jedermensch
 

Jedermensch

Zeitschrift für soziale Dreigliederung, neue Lebensformen und Umweltfragen

Frühling 2005 - Nr. 634

Inhalt

Die Ukraine als Übergang

Des öfteren war der Satz zu hören, daß nicht mehr zurückzudrehen sei, was jetzt auf den Straßen in der Ukraine geschieht. Es sei eine Revolution, welche sich in den Menschen abspielt, die sich nicht mehr wegducken, wenn die Mächtigen einmal mehr das Volk bedrohen und betrügen.
von Jürgen Kaminski

Aufbruch mit Belastungen
Diesen Beitrag von Anton Kimpfler können sie nur in der gedruckten Ausgabe lesen


Der Bolkestein-Hammer
In Brüssel wird an einer Dienstleistungsrichtlinie gearbeitet, die Konzernen Lohn- und Sozialdumping und das Unterlaufen von Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherschutz erleichtern soll.
von attac


Weltweite Verantwortung
Gegründet wurde der Verein im April 2004, mit dem Ziel kulturellen Austausch im allgemeinen zu fördern, und das offene Nachdenken über die eigene Kultur und andere Kulturen anzuregen.Christoph Laier für den „Verein Kulturaustausch"


Das Modell Wasserburg als freie Schule
Die wichtigsten Merkmale einer freien Schule bestehen darin, dass sie von den Initiatoren, also in der Regel von den Lehrern selbst be­gründet werden, dass diese Lehrer Inhalt und Form ihres Unterrichtes und ihrer Pädagogik selbst bestimmen, und dass weder staatliche Schul­behörden oder wirtschaftliche Gegebenheiten auf die Begründung einer solchen Schule einen Einfluss haben dürfen. Von Peter Schilinski


Individuelles soziales und praktisches Lernen
Die Einsicht, dass der Prozess der individuellen Menschwerdung in Stufen verläuft, auf denen das Verhältnis von Kind und Welt in immer neuer Art sich gestaltet, ist für die Konzeption einer Erziehungs­kunst von grundlegender Bedeutung.
Von Peter Schneider


Wie entsteht eine Alternativschule? 
Dieser Schulversuch geht auf eine Bürgerinitiative zurück, an der Eltern, Lehrer und Wissenschaftler beteiligt sind. Sie haben, bevor sie den Antrag auf Genehmigung stellten, über ein Jahr gemeinsam Erkenntnisse der modernen Pädagogik, der Sozialpsychologie, der Schulsoziologie aufgearbeitet und die öffentlichen Erklärungen des Bildungsrates und der Kultusministerien über Methoden und Erziehungsziele in der Grundschule eingehend studiert.
Oskar Negt vor dem Schulausschuss der Stadt Hannover


Die Schule vom Druck der Wirtschaft befreien
Der am Institut für Lehrerausbildung an der Universität in Tampere als Professor wirkende Veli-Matti Värri fordert für die Lehrerausbildung zu einer gründlichen Diskussion über die Werte und Aufgaben der Erziehung auf. Er wünscht sich eine Betrachtung der Dinge von einem kinderphilosophischen Blickwinkel: fragend und staunend.
Interview durch Terhi Friman (übersetzt von Dietrich Mannaberg)


Bildung ohne Schule

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir."
von Olivier Keller 


Eindrucksvolle Belege und traurige Ignoranz
Collen Cordes und Edward Miller: Die pädagogische Illusion.
Buchbesprechung: In dem Geleitwort, das dem Buch vorangestellt ist, heißt es: "Erziehung ... ist nicht Prägung von außen, sondern Entfaltung der eigenen Fähigkeiten in Wechselwirkung mit einer anregenden Umgebung.“ Das Buch bietet dem Leser die Überraschung.
von Heinz Buddemeier


Die Welt ist gut, die Welt ist schön, die Welt ist wahr
Wer sich wahrhaft auf das Welterleben des kleinen Kindes einläßt, wird bestätigt finden, daß sein Bedürfnis, die Welt zu erleben, sich an den oben genannten drei Grundsätzen ausrichtet. Oft wird von der »kindlichen Unschuld« gesprochen, und in der Tat ist es so:  das Kind betritt unschuldig die Welt, schutzlos, mit offenen Sinnen, vollkommen ausgeliefert allem, was nun bildend auf es einströmt und einwirkt.Von Andreas Pahl


Neues vom Eulenspiegel
Zusammengestellt von Dieter Koschek


Aktion Wahlstreik!
Für das Recht auf bundesweite Volksabstimmung!
Der OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE ruft alle Wahlberechtigten in Deutschland auf, sich durch die „Aktion Wahlstreik!“, die wir im November 2004 gestartet haben, das Recht auf bundesweite Volksabstimmung zu erstreiten.


Das Weibliche und der Sonnenstaat

Konkrete Utopie Soziale Plastik
III. Beuys-Symposion in Achberg 28.08.-04.09.2005 Das dritte Achberger Beuys-Symposion


Anthroposophie & Jedermensch
Umkämpfte Welt und angegriffenes Jungsein
Diesen Beitrag von Anton Kimpfler können sie nur in der gedruckten Ausgabe lesen

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Die Ukraine als Übergang

Des öfteren war der Satz zu hören, daß nicht mehr zurückzudrehen sei, was jetzt auf den Straßen in der Ukraine geschieht. Es sei eine Revolution, welche sich in den Menschen abspielt, die sich nicht mehr wegducken, wenn die Mächtigen einmal mehr das Volk bedrohen und betrügen.

Zu hören war aber auch, daß es nach einem glücklichen Ausgang dieser "orangenen Bewegung" sehr schwer werden wird, die aufgerissenen Gegensätze wieder zu verbinden. Zwar war es vielen klar, daß demokra­tische Grundsätze ins Land hineingenommen werden müssen und daß man sie nicht einem nahezu sowjetischen Machtanspruch oder einer östlichen Clanherrschaft opfern darf. Jedoch sind die tieferliegenden Unter­schiede zwischen den westlich orientierten und den nach Osten hinge­wendeten Gebieten zu überbrücken.

Die Ukraine hat viel Leid erlitten. In den Jahren des Stalinschen Terrors, der zwischenzeitlich von dem nationalsozialistischen Terror abgelöst wurde, kamen wohl an die zehn Millionen Menschen ums Leben. Allein durch die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft und die dadurch hervorgerufenen Hungersnöte starben einige Millionen Menschen. Dann traf es besonders die kulturellen, gebildeten Schichten, gegen die sich die Unterdrückung des Stalinschen System richtete. Man wollte die Ukraine beherrschen und erst gar keine Gegenwehr darüber aufkommen lassen.

Das milderte sich nach dem Tod Stalins, jedoch herrschte das Sow­jetsystem noch bis zum Jahre 1991. Erst seit der Unabhängigkeit sind wieder eigene gesellschaftliche Regelungen möglich und die grundle­genden Erneuerungen in der Verfassung auch schon eingeführt. Jedoch gibt es immer wieder Rückschläge, weil die alten Kader weiterhin mit­mischen und demokratische Gewohnheiten noch nicht etabliert sind.

Die jetzigen Spannungen sind vielfach in der Geschichte des Landes begründet. Der Ostteil etwa ist seit Jahrhunderten dem russischen Ein­fluß verbunden, zum Teil auch mit Russen bevölkert. Das Russische wie auch das Ukrainische sind zwar beides ostslawische Sprachen, unter­scheiden sich jedoch auch voneinander.

Der Westteil stand lange unter polnischer, aber auch litauischer und dann österreichisch-habsburgischer Hoheit. Es entstand eine enge Bindung an die europäische Kultur, etwa in der Region von Galizien, wo auch ein stärkerer jüdischer Einfluß mit dazugehörte.

Bekannt ist ja auch, daß auf ukrainischem Boden die neuere Phase der russischen, aber auch eben der ukrainischen Entwicklung begann. Im 9. Jahrhundert gründeten einige ostslawische Stämme hier das Kiewer Reich, in dem ebenso byzantinisch-christliche Einflüsse hineinkamen wie auch skandinavische. Die Wikinger hielten nämlich ihre Handelsbe­ziehungen bis zum Schwarzen Meer hin und wirkten hier mit ihrer prak­tischen Veranlagung auf das sich bildende Geschehen. Das reichte bis zu sozialen Organisationsfragen, womit sie auch mit am Anfang ei­ner slawischen Verfassung standen, die sich vom Kiewer Reich aus ent­wickelte.

Während Russland seinen neuen Schwerpunkt am Ende des 13. Jahrhun­derts im nördlicheren Moskau fand, stand die Ukraine, was "Grenzland" bedeutet, im Wechselspiel verschiedener Richtungen. Eine eigenständige Erhebung ergab sich im Jahre 1917, was aber bereits zwei Jahre später durch die neuen bolschewistischen Machthaber niedergemacht wur­de. Daraufhin war im zwanzigsten Jahrhundert das sowjetische Joch zu ertragen.

Eine Lösung kam erst durch die westslawischen Erhebungen zunächst der Ungarn, dann 1968 in der Tschechoslowakei, wiederum etwa zwölf Jahre später schon erfolgreicher in Polen. In diesem Kräfteringen kamen die Freiheitsimpulse auch nach Ostdeutschland, was zur Aufhe­bung der Teilung führte. Daran Anteil hatte auch der Öffnungsmut der ungarischen Regierung, welche die Grenze nach Österreich freigab.

Dieser kraftvolle Individualismus, der hier in diesen mitteleuro­päisch-östlichen Gebieten wirkte, ist wohl noch gar nicht genug ge­würdigt worden. Er wird aber sicher noch, auch im Zusammenhang mit

der Europäischen Union, zukünftig in Erscheinung treten. Wobei auch jene Erfahrungen, die in diesen Ländern schon mit imperialen Bürokra­tieansprüchen gemacht wurden, für alle sehr nützlich sein könnten.

Der neuerliche Aufstand in der Ukraine, gegen die Politbetrügereien einer ostukrainischen Machtgruppe gerichtet, erweckt noch andere Emp­findungen. Hinter den Rechts- und Freiheitsimpulsen scheint noch et­was anderes zu wirken, fast mit einem musikalischen Beiklang. Es wirkt wie eine Morgenröte, worauf vielleicht auch die orangene Farbe der Bewegung weist. Die menschlichen Grundsätze des Rechts und der Freiheit müssen gewahrt bleiben, damit sich eine tiefere Verbindung einstellen kann. Das erstere gibt einen Boden ab für jenen eigentli­chen menschlichen Bereich, mit dem wir zukünftig leben wollen. Das was das Individuum mit seinem Höheren verbinden soll, tritt in sol­cher Bewegung vorbereitend hervor.

Es ist ein Aufleuchten, das schon auf eine spätere Zukunft hinzielt und mit der slawischen Entwicklung zu tun hat. Für sie ist die heutige Zeit eine Vorbereitung auf ihre eigentliche Aufgabe hin. Dafür ist noch einmal - laut Rudolf Steiner - jene Zeitstrecke zur Verfügung, die seit Gründung des Kiewer Reiches zurückgelegt wurde. Erst gegen Mitte des 4. Jahrtausends verlagert sich die Mitte unserer Entwicklung ganz in den slawischen Raum hinein.
Jetzt sind in dem an Russland anstoßenden Grenzland erst einmal die wirklich anstehenden Aufgaben zu erledigen. Das Gebiet der östli­chen, russisch geprägten Schwerindustrie darf sich nicht abspalten, sondern muß mit seinen Besonderheiten in einem Staat Berücksichtigung finden. Das ist auch eine Frage der Brüderlichkeit.

Es wäre wichtig, hierzu die Verbindung zu halten. Freiwillig zu einem russischen Bereich, der lange meinte, die Beziehung mit Gewalt halten zu müssen. Der große östliche Nachbar, mit dem man ja eine Wur­zel hat, ist demgegenüber gefordert, eine eigenständige Gesellschafts­gestaltung in der Ukraine besonders zu achten. Da ist etwa ein europä­ischer Maßstab hierfür nichts Fremdes, sondern bitter nötig. Das zeigt die neuere autoritäre Entwicklung in Rußland.

Die Erfahrung eines gerechten Staates, der die freiheitlichen Re­gungen seiner Bürger garantiert und gleichzeitig wirtschaftliche Aus­wüchse verhindert, ist diesem Lande zu gönnen. Dazu braucht es sicher vielerlei Hilfe, gerade von Europa aus. Es soll natürlich nun nicht eine westliche gegen die vormalige östliche Vereinnahmung getauscht sein. Aber allein jene Verwüstungen, welche die Atomkatastrophe von Tschernobyl in diesem Land anrichtete, lassen umfangreiche Unterstüt­zungen als Selbstverständlich erscheinen. Denn wer hat daran nicht alles Mitschuld! Es muss sozusagen das Beste aus Europa jetzt herein­kommen, nachdem solche Vernichtung stattgefunden hatte. Dann lassen sich auch die eigenen Aufgaben besser bewältigen, die wiederum eine Zukunft eröffnen.

Jürgen Kaminski

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 Der Bolkestein-Hammer

In Brüssel wird an einer Dienstleistungsrichtlinie gearbeitet, die Konzernen Lohn- und Sozialdumping und das Unterlaufen von Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherschutz erleichtern soll. Richtlinien sind Rahmengesetze, die von der EU-Kommission ausgearbeitet und vom Ministerrat und dem EU-Parlament verabschiedet werden. Viele sprechen vom bedeutendsten EU-Projekt seit Einführung des Euro. Sollte diese nach ihrem Schöpfer, einem ehemaligen EU-Kommissar, auch Bolkestein-Hammer genannte Richtlinie beschlossen werden, müssten die Mitgliedsstaaten ihre Gesetze so ändern, dass für fast alle grenzüberschreitend erbrachten Dienstleistungen in der EU das Herkunftslandprinzip gilt.
Herkunftslandprinzip heißt, dass Firmen, die Dienstleistungen in einem anderen Land erbringen, nur den gesetzlichen Regelungen ihres Herkunftslands unterliegen. Sieben von zehn Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor. Dazu zählen Branchen wie Altenpflege, Müllabfuhr, Wasserversorgung, Handel, Baugewerbe, Handwerk oder Glücksspiel. Für fast alle soll das Herkunftslandprinzip gelten. Unglaubliches Rechtschaos wäre die Folge. 28 Rechtsordnungen würden parallel gelten. Weil Kontrollen ohnehin kaum mehr durchführbar wären, sollen sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch den entfernten Behörden im Heimatland erlaubt sein. Diese dürften aber daran kaum Interesse haben, weil sie von den Wettbewerbsvorteilen ihrer Unternehmen profitieren. Selbst da, wo Standards bereits auf relativ hohem Niveau durch die EU angeglichen sind, wären effektive Kontrollen nicht mehr möglich. Statt dessen fordert die EU-Kommission von den Staaten mehr Vertrauen zueinander.
Damit Konzerne aus den Rechtssystemen immer das günstigste aussuchen können, soll die Niederlassungsfreiheit gleich mit liberalisiert werden. So können Betriebe schnell reagieren, wenn ein Land seine Standards senkt, um im Wettbewerb mitzuhalten. Unternehmen sollen frei wählen können, ob Dienstleistungen grenzüberschreitend unter dem Herkunftslandprinzip oder im Land durch eine Niederlassung erbracht werden. Damit lässt sich nahezu alles als grenzüberschreitende Dienstleistung erbringen. Die Verlagerung des formalen Sitzes würde ausreichen. Man beauftragt einfach eine externe Firma, die man dazu vielleicht selbst gegründet hat, und schon kann man die am Ort geltenden höheren Anforderungen umgehen. Betriebe könnten so z.B. ihre Kantine, ihren Wachschutz oder sogar Teile ihrer Produktion einer externen Firma übertragen. Für diese Betriebsteile würden dann die Regeln des Landes gelten, in dem diese Unternehmen ihren formalen Sitz haben.
Während die EU-Verfassung kein europaweites Streikrecht beinhaltet, soll es jetzt möglich werden, die europäischen Gewerkschaften beliebig gegeneinander auszuspielen. Erbringt ein Unternehmen seine Tätigkeit grenzüberschreitend, ist für die Vertretung der Beschäftigten die Gewerkschaft des Heimatlandes zuständig. Auch die Regeln zur Wahl eines Betriebsrats oder deren Rechte richten sich nach dem formalen Herkunftsland, selbst dann, wenn am Tätigkeitsort nur inländische Beschäftigte arbeiten. Während Gewerkschaften im Inland ohnmächtig zusehen müssten, was sich vor ihrer Haustür abspielt, wären sie überfordert, die Beschäftigten an Orten, die tausende von Kilometern entfernt sind, zu organisieren.

