch in gewisser Hinsicht folgerichtig. Eine Menschengruppe, die die ausgesprochene und unausgesprochene Absicht hat, sich nicht in der großen gesellschaftlichen Dimension um soziale Neuordnung zu bemühen, die einfach nicht die Courage dafür aufbringt, muß Leute abstoßen, die ihnen Derartiges zumuten. [1989]

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Für ein neues Miteinander

Das Wirken Rudolf Steiners

Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus hat eine sehr merkwürdige, keineswegs glückliche Geschichte. Ihr Begründer Rudolf Steiner stellt sie 1919 in den Raum, in den sie allein gehört, in die allerbreiteste Öffentlichkeit, eben deshalb, weil sie so gemeint ist, daß aus ihr eine radikale Neugestaltung der sozialen Verhältnisse erst einmal aller Industriestaaten der Welt hervorgehen sollte. In allen Großstädten Europas begründeten sich Geschäftsstellen als Ausgangspunkte für die Idee der Sozialen Dreigliederung. Unmißverständlich wurde deutlich gemacht, die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus will die großen Zusammenhänge des gesellschaftlichen Lebens - die Kultur, das Recht und die Wirtschaft - umgestalten. Alles andere ist kleinkariert und hat mit dem nichts zu tun, was die umfassende Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus will.

In der Agitationstätigkeit für die Verwirklichung dieser Idee stellte sich Rudolf Steiner, wie es sich gehört, an die vorderste Stelle. In seinen öffentlichen Vorträgen für die Soziale Dreigliederung ließ er nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, daß es sich bei der Sozialen Dreigliederung um eine radikale Kampfansage gegen die korrupten Verhältnisse im kapitalistischen Bereich handelt. Er sah in dem Kapitalismus und ganz speziell in der vom bürgerlichen Kapitalisten geschaffenen zentralistischen Struktur der Gesellschaft den erklärten und hartnäckigen Feind jener Freiheit in der Kultur, jener Gleichheit im demokratischen Rechtsstaat und jener assoziativen Wirtschaft, die von der sozialen Dreigliederung angestrebt und gewollt wird. Radikal und unerbittlich griff er diese Gegner an, aber stets mit geistigen Waffen, unter striktem Verzicht auf irgendeine Anwendung physischer Gewalt. Die Gegner antworteten, ihrer traditionellen Art entsprechend, mit weiträumiger Massenhetze, mit einem Gebirge von plumpen Lügen und Diffamierungen und schließlich, ebenfalls nach alter Tradition, mit physischer Gewalt.

Nach dreijährigem Agitationskampf in der Öffentlichkeit, unterstützt von wenigen dafür geeigneten Freunden, brach Rudolf Steiner die Wirksamkeit im großen Stile für die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ab. Es ging für ihn niemals um den üblichen politischen Kampf. Niemals darum, mit Kapital aus den dunkelsten gesellschaftlichen Ecken eine neue Idee sozusagen in die Massen zu peitschen. Allein entscheidend war für ihn, ob sich genügend Freunde finden würden, die aus ureigenster Einsicht für die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus eintreten würden, und ob bei einer genügend großen Zahl von Menschen in der Bevölkerung Verständnis vorhanden wäre für die notwendige Freiheit des Geisteslebens, die ebenso notwendige Demokratie im Rechtsleben und die genauso notwendige assoziativ-sozialistische Wirtschaft.

Die Agitation für die Idee der Dreigliederung in der Öffentlichkeit wurde eingestellt. Die engsten Freunde mußten sich von Rudolf Steiner sagen lassen, daß sie die entscheidende Prüfung nicht bestanden hatten. Sie bestand darin, die Qualitäten und Fähigkeiten einer jahrelangen anthroposophischen Arbeit auf das rein irdisch-soziale Feld zu übertragen. Dorthin, wo es um die allgemeinen Fragen der großen Gesellschaft, um Arbeit, um Kapital, um Erziehung, um Schule und Wissenschaft, um das Recht der Schwachen gegenüber den Starken - kurz um alles geht, was jeden Menschen auf dieser Erde betrifft, völlig unabhängig davon, welche politische oder religiöse Anschauung er hat. Die Umwandlung von religiös-spirituellen Gedanken und Fähigkeiten gelang nicht. Es fehlte die geistige Stoßkraft, die notwendig gewesen wäre, um breite Kreise der Bevölkerung zu erreichen. Die absolute Mehrheit der Anhänger Rudolf Steiners waren der Versuchung verfallen, sich ein privates spirituelles Nest zur Befriedigung eigener esoterischer Bedürfnisse zu bauen. Sie hatten nicht begriffen, daß alle religiös-spirituelle Kraft nur eine Voraussetzung dafür sein kann, um mit alter Aktivität und Opferbereitschaft dafür zu sorgen, daß jeder Mensch auf dieser Erde ein Leben in geistiger Freiheit, in Gleichberechtigung als Mensch und in einer menschenwürdig-wirtschaftlichen Lage führen kann. Das konnte nur zu dem Ergebnis führen, vor dem wir heute stehen: Das Religiös-Spirituelle wird für den Eigenbedarf verbraucht, das Menschheitlich-Soziale verkommt.

Während der Agitationszeit für die Idee der Sozialen Dreigliederung und auch danach spricht Rudolf Steiner immer wieder davon, daß die genannten Grundimpulse der Sozialen Dreigliederung sich auf jeden Fall verwirklichen werden. Sie würden sich deshalb verwirklichen, weit sie in jedem Menschen verankert sind. Sie können wohl niedergehalten, aber nicht ausgerottet werden. Es wäre allerdings von entscheidender Bedeutung, daß die Idee von der Dreigliederung von der Dreigliederung des sozialen Organismus in Verbindung mit der anthroposophischen Grundlage, aus der sie entstanden ist, in die Weit gestellt würde. Hierin läge eine entscheidende Aufgabe aller Menschen, die sich mit der Anthroposophie verbunden haben. Aber selbst wenn diese Menschen versagen würden, wenn sie die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus einsargen würden, so würden die Impulse der Dreigliederung sich dennoch zur Geltung bringen. Heute kann man darauf hinweisen, daß alles, buchstäblich alles, was von der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gewollt wird, an allen Ecken und Enden der Menschheit hervorbricht. Nicht geordnet und "sauber", wie es sich Theoretiker vorstellen mögen. Sondern vereinzelt, auch chaotisch, teilweise schon klar durchschaut, teilweise noch sehr verschwommen, aber überall ist das aktive Streben nach geistiger Freiheit, nach Gleichberechtigung von Mensch zu Mensch und nach assoziativ-sozialistischer Wirtschaft sichtbar und spürbar. Eine Dreigliederungsbewegung auf anthroposophischer Grundlage, wie es ursprünglich von Rudolf Steiner gewollt war, hat es nach seinem Tode nie mehr gegeben. Konnte es auch nicht geben, weil die Vertreter der sogenannten offiziellen Anthroposophie den Kurs der Anpassung gewählt haben. Jedoch sind sehr viele Menschen, ganz außerhalb der Anthroposophie und ohne jede Kenntnis von der Idee der Dreigliederung, auf dem Wege weitergekommen, welchen die Soziale Dreigliederung als Grundrichtung angibt. [1986]

Aus dem Verständnis der Sozialen Dreigliederung ergibt sich, daß ihre Grundforderungen ("Urgedanken") so radikal sind, wie es vor ihr noch keine politischen Gedanken gab. [1984]

Es muß deutlich sein, daß die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus auch heute noch nicht mehr als eine fundamental wichtige Idee ist. Wir stehen immer noch vor der Aufgabe, Verständnis für diese Idee durch eine möglichst aktive und sensible Aufklärung zu gewinnen. Entschiedene Ansätze zur Verwirklichung von geistiger Freiheit, demokratischem Recht und brüderlich-assoziativer Wirtschaft sind heute weit mehr außerhalb der anthroposophischen Szene zu erkennen als innerhalb von ihr. Bei diesen Ansätzen geht es um die Freiheit von staatlicher Bevormundung, um wirkliches Menschenrecht und um eine brüderliche Verteilung der Waren und Güter. Hier arbeitet, zunächst vollkommen unbewußt, der Impuls der Sozialen Dreigliederung in den Menschen, ohne eine Kenntnis davon, daß die Richtungen der modernen politischen Bewegungen sich als Ganzes in der Idee von der Sozialen Dreigliederung finden lassen. Die Soziale Dreigliederung hat im Ganzen und im Einzelnen immer das Wohl aller Menschen im Auge, völlig unabhängig davon, welche politische Meinung, welche Weltanschauung oder welches religiöse Bekenntnis der einzelne hat. Soziale Dreigliederung ist von Grund auf anti-elitär. [1988]

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Dreigliederung und Anthroposophie

Von entscheidender Bedeutung für die Verwirklichung der Sozialen Dreigliederung ist die Aufklärung über ihre Idee und die daraus folgenden Einrichtungen. Die allmähliche Verwirklichung der Sozialen Dreigliederung kann und soll nur auf der Grundlage der freiwilligen Einsicht von Menschen geschehen. Nicht Machteliten, geistige oder politische, sondern bewußt gewordene Menschen werden freie Schulen, demokratische Abstimmungen über Grundrechte und assoziative Wirtschaftszusammenhänge fordern. Nur das, was von Menschen eingesehen und gewollt wird, ist berechtigt, im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang Wirklichkeit zu werden. Die Entwicklung zur Sozialen Dreigliederung kann sich nur schrittweise vollziehen, wenn sie von der Einsicht und dem Willen vieler Menschen getragen werden soll. Das allein will die Soziale Dreigliederung. Sie sagt niemals: Alle Schulen sollen frei sein, alle Grundrechte sollen demokratisch abgestimmt werden, die gesamte Wirtschaft soll sich assoziativ in der Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Verbrauchern vollziehen. Das wäre abstrakt und wirklichkeitsfremd.

In den letzten Jahren haben sich Einzelinitiativen von Menschen begründet, welche die Soziale Dreigliederung bejahen. In den meisten Fällen läuft die Sache so, daß diese Einzelinitiativen Teilstücke der Sozialen Dreigliederung zum Gegenstand interner oder öffentlicher Aufklärung gemacht haben, ohne darüber zu informieren, daß die Gesamtidee der Sozialen Dreigliederung ihrer Aufklärung zugrunde liegt, und auch ohne darüber zu informieren, daß die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus (Soziale Dreigliederung) auf dem Boden der von Rudolf Steiner begründeten Anthroposophie steht. Man kann dieses Verhalten verstehen, wenn man bedenkt, daß die Öffentlichkeit, soweit sie überhaupt von Anthroposophie Kenntnis genommen hat, im Hinblick auf Erfahrungen in anthroposophischen Kreisen immer noch dazu neigt, alles, was mit Anthroposophie zu tun hat, auf die Seite der Schwärmerei und Weltfremdheit zu stellen. Ich bin trotzdem der Meinung, daß es falsch ist, Teilstücke aus der Dreigliederung herauszunehmen und zu vertreten und die Beziehung zum Gesamten der Anthroposophie überhaupt nicht zu erwähnen. Nach meiner Oberzeugung besteht gerade dadurch die Gefahr, den Eindruck zu verstärken, daß Anthroposophie nichts mit einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun hat. Die Soziale Dreigliederung ist nach meiner Ansicht derart praktisch und entspricht derart bewußten und unbewußten Bedürfnissen der Menschen, daß eine möglichst breit angelegte Aufklärung über das Gesamte der Dreigliederung des sozialen Organismus wesentlich dazu beitragen könnte, von der Anthroposophie den Geruch der Weltfremdheit zu entfernen. Außerdem empfinde ich es als eine innere Verpflichtung, sich zu der Gesamtidee zu bekennen, aus der heraus man arbeitet.