Attac

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Weltweite Verantwortung

Gegründet wurde der Verein im April 2004, mit dem Ziel kulturellen Austausch im allgemeinen zu fördern, und das offene Nachdenken über die eigene Kultur und andere Kulturen anzuregen.

Wir wollen zur gedanklichen Auseinandersetzung mit weltpoliti­schen Problemen und Notwendigkeiten anregen. Das sehen wir als die wichtigste Voraussetzung, um die notwendigen Veränderungen dann voll­ziehen zu können, wenn sie auch von der Politik angegangen werden, oder sogar um die Politik dahingehend zu beeinflussen.

in kleinen Projekten wollen wir aber auch hilfsbedürftigen Men­schen direkt helfen, sie unterstützen, und sie so dazu befähigen, es sich überhaupt leisten zu können, sich zum Beispiel mit Nachhaltigkeit gedanklich auseinanderzusetzen. Außerdem sehen wir solche Projekte als Möglichkeit, negative Entwicklungen der Globalisierung ein Stück weit auszugleichen. Anstatt die Globalisierung ihrer negati­ven Auswirkungen wegen wieder umzukehren, möchten wir sie dort, wo es uns möglich ist, harmonisieren, sie gerechter und sinnvoller ge­stalten.

Besonderen Wert möchten wir bei dieser Arbeit darauf legen, dass diejenigen, denen das Projekt zugute kommen soll, mitplanen und eigene Entscheidungen treffen können. Auf diese Weise möchten wir tunlichst vermeiden, die eigenen Vorstellungen als die einzig rich­tigen anzusehen. Ganz wichtig ist es auch, ein gesundes Mittelmaß zwischen langfristigen und kurzfristigen Interessen zu finden.

Unser erstes Projekt soll der Bau einer Schule in einem kleinen afghanischen Bergdorf in der Nähe von Herat sein. Die Menschen dort erzählten uns, dass sie sich eine Schule wünschten, aber selbst nicht die Möglichkeit haben, eine Schule samt Lehrer zu unterhalten. Der Staat investiert in diese Regionen nur sehr wenig Geld, ausländi­sche Organisationen findet man hier auch nicht. Es handelt sich um ein Einzugsgebiet von fünf kleinen Dörfern mit insgesamt ungefähr 350 Kindern, meist aus halbnomadischen Familien.

Wir werden dort eine Schule mit Tiefbrunnen aufbauen, die Raum für mindestens fünf Klassen bietet. Um den klimatischen Bedingungen gerecht zu werden, werden die afghanischen Handwerker sie in der traditionellen Lehmbauweise errichten.

Die Schule wird nach der Fertigstellung an den afghanischen Staat übergeben, der auch für die laufenden Kosten zuständig ist. In zwei Schichten werden dann sowohl Jungen als auch Mädchen nach dem afgha­nischen Lehrplan unterrichtet.

Für die gesamten Baumaterialien und die Bezahlung der Handwerker benötigen wir einen Betrag von rund 7000 Euro. Wir werden außerdem versuchen Patenschaften zu übernehmen, um auch den Kindern aus är­meren Familien den Schulbesuch zu ermöglichen. Die Kosten dafür be­laufen sich ebenfalls auf rund 7000 Euro.

Christoph Laier für den „Verein Kulturaustausch", Pfarrhausstraße 15, D-70563 Stuttgart (Konto 700 262 7300, GLS Gemeinschaftsbank, Bank­leitzahl 430 609 67)

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Das Modell Wasserburg als freie Schule

Die wichtigsten Merkmale einer freien Schule bestehen darin, dass sie von den Initiatoren, also in der Regel von den Lehrern selbst be­gründet werden, dass diese Lehrer Inhalt und Form ihres Unterrichtes und ihrer Pädagogik selbst bestimmen, und dass weder staatliche Schul­behörden oder wirtschaftliche Gegebenheiten auf die Begründung einer solchen Schule einen Einfluss haben dürfen. Im Mittelpunkt der freien Schule hat stets, so führt das Rudolf Steiner aus, das unmittelbare freie, pädagogische Anliegen der Lehrenden zu stehen. Sie sollen auf­grund ihrer Lebensanschauungen und Erfahrungen Form und Inhalt der Schule bestimmen und auch, wenn sie es für notwendig halten, verändern. Es handelt sich also um einen ganz freien Impuls, der von Men­schen ausgeht, die die Absicht haben, anderen Menschen etwas zu ver­mitteln, wovon sie glauben, dass es für ihr Leben wichtig sei.

Das zweite wichtige Merkmal der freien Schule besteht darin, dass kein Mensch, weder Eltern noch Schüler noch andere, durch irgend­eine Verordnung gezwungen werden dürfen, eine solche freie Schule zu besu­chen. Hier geht es also um die Freiheit der Menschen, die sich eine Schule für sich selbst oder für ihre Kinder auswählen wollen. Sie haben vollkommen selbst darüber zu entscheiden, welche der vorhande­nen freien Schulen sie für sich oder ihre Kinder wählen.

Es geht also um eine echte Freiheit sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden.

Unter den Mitgliedern der in "Modell Wasserburg" zusammenlebenden Menschen gibt es verschiedene

ehemalige Lehrerinnen und Lehrer. Sie haben die "Freie Schule in der Gaststätte" allmählich entstehen las­sen, weil sie ihre Situation in den gegenwärtigen Schulverhältnissen als unbefriedigend im Hinblick auf ihre pädagogische Aufgabe erlebt haben.

Obwohl sich die freie Schule in der Gaststätte in Wasserburg erst seit 1976 entfalten konnte, gehen ihre Vorläufer doch sehr viel wei­ter zurück. Schon 1954 entfaltete sich allmählich eine freie Schule in den Witthüs-Teestuben auf der Ferieninsel Sylt. Über die Idee der freien Schule, wie sie in Rudolf Steiners sozialen Schriften ausge­führt wurde, wurde damals viel diskutiert. Erst  im Laufe der nächsten Jahre wurde bemerkt, dass sich im Rahmen der Witthüs-Teestuben, durch ihre zahlreichen Freunde und Gäste so etwas wie eine freie Schule entwi­ckelt hatte. Es wurde über all die Probleme gesprochen, von denen sich die jungen Menschen in den fünfziger, später sechziger Jahren betroffen fühlten. Die problematische Beziehung zum Elternhaus, die Frage nach der inneren Existenz in ihrer Beziehung zur beruflichen Existenz, die Probleme der Beziehungen zwischen Frauen und Männern, die politische Situation und vieles andere wurden zunächst ganz frei besprochen, bis sich dann auf der Grundlage vorhandener Interessen regelrechte Arbeitskreise bildeten. Beinahe 20 Jahre lang wurde in dieser Art in Norddeutschland vor allem auf Sylt, aber auch in Ham­burg gearbeitet. Aus der Beobachtung der praktischen Erfahrungen wur­de immer deutlicher, dass sich hier wirklich so etwas entfaltet hat­te, was man als freie Schule bezeichnen konnte. Wer dort etwas aus seiner Erfahrung und seinem Wissen an andere weiterzugeben hatte, tat es ohne Lehrauftrag und ohne Schulplan. Fand er Interesse für das, was er an Erfahrung und Wissen zu vermitteln hatte, so entstand ganz von selbst ein festerer Arbeitszusammenhang. Jeder, der zu­hörte oder sich am Gespräch beteiligte, tat es ebenfalls ganz freiwillig. Er wusste, dass er keine Scheine erwerben konnte, er wusste auch, dass er jederzeit den Arbeitszusammenhang wieder verlassen konn­te, in den er sich hineingestellt hatte. Lehrende und Lernende waren wirklich frei und verbanden sich nur solange miteinander, wie diese Verbindung von beiden Seiten als produktiv erlebt werden konnte.

 Als die norddeutsche Gruppe der alten Witthüsler 1970 in die Nähe des Bodensees übersiedelte, um dort mit anderen gemeinsam das „Inter­nationale Kulturzentrum Achberg" zu begründen, da ging es eigentlich nur um die Verpflanzung der vorhandenen Erfahrungen in einen anderen Raum, von Norden nach Süden.

1976 konnte mit Hilfe alter Freundinnen und Freunde, die zum Teil noch die Sylter Zeit miterlebt hatten, und mit Hilfe neuer Befür­worter des gemeinsamen Anliegens ein geeigneter Ort hier in Wasser­burg für das "Modell Wasserburg" gefunden werden.

Freies Lernen und Lehren

Die geistige Grundlage unserer Schule beruht auf der Erfahrung von Menschen, die in den philosophischen, religiösen und politischen Gedanken Rudolf Steiners etwas gefunden haben, das sie in der Praxis ihres Lebens anwenden möchten. Dabei handelt es sich nur zum gering­sten Teil um eine gewissermaßen theoretische Erarbeitung des geistes­wissenschaftlich-anthro-posophischen Gedankengutes. Es muss sogar deutlich ausgesprochen werden, um Missverständnisse zu vermeiden: In unserer freien Schule in der Gaststätte stehen die Lebenserfahrungen, die wir miteinander in unserem persönlichen Zusammenleben und wäh­rend der Arbeit machen, im Vordergrund. In diese Erfahrungen und in das Bemühen, sie zu verarbeiten, fließen die Erkenntnisse der Menschen ein, die sich in ihrer Art, eigenwillig, zum Teil seit sehr langen Jahren mit der Anthroposophie befassen. Um ganz deutlich zu sa­gen: Es stehen uns im Zweifelsfall immer diejenigen Menschen näher, mit denen wir in der Praxis unseres Zusammenlebens und Zusammenarbei­tens zu produktiven Ergebnissen kommen, als diejenigen, die schwer­punktmäßig anthroposophisches Gedankengut vertreten, ohne jedoch zu der Art, wie wir miteinander leben und arbeiten, eine produktive Beziehung finden können. Im Zusammenleben, das erfahren wir täglich, geht es einerseits darum, allmählich auf vielen Gebieten einen eige­nen klaren Standpunkt zu finden, und andererseits darum, den unter Umständen sehr anderen Lebensweg einer Mitarbeiterin oder eines Mit­arbeiters zu achten und zu verstehen. Es geht auch darum, und zwar mit allergrößter Dringlichkeit, den anderen Mitarbeiterinnen und Mit­arbeiter nicht nur gedankliches Verstehen ihrer Lebenslage, sondern vor allem auch Anteilnahme und warmherziges Mitgefühl entgegenbringen zu können. Das fällt uns allen, jedem einzelnen, von Fall zu Fall  sehr schwer. Aber das ist es, was wir lernen möchten. Dabei, so ha­ben wir es erfahren, kann die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners eine große Hilfe sein. Wenn einer aus seiner anthroposophischen Ar­beit Kraft und Hilfe für diese Aufgabe beziehen kann, so ist es gut. Wenn andere, die ebenfalls sehr eng zu uns gehören, aus anderen Quellen diese Hilfe beziehen, so ist es auch gut. Die Qualität unseres Zusam­menlebens richtet sich nach der Tiefe und Breite des Verständnisses und der Liebe, die wir füreinander aufbringen können. Danach fragen wir, denn davon leben wir. Die Frage nach der Weltanschauung, die ein Mensch hat oder vertritt, der zu uns gehört, steht durchaus an zweiter Stelle.

Wenn wir trotzdem ehrlicherweise sagen müssen, dass die Inhalte der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners für unsere Gemeinschaft eine sehr wichtige Rolle spielen, so liegt das ganz einfach daran, dass die Menschen, von denen der Impuls für die freie Schule in der Gast­stätte ausgeht, eine starke Beziehung zur Anthroposophie haben.

Nicht Schulstunden, sondern Gespräche

Das Wichtigste, was sich eigentlich unaufhörlich zwischen uns ab­spielt, sind unsere gemeinsamen Gespräche. Dabei wird niemals von vornherein ein Thema festgesetzt. Es geht um die Fragen, die jeden Einzelnen bewegen und von denen wir erfahren haben, dass auch viele Fragen und Antworten enthalten sind, die für die anderen Gesprächs­teilnehmer gelten. Sehr oft läuft die Sache so ab, dass wir mitein­ander beim Frühstück sitzen. Irgendeiner erzählt zum Beispiel einen Traum, den er gehabt hat. Plötzlich steht die Frage, was eigentlich Träume bedeuten können im Mittelpunkt. Andere geben ebenfalls Beiträ­ge von Träumen, die sie besonders beeindruckt haben. Wir erzählen uns unsere Träume. Plötzlich fängt einer an, zu dozieren, was Traum­analysen sind und was sie zu bedeuten haben. Wenn er interessante Sachen sagt, wird zugehört. Wenn er lehrerhaft auftritt, wird er darauf hingewiesen und nicht selten erhebt sich in diesem Zusammenhang ein allgemeines fröhliches Gelächter. Es kommt bei solchen Gesprä­chen, wie zum Beispiel über den Traum, nie zu einer irgendwie gearte­ten Schulmeinung zum Thema Traum. Die Sache bleibt im Gespräch und wird bei anderer Gelegenheit wieder aufgenommen. Was die einzelnen durch solche Gespräche lernen, merken sie erst nach ziemlich langer Zeit.

Oder wir sitzen wiederum nach einer Mahlzeit zusammen und spre­chen über bestimmte Vorgänge während der Arbeit. Irgendein Mitarbei­ter oder eine Mitarbeiterin hatte den Eindruck, dass zum Beispiel ein Gast nicht aufmerksam beachtet worden ist. Er stellt das ins Gespräch. Plötzlich steht die Frage, warum machen wir eigentlich eine Gaststät­te, was wollen wir hier, eine ganze zeitlang im Mittelpunkt unseres Gespräches. Es gehört zum Inhalt unserer freien Schule in der Gast­stätte, dass wir eine sehr deutliche Zielvorstellung von dem haben, warum wir eine Gaststätte machen. Es geht uns nämlich darum, einen Raum der Gemütlichkeit und menschlichen Wärme für Gäste der verschiedensten Herkunft zu schaffen. Wir möchten jeden Gast so bewir­ten, dass er sich von uns als Mensch angesprochen fühlt. Das heißt wir lehnen es zum Beispiel ab, eine bestimmte Gästegruppe zu bevorzu­gen, Wir möchten, dass die Menschen, die aus einem sogenannten nor­malen bürgerlichen Milieu kommen, sich bei uns genauso wohl und ge­mütlich fühlen, wie andere, die zum Beispiel glauben könnten, dass sie deshalb von uns bevorzugt behandelt werden, weil sie selbst Mitglieder einer Arbeits- und Wohngemeinschaft sind wie wir auch. Über solche Dinge sprechen wir sehr oft, wenn wir zusammensitzen. Wir machen uns bewusst, dass die geschilderte Absicht, die wir verwirklichen wollen, ganz bestimmte Konsequenzen für unsere Verhalten ge­genüber unseren Gästen hat. Wir müssen zum Beispiel Jugendlichen, die zu unserer Arbeit eine Beziehung haben, klarmachen, dass sie ihr Ver­halten in der Gaststätte darauf abstimmen müssen, dass sich auch an­dere Gäste, die ihnen persönlich nicht so sehr liegen, bei uns wohl­fühlen.

Die meisten von uns haben ganz bestimmte politische Anschauungen, die sich in der Richtung einer wirklichen geistigen Freiheit, eines echt demokratischen Rechtsstaates und einer assoziativen Wirtschaft im Sinne der Dreigliederungsidee von Rudolf Steiner bewegen. Es kommt häufig vor, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter von uns be­obachtet, wie ein anderer Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, die gerade in der Gaststätte die Gäste bewirten, sich in ein Überzeugungs­gespräch mit einem Gast verwickelt. Ein derartiger Vorfall wird ebenfalls nach dem gemeinsamen Essen, vielleicht am

Abend, ins Ge­spräch gestellt. Wieder tritt die Frage in den Mittelpunkt, was wir eigentlich mit der Gaststätte wollen. Dabei ist es eindeutig unser Anliegen, jeden Menschen, und  natürlich auch jeden Gast unserer Gast­stätte, in seiner persönlichen Anschauung und

Überzeugung als Mensch zu achten. Wir sind uns darüber klar, dass die Offenheit unserer Gast­stätte, die wir ehrlich wollen, davon abhängt, dass wir selbst es lernen, offen für jede Anschauung eines anderen Menschen zu sein. Das ist sehr oft sehr schwer zu verwirklichen, weil natürlich jeder Mensch, der gerade von einer ganz bestimmten Idee sehr durchdrungen ist, die Tendenz hat, sie anderen zu vermitteln, wohlmöglich sogar aufdrängen. Wir versuchen uns dann immer wieder auf die Formen des Fehlverhaltens, die der eine oder andere an dieser oder jener Stelle praktiziert, hinzuweisen. Für uns soll der Mensch in Mittelpunkt stehen, nicht die Weltanschauung. Auch unsere eigene Weltanschauung darf, soweit wir sie haben, kein bedrückendes Überzeugungsinstrument für andere werden.