Über die Gesamtheit der Idee von der Sozialen Dreigliederung und über die Wege zu ihrer Verwirklichung sollte in einem möglichst großen Umfange aufgeklärt werden. Wenn das durch Anthroposophen, wie es traditionell der Fall ist, nicht geschieht, dann müßten andere die Initiative ergreifen, welche von der Richtigkeit der Sozialen Dreigliederung überzeugt sind. Die Freiheit im Geistesleben, die demokratische Gleichheit im Recht und die assoziativ-brüderliche Wirtschaft gehören zusammen. Sie tragen sich gegenseitig. Nimmt man einen Teil heraus und vertritt ihn für sich, dann kann auch dieser Teil nicht in produktiver Weise verwirklicht werden, weil die Beziehung zu den anderen Teilen fehlt. In der Praxis der Aufklärung ist es nach meiner Erfahrung so, daß sich bestimmte Menschengruppen besonders stark für ein freies Geistesleben, für freie Schulen, für Befreiung der Presse von den Monopolmächten usw., einsetzen werden. Ein anderer Teil wird in erster Linie die von der Sozialen Dreigliederung geforderte Gleichheit im Rechtsleben, freie Aufklärung und demokratische Abstimmung über Grundrechte als etwas empfinden, was ihrer Erfahrung und ihrem politischen Wollen entspricht. Wieder andere Gruppen werden sich besonders den wirtschaftlichen Impulsen verbinden, die im Sinne der Dreigliederung freie Assoziation zwischen Verbrauchern und, Produzenten fordern. Wo einer einsteigt und womit er sich ganz besonders verbindet, das hat mit seinen speziellen Lebenserfahrungen zu tun. Aber es sollte auf keinen Fall vermieden werden, das Ganze der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus darzustellen. [1985]

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Weitere Erfahrungen rnit der Dreigliederungsarbeit

Ich möchte einen grundsätzlichen Unterschied hervorheben zwischen der Arbeit für die Soziale Dreigliederung in mehr oder weniger anthroposophisch angehauchten Kreisen und unter Menschen, die sich ganz einfach einen politischen Vortrag anhören wollten, der die Fragen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit behandelte. In anthroposophisch angehauchten Kreisen erlebte ich es immer so, daß in der anschließenden Aussprache sich selbstverständlich kein großer Widerspruch erhob. Man wußte ja, daß die Idee der Sozialen Dreigliederung von jenem Rudolf Steiner stammt, den man grundsätzlich und daneben auf vielen anderen Gebieten anerkannte und verehrte. Da wurde auch hingenommen, daß eben jene Soziale Dreigliederung von Rudolf Steiner eine Abschaffung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln fordert, wie es in den "Kernpunkten" nachzulesen ist. Es wurde hingenommen, so erlebte ich es, weil ich es ja notfalls aus den "Kernpunkten" zitieren konnte... - schweigend hingenommen. Aber es wurde nach meinem persönlichen Eindruck innerlich nicht im geringsten anerkannt, daß diese Idee von Rudolf Steiner tatsächlich die Abschaffung des privaten Eigentums an Kapital und Produktionsmitteln verlangte. Die Opposition zeigte sich darin, daß man schwieg. In diesen Kreisen kam niemals von irgendeiner Person der Vorschlag, doch öffentlich für die Soziale Dreigliederung und vor allem für den so wichtigen Schwerpunkt "Abschaffung des privaten Eigentums an Kapital" einzutreten, Sehr verständlich. Die absolute Mehrheit der Anhänger Rudolf Steiners sind praktisch Freunde des Besitzes an Kapital oder Produktionsmitteln, oder sie sind selbst im Besitze sehr erheblicher Kapitalmengen und Produktionsmittel. Ich war darüber sehr enttäuscht, weil ich mir zunächst doch eine andere Gesinnungsgrundlage bei den anthroposophischen Freunden vorgestellt hatte. Ich glaube, daß es in allen Kreisen so ist, in denen eine bestimmte geistig führende Persönlichkeit im Mittelpunkt steht.

Wichtiger erscheinen mir die Erfahrungen, die ich mit Menschen gemacht habe, die zunächst gar keine Beziehung zur Anthroposophie oder zur Sozialen Dreigliederung hatten. Sie stellten sich der Idee in ihrer Art unbefangen und kritisch gegenüber. Wenn ich versucht hatte, die Notwendigkeit des freien Geisteslebens im Hinblick auf die von Staats- und Wirtschaftsmacht unabhängige Schule zu erklären, dann kam außerordentlich häufig der Einwand: Wie stellen Sie sich das vor? Es können doch nicht alle Schulen unabhängig von Staats- und Wirtschaftsmacht sein! Wenn es im Sinne der Sozialen Dreigliederung überall freie Schulen gäbe, dann würde dabei ein fürchterliches Chaos herauskommen! Ungefähr die gleichen Einwände traten auf, wenn ich von der Notwendigkeit der Volksabstimmung über Grundrechte nach vorangehender freier Aufklärung gesprochen hatte. Wieder kam der Einwand: Wo sollen wir eigentlich hinkommen, wenn alle Grundrechte durch Volksabstimmung entschieden werden sollen? Und noch drastischer waren die Einwände, wenn ich von der Notwendigkeit einer assoziativen Wirtschaft sprach, die vom selbstermittelten Bedarf der Verbraucher und von einer assoziativen Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Verbrauchern ausgehen sollte. Da kamen die Menschen so richtig in Fahrt: Wie stellen Sie sich das vor? Soll sich der Verbraucher vielleicht um jede Ware, die er kaufen will, persönlich kümmern, soll der geplagte Verbraucher vielleicht gleichzeitig in einer Assoziation für seine Unterhosen, für seine Autoreifen, für seine Taschenuhr, für seine Möbel usw. tätig werden? Es ist doch ein wahrer Segen, daß einer einfach in ein Geschäft gehen kann, um sich das zu kaufen, was er haben will. Es gibt doch so viel Auswahl in den Geschäften! Man bezahlt den Preis, und damit ist die Sache erledigt. Ihre "Assoziations-Ideologie" würde die gesamte Wirtschaft chaotisieren. Da würde überhaupt kein Mensch mehr durchblicken. - So und ähnlich waren die Fragen, die eigentlich gar keine Fragen waren, und die Antworten.