 Die Frage der menschlichen Gleichberechtigung und der Mitbestimmung

 Sie steht immer wieder im Mittelpunkt unserer Gespräche, weil sie durch die verschiedensten Situationen herausgefordert und zum Problem wird. Wir haben keinen offiziellen Chef und keine offizielle Chefin. Das würde unserem Anliegen nicht entspre­chen. Was zum Beispiel in der Gaststätte geschehen soll, wird gemeinsam besprochen. In der Praxis ergänzen sich die Eigenschaften und Fähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder sie prallen auch aufeinander. Daraus ergeben sich Konfliktsituationen. So wurde zum Beispiel gemeinsam beschlossen, daß die Stammgruppe der Arbeits-­und Wohngemeinschaft grundsätzlich ohne Besucher von außen wenigstens eine Mahlzeit, das Frühstück, gemeinsam einnehmen wollten. Die Be­gründung dafür erschien allen einleuchtend: Wir hatten auf diese Wei­se wenigstens einmal am Tage die Zeit und die Gelegenheit auch unsere ganz persönlichen Angelegenheiten miteinander zu besprechen, also die Dinge, die sich aus dem langen Zusammenleben und Zusammenarbeiten zwischen einzelnen Menschen der Gruppe oder auch zwischen einem und der Gruppe ergeben haben.
Unser Beschluss, der uns allen so einleuchtend und richtig vorkam, ging an der Praxis vorbei. Das zeigte sich, als einige Helfer des Vorjahres zu Besuch kamen, die länger mit uns zusammengearbeitet hatten und die mit Selbstverständlichkeit ihr altes Gewohnheitsrecht, mit uns gemeinsam zu essen, in Anspruch nahmen. Für diejenigen, die erst ein knappes Jahr in der Gruppe waren, waren das "Fremde". Den alten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sie vertraut, und des­halb erschien es auch ganz folgerichtig, dass sie sich zu uns setz­ten. Was die einen, die älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freu­te, die Begegnung mit den Helfern des Vorjahres, wirkte auf die neuen befremdend. Das wurde besonders dadurch spürbar, dass die neue Grup­pe, die erst ein knappes Jahr miteinander lebte und arbeitete, einen besonders intensiven Zusammenhalt sowohl in der Arbeit als auch in der persönlichen Verbindung gefunden hatte.

Es stellte sich nun ziemlich dramatisch die Frage nach der Gleich­berechtigung. Sollten nur die alten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Recht haben, ihre Freunde und Helfer des Vorjahres an den Mahl­zeiten teilnehmen zu lassen - oder sollte dies gleiche Recht auch für die neuen gelten, die erst ein knappes Jahr in der Gruppe waren? Dar­über wurde dann nach einem Essen ausführlich gesprochen. Wir kamen gemeinsam zu dem Ergebnis, dass der schöne Beschluss, die Gruppe wollte wenigstens an einer Mahlzeit ganz unter sich sein, nicht aufrechtzu­erhalten war. Wir beschlossen nun, dass jeder der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Freundinnen und Freunde, die zu Besuch kamen, mit zu den Mahlzeiten bringen könne, wenn er das wünschte. Wir sprachen darüber, ob es möglich sei, unsere ganz persönlichen Erfahrungen und Probleme innerhalb der Gruppe, die seit einem knappen Jahr zusammen­lebt, auch dann auszusprechen, wenn plötzlich Leute mit am Tisch saßen, die zum Beispiel mit einem Mitglied der Gruppe vertraut und befreundet sind, aber den anderen fremd. Wir waren uns darüber klar, dass damit ein ziemlich schwieriges Problem auftrat. Aber wir beschlossen doch, und zwar gemeinsam und übereinstimmend, den Versuch zu unter­nehmen. Wir wollen die Ergebnisse einer Entscheidung beobachten und bereit dafür sein, aufgrund neuer Erfahrungen neue Einsichten zu treffen.

 Das Problem der Autorität

 Stellt sich im Laufe der Prozesse, die wir miteinander durchma­chen, immer wieder neu. Es hängt unmittelbar mit den Eigenschaften der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen und nicht mit bestimmten Autoritätspositionen, die von vornherein festgelegt sind. Das wollen wir ja vermeiden. Impulsiv Tatkräftige neigen dazu, eine ganz bestimmte Vorstellung, die sie haben, unmittelbar in die Praxis umzusetzen, ohne mit den anderen darüber zu sprechen. Dabei stellt sich heraus, dass ihre Tatkraft für die Sache sehr wichtig ist, niemals grundsätzlich entmutigt werden darf. Die andere, soziale Seite besteht darin, dass sie ihre Vorstellung zunächst einmal mit den an­deren besprechen sollen. Ein Beispiel: Einige von uns beschlossen, die Hotelzimmer, die schon lange keinen Anstrich mehr erhalten hat­ten, neu auszumalen. Diese Sache wurde noch gemeinsam besprochen und allgemein begrüßt. Plötzlich war das erste Hotelzimmer schon fertig ausgemalt. Die Leute, die es gemacht haben, waren verständlicherwei­se darüber sehr froh. Die anderen waren betroffen, weil über die Ab­stimmung der Farben im Zimmer nicht gemeinsam gesprochen worden war und weil einigen die nun an Wänden und Fensterkreuzen befindliche Farbe durchaus nicht gefiel.

Der Vorfall wurde zum Anlass genommen, um noch einmal grundsätzlich darüber zu sprechen, wie wir zu den Sachen stehen, die an dem Haus vorgenommen werden, für das wir uns alle, jedenfalls theoretisch, verantwortlich fühlen. Dabei stellte sich heraus, dass einige Grup­penmitglieder zur Frage der Gestaltung der Räume überhaupt keine Meinung hatten. Es war ihnen ziemlich egal, in welchen Farben die Zimmer gestaltet werden sollten.

Das wurde erst einmal ziemlich milde kritisiert. Es wurde die Frage erörtert, wie wir es schaffen, dass das Haus wirklich unsere gemeinsame Angelegenheit werden sollte, wenn sich Leute gar nicht die Mühe machen, darüber nachzudenken, welches die schönsten Farben für einen bestimmten Raum wären. Einige andere wiederum hatten sehr deutliche, aber stark voneinander abweichende Vorstellungen über die Farbgestaltung der Räume. Zwischen ihnen ergaben sich dann sehr an­geregte Gespräche, die schließlich auf gemeinsam bejahte Kompromis­se hinausliefen. In einem Fall wurde schließlich eine Farbe gefun­den, auf die sich alle in der Frage engagierten Mitarbeiter einigen konnten. In einem anderen Fall wurde entschieden, dass die einen ei­nen Raum ganz nach ihrer Vorstellung farblich gestalten sollten, während die anderen das gleiche mit einem anderen Raum tun sollten.

 Meinungslosigkeit und Übereinstimmung

 In zahlreichen Fällen der äußeren Gestaltung des Hauses und der Räume und auch der inneren Gestaltung des Zusammenlebens zeigt es sich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunächst gar keine Meinung haben. Manchmal deshalb, weil sie unsicher sind und sich nicht trauen, ihre eigene Meinung ins Spiel zu bringen, weil sie ih­nen selbst noch zu unsicher ist. In anderen Fällen deshalb, weil sie ganz ehrlich aussprechen, dass die Sache ihnen zunächst gleichgültig wäre. Sie würden sich dem anschließen, was die anderen bestimmen.

In diesem Tatbestand lebt eine starke politische Aussage. Sie be­sagt, dass es in der kleinen Gruppe sehr ähnlich ist wie in der gro­ßen Gesellschaft. Die Menschen sind einfach nicht so erzogen und ge­bildet worden, dass sie zu den Lebensfragen, vor die sie gestellt werden, eine Meinung haben. Sie sind unsicher und schließen sich deshalb der vorhandenen Meinung an.

Über diese Situation sprechen wir immer wieder und machen uns be­wusst, dass es der gleiche Zustand ist, den die Leute zum Beispiel dann erleben, wenn sie eine Partei wählen sollen. Auch hier sind sie unsicher und schließen sich irgendeiner Meinung, die sie einmal gehört haben, an, oder sie sind einfach gleichgültig und nehmen Zu­stände hin, die von anderen gemacht worden sind. In der überschaubaren Gruppe kann man solche Prozesse bewusst machen und allmählich Unsicher­heiten oder Gleichgültigkeiten abbauen. Wir sehen darin ein wichti­ges Anliegen unserer Arbeit in Modell Wasserburg.

Wir erleben, dass Menschen, die im Zusammenleben mit anderen all­mählich zu Standpunkten kommen, Unentschiedenheiten und Meinungslo­sigkeit überwinden, immer mehr Freude an ihrem persönlichen Leben und am Zusammenleben mit anderen Menschen haben. Wir hoffen, dass derartige Prozesse sich auf die Dauer auch im großen Rahmen der Ge­sellschaft produktiv bemerkbar machen.

Zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in Fragen der äußeren und inneren Gestaltung des Zusammenlebens eigene Standpunkte haben und sie in die Gruppe einbringen, ergeben sich nach unserer Erfahrung im Laufe des Zusammenlebens immer mehr Übereinstimmungen. Wir erleben immer wieder, dass sich in der Gruppe verschiedenartige und doch recht klar geäußerte Standpunkte von Menschen ergeben. Da gibt es zunächst unter Umständen sehr heftige Auseinandersetzungen. Jeder möchte seinen Standpunkt durchsetzen, weil er von dessen Richtigkeit überzeugt ist. Daneben tritt aber auch noch ein soziales Element auf. Das zeigt sich darin, dass es letztlich keinem Freude bereitet, etwas durchzusetzen, was von allen anderen abgelehnt wird. Daraus entsteht die Bereitschaft nach unserer Erfahrung, die andersgearteten Standpunkte der anderen noch einmal zu überprüfen und einen für einen selbst tragbaren Kompromiss zu suchen. So jedenfalls haben wir es bis­her immer wieder erlebt. Das gilt aber natürlich nur für alle Fragen, die das Gemeinsame unseres Anliegens betreffen.

 Die freiwillig anerkannte und die emotionale Autorität

Über die Frage der Autorität sprechen wir immer wieder dann, wenn wir diese Autorität in einer von der Gruppe anerkannten oder in ei­ner als unangenehmen Art begegnen. Es wird also keine Theorie über Autoritätsfragen entwickelt, es wird über die Autoritätsfrage ge­sprochen, und zwar sehr oft, wenn das aus der Praxis unseres Zusammen­lebens notwendig wird. So haben wir erfahren, dass die Autorität ei­ner Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters in ganz bestimmten Fragen mit voller Selbstverständlichkeit in der Gruppe anerkannt wird, weil sich in der Praxis herausstellt, dass die oder der Betreffende auf diesem Gebiet einfach eine größere Fähigkeit besitzt. So stellt sich zum Beispiel heraus, dass eine Mitarbeiterin immer wieder die besten Einfälle hat, wenn es darum geht, Gaststätte, Haus und Hotelzimmer durch kleine, schöne Dinge anziehender und reizvoller für die Gast­stätte zu machen. Da steht  plötzlich wieder eine schöne Vase, da hängt ein hübsches Plakat, da wird ein Flur durch einen mühsam wieder abgelaugten Schrank und durch Bilder schöner. Auf die Dauer weiß jeder, dass solche Einfälle und auch ihre Ausführung in der Re­gel immer wieder von der gleichen Mitarbeiterin kommen. Da begreift jeder in eingestandener oder uneingestandener Weise allmählich, hier gibt es nichts zu kritisieren, da kann man nur lernen und versuchen, auf seine Art eine neue Fähigkeit zu erwerben.

Die gleiche Person, die auf einem Gebiet eine unbestrittene Auto­rität hat, kann auf anderen Gebieten sehr angegriffen werden, weil da ihre Autorität keineswegs unbestritten ist und auf freiwilliger Anerkennung beruht. Als Beispiel aus unserer Erfahrung sei hier genannt, dass der gleiche Mensch, der unbestrittene Fähig­keiten auf gewissen Gebieten besitzt, zum Beispiel durch eine sehr heftige und laute Art in der Auseinandersetzung während der Arbeit oder auch in der Auseinandersetzung während eines gemeinsamen Gespräches, als sehr schwierig erlebt wird. Er befindet sich auf diesen Gebieten sehr häufig in ruhiger oder auch in heftiger Weise der Kritik durch andere Mitglieder der Gruppe ausgesetzt. Für ihn selbst wird dadurch klar, dass er auf bestimmten Gebieten des menschlichen Verhaltens noch sehr an sich arbeiten muss, um hier positiv wirken zu können. Ganz besonders über die Problematik des Widerspruches zwischen erlebter und anerkannter Fähigkeit eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin und ebenfalls erlebter und anerkannter Unfähig­keit der gleichen Mitarbeiterin oder des gleichen Mitarbeiters sind wir in einem permanenten Gespräch. Einseitige Autoritätsansprüche werden auf diese Weise allmählich abgebaut, und zwar genau dort, wo sie sich als unberechtigt und für die Sache schädlich herausgestellt haben. Wir sprechen dann auch darüber, wie notwendig es in solchen Fällen ist, das innere und äußere Gleichgewicht zu wahren. Wir ver­stehen darunter, dass wir uns bemühen, gerade wenn wir die Unfähig­keit einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters unter einem ganz bestimmten Punkt ins Gespräch stellen, innerlich nicht aus dem Be­wusstsein zu verlieren, dass die gleiche Person auch positive Fähig­keiten hat, die sie fortwährend in die sachlichen und menschlichen Zusammenhänge einbringt und die tragend wirken.

Wir erfahren in unserem Zusammenleben auch sehr gründlich die Si­tuation, dass eine bestimmte Mitarbeiterin oder ein bestimmter Mitarbeiter laufend dazu neigt, seine Fähigkeiten zu unterschätzen und sich insgesamt als unfähig zu empfinden. Manchmal hat es den Anschein, als ob die Zahl der Menschen, die ihre Fähigkeiten unterschätzen, im ganzen gesehen wesentlich größer sei, als die der Menschen, die sich überschätzen. In der Zusammenarbeit wirkt sich das eine nach unserer Erfahrung genauso schwierig aus wie das andere. Da sagt zum Beispiel eine Mitarbeiterin dauernd, dass sie irgendeine Aufgabe, die man ihr anbietet, auf keinen Fall bewältigen werde. Im Laufe der Zeit wissen alle, dass die betreffende Person bestimmte Arbeiten sogar sehr gut erledigt. Es zeigt sich nun, dass es außerordentlich schwierig ist, einem  solchen Menschen das Bewusstsein einer wirklich in ihm vorhan­denen Fähigkeit vor Augen zu führen.

Eine andere Erfahrung, die ebenfalls in vielen Gesprächen immer wieder bewusstgemacht und versuchsweise verarbeitet wird, ist die, dass bestimmte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die "grund­sätzlich" davon überzeugt sind, dass sie sehr viele Schwächen und Fehler haben, genau in dem Augenblick, wo sie einer Schwäche oder einem Fehler konkret verfallen, dies mit großer Überzeugungskraft bestreiten. Auch darin besteht eine große Schwierigkeit für das Zu­sammenleben in der Gruppe.

Es kann dann zeitweise dazu kommen, dass keiner in der Gruppe mehr wagt, der Betreffenden oder dem Betreffenden bewusstzumachen, wenn sie oder er etwas falsch macht oder sich menschlich schwierig ver­hält. Die anderen haben dann einfach Angst davor, dass die Sache wie­der heftig abgestritten wird. Im Laufe des Zusammenlebens wird diese Situation aber doch immer wieder aufgegriffen. Es stellt sich über­haupt heraus, dass sich keiner auf die Dauer an abstrakten Aussagen festhalten kann. Es nützt nichts, wenn einer grundsätzlich behauptet, er habe Schwächen, aber im konkreten Fall nicht bereit ist, auf sie einzugehen. Auch wenn jemand in abstrakter Weise dauernd behauptet, er könne diese oder jene Aufgabe nicht bewältigen, so wird ihm nicht erspart, einzusehen, dass er bestimmte Aufgaben bereits sehr gut be­wältigt hat.