In meiner Stellungnahme zu diesen Fragen versuchte ich möglichst ruhig, was mir leider nicht immer gelang, noch einmal zu wiederholen, was ich bereits in dem Vortrag ausgeführt hatte. Keine einzige Einrichtung, die aus dem Verständnis der Sozialen Dreigliederung hervorgeht, soll in irgendeiner Weise zwangsmäßig eingeführt werden. Es werden nur so viele freie Schulen entstehen, wie sie von Lehrerinnen und Lehrern, von Eltern und Schülerinnen und Schülern gewollt werden. Nicht mehr und nicht weniger. Es werden nur so viele Grundrechte durch Volksabstimmung entschieden werden, nach vorangehender freier Aufklärung, wie es die Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wollen. Und: Es werden sich nur so viele Assoziationen gründen, und sie werden sich nur dort gründen, wo eine entsprechende Initiative von Verbrauchern und Produzenten vorhanden ist. Heute, 1985, kann man sagen, daß sehr viele Menschen ohne Wissen um die Soziale Dreigliederung für diese Idee und für die aus ihr erfolgenden Einrichtungen aufgeschlossen sind. Das ist sicher richtig. Trotzdem muß man auch heute noch davon ausgehen, daß die Mehrheit aller Menschen konservativ ist. Das bedeutet praktisch, die Mehrheit ist mißtrauisch gegenüber allem Neuen. Sie schimpft zwar auf das Alte, Überholte, sie läßt sich von ihm quälen und drangsalieren, aber sie hat trotzdem nicht den Mut, etwas Neues zu versuchen. Eine kleine Minderheit ist jetzt schon dabei, um eine wirklich freie, staatsunabhängige Schule zu kämpfen. Diese Minderheit würde es leichter haben, aber sie würde sich keineswegs in aller Eile vermehren. Die demokratische Volksabstimmung über Fragen, die mit unserer Lebensexistenz und mit unseren Grundrechten zusammenhängen, ist heute allerdings sehr viel mehr in der Diskussion als früher. Trotzdem: Wenn ab morgen die demokratische Volksabstimmung über ganz bestimmte Grundrechte zugelassen, anerkannt und gesetzlich gewährleistet würde, - die Mehrheit wäre auch in diesem Punkt ängstlich. Sie würde in konservativer Weise noch sehr lange die Parteien entscheiden lassen trotz aller Enttäuschungen. Eine gesetzlich gewährleistete demokratische Volksabstimmung über Grundrechte würde sich nur ganz, ganz langsam ausbreiten. Und nicht anders ist es mit der von der Sozialen Dreigliederung geforderten assoziativ-brüderlichen Wirtschaft. Sicher: Es gibt heute schon recht viele Assoziationen zwischen Verbrauchern und Produzenten auf verschiedenen Gebieten der Wirtschaft, besonders in der Nahrungswirtschaft. Aber auch hier ist von Seiten der konservativen Mehrheit das ganz große Zögern und die ganz große Angst zu bemerken. Die Idee leuchtet schon vielen ein, daß Verbraucher, die sich von sich aus zusammenschließen würden, eine starke Macht im Sinne ihrer Interessen in der Wirtschaft ausüben könnten, wohl die stärkste. Aber das konservativ-träge Element ist doch noch viel stärker. Es gibt kein offizielles Verbot gegen die Verbindung zwischen Verbraucher und Produzenten zur Erleichterung des Handels, wie es heißt, und trotzdem muß man nüchtern bemerken, von einer massenhaften Ausdehnung assoziativer Wirtschaftszusammenhänge, in denen auch die Verbraucher eine entscheidende Rolle spielen kann noch nicht die Rede sein.

Es ist ein vollkommen theoretischer Einwand, wenn man die Einrichtungen der Sozialen Dreigliederung deshalb befürchtet, weil sie schlagartig verwirklicht werden könnten. Das könnte nur dann der Fall sein, wenn irgendeine Führungsgruppe auf den Gedanken käme, die Macht zu ergreifen und die "Soziale Dreigliederung" einzuführen. Auf diesen Gedanken wird sie jedoch niemals kommen, weil ein Kernpunkt der Sozialen Dreigliederung darin liegt, die Macht dorthin zu übertragen, wohin sie einzig und allein in einer Demokratie gehört: in den Raum der Mehrheit der Menschen, die auf demokratischem Wege allein ihre Lebensrechte behaupten können. Die schrittweise "Einführung" der Sozialen Dreigliederung gehört zum Grundverständnis ihrer Idee. Sie will durch Aufklärung Verständnis schaffen, aber niemals herrschen. Wenn eine genügend große Anzahl von Menschen von der Idee und den Einrichtungen der Dreigliederung aus ihrer Lebenserfahrung heraus überzeugt sind, dann wird sich Schritt für Schritt die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus verwirklichen, und zwar nur auf der Grundlage der wachsenden Einsicht und des politischen Willens sehr vieler Menschen. [1985]

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Von Mensch zu Mensch

Wer, wie der Verfasser, seit dreißig Jahren das gesellschaftliche Leben verfolgt und beobachtet, kann in den Prozessen, die gerade in den letzten Jahren ablaufen, eine Bestätigung jener Behauptung von Rudolf Steiner sehen, daß die objektive soziale Entwicklung in die Richtung der Dreigliederung laufen wird. Es wird sich, so Steiner, nur darum handeln, ob diese Entwicklung bewußt auf der Grundlage einer Erkenntnis der Dreigliederung vorangetrieben wird oder ob sie sich unbewußt vollzieht. Vollziehen wird sie sich auf jeden Fall. Der mehr oder weniger unbewußte Weg in die Richtung der Verwirklichung der Sozialen Dreigliederung wird tumultartige Begleitumstände haben, der bewußte Weg könnte sie vermeiden.

Oft sind Menschen, die sich in den vergangenen dreißig Jahren bis zum heutigen Tage für die Soziale Dreigliederung eingesetzt haben, in die Bahnen der üblichen politischen Agitatoren geraten. Man konnte so erleben, daß die Dreigliederung genauso vorgetragen wurde wie andere politische Programme. Sie wurde deshalb auch folgerichtig auf den großen Stapel von Theorien und Ideologien gepackt, der den politisch interessierten Menschen angeboten wird. Auch innerhalb der Kreise, die sich für die Dreigliederung eingesetzt haben und noch einsetzen, wurde die gleiche Methode praktiziert. In einem ganz üblichen Stil kämpfen verschiedene Auffassungen von Dreigliederung, vertreten von einzelnen und Gruppen, miteinander. Es ist kaum erkennbar, daß die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus aus der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) Rudolf Steiners hervorgegangen ist. Durch diese anthroposophische Geisteswissenschaft und dem Bemühen um ihre Realisierung könnten ganz neue Elemente auch in die Dreigliederungsbewegung hineingetragen werden, welche sie überhaupt erst zu einer ihr entsprechenden Bewegung machen würden.

Jene geistige Freiheit, die von der Idee der Sozialen Dreigliederung im großen gesellschaftlichen Zusammenhang vertreten wird, daß weder der Staat noch eine andere Institution, vor allem auch nicht die Wirtschaft, diese geistige Freiheit einschränken darf, müßten erst einmal innerhalb der Dreigliederer selbst verwirklicht werden. So, wie Staat und Wirtschaft im Großen die Informationsmittel, aus denen der Bürger seine Kenntnis über die Lage schöpfen soll, an sich gerissen haben, so sind auch die Publikationen innerhalb der Dreigliederungskreise zentralisiert. In den Zeitschriften, die über soziale Dreigliederung informieren, erscheinen seit langen, langen Jahren immer wieder die gleichen Namen. Andere, die andere Ansichten veröffentlichen wollen, werden nicht publiziert. Genau das, was die Dreigliederer und die Dreigliederung von der großen Gesellschaft verlangen, verwirklichen sie in ihrem eigenen Kreise nicht. Welches sind die Ursachen dafür? Sie liegen ganz einfach in der menschlichen Rückständigkeit der für die Herausgabe solcher Zeitschriften Verantwortlichen. Diese Menschen können genausowenig wie andere, die mit der Anthroposophie nicht das geringste zu tun haben, ertragen, daß sich zum Beispiel in ihrer Zeitschrift eine Fülle verschiedener Ansichten zur Frage der Dreigliederung zu Worte bringt. Sie zensieren sehr einfach und auch radikal, indem sie Autoren, die ihnen selbst nicht angenehm sind oder die noch von "höherer Stelle" nicht anerkannt werden, schlichtweg nicht veröffentlichen. Die Kraft der Dreigliederungsbewegung ist auf diese Weise gelähmt worden. Es hat seine innere und schließlich auch äußere Wirkung, wenn Dreigliederer selbst nicht verwirklichen, was sie von anderen verlangen.

Man hat in Kreisen der Dreigliederung und der Dreigliederer die spirituellen Quellen der Anthroposophie nicht in Anspruch genommen und nicht realisiert. Es ist eine geistige Verpflichtung für denjenigen, der im anthroposophischen Sinne die Dreigliederung vertritt, daß er sich darum bemüht, auch mit denen in Kontakt und in produktiver Auseinandersetzung zu sein, die andere Auffassungen als er selbst vertreten,

Unter dem Leidensdruck dieser lähmenden Entwicklung, die man durch Jahrzehnte hindurch verfolgen kann, haben sich neuerdings einige einzelne und Gruppen zusammengefunden, die nun in ganz bewußter Weise versuchen, zu üben, ihre Auffassung in Frage zu stellen, wenn es zur Begegnung mit Vertretern anderer Auffassungen kommt. Sie haben jahrelang erlebt, daß Dreigliederer so zueinander sprechen, wie in sich abgeschlossene Türme zueinander stehen. Diese Menschen möchten gewissermaßen die Tür und die Fenster ihrer eigenen Türme öffnen, um das hereinzulassen und aufzunehmen, was aus den anderen Türmen kommt. Sie wollen nicht beweisen, wie sehr sie selbst die Wahrheit errungen haben und in welche Sackgassen des Irrtums andere Dreigliederer geraten sind~

Die Soziale Dreigliederung wird nur dann glaubhaft sein können, wenn sie von den Dreigliederern selbst an jenem Punkt, an dem sie sich mit anderen begegnen, verwirklicht wird. Es hat keinen Sinn, dem Andersdenkenden die Freiheit zu geben, sich zu äußern, - um ihn nachher in einem doppelt oder dreifach so langen Beitrag gewissermaßen fertig zu machen. Das ist die alte Methode. Das esoterische Geistesgut der Anthroposophie gehört unmittelbar an jede Stelle, an der sich die Dreigliederung verwirklichen kann, bzw., an der man für sie tätig ist. Mit anderen Worten: Der Andersdenkende muß erleben, daß er in seinen Gedanken wirklich aufgenommen und verstanden wird, daß man sich mit seinen Gedanken befaßt und sie nachzuvollziehen sucht. Erlebt er das nicht, dann ist die Substanz der Dreigliederung nicht eingebracht worden. Was bleibt, ist die übliche Diskussion.