Das Problem der persönlichen Beziehungen zwischen uns

 Unser Zusammenleben und Zusammenarbeiten wird einerseits dadurch getragen, dass wir gemeinsame Ziele sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich anstreben. Andererseits spielen die ganz persönlichen Beziehungen zwischen den einzelnen und zwischen ein­zelnen und der Gruppe eine entscheidende Rolle. Es gibt kaum einen Tag, an dem wir nicht durch diese oder jene Erfahrung veranlasst werden,  über unsere persönlichen Beziehungen zueinander zu sprechen. Wir sind uns ohne festgesetzte Vereinbarung darüber einig, dass in der Gestaltung der äußeren Form einer Beziehung jedes Mitglied unserer Arbeits- und Wohngemeinschaft absolute Freiheit hat. Mit anderen Wor­ten: Menschen, die aus für sie gültigen Gründen verheiratet sind, sind uns genauso lieb wie solche, die ebenfalls aus  für sie gültigen Gründen unverheiratet in partnerschaftlichen Beziehungen leben. Wir sprechen gemeinsam über das, was sich in den Beziehungen zwischen zwei Menschen abspielt, und auch darüber, wie das, was in Zweierbeziehungen läuft, sich auf das Zusammenleben der Gruppe aus­wirkt.

Man kann vielleicht sagen: Wer in unserer Gruppe lebt, tut es des­halb, weil er an seiner persönlichen Entfaltung und Entwicklung ar­beitet, und weil er an der Entfaltung und Entwicklung der an­deren wirklich Anteil nimmt. Es kommt natürlich immer wieder vor, dass Menschen in unsere Gruppe kommen, die sich zunächst nur für ihr eigenes Leben und ihre eigene Entwicklung interessieren. Wir ver­stehen das und sehen darin eine direkte Auswirkung der gesellschaft­lichen Situation, in der wir leben. Diese ist nach unserer Erfahrung im ganzen und im einzelnen eine sehr starke Herausforderung dazu, dass der einzelne Mensch immer mehr nur an sich denkt und auch den anderen vorwiegend im Hinblick darauf erlebt, wie er sich durch ihn weiterentwickeln kann.

Im Mittelpunkt unserer ständigen Gespräche über unsere persönlichen Beziehungen zueinander steht die Herausforderung dazu, mehr und mehr als Einzelner oder Einzelne an dem Leben der anderen Anteil zu nehmen und an ihrer Entwicklung interessiert zu sein. Es gibt oft Gespräche zwischen uns, in denen einer einen anderen darauf auf­merksam macht, dass er der Darstellung, die von einem anderen Gruppenmitglied gegeben wird und unter Umständen sehr intime Punkte be­rührt, ohne Aufmerksamkeit und Interesse folgt. Wir haben erfahren, dass es offensichtlich schwer ist zu lernen, sich für den anderen Menschen zu interessieren. Wir erleben aber auch ständig, dass die Lebensintensität eines Menschen in unserer Gruppe sich dadurch ver­stärkt und erweitert, dass er lernt, am Leben der anderen wirklich Anteil zu nehmen.

Die Anteilnahme und das Interesse, das wir uns gegenseitig entge­genbringen, vollzieht sich sowohl in positiven Beiträgen als auch in kritischen. Wir sprechen zum Beispiel darüber, wenn wir glauben, dass ein Gruppenmitglied sich sehr für diesen oder jenen Menschen in der Gruppe wirklich interessiert, und wir gleichzeitig bemerken, dass derjenige, dem diese Anteilnahme entgegen gebracht wird, davon nichts bemerkt. Wir sprechen auch darüber, wenn wir den Eindruck haben, dass das Interesse des einen an dem anderen ein vorwiegend egoistisches ist - also nicht wirklich dem Leben des anderen gilt.

Es geht dann darum aus dem egozentrischen Interesse am anderen allmählich ein wirkliches zu machen. Das sieht zum Beispiel so aus, dass derjenige, der sich angeblich sehr für den anderen interessiert, darauf aufmerksam gemacht wird, dass er eigentlich kaum etwas von dem Menschen weiß. Wir lernen auf diese Weise einmal bewusst zu erkennen, wo ein Interesse am anderen vorwiegend egoistisch ist, und wie dar­aus auf die Dauer ein wirkliches Interesse an ihm werden soll.

Mehr oder weniger starke Konflikte zwischen Menschen der Gruppe, die eine besonders nahe persönliche Beziehung zueinander haben, sind selbstverständlich auch bei uns an der Tagesordnung. Wir haben erfahren, dass es in solchen Konflikten zwischen zwei Menschen möglich ist, sowohl die Situation des einen als auch die des anderen erst einmal zu verstehen. Wenn uns das gelingt, und es gelingt natürlich in einer einigermaßen vollkommenen Weise äußerst selten, dann zeigt sich, dass die Gruppe den sich im Konflikt befindenden Menschen erst einmal das vermitteln kann, was sie beide nicht mehr konnten: die Sicht auf den anderen und das Verständnis für ihn.

Aus dem Verständnis gegenseitiger Art ergeben sich sehr oft die Wege, welche die Betreffenden versuchen können, um wieder in ein produktives und liebevolles Verhältnis zueinander zu kommen. Wir haben erlebt, dass die Gruppe in solchen Fällen eine außerordentlich produktive Rolle spielen kann für die Beziehung innerhalb einer Part­nerschaft.

Auch über unsere intimen Beziehungen zueinander sprechen wir mit wachsender Offenheit. Dabei wird berücksichtigt, dass im allgemeinen der Mensch, der neu in unsere Gruppe kommt, nicht daran gewöhnt ist, über seine persönlichen Dinge mit der Gruppe zu sprechen. Wenn er aber erlebt, dass andere Gruppenmitglieder, die schon länger zusammen­leben, über ihre persönliche Beziehung sehr offen miteinander spre­chen, so ergibt sich häufig, dass auch er sich allmählich ermutigt fühlt, dies zu tun. Es ist uns aus der Erfahrung unseres Zusammen­lebens sehr bewusst, von welch immenser Bedeutung die intime Bezie­hung innerhalb einer Partnerschaft ist. Es ist uns deshalb ein ganz besonderes Anliegen, über Prozesse auch der intimen Beziehungen zwi­schen Menschen, sowohl möglichst behutsam, je nach der Lage der Be­treffenden, als auch in wachsendem Maße deutlich zu sprechen. Wir sind uns darüber klar, dass ein derartiges Verhalten innerhalb einer Gruppe heute noch ziemlich außergewöhnlich ist. Wegen der Bedeutung dieser Dinge, auch wegen ihrer Tragik, die wir immer wieder erleben, gehört es zu unserem Anliegen, das Thema der intimen Beziehungen zwischen den Menschen in das Leben der Gruppe aufzunehmen.

Wir verstehen durchaus, dass Menschen unter Umständen eine ganze zeitlang stark konzentriert auf eine Zweierbeziehung leben müssen. Aber wir sind uns dessen bewusst, dass ihr Leben in der Gruppe auch unter solchen Umständen noch von allen anderen als etwas Produktives und Förderliches für unser Zusammenleben erlebt werden muss. Es lassen sich auch hier keine festen Maßstäbe nennen. Die Erfahrung und der Prozess entscheiden.

Peter Schilinski über eine besonders intensive Zeit im Modell Wasserburg

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Individuelles soziales und praktisches Lernen

Die Einsicht, dass der Prozess der individuellen Menschwerdung in Stufen verläuft, auf denen das Verhältnis von Kind und Welt in immer neuer Art sich gestaltet, ist für die Konzeption einer Erziehungs­kunst von grundlegender Bedeutung. Eine ähnliche Bedeutung hat die Erkenntnis einer im Verlauf der Menschwerdung erfolgenden inneren Differenzierungen und die Einsicht, dass auch diese Prozesse nur so verlaufen, dass es zu einer vollen Entfaltung der Person kommt, wenn sie durch geeignete Lernangebote herausgefordert und ermöglicht wer­den.
Die Selbständigkeit der menschlichen Person ist darin begründet, dass sie im Spannungsfeld zahlreicher innerer Polaritäten steht. Deren bedeutsamste sind die Polarität von Erkennen und Handeln, von indivi­dueller und sozialer Identifikation, von Bewahren und Verändern. Auch dieses Spannungsfeld personaler Entfaltung, das aus Prozessen seeli­scher Differenzierungen resultiert, muss in den Entwicklungsprozessen der Kindheit und Jugend erst aufgebaut werden.
Dass diese Differenzierung eingeleitet und ermöglicht wird, ist ei­ne Frage der Spezialität und der Allseitigkeit des Lernangebots. Spe­ziell ist jedes Lernangebot, denn es ist immer eine Auswahl. Pädago­gisch berechtigt es seine Spezialität, wenn es mit der besonderen Lerndisposition einer Entwicklungsstufe korrespondiert und wenn es in besonderer Weise geeignet ist, den Entwicklungsschritt zu ermöglichen, der dieser Lerndisposition zugrunde liegt. Im Zuge der seelischen Differenzierung fächern sich diese Lerndispositionen aber auf, und es ist jetzt eine Frage der Allseitigkeit des Lernangebots, dass dies auf der ganzen Breite der sich differenzierenden Entwicklung erfolgt. Die besondere Konzeption der Waldorfschule, insbesondere der konsequente Aufbau eines praktischen Lehrgangs, versucht diese Aufgabe zu lö­sen. Welche Anschauungen und methodische Grundkonzeptionen aus einer anthroposophischen Menschenkunde für eine solche Konzeption angezeigt sind, soll im weiteren skizzenhaft dargestellt werden.
In den ersten Lebensjahren sind körperliche Betätigung und die Vor­gänge des erlebenden Bewusstseins noch untrennbar verbunden. Darum lernt auf dieser Entwicklungsstufe das Kind über seine Sinne ausschließlich durch Nachahmung; was es in seiner Umwelt erlebt, wird un­mittelbar im körperlichen Vollzug nachgeahmt. Umgekehrt kann es nur so viel von der Welt erleben, als es tätig ergreift oder schmeckt, be­tastet, bewegt oder umläuft. Was es empfindet, ist ihm nur dann bewusst, wenn es sich körperlich äußert.

Stellen wir die seelische Konfiguration eines Erwachsenen daneben,so wird sofort deutlich, was sich im kindlichen Entwicklungsprozess differenzierend verändern muss. Denn beim Erwachsenen haben sich die Bewußtseinsprozesse verinnerlicht und dabei weitgehend von den Pro­zessen körperlicher Betätigungen getrennt. Die Stufe höchster Bewusst­heit beim reinen begrifflichen Denken ist von allem äußeren, körperli­chen Tun unabhängig.
Dieses allmähliche Herauslösen des denkenden Bewusstseins aus dem ursprünglichen Eingebundensein in die Körperprozesse vollzieht sich als die kognitive Bildung der Heranwachsenden. Eine pädagogische An­thropologie muss sich die Frage stellen, welche Ebenen dieses Heraus­lösen durchläuft, in welchen besonderen Bewusstseinsformen (Bild, Vor­stellung, Begriff) sich die jeweils erreichten Entwicklungsschritte äußern und wie diese mit der Gesamtentwicklung des Kindes korrespon­dieren.
Nun zeigt die anthroposophische Menschenkunde, dass der im denken­den Bewusstsein waltende Wille mit den Lebensprozessen des Körpers und seiner äußeren Betätigung korrespondiert. "Der Mensch denkt in densel­ben Kräften, durch die er wächst und lebt. Nur müssen diese Kräfte, damit der Mensch zum Denker wird, ersterben." (Rudolf Steiner: Anthro­posophische Leitsätze)
In diesem Zusammenhang ist ein "Transfer-Effekt" begründet: die Be­obachtung, dass die gezielte Schulung im motorischen Bereich Rückwir­kungen auf die kognitive Lernentwicklung hat. Das muss bei der Konzep­tion eines kognitiven Bildungsganges beachtet werden. Denn es genügt nicht, die Entwicklung des Bewusstseins dadurch zu fördern, dass man es direkt mit entsprechenden der jeweiligen Bewusstseinsstufe gemäßen Inhalten anspricht; es muss vielmehr zuerst in Körperprozessen wirk­same Wille auf eine höhere Entwicklungsstufe geführt werden, bevor der entsprechende Schritt in der kognitiven Entwicklung vollzogen wer­den kann. Was schrittweise an Geschicklichkeit, an Reaktion, an Ar­beits-Konzentration erworben wird, ist nicht nur Ausdruck einer ge­zielten motorischen Entwicklung, sondern damit zugleich Grundlage ei­ner wirklichen Bewusstseinsentwicklung (siehe zum Beispiel Stricken im 1. Schuljahr, Schnitzen und plastizieren in der 5. Klasse).
Nun kann es aber nicht nur die Aufgabe sein, das Kind im Heranwach­senden schrittweise in einem erkennenden Bewusstsein gegenüber dem Han­deln zu verselbständigen, sondern es muss auch lernen, sich durch die­ses erkennende Bewusstsein in seinem eigenen Handeln zu bestimmen. Nur wer aus der Erkenntnis handelt, realisiert seine Freiheit. Hier liegt nun die bedeutende Aufgabe, die der Kunst in der Erziehung zukommt. Denn sowohl im künstlerischen Erleben als auch in der eigenen künstlerischen Arbeit wird die Fähigkeit erübt, Erkennen und Handeln aktiv zu verknüpfen. Dieses findet in den ersten Schuljahren darin seinen Ausdruck, dass alle Lernprozesse mit künstlerischer Gestaltung verbun­den werden (zum Beispiel bei der Handarbeit in den ersten Schuljahren); in den höheren Lernstufen darin, dass zwischen den Bereich des wissenschaftsbezogenen theoretischen Lernens und den anderen des arbeitsbezogenen praktischen Lernens ein dritter ganz eigener Bereich gestellt wird, dessen Aufgabe es ist, durch methodisch geleitetes künstlerisches Üben den Jugendlichen zu befähigen, sowohl in den Pro­zessen seines Bewusstseins als auch in seinen Handlungen die Integra­tion von Theorie und Praxis aktiv zu vollziehen.
Der erwachsene, Mensch fühlt sich vor eine doppelte Herausforderung gestellt: Er muss sich immer aufs neue mit sich selber identifizieren (Individuation), und er muss das auch gegenüber seiner sozialen Umwelt vollziehen (Sozialisation), In dieser (dialektischen) Spannung ist das Erlebnis einer Selbständigkeit als Person begründet; er muss daher durch den Erziehungsprozess diese Doppelnatur in sich ausgebildet und zugleich gelernt haben, sie in einen fruchtbaren Wechselbezug zu brin­gen. Indem er fähig ist, sich eigene Interessenfelder aufzubauen, kann er sich in seinem Eigenwesen entfalten; indem er die Fähigkeit besitzt, die Bedürfnisse und Notwendigkeiten seiner sozialen Umwelt wahrzuneh­men und aus Einsicht handelnd zu verändern, gewinnt dieses Eigenwesen seine Identität.
Wiederum steht der Erzieher, der seine pädagogische Aufgabe darin sieht, die allseitige und in sich differenzierte Verwirklichung des heranwachsenden Menschen durch Lernen zu ermöglichen, vor der Frage, wie er das Kind so führen kann, dass sich diese Differenzierung gesund vollzieht. Auch hier ist es entscheidend, dass durch eine umfassende Lern­anregung auf allen Stufen eine allseitige Entwicklung ermöglicht  wird. Denn anthroposophische Menschenkunde zeigt, dass die Grundlagen für das individuelle Lernen in der kognitiven Entwicklung und die Grundlage für das soziale Lernen in der motorischen Entwicklung liegt. Aus dem gleichen Grund, aus dem im heutigen allgemeinen Schul­wesen fast kein praktisches Lernen zu finden ist, ist dort auch das soziale Lernen kaum anzutreffen.
Aber nicht nur individuelle und soziale Kompetenz müssen entwickelt werden, sondern zugleich auch die Befähigung, diese beiden Pole per­sonaler Entfaltung in fruchtbaren Wechselbezug zu bringen. Das wird ermöglicht durch ein Lernen in Gruppenprozessen. So wie für die Inte­gration von Theorie und Praxis die individuelle Befähigung aus den künstlerischen Ansätzen aller Lernprozesse erwächst, so ist das Lernen in einer pädagogisch bestimmten Gruppierung das entscheidende Mit­tel, um die gegenseitige Bedingtheit von individuellem und sozialem Lernen zu verwirklichen. Denn der Heranwachsende erlebt, wie seine individuelle Entfaltung ermöglicht wird durch die gegenseitige Hilfe­leistung seiner Lerngruppe, und er kann erfahren, wie die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten erst dann Bedeutung erlangen, wenn sie in dem gemeinsamen Lernprozess wirksam werden.
Gruppenpädagogik ist darum ein Kernstück anthroposophisch orien­tierter Erziehungskunst; diese sucht sie als ein durchgehendes methodi­sches Element zu handhaben, aber doch immer so, dass sie den besonde­ren Anforderungen einer jeden Entwicklungs- und Lernstufe entspricht.