Es geht darum, unsere menschlichen Fähigkeiten in einem sehr mühsamen und notwendigerweise langsamen Weg zu verbessern, wenn wir darstellen und innerlich glaubhaft machen wollen, was Soziale Dreigliederung ist. Ohne diese innere "Erfüllung" wird unser Reden über die Dreigliederung zur Phrase, zur Ideologie - und auch von der Außenwelt entsprechend aufgenommen. Der anthroposophische Übungsweg ist für den Dreigliederer kein Luxus zum Ziele seiner persönlichen Vervollkommnung, er ist eine Notwendigkeit, wenn er allmählich substanziell die Dreigliederung sichtbar machen will. Wir können leicht von der Gleichberechtigung von Mensch zu Mensch sprechen: Wenn wir nicht einsehen wollen, wann und wodurch wir diese Gleichberechtigung im Miteinander mit dem anderen verletzen und wie wir darum kämpfen können, sie zu verwirklichen, dann bleibt das Sprechen über die Dreigliederung Gerede. Es gibt heute viele, welche von der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit im Sinne der Dreigliederung nichts mehr wissen wollen, weil sie zu oft erlebt haben, daß überall dort, wo Dreigliederer miteinander arbeiten, die Freiheit des Andersdenkenden unterdrückt wird, seine Gleichberechtigung nicht beachtet wird und von Brüderlichkeit überhaupt nicht die Rede sein kann.

Es nützt auch nichts, sondern führt in sentimentale Sackgassen, wenn wir die Unterschiede unserer Erfahrungen und Erkenntnisse "ausklammern", um überhaupt miteinander sprechen zu können. Es kommt gerade darauf an, unterschiedliche Auffassungen esoterisch zu behandeln - so, daß eine brüderliche Gesinnung dabei zum Tragen kommt und die geistige Freiheit des Andersdenkenden und seine Gleichberechtigung als Mensch wirklich geachtet wird. Es geht um die Übung sozialer Fähigkeiten, die wir in der Regel nicht haben, die wir jedoch nur gemeinsam erringen können.

Nur in einem kleinen und überschaubaren Kreis, vielleicht in sehr vielen kleinen und überschaubaren Kreisen können diese Fähigkeiten geübt werden. Wir stehen vor der Notwendigkeit, ernst zu machen mit dem Übergang von der Quantität zur Qualität. Je größer ein Kreis ist, desto mehr besteht bekanntlich die Gefahr, daß sich antisoziale Kräfte zur Entfaltung bringen. Da wird manipuliert, offen oder heimlich, da werden Leute ausgeschaltet, ohne daß die anderen es merken, da wird von Basis-Demokratie geredet, und wenn sich einer aus der Basis meldet, dann hat das keine Wirkung.

Wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch ist nur möglich, wenn jeder bereit ist, das in Frage zu stellen, was er bisher gedacht hat. Das ist ein sehr innerlicher Vorgang, der aber durchaus erlebt wird. In einem überschaubaren Kreis von vielleicht zwölf, fünfzehn oder achtzehn Menschen kann jeder bemerken, ob ein anderer nur davon spricht, daß er sich in Frage stellt, oder ob er es wirklich tut, ob einer von Gleichberechtigung redet oder ob er sie dem anderen wirklich herübergibt, ob einer von der Brüderlichkeit begeistert ist und sich daran berauscht oder ob er dem anderen eine wirklich brüderliche Hilfe zu leisten in der Lage ist. Im kleinen Kreis können wir gerade an unseren Fehlern erkennen, wie wir sie überwinden können. Es geht um die Einführung der esoterischen Bemühung im Kreise der Dreigliederer, um das Heranführen an die Quellen, aus denen auch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus geschöpft ist. [1983]

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Arbeit an sich selbst

Als "politischer Aufklärer“ war ich lange Zeit hindurch der Meinung, daß nur die anderen, die "Unaufgeklärten", die "Drahtzieher" und "Mitläufer" die Gegner meiner Arbeit waren. Die Frage, in welcher Art ich selbst ein Gegner meiner eigenen Tätigkeit bin, beschäftigte mich zunehmend während der Arbeit in den "esoterischen" Schriften Rudolf Steiners. Das wichtigste Buch auf diesem Gebiet hat den Titel "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“. In dem Buch geht es um die Arbeit an sich selbst. Welche Eigenschaften habe ich? Wie ist meine Wirkung auf andere? Wo wirke ich negativ auf sie? Diese Fragen ziehen sich als ein Leitfaden durch das ganze Buch. Es werden praktische Übungen angegeben, mit deren Hilfe man sich sehr, sehr tief auf die Schliche kommen kann. Wer täglich solche Übungen zur Selbsterkenntnis macht, kommt in stärkere Konflikte und Kämpfe mit sich selbst. Er erkennt allmählich, welche Tarnungen seine üblen Eigenschaften annehmen können, unter welch schönen Kleidern - Ausreden, "Begründungen", "Klarheiten" - sie sich verstecken.

Wie kann ich meine schlechten Eigenschaften allmählich verbessern? Das ist der zweite Leitfaden des Buches. Auch hier werden praktische Übungen der "Konzentration" und "Meditation" angegeben. Jeder kann sie machen, wenn er die Kraft hat, die Selbsterkenntnis auszuhalten, nicht zu verzweifeln und zäh und beharrlich daran zu arbeiten, seine von ihm selbst erkannten schlechten Eigenschaften zu verbessern. Wenn man die Übungen durchhält, kann es, zumeist erst nach vielen Jahren täglicher Übung in Konzentration und Meditation, zu bestimmten ersten (elementaren) geistigen Erfahrungen kommen.

Es gibt viele geistige Erfahrungen. Wer sie erlebt, für den sind sie so "wirklich" wie die Tische und Stühle, die er mit seinen Augen sehen kann. Wer sie nicht erlebt, für den sind sie nicht vorhanden, - wie für Blinde Tische und Stühle und andere Gegenstände nicht sichtbar sind.

Erst wer die Willenskraft aufbringt, sich durch tägliche Übung auf bestimmte von ihm selbst ausgewählte Gedanken konzentrieren zu können, kann zur "Meditation" kommen. Das heißt, er lebt in dem Gedanken, der Gedanke füllt ihn ganz aus und führt ihn zu starken bildhaften Gefühlserlebnissen. Er erlebt, daß es sehr viel mehr "Wirklichkeit“ gibt, als er vorher ahnte.