Neben dem Verhältnis von Theorie und Praxis und dem von individu­ellem und sozialem Lernen gibt es ein drittes Spannungsfeld im Men­schen, dessen lebendiger Wechselbezug für die Selbständigkeit der Per­son von grundlegender Bedeutung ist: Es ist das die Polarität zwischen Bewahren und Verändern. Das Urbild für diese Situation ist im Prozess der individuellen Menschwerdung selber gelegen, in dem der personale Wesenskern des Kindes zunächst die leiblichen Bedingungen seinem Ei­genwesen entsprechend verändert, was aber nur möglich ist, wenn er sich einen völlig neuen Leib aufbaut, für den der erste, ererbte Leib das Modell gibt. Ein Prozess, der sich in den ersten Lebensjahren ab­spielt und in Erscheinungen wie dem Zahnwechsel und den sogenannten Kinderkrankheiten seinen Ausdruck findet.
Zu den vorgegebenen Bedingungen gehören aber auch alle Erscheinungs­formen der sozialen Umwelt, von denen der Jugendliche lernend geprägt wird: ihre Lebensformen, Ausdrucksweisen und Konventionen. Auch sie müssen so von ihm erworben werden, dass er wohl über sie verfügen kann, ohne dass sie sein Eigenwesen festlegen; dass es also die Fähigkeit besitzt, auf­zunehmen, auszuüben, anzuwenden, aber auch die, zu verändern und im Verändern fortzuschreiten.
Diese so beschriebene seelische Polarität findet in der Fähigkeit des Bewahrens ihren Ausdruck im Gedächtnis und in der Kraft des Verän­derns in der Phantasie. Beide Kräfte müssen als aufeinander zugeord­nete, als eine Polarität verstanden werden, wenn man sie im heranwach­senden Kind wirksam entwickeln will. Diese Tatsache in der Entfaltung menschlicher Eigenschaften bedingt, dass jede solche Eigenschaft nur dann menschlich entwickelt werden kann, wenn sie im Wechselbezug mit der ihrer polaren Eigenschaft angesprochen und gefördert wird. Das gilt auch für die Ausbildung von Gedächtnis und Phantasie. Gedächtnis ist die Kraft, im Bewusstsein zu sammeln und zu bewahren (Wissen), Phan­tasie die Kraft, zu verändern und neu hervorzubringen (Entwurf).
Doch bloßes Wissen droht zu fixieren, und es muss darum so angeeig­net werden, dass es instrumentalen Charakter erhält und Material ist für die eigene innere Produktivität des Menschen. Bloßer Einfallsreichtum ist ebenfalls ohne Wert; er muss anknüpfen können an das Vor­gegebene, an die äußere Situation und an die inneren Erfahrungen - da­mit Veränderung sich als Fortschritt vollzieht.
Das aber bestimmt die Methode einer anthroposophischen Erziehungs­kunst, wie sie an Rudolf Steiner-Schulen praktiziert wird. Denn es gilt, dass das Wissen mit Hilfe der Phantasie des Lernenden aufgebaut und angeeignet wird und alles Können so vermittelt wird, dass es sich mit Besonnenheit und Einsicht verbindet.
In den ersten Schuljahren, in denen sich die seelischen Fähigkei­ten des Kindes noch wenig differenziert zeigen, ist beides ein auch im Unterrichtsvollzug eng miteinander verflochtener Prozess. In den aufsteigenden Stufen differenziert sich das Lernangebot in die mehr betrachtenden (theoretischen) und in die mehr tätigen (praktischen) Lernprozesse; dann wird dieser Wechselbezug zur deutlich erkennbaren beide Lernbereiche übergreifenden Methode.
Dass sich Gedächtnis und Phantasie so in einem Prozess gegenseitiger Förderung entwickeln, ist eine entscheidende Voraussetzung für die innere Entfaltung der Person und für deren Verselbständigung (Emanzipation). Denn aus der sich bildenden Polarität erwächst in einem Pro­zess der Steigerung als dritte Kraft die Kreativität, von der uns im­mer einsichtiger wird, dass sie die eigentliche Basis für die innere und äußere Selbständigkeit des Menschen ist. Sie kann nur in einem Prozess, der selbst kreativ ist, veranlagt und individuell ausgebildet werden. Darum muss Erziehung, muss die Ermöglichung und Durchführung von Lernprozessen selber als Kunst vollzogen werden; darum sind alle künstlerischen Mittel die malerisch-plastischen, die sprachlich-dra­matischen und die musikalischen so unentbehrlich zu einer entsprechen­den Gestaltung der Lernprozesse.
Aus der skizzenhaft dargestellten anthropologisch begründeten All­gemeinbildung lassen sich curriculare, methodische und organisatori­sche Konsequenzen auch für das berufliche Lernen ableiten.
Dabei sei an dieser Stelle nicht primär die Didaktik der Berufs­ausbildung selbst thematisiert, sondern insbesondere die Konsequenzen für die "Berufspädagogen" und die Organisation der Ausbildung. Das berufliche Lernen findet an drei Lernorten statt: der Lehrwerkstatt, dem Betrieb und der Schule. Aus traditioneller Sicht steht die Lehr­werkstatt unter dem Primat der Einübung in das beruflich-praktische Lernen, vermittelt der Betrieb das Lernen im Ernstfall des Berufes und ist es Aufgabe der Schule, fachtheoretische und allgemeine Grund­lagen zu vermitteln. Reinhard Zedler kennzeichnet die Aufgaben der Lernorte in der neuen Berufsausbildung wie folgt: "Bei der Vermittlung neuer Techniken haben Ausbildungsbetriebe die folgenden Aufgaben: die systemspezifische Vermittlung von Kenntnissen, die praktische Vertiefung, Einbindung in das betriebliche Umfeld und die Tätigkeit in der Produktion. Aufgabe der Berufsschulen ist die systemunabhängige Qua­lifizierung, verbunden mit exemplarischer Umsetzung".
Damit nun aber für den Auszubildenden ein ganzheitliches Lernen ermöglicht wird, ist zwischen den Lernorten eine kontinuierliche fach­liche und pädagogische Abstimmung erforderlich. Die Konsequenz wäre, dass Lehrer und Ausbilder sich regelmäßig treffen, um sich fachlich abzusprechen; wir nennen dies didaktische Koordination. Ebenso not­wendig ist es, sich auch über den Lernfortschritt des Auszubildenden konkret zu beraten (Auszubildenden-Besprechung), damit gezielte Hilfe­stellung gegeben werden kann; man könnte hier analog von einer pädagogischen Koordination sprechen.

 Peter Schneider, Universität Paderborn

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Wie entsteht eine Alternativschule? 

Dieser Schulversuch geht auf eine Bürgerinitiative zurück, an der Eltern, Lehrer und Wissenschaftler beteiligt sind. Sie haben, bevor sie den Antrag auf Genehmigung stellten, über ein Jahr gemeinsam Erkenntnisse der modernen Pädagogik, der Sozialpsychologie, der Schulsoziologie aufgearbeitet und die öffentlichen Erklärungen des Bildungsrates und der Kultusministerien über Methoden und Erziehungsziele in der Grund­schule eingehend studiert. Dabei zeigte sich, dass es keineswegs nur an finanziellen Mitteln liegt, wenn derartige Ziele und Methoden nicht oder nur begrenzt realisiert werden können, sondern vor allem auch an dem Mangel an Kooperation zwischen den beteiligten Gruppen, in erster Linie zwischen Eltern, Lehrern und Wissenschaftlern. Die Hochschul­pädagogik hat erst in den letzten Jahren begonnen, sich den praktischen Schulproblemen zuzuwenden - aber immer noch mehr in der Betreuungsfunktion als in der eines ständigen Mitarbeiters.

Die Initiativgruppe hat von vornherein ausgeschlossen, dass dieser Schulversuch ein Elitemodell darstellen kann. Wir wollen kein weiteres Summerhill - außerhalb der Industriegesellschaft und ausschließlich für begüterte Eltern. Deshalb waren wir darauf bedacht, den Versuch inner­halb der Stadt, möglichst in einem Industriegelände anzusiedeln. Das Pro­jekt in einem verlassenen Industriegebäude scheiterte an baupolizeilichen Sicherheitsvorschriften. Ich will mit diesem Hinweis nur die Tendenz andeuten, dass es heute nicht mehr darum gehen kann, Schulmodelle zu entwickeln, in denen die Kinder von den Problemen der Arbeitswelt und der fortgeschrittenen Industriegesellschaft ferngehalten werden.

Und ein weiterer Punkt ist für uns von zentraler Bedeutung: die Bezie­hung zwischen Elternhaus und Schule. Sie kann nicht darin bestehen, dass sich Eltern in der Schule nur zeigen, wenn ihr Kind Schwierigkeiten hat. Dadurch hebt sich nicht der Konflikt zwischen elterlichem und schuli­schem Erziehungswirken auf. Notwendig ist kontinuierliche, inhaltliche Zusammenarbeit.

Im Schulversuch finden vierzehntäglich Elternabende statt; daneben, auf Wunsch der Eltern, Einzeldiskussionen über Probleme ihrer Kinder. In bestimmten Abständen gibt es Wochenendtagungen zu speziellen Fra­gen des Schulversuchs, die erste vor etwa vier Wochen, an der sich über Dreiviertel der Eltern beteiligten.

Oskar Negt vor dem Schulausschuss der Stadt Hannover, 1973, über die ein Jahr zuvor begonnene Glocksee-Schule

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Die Schule vom Druck der Wirtschaft befreien

 Der am Institut für Lehrerausbildung an der Universität in Tampere als Professor wirkende Veli-Matti Värri fordert für die Lehrerausbildung zu einer gründlichen Diskussion über die Werte und Aufgaben der Erziehung auf. Er wünscht sich eine Betrachtung der Dinge von einem kinderphilosophischen Blickwinkel: fragend und staunend. Man kann nicht alles aus der Sicht des summierenden Verstandes und des wirtschaftlichen Nutzens ansehen: Die Sicht muss mehr umfassen. Das Kind sei kein Kosten-Nutzenfaktor.

„Das Heranwachsen des Kindes ist eine heilige Sache und sollte ausserhalb der Betrachtung, was Nutzen bringt, bleiben“, gibt Värri zu bedenken.

Die Schulen brauchen seiner Meinung nach Arbeitsruhe. Aller Wettbewerb sollte aus der Schulwelt raus, ebenso die ständig anwachsende Qualifizierung (Ranking) der Lehrerarbeit und Schule.

"Eine solche ist pervers. Natürlich braucht es irgendeinen allgemeinen Maßstab für das Können, aber wir kämen da mit viel weniger aus. Wir haben in Finnland gute Lehrer, die teilweise sogar Erziehungsverantwortung über­nommen haben für das, was eigentlich den Familien obliegt. Die Lehrer sollten geschützt werden und in Ruhe arbeiten können. Aller von außen kommender Druck und Zwiespältigkeiten sollten aus den Schulen entfernt werden", sagt er.

Värri dissertierte 1997 in Philosophie an der Universität Tampere. Er hat als ­Lektor an der Universität und davor im Bereich des Kinderschutzes gearbeitet. "Die Arbeit in Sonderkinderheimen ist hart und schwer. Ich fürchtete selber dabei zynisch zu werden. Ich erlebte eine Art philosophischer Erweckung und fühlte, dass zentrale Fragen der Philosophie und Ethik in der Erziehung ständig mit dabei sind. Ich begann Philosophie zu studieren und wurde zuletzt Erziehungsphilosoph. Es war ein sagenhaftes Glück in solch eine Arbeit zu geraten", erinnert sich Värri dankbar.

Veli-Matti Värri ist der Ansicht, dass der Abbau der überall in die Gesellschaft ein­dringenden Nutzen- und Resultatsorientierung eine dringliche Aufgabe ist. In dieser sollten die Lehrerausbildner als Anstoßgeber und Diskussionswecker wirken. In der Gegenwart lässt die Fakultät für Lehrerausbildung es sich nach Värri angelegen sein dem Staate lojal zu sein; herkömmlicherweise waren ja auch die Lehrer Vertreter des herrschenden Systems, dessen Werte und Moral. Heutzutage liegen Werte und Moral jedoch unter dem Stiefelabsatz der allvermögenden Wirtschaft.

Die Lehrerausbildung müsste, nach Värri, den künftigen Lehrern mehr Proviant für  ein kritisches Denken und Überlegungen anbieten. "Nach gängiger Meinung studieren für den Lehrberuf leicht lernende, konservative, brave Mädchen. Das stimmt gar nicht: Unter den Studierenden findet sich überraschend viel zartes, tiefes und kritisches Potential. Viele Studenten wünschen sich eine viel radikalere erziehungs­wissenschaftliche Ausbildung als sie heute zu haben ist sowie unter anderem eine Diskussion über die ständig fortschreitende Kommerzialisierung der Ausbildung."

Seiner Meinung nach besteht ein Problem darin, dass vier, fünf Jahre Studium nicht reichen, um alles Geforderte sich wirklich gründlich anzueignen. Oder ein Problem bildet der Tunnelcharakter der Ausbildung. Värri fordert uns auf zu überlegen, ob es nötig ist, dass die Ausbildung Persönlichkeiten hervorbringt, die alle dieselben Dinge beherrschen. Den harten Kern in der Arbeit des Klassenlehrers bilden Muttersprache und Mathematik; deren Beherrschung müsste weiterhin das Zentrale sein, aber nicht auf Kosten des handwerklichen Könnens und der Kunstfächer.

"Die Welt verändert sich ständig. Die Jugendlichen in der Lehrerausbildung müssen ihr Ich heute in einer unsicheren Welt aufbauen. Die Schulung müsste ihnen das Vertrauen geben, dass sie als Lehrer gut sein werden. Sie brauchen auch die Voraus­setzung zu einer Kritik der Schulpolitik und zum Verteidigen der Werte der Erziehung."

Die „Erziehungswissenschaft müsste zu ihren Wurzelfragen zurückgeführt werden, was Menschlichkeit und ein gutes Leben beinhalten. Die künftigen Lehrer müssen angeleitet werden zu erkennen, dass es wertfreie Forschung nicht gibt und auch keine wertefreien Methoden. Das Grundproblem der Erziehungs-wissenschaft ist denn auch seine Entfremdung vom Erziehungsdenken und dessen reicher Geschichte." So der Professor.

Woher hat sich denn der alles durchdringende Glaube an Geld und das Nützlichkeits­denken in unserer Kultur breitgemacht? Der Philosoph Värri hält ein Kennen der Geschichte und der Grundlage der eigenen Werte für erforderlich. In der Gegenwart ist die Hegel-Snellmanische Nationalstaats-Ideologie nach Värri verblasst und in die Krise geraten. Die Wirtschaft kennt kein Vaterland. "Als die Wohlfahrtsgesellschaft aufgebaut wurde, war Schule und Schulung in einer Schlüsselrolle. Die nationale Politik hatte die Lenkung der Dinge, so auch der Schulpolitik, und im Lande herrschte wenigstens aufs ganze gesehen Harmonie. Heutzutage hat die Un-Gleichberechtigung erheblich zugenommen, teils als Folge bewusster Politik, teils als Nachklang der Flaute der 90-Jahre. Wir müssten eine Ideologie des gemeinsamen Wohlergehens zurückgewinnen und eine Denkweise, die den Mitmenschen nicht im Stich lässt."

Im neoliberalen Wirtschaftsdenken handelt es sich um eine Verschiebung nach rechts und um die Ideologie, dass "jeder seines Glücks eigener Schmied " sei. Der Mensch ist selbst schuld, wenn er arm ist, wenn er nicht lernt seine Möglichkeiten umzu­setzen.

Um mitzuhalten muss der Mensch auf dem Markt bleiben. Er darf keinen Augenblick schlapp werden. "In dieser Denkweise ist der Mensch eine alters- und geschlechtslose, wieder aufladbare Batterie. Er hat keine eigenen Grundwerte und all sein Tun ist berechenbar. Statt dass wir widerstandslos eine derartige Denkweise übernehmen, sollten wir uns überlegen, was ein derartiges Hervorheben der Rolle der Arbeitswelt und ein fortgesetztes Ausscheidungsspiel für die Familien, die Beziehungen von Kindern und Eltern, für das Herausformen des Ich bei Kindern und Jugendlichen bedeutet."

"Der Abbau der Denkweise, die überall auf Nützlichkeit sieht, ist eine außerordentlich große Herausforderung. Wir leben in einer Vergnügungskultur, wo Hedonismus, Habgier und Rücksichtslosigkeit Worte des Tages sind. Wie können wir in dieser Situation eine neue Moral aufbauen, dessen Kern ein gutes Leben wäre", fragt Värri.

„Und antwortet: Eine klare Lösung gibt es nicht. Auf die Jugendlichen ist zu hoffen: ein Teil von ihnen ist kritisch und baut an einer Gegenkultur. Hoffnung gibt es auch dafür, dass die Christlichen und die anderen Glaubensrichtungen sowie neulinke Kreise sich finden und ihre Kräfte vereinigen. Und dadurch, dass die, die sehen, ihre Stimme erheben und Gesprächsforen suchen.

Der Philosoph Värri hofft, dass eine Kultur der Langsamkeit an die Stelle des hektischen Lebensrhythmus treten wird. "Wir brauchen Wachstumsruhe, Denkruhe und Ruhe, um weise zu werden."

Aus „Opettaja“, finnische Lehrerzeitschrift 12/2004. Interview durch Terhi Friman (übersetzt von Dietrich Mannaberg)

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Bildung ohne Schule
von Olivier Keller

 

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir."

 

Entspricht diese Sentenz, die auf den römischen Philosophen und Staatsmann Seneca der Jüngere zurückgeht, tatsächlich dem Kinderalltag? Weshalb verkam dieser oft zitierte Sinnspruch, von Seneca ursprünglich als Kritik an der Schule gedacht, zum moralisierenden Fingerzeig? Wann immer ich diese Worte während meiner Schulzeit vernommen habe, liessen sie in mir ein dumpfes Gefühl zurück. Intuitiv wusste ich, dass dies eine Masche aus der pädagogischen Trickkiste war, dass es sich dabei um einen Betrug der "vergewohltätigenden" Generation handelte. Das, was mir in der Schule beigebracht wurde, konnte höchstens ein Zerrbild der mich umgebenden Wirklichkeit sein, hatte mit meinem eigentlichen Leben aber wenig gemein. 

 

Heisst es im Volksmund nicht auch, dass das Leben der beste Lehrmeister sei? 

 

Im Jahre 1989 begann für mich ein aufregendes Abenteuer, das mir den tieferen Inhalt dieser Volksweisheit in den verschiedensten Schattierungen vor Augen führte und mich bis zum heutigen Tag fesselt. Ich begegnete damals Eléonore und André: zwei Jugendlichen, die sich auf Anhieb kaum von anderen unterschieden, bis ich erfuhr, dass sie während ihres ganzen Lebens nie eine Schulbank gedrückt haben. Ich muss zugeben, dass mich dieser Umstand in ein Wechselbad der Gefühle versetzte. War es wirklich möglich, ohne Schulunterricht zu einer aufgeschlossenen, kenntnisreichen Persönlichkeit heranzureifen? Der Kontrast zu meinen Vorurteilen, die in mir Bilder verwilderter Analphabeten aufsteigen liessen, war augenscheinlich. Um diesen Kulturschock zu versinnbildlichen erzähle ich gerne die Geschichte von Eléonore, die sich, damals knapp zwölf Jahre alt, in einem Pariser Bus sitzend, der Lektüre von Arthur Schnitzlers "Sterben" widmete. Dieses "Sterben" entlockte einer Dame, die ihr gegenüber sass, die Frage, ob diese Art Literatur im Lehrplan vorgesehen sei. Wie üblich in solchen Situationen verwies Eléonore darauf, dass sie nicht in die Schule gehe, worauf die Dame mit entgeisterter Stimme entgegnete: "Na, dann kannst du ja gar nicht lesen!

 

Bildung ohne Schule: Ist das möglich?

 

Immer wieder nehmen Menschen zweifelnde, manchmal auch verärgerte Gesichtszüge an, wenn sie mit dem Phänomen konfrontiert werden, dass unbeschulte Kinder sich zu lebensfrohen und gebildeten Wesen entfalten. Der Glaube, jeder halbwegs zivilisierte Mensch habe eine gewisse Anzahl Jahre das Etikett "Schüler" getragen, ist erschreckend hartnäckig verbreitet. Die Schule hat mit einer Eindringlichkeit von unserem Alltag Besitz ergriffen, dass es schwerfällt, den Wert nichtinstitutioneller Lernprozesse zu erkennen und zu schätzen, obwohl Menschen die wichtigsten Dinge im Leben ohnehin jenseits der Schule erwerben. Diese Diskrepanz lässt sich nur durch eine Art massenhypnotischen Mythos erklären, der sich krampfhaft in unseren Köpfen festhält: Wir sind vom Glauben an die karitative Rolle der Schule dermassen geblendet, dass wir ihm unsere eigenen Wahrnehmungen opfern. Einerseits entgeht einer Mehrzahl der Bevölkerung, wie belastend gesellschaftliche Konditionierung auf die Persönlichkeitsstruktur wirkt, wovon die schulische ein wesentliches Moment ist; andererseits fehlt das Sensorium für all die feinen und vielversprechenden Lernbestrebungen und Lebensprozesse, die sich ohne jegliche Belehrung einstellen und unabdingbar Bestandteil der Entfaltung des Menschen sind. Es bedarf keineswegs der systematischen Unterweisung, um einen Bildungsvorgang zu erwirken, es bedarf auch keiner künstlich erzeugten Motivation, um Kinder zum Lernen zu verführen. Alles, was es braucht, ist die unbehinderte Teilnahme am Leben in einer sinnvollen, anregenden Umgebung. Denn jeder Moment des Lebens ist ein Augenblick der Bildung - Leben ist der Inbegriff allen Lernens. Leider haben wir den Zugang zu dieser urwüchsigen, allzu simpel wirkenden Lebensauffassung, und damit zu uns selbst, verloren.

 

"Lernen ist keinen Heller wert, wenn es nicht von Freude begleitet ist."

 

Wie wahr sind Heinrich Pestalozzis Worte, wie tragisch das Ausmass ihrer Konsequenz, mit der sich alle, die eine Schullaufbahn hinter sich haben - mehr oder weniger - konfrontiert sehen. Doch das Neugierdeverhalten ist eine natürliche Eigenart des Menschen und die Freude am Lernen einer der bedeutensten Schätze des Lebens. Während der Auseinandersetzung mit dem Lernen unbeschulter Menschen bin ich einem unwiderstehlichen Drang gefolgt, dem Wesen des Lernens auf die Spur zu kommen. In diesem Sinne widerspiegelt meine eigene Geschichte die Dynamik selbstinitiierter Lernprozesse, bin ich selber ein Fallbeispiel für die berauschende Sogwirkung, die entsteht, wenn Menschen sich für etwas zu interessieren beginnen. Dinge, die mir in der Schule vergeblich beizubringen versucht wurden, bereiteten mir plötzlich Vergnügen. Ich entdeckte die Freude am Schreiben; Orthographie war nicht mehr ein peinigendes Martyrium, sondern machte Sinn; die französische Sprache, die mich bis anhin nur frustrierte, wurde zum unumgänglichen Kommunikationsmittel; ich lernte aus praktischem Anlass - und nicht, weil es Bestandteil des Lehrplanes war - einen Computer zu bedienen oder mit einem Fotoapparat umzugehen. Während meines zweijährigen Aufenthaltes in Paris sammelte ich bei Begegnungen mit Familien, deren Kinder nicht beschult werden, eine Vielzahl an Materialien, die sich aus eigenen Beobachtungen, Erinnerungen von Kindern und Eltern und anderen Dokumenten zusammensetzen, Spuren aus Vergangenheit und Gegenwart. Anschliessend brachte ich die Eigenarten des Einzellfalles in eine Ordnung, damit sich das Charakteristische erspüren lässt und sich gleichsam wie ein Schirm eine Atmosphäre über das Ganze spannt. Streckenweise fühlte ich mich wie ein Archäologe, der sorgfältig ein Bruchstück ums andere ausgräbt, um schliesslich Rückschlüsse auf eine versunkene Kultur zu ziehen, wobei die Kultur eher eine zukünftige als eine vergangene ist ... oder sein könnte: die Kultur des unbeschulten Menschen.

 

Olivier Keller

www.bildung-ohne-schule.ch

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Eindrucksvolle Belege und traurige Ignoranz

Collen Cordes und Edward Miller: Die pädagogische Illusion. Ein kritischer Blick auf die Bedeutung des Computers für die kindliche Entwicklung. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Bruno Sandkühler, mit einem Geleitwort von Ernst Schuberth und einem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Uwe Buermann. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2002, 156 Seiten, kartoniert.

 In dem Geleitwort, das dem Buch vorangestellt ist, heißt es: "Erziehung ... ist nicht Prägung von außen, sondern Entfaltung der eigenen Fähigkeiten in Wechselwirkung mit einer anregenden Umgebung.“ Das Buch bietet dem Leser die Überraschung, fast möchte man sagen, die Sensation, dass es für die Richtigkeit, besser Fruchtbarkeit dieser Auffassung hun­derte von Belegen gibt, die von empirisch tätigen Wissenschaftlern er­arbeitet wurden. Ich jedenfalls bin bei der Lektüre nicht aus dem Staunen herausgekommen. Dabei ist zugleich eine Seite der amerikanischen Kultur sichtbar geworden, die gegenwärtig leicht übersehen wird. Es gibt offen­bar eine große Anzahl von Wissenschaftlern, die nüchtern und unvorein­genommen, ohne Rücksicht auf Moden und Machtverhältnisse, ihre For­schungen betreiben und dabei zu hoch spirituellen Ergebnissen kommen. Da­von können wir viel lernen.

Im Folgenden werden einige Passagen des Buches, die besonders mar­kante Aussagen enthalten, wiedergegeben. Dabei wird auch die Literatur eingefügt, auf die sich die Aussagen stützen.

"In vielen Fachgebieten belegt die Forschung, was aufmerksame Eltern und Lehrer längst aus eigener Erfahrung wussten: Gesunde Entwicklung wird durch ein Gleichgewicht von Freiheit, sicheren Grenzen und reich­haltiger Ernährung des ganzen Kindes gefördert - seines Körpers und seiner Seele ebenso wie seines Kopfes.“ Dazu heißt es in einer Fuß­note: „Alle Psychologen sind sich einig, dass die gesündesten Kinder solche mit liebe- und verständnisvollen Eltern sind und nicht diejenigen mit kalten und ablehnenden; solche, deren Eltern feste Regeln und Kon­sequenzen praktizieren und nicht immer nachgeben, die die Individualität und Autonomie des Kindes respektieren, statt in eine bestimmte Rich­tung Druck auszuüben." (Vergleiche "Magic Trees of Mind" von Marian Diamond und Janet Hopson, New York 1999)

"Das Kind wächst als organisches Ganzes. Seine emotionale, seine körperliche und seine kognitive Entwicklung hängen untrennbar zusam­men. In dieser Hinsicht sind Untersuchungen mittels bildlicher Erfas­sung der Hirntätigkeit aufschlußreich; sie deuten darauf hin, dass Er­fahrungen jeglicher Art - emotionale und soziale Wahrnehmungen, Sinneswahrnehmungen, körperliche und kognitive Erfahrungen - das Gehirn formen sowie durch das Gehirn geformt werden und sich wechselseitig beeinflussen. Mit anderen Worten: Gesundes menschliches Wachstum ist tiefgreifend vernetzt." Hierzu wird erläutert: "Der Neurologe Frank R. Wilson ist medizinischer Leiter des ´Peter F. Ostwald Health Program for Performing Artists at the University of California School of Medi­cine’ in San Francisco. Er hat Forschungsstand und Theorien zum Zusammen­wirken von physischer Erfahrung und Gehirnwachstum in der kindlichen Entwicklung zusammengefasst und dabei verschiedenste Fachgebiete be­rücksichtigt. Siehe Frank R. Wilson: 'Die Hand - Geniestreich der Evo­lution. Ihr Einfluß auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen', 2. Auf­lage Stuttgart 2000. Darin bemerkt er: ‚Keine glaubwürdige Theorie des menschlichen Gehirns kann die Tatsache übergehen oder aus ihrem Kontext lösen, dass sich räumliche Bewegung, Handeln, Kommunikation unserer menschlichen Vorfahren gemeinsam entwickelt haben ... ‚, Wilson bringt zahlreiche weitere Forschungsergebnisse zu unserem Thema. "

"Die tiefer gelegenen Hirnzentren reifen zuerst; sie regeln die Be­wegung. Dann folgen die für das Gefühlsleben maßgeblichen Hirnstruk­turen und schließlich alle Neuralregionen, die das abstrakte Denken ermöglichen. Ein reiches Netzwerk an Verbindungen zwischen den vorwie­gend dem Gefühlsleben dienenden Regionen und derjenigen für die höheren Denkfunktionen macht es möglich, dass Gefühle auch bei den intellektu­ellsten Aufgaben beteiligt sind." Als Anmerkung wird genannt: "Emotio­nale Intelligenz" von Daniel Goleman..

„In jeder Phase gibt jedoch, wie entsprechende Studien erweisen, ein starker emotionaler Bezug zu erwachsenen Ansprechpartnern - dem mensch­lichen Element - den Halt, auf den es ankommt, wenn das Kind die Heraus­forderungen meistern soll, vor die es in seiner Entwicklung gestellt wird. Die erwähnten Studien geben Hinweise, dass tatsächlich die früh­esten Erfahrungen im Gefühlsbereich die Grundlage bilden für spätere Schulerfolge und dass Kinder, deren emotionalen Bedürfnissen in früher Kindheit nicht entsprochen wurde, in den ersten Schuljahren noch sehr von einer gezielten Förderung ihrer für den Schulerfolg erforderlichen emotionalen Fähigkeiten profitieren können. Weitere Studien haben gezeigt, dass Teenager mit sicherer Elternbindung weniger anfällig sind für Schulversagen, frühe Schwangerschaft, Drogenkonsum und Delinquenz." Da­zu werden unter anderem folgende Quellen erwähnt: Heart Start “The Emo­tional Foundations of School Readiness (1992), J.D. Hawkins und andere "Communities that Care" (1992), und: Journal of the American Medical Association, 9.9.1997.

“Man kann sich kaum eine weniger Erfolg versprechende Bildungsstrategie für kleine Kinder vorstellen als die Betonung abstrakten Denkens mit leistungsstarken Computern als Antrieb. Warum? Weil Forschungs­ergebnisse aus verschiedensten Fachbereichen deutlich darauf hinweisen, dass spätere intellektuelle Entwicklung ihre Wurzeln in reichen Kind­heitserfahrungen hat, die gesunde Gefühlsbeziehungen, 'hand-greifliche’ Auseinandersetzung mit der realen Welt und das Einüben der Fantasie im selbst ersonnenen Spiel und in der Kunst miteinander verbinden. Inten­siver Computergebrauch kann Kinder wie Erwachsene von diesen wesent­lichen Erfahrungen abhalten." Zum Beispiel ist da erwähnt die Zu­sammenfassung von Forschungsergebnissen bei Jane M. Healy: Your Child’s Growing Mind, and the Endangered Origins of Intelligence, 1997, sowie zum Zusammenhang von Spiel und Intelligenzbildung: Children, Play and Development, 1998, ferner zum Zusammenhang von Kunsterziehung mit Schul­erfolg: Learning Improved by Arts Training (Martin Gardner und andere in: Nature, 23.5.1996).

"So heißt es in einem Artikel der Zeitschrift 'Scientific Ameri­can' (Oktober 1984): 'Die menschliche Intelligenz löst zunächst Bewe­gungsaufgaben und schreitet erst später zur Auseinandersetzung mit ab­strakten Problemen fort.' Im Lauf der Zeit scheint das sich entwickelnde Nervensystem körperliche Erfahrungen in eine geistige Fähigkeit umzu­wandeln, mit der abstrakte Gedanken gehandhabt, eingeordnet und ver­standen werden können. Die künstliche zweidimensionale Umgebung des Computerlernens ist dafür nicht geeignet."