Durch die Übungen der Konzentration und Meditation wird der Wille zunehmend gestärkt. Der Mensch wird zunehmend Anarchist - einer, der sein Denken, Fühlen und Handeln anfangs sehr wenig, allmählich immer mehr selbst bestimmen kann.

Die auf Veränderung der Gesellschaft gerichtete sozialpolitische Tätigkeit in Wissenschaft, Aufklärung, Gruppenarbeit usw. verändert sich grundlegend, wenn der anthroposophische Übungsweg angewendet wird. Dafür einige Beispiele, um es anschaulich zu machen: Wenn ich nur als Vertreter der Dreigliederungsidee oder einer anderen politischen Anschauung mit einem anderen Menschen spreche, versuche ich ihn zu überzeugen, entweder ganz offen oder auch mit psychologischen Mitteln. Als Schüler des Übungsweges versuche ich einen Menschen, der anders denkt, fühlt und handelt als ich, erst einmal zu verstehen. Ich fühle mich - freiwillig - verpflichtet, mich zu prüfen, ob ich ihn wirklich ehrlich verstehen will. Ich versuche, mich in seine Lage hineinzudenken, seine Gefühle mitzuempfinden. Dafür gibt der anthroposophische Übungsweg bestimmte, tägliche kurze Zeit durchzuführende Übungen. Solche Übungen sind für Partnerschaft, Ehe, Wohn- und Gruppengemeinschaft genauso wichtig und produktiv wie für die politische Tätigkeit auf allen Gebieten.

Jeder Mensch, der die Übungen macht, kann auf die Dauer eine Steigerung seiner Konzentrationsfähigkeit, seiner Gedankenklarheit, seines Vorstellungsvermögens, seines Mitgefühls und seiner Tatkraft erreichen.

Als Schüler des Übungsweges nimmt man Anteil daran, wie der Gesprächspartner denkt, wie er zu seinen Anschauungen gekommen ist. Man versucht zu erfassen, was ihm fehlt und worunter er leidet. Auch dafür gibt Steiner ganz praktische Übungen. Man versucht zu fühlen, ob der Gesprächspartner aus seiner Lage heraus überhaupt Verständnis und Interesse für politische Gedanken haben kann. Man verzichtet bewußt auf "politische Aufklärung", wenn man bemerkt, daß die persönliche Not des anderen so groß ist, daß er keine Ohren hat für "Freie Schule", "Demokratie", "Verbraucherbewußtsein" oder "Abschaffung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln".

Durch den Übungsweg ist mir klargeworden, daß ich erst einmal, so gut, wie ich kann, dem anderen Menschen als Einzelmensch helfen will. Ich sehe darin einen wichtigen Bestandteil meiner politischen Tätigkeit. Denn ich will ja nur deshalb eine humane, eine menschenwürdige Gesellschaftsordnung, damit möglichst vielen Menschen materiell, seelisch und geistig geholfen werden kann, auf vielen Gebieten. Mit sehr vielen Menschen spreche ich nie über Politik und Gesellschaftsveränderung im üblichen Sinne, weil sie vor lauter Not keinen Sinn für gesellschaftliche Fragen haben. Ich bemühe mich, ihnen als Mensch zu helfen, so gut, wie ich es vermag. Gelingt mir das ein wenig - "gut" gelingt es mir nie -, dann verstehen sie auch, daß ich einer bin, der sich auch für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einsetzt.

Heute denke ich so: Wer nicht bewußt an sich selbst arbeitet, kann vielleicht gut für eine politische Anschauung Agitation treiben, aber er wirkt nicht gut für die Menschen. Wer keine brauchbaren neuen politischen Einrichtungen kennt, kann nichts Aufbauendes zeigen, wenn ihn Menschen danach fragen. Er bleibt im Nur-Persönlichen stecken. Politische Arbeit und Arbeit an sich selbst gehören unmittelbar, in jedem Augenblick, zusammen. [1976]

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Ein Rückblick

Ich bin alt geworden, fast 76 Jahre alt. Da kommt die Frage, welcher Mensch in meinem Leben der wichtigste und bedeutendste Mensch war. Ich brauche keine Sekunde zu überlegen, weil es mir schon lange klar ist: es war Rudolf Steiner. Persönlich habe ich ihn nie gekannt, die erste Schrift, die ich von ihm kennenlernte, das waren die "Kernpunkte der sozialen Frage" im Jahre 1945. Von diesem Zeitpunkt an war ich neben einem reichhaltigen Leben Student der Anthroposophie. Ich las die Schriften Rudolf Steiners zunächst mit wachsender Begeisterung und dann mit wachsender Bedrückung wegen der Forderungen, die mir da entgegen kamen. Und schließlich mit wachsender Notwendigkeit. Bestimmte Schriften las ich immer wieder, bis zum heutigen Tage.

Es drängt mich zu der Aussage, daß Rudolf Steiner mir das Ziel meines Lebens gezeigt hat zu einer Zeit, wo ich keines mehr sah. Er hat mir auch den Weg zu diesem Ziel gezeigt. Beides, der Weg und das Ziel, bestimmten mein Leben nach einem Anfang der fünfjährigen Einarbeitung in die Anthroposophie. Beides, Weg und Ziel, waren zunächst begeisternd. Und wurden dann bedrückend, wegen der sichtbar werdenden Forderungen sowohl für den Weg als auch für das Ziel - und wurden dann Notwendigkeit und unvermeidlich. Wer weiß, wie schwer es ist, einen Weg zu verfolgen, der immer schwerer wird, der weiß, was ich meine. Wer weiß, wie es einen Menschen mit Hoffnung und Zuversicht erfüllen kann, um den Weg zu wissen, auch wenn es noch so schwer ist, auch wenn das Ziel unerreichbar ist, der weiß auch, wie dankbar man sein kann, um den Weg und um das Ziel zu wissen. Steiner erlebe ich als einen Lehrer, der gerade dann anspornt, wenn man verzweifelt ist über die Schwierigkeiten der Wege. Der das Ziel aber immer wieder so deutlich vor Augen stellt, so begeisternd, daß man trotz aller Mißerfolge nicht aufhören kann, nach der Erreichung des Zieles zu streben.