"Die American Academy of Pediatrics, Forum der amerikanischen Kin­derärzte, hat in einer Erklärung zu ihrer Haltung gegenüber Kindern und Werbung darauf aufmerksam gemacht, dass das antike Gesetzbuch des Hammurabi 'es als todeswürdiges Verbrechen definierte, einem Kind etwas ohne vorherige vormundschaftliche Ermächtigung zu verkaufen'. Die Er­klärung weist außerdem darauf hin, dass 'Kinder unter acht Jahren ihrer Entwicklung nach nicht in der Lage sind, die Absicht von Werbung zu erkennen, sondern alle Behauptungen der Werbung als wahr ansehen'. Die Schlussfolgerung ist eindeutig; 'Die American Academy of Pediatrics ist der Ansicht, dass auf Kinder abzielende Werbung ihrer Natur nach be­trügerisch ist und Kinder unter acht Jahren ausbeutet' (Children, Adolescents and Advertising, 1995).“­

Von der Bildungspsychologin Jane Healy wird das Zitat gebracht: "Leh­rer machen die Feststellung, dass die heutigen, von Videos überfluteten Kinder in ihrem Inneren keine originalen Bilder formen oder bildhafte Vorstellungen entwickeln können." (Failure to Connect, 1998)

"Der Umgang mit dem Computer kann auch die Empfindungen des Staunens und der Ehrfurcht untergraben, die für Kinder bei der Begegnung mit der echten Welt der Gesteine, der Käfer und der Sterne charakteristis­ch sind. Das Staunen vermag, besonders wenn Eltern und Lehrer es teilen, die lernenden Kinder in gesunder Weise aufs stärkste zu moti­vieren.

Wird diese Ehrfurcht vor der Schönheit und Erhabenheit des Lebendi­gen im Verlauf der Kindheit bewahrt, so kann sie auch älteren Schülern eine Verpflichtung zur Wahrheit vermitteln - als eine der wichtigsten Motivationen einer reiferen geistigen Arbeit. Sind bei jungen Erwachsenen diese gesunden Fähigkeiten noch intakt, so werden sie sich eher aufge­rufen fühlen, das Gelernte zur Quelle ihres eigenen moralischen Handelns im Dienst der Welt zu machen.

Ohne diese Fähigkeiten stellt sich die Versuchung ein, Wissen als Sammlung nützlicher Fakten aufzufassen, die der Einzelne oder sogar ein ganzer Kulturkreis einzig zur eigenen Unterhaltung und zu privatem Nut­zen einsetzen kann. Kurz: das Staunen eines Kindes kann später seine Früchte tragen im Verantwortungsgefühl des Erwachsenen für seine Ge­meinschaft und für größere Ökosysteme, von denen das menschliche Leben getragen ist.“ (Fußnotenverweis auf C. A. Bowers: Educating for an Ecolo­gically Sustainable Culture, Rethinking Education, Creativity, Intelli­gence, and Other Modern Orthodoxies, State. Albany 1995.)

"In dieser Hinsicht stellt der moralische Aspekt für die Erziehung die gefährlichste Seite der neuen Technologie dar. Mehr als jemals zu­vor verfügen Menschen heute über Macht, gegeneinander wie auch gegen andere Wesen Krieg zu führen - mehr als jemals zuvor aber auch über Macht, Leben zu erhalten. Wie können wir unsere Kinder auf diese noch nie da gewesenen Verantwortlichkeiten vorbereiten? Wird das alleinige Beherrschen technischer Fähigkeiten genügen? Oder wird ein neues Emp­finden der Ehrfurcht vor dem Leben wesentlich sein für das Überleben der Menschheit - vielleicht sogar für das Überleben des Lebens?"

"Die gegenwärtige Tendenz zu frühem Computerge-brauch und computer­artigem Denken führt die Kinder zu ‚starrem, logischem, algorithmischem und von allem moralischen, ethischen oder geistigen Inhalt entblößtem Denken, wie es für die Zusammenarbeit mit dem Computer charakteristisch ist’, schreiben Valdemar Setzer (Universität Sao Paulo) und Lowell Monke (Wittenberg University, Ohio), die selbst Computerspezialisten und Erzieher sind. 'Eine solche beschleunigte, aber verengte intel­lektuelle Entwicklung', fügen sie hinzu, 'bringt die Denkfähigkeiten der Kinder auf ein Erwachsenenniveau, und zwar lange bevor ihre psychischen, geistigen und moralischen Wahrnehmungsfähigkeiten stark genug gewor­den sind, um dieses Denken in Schranken zu halten und ihm eine mensch­liche Richtung zu geben' (Challenging the Applications, 1995).“

"Nur wenige Eltern, politische Entscheidungsträger und Beamte der Schulverwaltung scheinen sich klarzumachen, dass im Laufe der ver­gangenen dreißig Jahre umfangreiche Forschungen gezeigt haben, dass Spiel, insbesondere Rollenspiel, in einmaliger und entscheidender Wei­se zur intellektuellen, sozialen und emotionalen Entwicklung der Kin­der beiträgt. Dagegen konnte im selben Zeitraum nicht nachgewiesen werden, dass Computer in der Grundschulerziehung irgendeinen entschei­denden Beitrag zur kindlichen Entwicklung leisten. Dennoch wird in vielen Klassen Spielzeit einer verlängerten Zeit am Computer geop­fert. Dabei trägt Spielen natürlich auch zur Gesundheit bei. (Hinweis auf Edgar Klugman/Sara Smilansky, Herausgeber: Children's Play and Learning Perspektives and Policy Implications, New York 1990)

Richard Sclove, der Gründer des Loka Institute, vertritt in „Domo­kracy and Technology" die Ansicht, die Technik habe derart tiefgrei­fende soziale Rückwirkungen, dass sie schon in sich eine Politik dar­stelle. Ein gründliches Erfassen dieses Aspekts sei nach seiner Auf­fassung für eine echte Medienkompetenz ebenso entscheidend wie selten: "Führende Köpfe unserer technischen Eliten ... be­haupten heute, dass wissenschaftlich-technisches Analphabetentum heute epidemische Ausmaße angenommen habe und dadurch der nationale Wohlstand wie auch die Demokratie selbst bedroht sei. Die Regierung Clinton sagt: 'Lebenslange Bürgerverantwortung basiert immer stärker auf wis­senschaft-lich-technisch fundierten verantwortlichen Entscheidungen. Wenn aber das wichtigste Wissen über eine Technologie nicht in der Kenntnis ihrer inneren Funktionsprinzipien liegt, sondern in ihren strukturel­len Auswirkungen auf die Demokratie, dann müsste solche Kenntnis den eigentlichen Kern technologischer Kompetenz bilden. Trotzdem wissen Fachleute - auch Spitzenkräfte - in der Regel wenig über dieses vor­rangige Thema; sie wissen nicht einmal, dass es ein Thema ist. Muss man also nicht trotz allem die Mehrheit unserer technischen Fachleute zu den technologischen Analphabeten rechnen - im Sinne der sozial rele­vantesten Bedeutung des Begriffs?“

Das ausführlich zitierte Buch begeistert und stimmt zugleich trau­rig. Es dokumentiert eine überwältigende Fülle von Forschungen, die belegen, dass Kinder durch den frühen Umgang mit Medien und Computern in ihrer Entwicklung geschädigt werden. Die Technik mag sich ent­wickeln wie sie will, Kinder leben nach wie vor von der liebevollen Beziehung zu anderen Menschen, vom Spielen und von der Begegnung mit der Natur.

Gerade weil das so eindrucksvoll gezeigt wird, springt - und das stimmt dann traurig - die bodenlose Dummheit derjenigen ins Auge, denen es gar nicht früh genug sein kann, dass Kinder am Computer sitzen. Mit nichtssagenden Allgemeinplätzen gelingt es Politikern und Pädagogen, einschneidende Entwicklungen herbeizureden. Dabei pro­fitieren sie von der verbreiteten Technikgläubigkeit einerseits, der Unkenntnis kindlicher Entwicklungsbedingungen andererseits. Eigentlich müsste jeder, der über die Ausstattung von Schulen mit Computern zu ent­scheiden hat, dazu verpflichtet werden, das hier besprochene Buch zu lesen. Da würde sich hoffentlich manches ändern.

Heinz Buddemeier

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Die Welt ist gut, die Welt ist schön, die Welt ist wahr

Wer sich wahrhaft auf das Welterleben des kleinen Kindes einläßt, wird bestätigt finden, daß sein Bedürfnis, die Welt zu erleben, sich an den oben genannten drei Grundsätzen ausrichtet. Oft wird von der »kindlichen Unschuld« gesprochen, und in der Tat ist es so:  das Kind betritt unschuldig die Welt, schutzlos, mit offenen Sinnen, vollkommen ausgeliefert allem, was nun bildend auf es einströmt und einwirkt. Das Kind ist »ganz Sinnesorgan« im ersten Lebensjahrsiebt, so etwa formulierte es auch Rudolf Steiner. Alles, was in dieser frühen Zeit ihm gegenübertritt, von ihm durch die Sinne aufgenommen wird, wirkt bildend bis in die Organe hinein und schafft die Grundlage für das gesamte spätere Leben. Wer kennt nicht das unsägliche großäugige Staunen eines Kleinkindes einem jeden Gegenstand gegenüber, der vor es hingehalten wird? Es greift danach, sucht ihn zu begreifen. Werden »gute, schöne« Gegenstände ihm gereicht, so stärken diese sein Vertrauen zur Welt, sie sind ihm und seinem Organismus verwandt. Wird ihm dagegen groteskes Plastikspielzeug gereicht, so tritt damit eine organfremde Welt verunsichernd an seinen Organismus heran: Eine Botschaft einer Welt außerhalb der »guten, schönen, wahren« Welt, der Welt des abstrakten Intellekts, welcher in Märchen meist mit der bösen Stiefmutter personifiziert wird: Das Kind wird »mit einem giftigen Kamm« gekämmt (Schneewittchen).

Der Erwachsene neigt heute leicht dazu, die Welt nicht als »gut, schön und wahr« anzuerkennen, sondern als deren Gegenteil: als böse, häßlich und verlogen. Und in der Tat bieten weite Räume der Industriegesellschaft dieses Bild: sie sind häßlich, schlecht und verlogen, ja, die Lüge der Übervorteilung, des egoistischen Gewinnmaximierens auf Kosten und durch Überlistung Anderer, des rücksichtslos-blinden und egozentrischen »Kampfes ums Da-Sein« hat weiträumig Platz gegriffen, bis in die »Globalisierung« hinein. Die »Deutsche Bank« gab kürzlich ein Musterbeispiel antisozialen Handelns, was in derart krasser Offenheit und publizistischer Deutlichkeit bisher fast einmalig ist, indem sie ankündigte, mehrere tausend Menschen aus Brot und Arbeit zu entlassen um ihren Gewinn maximieren zu können.

Wäre es nach den Indianern gegangen, so wäre die Welt heute noch gut, schön und wahr. Wer indianische Zeugnisse über das Leben in der Prärie liest, dem wird deutlich, daß es dieser Bevölkerung bis zum Einbruch der Weißen an nichts gefehlt hat, daß sie in weitgehender Harmonie mit sich und der Welt gelebt haben, in größerer und tieferer jedenfalls, als ihre industriellen Nachfolger. Die Industriewelt und ihre weißen Protagonisten haben es dagegen in kurzer Zeit geschafft, jahrhundertealte Natur- und Kulturlandschaften in ver-seuchte, ausgebeutete Gebiete zu verwandeln, in denen jedem, der sie betritt, Krankheit und Tod drohen. Es ist der Geist der Krankheit und des Todes selbst von der weißen Zivilisation entfesselt und überall hin ausgebreitet worden, der Geist der Häßlichkeit und Verlogenheit, und er wird es heute noch und fortwährend.

Darin liegt ein Rätsel, das die Indianer selbst nicht verstanden: Wieso der »Große Geist«, der Manitou, es den »weißen Göttern« erlaubte, Tod und Zerstörung überall hin zu bringen – und es ist tatsächlich auch nicht leicht zu verstehen. Es ist dies eine Art »Judasaufgabe« der weißen Menschheit, welche sie nicht nur in der Conquista, in der industriellen Judenvernichtung und in den stalinistischen Exzessen exemplarisch ausgeübt hat, sondern die sie auch in egozentrischer Kapitalkonzentration, »Rohstoff«-Ausbeutung (wer hier »roh« zu nennen sei!), in Gentechnik, Atomwirtschaft, Atomdrohung, Computervernetzung weiterhin ausübt – es ist dies die Physiognomie eines Verbrecherwirkens. Auf diesem Wege wird kein Gras mehr wachsen, denn nicht Judas, der sich schließlich erhängt, und kein destruktiver Mörder, Henker und Verbrecher mit ihm kann Träger der Zukunftsentwicklung der Menschheit sein! – Geheimnisvolle Vorgänge spielen sich beim sogenannten »Abendmahl« ab, welches später von Leonardo ins weltberühmte Bild gesetzt wurde: Der Meister bricht das Brot und spricht zu den Jüngern, daß er in Bälde verraten und dem Tode ausgeliefert werde. Auf die entsetzte Frage: »Herr, wer ist es, durch den dies geschehen soll?« –reicht er Judas das Brot und spricht zu ihm: »Du mußt es tun!« – Man möchte fast das Krachen des Abgrundes hinter diesen Worten hören: »…denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht« (Faust, Mephisto). Das göttliche Wort teilt selbst die Vernichtungsaufgabe zu.

Die Geister der Vernichtung sind nicht erst seit Neuem, sondern waren immer schon allem Werden verbunden – dies verkennt leicht der naive Naturliebhaber. So bietet jeder Herbst das Bild der Verwitterung und Verwesung, die frühlinglichen Knospen und sommerlichen Blätter gehen in Vertrocknung und Zerfall über. Die Früchte, die nicht geerntet wurden, fallen zu Boden, verschimmeln und verfaulen. Eine Welt der Zersetzung, ja der Zerstörung fällt über sie her, und nur dadurch wird das Maß der Dinge, der Gesamtmenge eingehalten, an der Stelle des zu Humus führenden Todes kann Neues wachsen. Das Herbstfest des St. Michael läßt diesen mit der Waage erscheinen (auch die Sonne steht im Sternzeichen Waage). Es ist die Waage, auf deren Waagschalen Leben und Tod liegen, die ungleichen Geschwister.

Das Kind lebt in der Werdezeit des Wachstums, des Aufbaus, und so ist es nur natürlich, daß es nur dieses sehen und erleben will. Es erlebt die schöpferische, aufbauende, konstruktive Seite der Welt. Selbst Kinder, die das nicht kennen, sind seltsam berührt, wenn sie nur einen uralten, Suppe schlürfenden Menschen am Tische gegenüber sitzen. Er repräsentiert ihnen eine Welt, gegen die sie innerlich natürlicherweise eigentlich eine Art Abneigung hegen. Anders ist es, wenn dieser gleiche alte Mensch ihnen abends in leuchtenden Bildern Märchen erzählt: Dann erleben sie nicht die Hülle, sondern seinen unsterblichen Geist, der schon humorvoll sich über den Zerfall seiner Hüllen hinweggesetzt hat und im Worte davon kündet.

Die Welt ist gut, schön und wahr von Grund auf, und die Mysterien des Todes sind ihr geschwisterlich einverwoben. Auch verwesen die im Herbst herabfallenden Früchte nicht vollkommen, sondern etwas bleibt übrig, oft durch eine harte, unangreifbare Schale geschützt: Der Same, der Keim für das nächste Frühjahr. So sind es auch die winterwährigen Knospen, welche die Vögel in der kalten Zeit des Schnees so gern auspicken, welche durch ihre Schubkraft die herbstlichen Blättern fallen machen.

So wird deutlich, wie weder die eingeborenen Völker, welche von den weißen Conquistadoren überrumpelt, versklavt und vernichtet wurden, noch diese weißen Zerstörer selbst Träger der Zukunft sein können. Sie sind dem »Untergang des Abendlandes« ausgeliefert, den schon Oswald Spengler prophezeite. Inmitten der Verwesungskultur, geschützt durch eine »harte Schale«, müssen sich die Kerne und Samenkörner finden, welche die Winterkeime, welche das »Schöne, Gute, Wahre« in eine neue Zukunft tragen können.