Nach einigen Jahren des Studiums der Anthroposophie war mir bewußt, welch ungeheure Ausdehnung das Werk Rudolf Steiners hat. Am erstaunlichsten und zunächst ganz unbegreiflich war es, daß nicht Steiner von sich aus seine Vorträge in die Welt stellte, sondern daß er immer auf eine Anforderung von Menschen wartete, bevor er eine Reihe von Vorträgen hielt. Erst dann, als eine Gruppe von Ärzten ihn ansprach und ihn bat, den Ärzten neue Anregungen für eine neue Medizin zu geben, hielt er seine Vorträge über Medizin. Es blieb nicht bei den Vorträgen, aus den Vorträgen gingen praktische Einrichtungen, Kliniken und Krankenhäuser, hervor. Heute gibt es sie in der ganzen Welt. Niemandem niemals etwas aufdrängen, das war seine Methode. Immer wartete er, bis die Menschen zu ihm kamen und ihn fragten. Als Landwirte ihn fragten, ob er ihnen Wege zeigen könnte, wie sie die schwer geschädigten Ackerboden wieder gesund machen könnten, da hielt Steiner seine Vorträge über Landwirtschaft. Es blieb wieder nicht bei den Vorträgen. Heute gibt es einige hundert Bauernhöfe auf der Welt, die nach seiner biologisch-dynamischen Methode arbeiten. Erst, als Lehrer, die mit den konventionellen Unterrichtsmethoden unzufrieden waren, an ihn herantraten, hielt er seine Vorträge über Pädagogik. Es blieb wiederum nicht dabei. Heute gibt es Hunderte von Waldorfschulen auf der Erde. Erst, als Heilpädagogen ihn darum baten, ihnen neue Wege für eine produktive Heilpädagogik zu zeigen, hielt er seine Vorträge über Heilpädagogik. Auf der Grundlage dieser Vorträge gibt es heute einige hundert heilpädagogische Stätten. Künstler baten ihn um Anregungen für eine neue Kunst. Steiner hielt seine Vorträge über Eurythmie und Heileurythmie. Heute gibt es einige hundert Schulen für Eurythmie und Heileurythmie. Diese Reihe könnte schier endlos fortgesetzt werden, wenn man das ganze, was aus den Vorträgen Rudolf Steiners als praktische Einrichtungen hervorging, aufzählen wollte. Ein einziges Buch und eine einzige Vortragsreihe ging nicht hervor aus der Anfrage von Menschen, sondern aus den Forderungen der Zeit: das Buch "Die Kernpunkte der sozialen Frage" und die sich daran anschließenden Vorträge und Aktionen. Den Impuls zu seinen Vorträgen, das betont Steiner immer wieder klar und sachlich, gewann er nicht aus einem üblichen Studium, sondern aus der geistig-seelischen Anschauung.

Als mir so allmählich der große Umfang der Anregungen und Vorträge Rudolf Steiners und seiner daraus hervorgehenden Einrichtungen deutlich wurde, war ich zunächst fassungslos. Ich fragte mich, wie kann ein Mensch auf so vielen und unterschiedlichen Gebieten geistig zuhause sein und Anregungen geben, die sich in der Praxis als produktiv erweisen? Ich fragte mich, was ist das für ein Mensch? Ich weiß nur, es hat noch nie einen Menschen auf der Weit gegeben, der auf so vielen Gebieten der Lebenspraxis durch seine Vorträge die Grundlage für radikale Erneuerungen des geistigen und praktischen Lebens geschaffen hat. Die gebildete und kritische Welt weiß davon. Sie hat es leicht, sich zu orientieren. Die Einrichtungen, von denen ich gerade einige aufzählen konnte, sind vorhanden und arbeiten. Aber die Welt, die dafür verantwortlich ist, reagiert nicht darauf. Sie schweigt die Bedeutung Rudolf Steiners weiterhin tot.

Was liegt hier vor, woran liegt das? An dem oft seltsamen Auftreten seiner Anhänger? Das kann doch nicht wahr sein! Seltsame Anhänger gibt es in jeder Weltanschauung! An der sogenannten Unverständlichkeit des Schreibstils Rudolf Steiners? Das kann doch auch nicht wahr sein. Es gibt sehr viele bedeutende Leute des europäischen Geisteslebens, die sehr viel schwieriger geschrieben haben als Rudolf Steiner. Viele ähnliche Fragen habe ich mir gestellt. Heute möchte ich meine Antwort sagen, meine ganz persönliche Antwort: Ganz besonders die sogenannte gebildete Weit, die für die Kenntnisnahme solcher Werke zuerst zuständig ist, die sich heute gegenseitig in maßloser Arroganz und Kritiksucht bekämpft, kann es einfach nicht vertragen, daß ein so bedeutender, wirklich überragender Mensch in unserem Jahrhundert gelebt hat! Sie kann das nicht aushalten! Sie würde zu klein werden, wenn sie die Größe Rudolf Steiners anerkennen wollte! Ich hoffe auf eine Generation, die den Mut und die Geisteskraft hat, ganz schlicht zu erkennen und anzuerkennen, daß in unserem Jahrhundert individuell-persönlich und weltgeschichtlich der größte Mensch gelebt hat, der jemals auf der Erde war!

Wer aus diesem Beitrag entnehmen würde, daß hier für Anthroposophie geworben werden sollte, der würde ihn mißverstehen. Was ich erhoffe, erwarte und von der gebildeten Weit fordere, ist nur, daß sie sich endlich die Mühe macht, an den weithin sichtbaren Tatsachen zu erkennen, wer dieser Mensch Rudolf Steiner gewesen ist. [1992]

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