Jegliche intellektuelle »Erklärung«, daß die Welt »nun einmal« so und so ist, daß Kriege, Verbrechen und Umweltverseuchungen auf ihr stattfinden, nützt dem Kinde nichts. Es will dies im Grunde auch gar nicht hören und kann es nicht anders verarbeiten als in Alpträumen. Nur ein vordergründiger, im Grunde unwissender Intellektualismus meint, das Kind in dieser Weise »realistisch an die Welt heranführen« zu müssen, während es in Wirklichkeit Nahrung und Erkraftung sucht. Der »erklärende« Intellektualismus, zu früh an das Kind herangebracht, führt zu nichts Anderem als zu früher Vergreisung – ein Bild, was man von drogengeschädigten Jugendlichen oder neurasthenischen Computerkids kennt: »Es ist ein Schnee gefallen, und es ist doch nicht Zeit – man wirft mich mit den Ballen, mein Weg ist mir verschneit…« – so schildert es unübertrefflich ein altes Rhapsoden-Volkslied. Nicht die Eiseskälte, die durch Medien, Computer, Fernsehen, Video, Kassetten allzu früh in die Kindesseele einzieht (genauso gut könnte man ihm auch Kokain verabreichen) stärkt und nährt sie, ebenso wenig das »Steine für Brot« denaturierter und suchtstiftender (»Zusatzstoffe« und »Geschmacksverstärker«) Nahrung. Sondern gesunde, natürlich geprägte Ernährung (welche zugleich Anteile kosmischer Nahrung in sich trägt), Natur- und Wildnis-Erlebnisse in früher Kindheit – weshalb einem manche „kanadische Landpomeranze“ mit 25 Jahren in strotzender Gesundheit entgegentritt (es sei denn, sie wurde »wegen der Einsamkeit« – ausgiebig mit TV be-arbeitet). Das Hereinholen von Haustieren, Selbst-backen von Brot und Kuchen, Pflege eines kleinen (Schreber-) Gartens und die Beteiligung der Kinder daran sind keineswegs nostalgische Rückgriffe auf eine vergangene Zeit, welche »wegzuerklären« ist. Vielmehr ist es der legitime Einsatz und die Verstärkung von Mitteln, denen auch der Mensch der Gegenwart durchaus fortwährend sein Leben verdankt, selbst wenn er sich von morgens bis abends den Welthunger und die neuesten US-Kriegsschauplätze unausgesetzt vor Augen führt. Er mag sich selbst mit solchen Szenarios des Wahns beglücken – für die Kinder haben sie keinerlei Bildungswert.

Würde man eine Kinderpartei gründen, so würde man bald an deren Programm sehen, daß Frieden, Völkerverständigung und Glück ganz oben auf der Speisekarte stehen. In diesem Sinn kann der neurosengeplagte Erwachsene manches von den Kindern lernen und tut gut daran, ihnen ab und zu zuzuhören. Und in diesem Sinne ist es auch gerechtfertigt, wenn er ihnen zu ihrer eigenen Stärkung Bildungselemente aus der Welt des »Guten, Wahren, Schönen« zuflößt.

Andreas Pahl

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Neues vom Eulenspiegel

Der neue Eulenspiegel ist eröffnet

Eine turbulente Zeit löst die nächste ab. Wir haben den Eröffnungstermin um eine Woche verschoben. Zu viele Arbeiter gingen in der Küche ein und aus, so daß Alfred Stadler nicht kochen konnte. Der Lagerraum war zu knapp und der Elektriker ist noch nicht fertig ... So erlebten wir die letzten Tag der Renovierung.

Doch das hat sich gelohnt. Ein wirklich neuer Eulen-spiegel präsentiert sich den Gästen. Sanfte Farbtöne, lichte Vorhänge, eine leichtere Decke und überhaupt offenere Räume. Ein großzügiger Kinderspielbereich, ein neues großes Nebenzimmer, das auch von Gruppen genutzt werden kann. Das gewohnte Rustikale ist zwar noch da, zeigt sich aber in neuem verspielten Gewande. Neue Stühle  und Sessel gestalten das Lokal zu einem etwas feinerem um.

Die Speisekarte ist von Monika Halbhuber und Alfred Stadler in engem Zusammenhang mit der „Fünf-Elemente-Lehre“ komponiert (möchte ich fast sagen). Es gibt noch Eulenspiegel-Klassiker, doch ansonsten ist eine neue Speisekarte entstanden.

Ich selber laufe herum, mit den alten Gewohnheiten in den Gliedern – und doch ist es ein neuer Ort. Ein schöner Ort.

Ach ja, vieles, was „früher“ klar war, muß heute neu geregelt werden: wer macht die Holzhausreservierungen, die Bewirtung des Saal, Absprachen mit Kultur und Restaurant und vieles mehr – doch so langsam spielt es sich ein.

Ein schöner neuer Eulenspiegel. Viel Erfolg für Monika und ihr Team!
dk

 Neu gestaltetes Programm

Die Kultur- und Begegnungsstätte Eulenspiegel hat ihr Faltblatt neu gestaltet, dank der Unterstützung von Bernd Altenried, einem Grafiker aus Lindau. Eine neue Schrift, das Format quer und schon ist es neu. Viele Veranstaltungen starten mit der Wiedereröffnung des Eulenspiegels.

Peter und der Wolf

Und einen umwerfenden Erfolg mit der ersten Veranstaltung „Peter und der Wolf“, ein Figurenspiel des Chaussée-Theaters mit Billy Bernhard und Anke Scholz: 150 Kinder stürmten das noch nicht fertige Lokal, so daß wir zwei Aufführungen machen mussten.

Mitgliederversammlung

Eine eher kleine Runde diskutierte entspannt die Entwicklung des Eulenspiegel. Das inhaltliche Programm fand Zustimmung und die Haushaltspläne der kommenden Jahre sind gespannt und hängen mit dem Erfolg der Gaststätte eng zusammen. Trotzdem schaute die Versammlung positiv in die Zukunft. Heiko Brinkmann und Martin Rösing wurden „verabschiedet“, da sie sich nicht wieder zur Vorstandswahl stellten. Dieter Koschek kandidierte dafür und somit setzt sich der neue Vorstand aus Klaus Korpiun, Günter Edeler und Dieter Koschek zusammen.

Für das Jahr 2006 wird die Mitgliederversammlung am Freitag, den 24. Februar abends stattfinden. Und am Samstag und Sonntag soll das Freundeskreistreffen zu einem kleinen Seminar ausgebaut werden.

Sozialpolitische Akademie

Dieter Koschek startet mit der AG SPAK eine neue

Akademie. Im ersten Jahr werden im Eulenspiegel acht  Wochenendseminare stattfinden. Unterstützung für Vereine, Theaterseminare nach Augusto Boal, ein Clownseminar mit Elke Maria Riedmann und eine Einführung in Community Oranizing (ein bestimmte Form von Gemeinwesenarbeit) stehen auf dem Programm. Zwei weitere Seminare zu Gestaltung am PC finden in Neu-Ulm statt.

Das Programm kann angefordert werden bei:agspak, Dorfstr. 25, 88142 Wasserburg

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Aktion Wahlstreik!
Für das Recht auf bundesweite Volksabstimmung!

Der OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE ruft alle Wahlberechtigten in Deutschland auf, sich durch die „Aktion Wahlstreik!“, die wir im November 2004 gestartet haben, das Recht auf bundesweite Volksabstimmung zu erstreiten.

Die „AktionWahlstreik!“ beginnt mit Aktionskarten, die an unsere Volksvertreter in Berlin gesandt werden sollen. Die darauf abgedruckte Willenserklärung lautet: „Hiermit beauftrage ich Sie, die dreistufige Volksgesetzgebung auf Bundesebene einzuführen. Sollte die Volksabstimmung nicht bis zur nächsten Bundestagswahl eingeführt sein, gehe ich nicht zur Wahl und setze meine Stimme aktiv für das Abstimmungsrecht ein, indem ich meine Wahlbenachrichtigung an den OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE sende. Er wird unsere Stimmen sammeln und öffentlich machen.“

Der OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE wendet sich mit dieser Aktion an alle Bürger, die aus den verschiedensten Gründen keine Parteien mehr wählen können oder wollen und deren Stimmen in der politischen Willensbildung klanglos untergehen. Kurt Wilhelmi, der Leiter des Berliner OMNIBUS-Büros, sagte dazu: „Wir können nicht mehr verantworten, bei der Wahl unsere Stimmen bedingungslos wegzugeben. Wir müssen die Stimme zu jeder Zeit wieder ergreifen können. Erst Wahlen und Abstimmungen sind Demokratie“. Die Mitarbeiter des OMNIBUS (omnibus, lat., für alle, durch alle, mit allen) rechnen nicht mehr damit, daß unsere Politiker die Volksabstimmung freiwillig einführen, obwohl laut der letzten FORSA-Umfrage im vergangenen Jahr 87% der Bundesbürger das Volksabstimmungsrecht auf Bundesebene wünschen.

Mit der Einführung der bundesweiten Volksabstimmung soll die Möglichkeit geschaffen werden, daß die Bürger aus ihrer unmittelbaren Lebens- und Arbeitspraxis heraus Vorschläge entwickeln und in die gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse einbringen können. Die Menschen sollen in einzelnen Sachfragen die Verantwortung direkt übernehmen können. „Gewissensfragen kann man nicht an Politiker delegieren, man kann sie an niemanden delegieren. Deshalb brauchen wir auf Bundesebene unbedingt das Abstimmungsrecht“, sagt Michael von der Lohe, Geschäftsführer des OMNIBUS.

Die Erstauflage von 25.000 Aktionskarten ist bereits verteilt. Die Menge der Anfragen im Berliner Büro läßt auf große Resonanz schließen.

Mehr unter: www.aktion-wahlstreik.de

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Das Weibliche und der Sonnenstaat

Konkrete Utopie Soziale Plastik

III. Beuys-Symposion in Achberg 28.08.-04.09.2005
Das dritte Achberger Beuys-Symposion

Im Laufe der letzten beiden Jahre ist das Achberger Beuys-Symposion im Dreiländereck am östlichen Bodenseeufer zum gut besuchten Event und interessanten Ereignis herangereift, so daß es 2005 zum ersten Mal mit einem Akademievorlauf ergänzt wird. Mehrere 100 Menschen trafen sich die letzten beiden Jahre in Achberg, um die Arbeit des Weltkünstlers, Philosophen und Sozialreformers Joseph Beuys unter verschiedenen Blickwinkeln (2003: Pädagogik/Therapie, 2004: Kapital/Geld) zu bewegen und zu befragen. Dabei konnte die Tagung selbst erste Schritte in Richtung einer Sozialen Plastik gehen, bei der nicht nur diskutiert und geredet, sondern auch auf der zwischenmenschlichen Ebene im Sinne eines Wärmeorganismus gehandelt und gestaltet wurde. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, daß sich in den Vorträgen und im Dialog aller Teilnehmenden durch Mitdenken, Mitreden und Mithandeln ein großes kreatives Potential entfaltete und sich so auf schönste Weise die von Joseph Beuys vertretene These von der Sozialen Plastik bestätigte. In diesem Sinne möchte das III. Beuys-Symposion wiederum weiter wachsen. Es sind alle Menschen herzlich eingeladen!

 Das Weibliche und der Sonnenstaat

„Die Frau hat sehr viel Elementares in sich. Der Mann hat sehr stark die materialistische Entwicklung auf die Todesprinzipien durchgemacht. Er ist also sehr viel abstrakter entwickelt worden als die Frau, die von ihren guten Einsichten oder auch Stimmungen und Gefühlen mehr als andere in der anderen Welt behalten hat, Gott sei Dank. Deswegen muß aber heute diese Kraft, die die Frau in sich hat, kommen." Joseph Beuys

"Das weibliche Prinzip wollte ich gerne herausstellen. Ich wollte mich damit identifizieren ... Das Lebensprinzip hat mich immer interessiert, das drückt sich durch die Frau aus. Die Frau tritt heroisch auf, als Heldenfigur, als Amazone, als Aktrice, die eine gewisse Führungsrolle übernimmt, also viel heroischer und kämpferischer als der Mann.“ Joseph Beuys

 Das Weibliche

Wir leben in einer Zeit, die seit etwa 2000 Jahren männlich geprägt ist. Die Tendenz ist: Welt und Natur wurden erobert und untertänig/dienstbar gemacht. Das ist die männliche Geste, aber wohlgemerkt nicht zwangsläufig die des Mannes: „Das Maschinenzeitalter ist ein Produkt der Männerkultur, und die Art und Weise dieser Kultur macht die Betätigungsweise für die Frau in einem höheren Maße zur Unmöglichkeit als die Betätigungsweise des früheren Wirtschaftslebens.“
(R. Steiner über „Die Frauenfrage“)
Viele Interpreten unserer Zeit sind sich darin einig, daß wir einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel erleben, der so etwas nötig macht wie eine weibliche Kultur.
Worin aber besteht diese Qualität des Weiblichen? Joseph Beuys hat lange vor der Frauenbewegung und vor einer in den 70er Jahren aufblühenden feministischen Theologie – also bereits in der unmittelbaren Nachkriegzeit – in Werk und Arbeit dem weiblichen Gestus einen Vorrang eingeräumt. Nicht nur seine unzähligen Zeichnungen haben Frauen in den unterschiedlichsten Erscheinungsweisen zum Gegenstand: Aktrice, Mutter mit Kind, Amazone, Callgirl, Jungfrau, Schwangere. Viele seiner Werke sind einem weiblichen Thema gewidmet, etwa „Kopf Brust Unterleib der Magd Joseph Beuys“ 1964 oder „Basisraum Nasse Wäsche“ 1979 oder „Badewanne für eine Heldin“ 1950/84.Das Weibliche läßt sich als das Empfangende, das Hegende und Pflegende charakterisieren, während das Männliche als das Erobernde, das Befruchtende, das Richtung Gebende beschrieben werden kann. Beuys selbst hat das Weibliche auch einmal im Bilde der Lauge (basisch) charakterisiert, das Männliche hingegen in dem der Säure. Beim Weiblichen spricht er vom „kolloidalen Charakter“ (in feinster Verteilung befindlicher Stoff), wie er beispielsweise im Bilde der Seife erlebt werden kann, der die Tendenz hat „eine Schale zu bilden, etwas einzuhüllen“: „Da ist ein weibliches Prinzip. Dann kann man vermuten, daß das andere ein sehr aktives Prinzip ist. Das eine ist ein liebevoll umhüllendes Prinzip, das die Dinge durchträgt, während das Säureprinzip ein sehr aktives Element ist, das sich durch alles durchfrißt.“
(Zitat nach H. Schulz: „Plazentavorstellung…“ von Joseph Beuys Köln 1997)Beuys verwendet meist weibliche Figuren, um spirituelle Energie auszudrücken: „Sibylla“ und „Pythia“ als Seherinnen der Zukunft und Inspirationsfiguren, die Verkünderin des göttlichen Orakels und „Kassandra“ als mythische Seherin. Frauen sind Bildhauer in ihrer Tätigkeit und Beuys weist uns den Weg zum androgynen Wesen des Menschen.

 Der Sonnenstaat

Der Begriff des „Sonnenstaates“ von Tommaso Campanella wurde von Beuys immer wieder als mehr „atmosphärische“ Metapher für die Soziale Plastik verwendet, ohne daß er den deutlich vom Autor vorgegebenen, wenn auch akzeptierten Verhaltenskodex dieser mittelalterlichen Vision direkt übernahm. Vielmehr ging es ihm darum, das Bild zu nutzen, d.h. Wärme und Licht, die in dem Begriff des Sonnenstaates liegen, mit seinen Vorstellungen zu verbinden. Es war ihm klar, daß keine neue Gesellschaft ohne (zwischenmenschliche) Wärme, d.h. ohne Liebe entstehen könne. So schrieb er auf die erste der drei Achberger Tafeln „Liebe ? Freiheit ? Sonnenstaat“ und führte aus: „Man könnte ihn (den zukünftigen Planeten) nach der Utopie, wie sie ja genannt wird von Campanella, den "Sonnenstaat" nennen. Das Werkzeug, die Soziale Skulptur als eine Brutstätte …, aus der dieses Fahrzeug, diese Wärmefähre erzeugt werden kann.“ (in: Kunst = Kapital, Wangen 1993) Wie wir diesen Begriff heute neu und mit Beuys’ Hilfe er/füllen können, das wollen wir auf dem Symposion erarbeiten und erleben.

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Rainer Rappmann

 

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